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Wer den Schiefen Turm von Pisa noch nie in natura gesehen hat, für den ist der Ausflug zum schrägen Denkmal ein ratsames Erlebnis. Kennt man ihn bereits, dann ist die Anreise über die öden Industrievororte eher eine Strapaze. Hier kann man aber auch beim Vespa-Werk in Pontedera stehenbleiben und das sehenswerte Piaggio Museum besuchen – angesichts der prächtigen Exponate muss hier jedem Rollerfan so richtig warm ums Herz werden, es ist wie Graceland für Vespisten. Beim Turm am Piazza dei Miracoli läuft immer wieder das gleiche Schauspiel: Man sieht hunderte Leute in affig verdrehten Positionen und zu jedem gehört eine weitere Person mit einer Kamera. Es sind Witzbolde, die für das Erinnerungsfoto versuchen, sich gegen den Schiefen Turm zu stützen. 40 Besucher dürfen pro Stunde auf den Turm hinauf. Oben sieht man die Industrievororte von Pisa, man muss sich dafür aber sehr lange anstellen.

Kleine Räder freuen sich über den guten Straßenzustand
Kleine Räder freuen sich über
den guten Straßenzustand
In die Rückfahrt nach Florenz kann man das gepflegte und verträumt wirkende Dörfchen Vinci einbauen, um das Museum Leonardo da Vinci zu besichtigen: Die Wunderwerke und Teufelsmaschinen des Genies sind hier in funktionsfähiger Modellform ausgestellt. Es sind sogar auch Modelle verwirklicht, von denen es immer nur Zeichnungen gab – so zum Beispiel ein hölzernes Fahrrad mit Lederriemen zum Hinterrad, das einem Schüler Vincis zugeschrieben wird. Es ist aber keineswegs bewiesen, dass die Zeichnung tatsächlich aus 1503 stammt.

Der geduldige, aber zielstrebige Edelweiss-Tourguide schafft es tatsächlich, dass die Gruppe der Rollerfahrer sich jeden Tag etwas schneller aus dem Stoßverkehr in Florenz schälen kann. Das ist eine Gratwanderung, denn man will ja die Teilnehmer nicht direkt in den Gegenverkehr schicken, andererseits will man auch nicht im Stau einen langen Bart bekommen. Ich entdecke, dass die amerikanischen Rollerfreunde nach und nach immer größere Lust an der permanenten Gesetzesübertretung entdecken, und der Tourguide lacht sich ins Fäustchen. Wahrscheinlich sehen sie das italienische Verhalten im Straßenverkehr als barbarisches Volksgut an, im eigenen Land kann man für das Befahren einer doppelten Sperrlinie hinter Gitter wandern. Eine Sperrlinie oder Sperrfläche in italienischen Städten ist nichts anderes eine Einladung. Jedenfalls nehmen wir schön langsam normales Rollertempo auf, der sportliche Ehrgeiz ist geweckt.

Mit Schwung geht es über die kurvigen Hügel der nördlichen Nobelvororte, wo herausragende Bürger ihr prächtigen Villen haben, Richtung Borgo San Lorenzo, um die berühmte Rennstrecke von Mugello zu besuchen. Eine Ehrenrunde dürfen wir an diesem Tag nicht drehen, weil Eigentümer Ferrari gerade einige seiner Autos ausprobiert. Dafür gibt es in der Gegend so eine Art öffentliche Rennstrecke: Was für Los Angeles der Rockstore ist oder für die Wiener Motorradfahrer die Dopplerhütte, das muss der 907 Meter hohe Passo del Miraglione für die Fiorentiner sein. Nur 50 Kilometer von Florenz entfernt fallen hier im Winter bis zu zwei Meter Schnee, wie uns der Wirt in der Bar auf der Passhöhe auf Fotos dokumentiert. Trotzdem gibt es hier am Neujahrstag ein formloses jährliches Zweiradtreffen, zu dem immer wieder Größen aus dem italienischen Motorradsport kommen. Auch zahlreiche italienische Scooterclubs haben in der Bar ihre Fotos und Aufkleber hinterlassen.

