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Kurz nach dem Ende der Autobahn
taucht dann tatsächlich mit viel Lichtreklame das Motel Predejane auf. Neben den Autos stehen sechs bis acht doppelstöckige Luxus-Großraumbusse davor, es findet gerade eine riesige Balkanhochzeit statt. Das Motel ist ein echter Glückstreffer, zu mitternächtlicher Stunde gibt es zum lumpigen Betrag von 32 Euro samt Frühstück ein feines Zimmer. Der neutral möblierte Einzelraum ist blitzsauber, mit Flachbildfernseher, und die Duschtasse ist sogar so reinlich und glatt, dass es mich um ein Haar hingeprackt hätte. Das wäre aber eine wirklich seltsame und überraschende Verletzung auf einer Autoput-Reise gewesen …

Eine Fernbedienung für die Air Condition kann man an der Rezeption holen. Im Fernsehen läuft gerade eine bizarre Sozialshow, in der sich die Teilnehmer ständig gegenseitig verprügeln wollen, aber meistens in letzter Sekunde von dunkel gekleideten Securityleuten zurückgehalten werden. Es geht um vollbusige weibliche Gunst. Augenscheinlich wird um eine begehrliche Schönheit geworben, und das nicht immer mit rühmlichen Mitteln. Da hauen sich grobe Klötze mit Irokesenhaarschnitt vor dem Saal- und Fernsehpublikum die Birne ein, und man kann sich gut vorstellen, dass die geknechteten Burschen im jugoslawischen Homeland War alles andere als zimperlich waren.

Unterm Strich ist das Motel Predejane eine hochangenehme Bereicherung, als unerwartete Schlafgelegenheit ist es sogar die überraschende Rettung meines Reisetages. Das Restaurant hat durchlaufend geöffnet. Auf der Weinkarte steht Graševina, serbischer Welschriesling, und die Speisekarte lässt kaum Wünsche offen. An regionalen Spezialitäten gäbe es interessante Gerichte wie getrockneten Schweinehals, doch der Heißhunger siegt, und es werden Ćevapčići und ein großes Glas Bier. Die Ćevapi schmecken ein bisschen uninspiriert und auch die Pommes sind fahl, die Zwiebelringe sind am spannendsten – aber Hunger ist der beste Koch, der Tag war doch lang und anstrengend. Samt einem kleinen Pelinkovac als Reparaturschluck, um den Magen wieder einzurenken, stehen abschließend nicht mehr als sieben Euro auf der akkuraten Rechnung. Es sieht hier ganz so aus, als ob die Zeiten der großen Abzocke auf dem Autoput überwunden sind.

031 Autoput2013 kl
Alles wird wieder gut:
Sunset auf der Adriafähre
017 Autoput2013 kl
Bevor der Wind kommt: die Reste eines Tages,
zurückgelassen von sympathischen Reisenden
 
018 Autoput2013 kl
Keine strengen Zollformalitäten
mehr im griechischen Evzóni
028 Autoput2013 kl
Sogar ein Innnenraum in einem
Schiff ist angenehmer als der Autoput
 
Bei Tageslicht zeigt sich, dass die 1000-Seelen-Gemeinde Predejane in einer grünen hügeligen Berglandschaft liegt, die sicher ein guter Platz für allerlei Outdoor-Aktivitäten ist. In mir kommen sogar diesbezügliche Erinnerungen hoch: Als ich hier zu Jugoslawienzeiten durchfuhr, habe ich bei nachlassender Konzentration die großen Tafeln „Camping Predejane“ in der Dunkelheit irrtümlich immer als „Camping Pferde Jane“ gelesen und die Ortschaft automatisch mit einem Reitsportzentrum assoziiert. Solche Fehler sollten einem auf dem anspruchsvollen Autoput eigentlich eher nicht passieren …

Auf der einspurigen Bundesstraße nach Mazedonien ist dann fast der ganze alte Irrsinn wieder da. Gottlob bin ich bestens ausgeschlafen. In jeder der beiden Fahrtrichtungen gibt’s in den zügig fahrenden Kolonnen Überholvorgänge, die jenseits von Gut und Böse sind. Ein Manöver gilt als souverän abgeschlossen, wenn man sich eine halbe Fahrzeuglänge vor dem Gegenverkehr wieder einreihen kann. Sperrlinien, Kurven oder unübersichtliche Stellen sind sowieso tschinque, zählen elf. Die Gruppendynamik will es, dass man mit einer gewissen Entschlossenheit mitspielen soll – tut man es nicht, wird man sogar von rabiat gewordenen, voll besetzten Autobussen überholt.