Noch einmal das Schloss von Poppi
Noch einmal das
Schloss von Poppi
Die meisten Edelweiss-Tourteilnehmer gehen nicht über Land oder im Stadtverkehr verloren, sondern zu Fuß bei der Besichtigung von Siena. Den Eingangspunkt in die Altstadt soll man sich gut merken. Wir sind hier wieder auf einer Schleife südlich von Florenz, neben dem schon bekannten pittoresken Greve in Chianti ist das stimmungsvolle Dörfchen Radda in Chianti eine der Attraktionen. Neben Olivenöl und anderen prodotti tipici gibt es hier die meisten Vinotheken und Weinverkostungen, die Rollertouristen treiben sich eher in den Kaffeebars herum. Rundherum ist es äußerst kurvig und variantenreich, hügelig in allen Formen, es geht durch Olivenhaine und bekannte Weingüter.

Schließlich können wir auch noch ein paar kulinarische Souvenirs mit heimnehmen. In eine Vespa GTS 300 geht nämlich zwar kein Integralhelm, aber doch so einiges hinein: In das Fach hinter der Frontschürze habe ich Regenhose, Universalwerkzeug, Gummispanner und (die in Italien vorgeschriebene) Pannenjacke gezwickt. Unterm Sitz sind Fotoausrüstung komplett mit Blitz und Zusatzobjektiv, Reservehandschuhe, Regenjacke, Seilschloss, die abmontierte Navigation – und jetzt endlich auch die Trüffelwildschweinsalami.

In der Juwelierstadt Arezzo am nächsten Tag freuen wir uns noch einmal ganz besonders über die Vorteile des Rollerlebens: Während der Autofahrer kostenpflichtig weit weg parkt und sich in der Hitze ins Zentrum müht, dürfen wir mit dem Scooter übers Kopfsteinpflaster – wie im zuvor besuchten Dörfchen Poppi mit seinem herrlichen Schloss – direkt in die Altstadt. Aus dem Reiseführer erfahren wir, dass hier angeblich die Mütter in den zahlreichen Kirchen vor allem für einen stabilen Goldkurs beten. Zehn Tonnen Gold werden pro Monat in Arezzo verarbeitet. Aber auch völlig ohne Hang zu Geschmeide ist die Stadt, die immer wieder eine beliebte Kulisse für Filmdreharbeiten ist („Das Leben ist schön“), ein Glanzpunkt der Edelweiss-Toskana-Tour. Man wandert durch beschauliche Gässchen, der imposante Piazza Grande mit seiner schrägen Ebene sieht dann so aus wie eine optische Täuschung von M. C. Escher von Bauwerken, die so gar nicht funktionieren, wie sie sich darstellen. Oder wie nach ein paar Gläschen Chianti, ganz ohne Chianti.

Stolze Reisegruppe nach der Bezwingung des Passo della Consuma
Stolze Reisegruppe nach der Bezwingung
des Passo della Consuma
Das berühmte Motodrom von Mugello. Leider keine Roller-Runde, Ferrari testet gerade
Das berühmte Motodrom von Mugello. Leider
keine Roller-Runde – Ferrari testet gerade
Eigenartige Aerobic-Übungen vor dem Schiefen Turm
Eigenartige Aerobic-Übungen
vor dem Schiefen Turm
Der Fahrrad-Prototyp wird einem Schüler Leonardo da Vincis zugeschrieben …
Der Fahrrad-Prototyp wird einem Schüler
Leonardo da Vincis zugeschrieben …
Die Kathedrale in Florenz ist von fast jedem Punkt aus dem Umland sichtbar
Die Kathedrale in Florenz ist von fast
jedem Punkt aus dem Umland sichtbar
Getümmel auf der Ponte Vecchio ist fast rund um die Uhr
Getümmel auf der Ponte Vecchio
ist fast rund um die Uhr