Das Temponiveau ist mit einem knappen Hunderter einigermaßen hoch, und ein weiterer wichtiger Unterschied zu historischen Autoput-Zeiten ist es, dass auch in Südserbien und Mazedonien schnelle schwarze Limousinen jetzt den Ton angeben. Auf der alten Gastarbeiterroute waren die großen Limos blassgelb, orange oder lindgrün, falls farbig. Die Stoßdämpfer ranzig. Durch die aufgetürmten Dachgalerien waren die meisten Autos sogar mehr hoch als lang. Das Bronze-Metallisée eines seinerzeit riesigen Ford Granada galt als Abwechslung – aber auch er hatte nicht mehr als hundert PS: jeder Überholvorgang ein willkommenes Programm für die Familienmitglieder, die gerade munter waren. Heute baut man ihnen Bildschirme und virtuelles Dolby in die Nackenstützen ein, damit sie dem Familienoberhaupt huldigen und nicht vor der Zeit unrund werden.

Noch ein Überlebenstipp: Man sollte – auch bei guter Sicht – einem überholenden Vordermann nie rasch nachfahren. Denn, wenn der nicht ordentlich beschleunigt, dann verhungert man während des Überholvorgangs und kommt ums Verrecken nicht an am Sattelschlepper vorbei. Das meine ich nicht nur sprichwörtlich. Der Vordermann achtet ja nur darauf, dass er in der letzten Zehntelsekunde vor dem Gegenverkehr wieder in seine Fahrspur einschert.

Eine Rast machen die meisten Reisenden hier nur, um den Müll aus dem Auto zu kippen. An der mazedonischen Grenze zeige ich wieder den Reisepass vor, aber aus dem Wärterhäuschen schallt es mir entgegen: „Mister, grune Karte, grune Karte!“ Jetzt kommt sie endlich zum Einsatz, die Grüne Versicherungskarte, dieses Artefakt der internationalen Mobilität. Ohne sie hätte man hier bei der Durchreise massive Probleme und Kosten. Gerade noch, dass kein Carnet de Passage verlangt wird. Mit der Correctness scheint es vorerst vorbei, denn am ersten Mauthäuschen will man zwar Euro, aber „no metal“, keine Münzen. Eine mit Fünf-Euro-Scheinen gut gepolsterte Hosentasche ist nie eine schlechte Reiseausrüstung. Doch bereits am nächsten Mauthäuschen ist wieder alles ganz anders, das Retourgeld bekomme ich penibel abgezählt, und zwar in Euromünzen.

Landschaftlich ist die Fahrt durch Mazedonien – trotz fast durchgehender Autobahn – abwechslungsreich und reizvoll. Die letzten Kilometer vor der griechischen Grenze verlaufen wieder auf der Bundesstraße. In Gevgelija kann man sich in gut ausgestatteten vier- und fünfsternigen Casinohotels amüsieren, währenddem die Baulichkeiten, in denen früher die griechischen Zollbeamten saßen und jedes Auto, jedes Motorboot, jeden Außenborder und jedes Moped fein säuberlich registrierten, dem Verfall preisgegeben sind. Einen gewissen Sinn für Humor haben sich die Griechen aber bewahrt. Kurz nach dem Grenzübergang von Mazedonien nach Griechenland wird man in Fahrtrichtung Saloniki von einem riesigen Schild begrüßt: „Welcome to Macedonia!“ Da lassen sie nicht locker.

030 Autoput2013 kl
Zwischen Korfu
und Albanien
036 Autoput2013 kl
Venedig, Piazzale Roma.
So gut wie daheim
 
Einige Zeit später fällt mir die Rückreise ziemlich schwer. Das sympathische Motel Predejane hat auf mein Anfrage-Mail rasch und höflich geantwortet, dass gerade kein Zimmer mehr frei ist. Was tun? Wieder in die Steinzeit zurückfallen oder auf gut Glück das angeblich empfehlenswerte Hotel 1000 Ruza (1000 Rosen) bei Belgrad suchen? Auf der Heimfahrt beschließe ich bei Lárisa, dass ich den Autoput nicht noch einmal will – und biege nach Igoumenítsa ab, wo ich ein Fährticket nach Venedig löse. Bei einer Internet-Reservierung hätte eine Innen-Doppelkabine mit Einzelbelegung happige 460 Euro gekostet. Aber weil das Schiff nicht voll ist und ich mich unentschlossen zeige, kann ich beim Ticket-Agenten um 00.30 Uhr in Igoumenítsa den Tarif auf 230 Euro runterjammern; Anek Lines scheint da flexibel zu sein.

Welche Erkenntnisse nehme ich vom Autoput 2013 mit? Noch bis weit in die 1990er hinein stellte die Strecke mit all ihren Imponderabilien tatsächlich eine beträchtliche Gefährdung für Leib und Leben dar. Heute ist sie weitgehend modernisiert. Bis auf die Grüne Versicherungskarte gibt es überhaupt keinen Verwaltungsaufwand, auch Navigationsgerät oder Straßenkarte sind überflüssig. An allen Tankstellen kann man ausnahmslos mit der Bankomatkarte bezahlen. Aber das Restrisiko bleibt.


Zuruckschau kl



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FINDE ICH GUT
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