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ROLLER-REISE: AUF DER TRIESTER STRASSE NACH TRIEST, TEIL II


Richtung Gloggnitz kommen wir in jenes Österreich,
in dem man gern Urlaub macht: fröhliche hügelige Landschaft mit Fernblick, Felder, Wald, idyllische Dörfer. Linkerhand das Wechselgebiet – hier werden unweigerlich Erinnerungen an die unvergessliche Radiosendung „Autofahrer unterwegs“ wachgerufen, die von 1957 bis 1999 ausgestrahlt wurde: Nach dem Bigbandsound-Intro (das einem den flüssigen Verkehr der Nachkriegszeit vorswingte) kamen Punkt zwölf Uhr die Mittagsglocken, die angeblich von irgendwo aus Österreich eingespielt wurde – gefühltermaßen waren die Mittagsglocken aber immer aus Gloggnitz (!), aus Kirchberg oder aus Sankt Corona am Wechsel. Eines der vielen Paradoxa von „Autofahrer unterwegs“ war ja auch der Umstand, dass der Radioklassiker weniger von Autofahrern gehört wurde als von Müttern und Großmüttern, die gerade für die Schulheimkehrer kochten und sich über Ö Regional die weite Welt an den Herd holten. Nach dem Geläute aus dem Magnetophon begrüßten Rosemarie Isopp oder Walter Niesner den „Herrn Montag“, der meistens blau in den Sendesaal kam. Oder Walter Prskawetz las die Verkehrsmeldungen – dabei kam die B17 natürlich gehörig oft vor, und das selten in gutem Zusammenhang.

Dabei waren ein vergessener Pass oder ein aufgebrochenes Auto in Italien schon das höchste an Unglück – die wahren Massaker auf der Gastarbeiterroute wurden in der Autofahrersendung eher verharmlost, um den Hörern das Mittagessen nicht zu verderben. Ich sage jetzt „Gastarbeiterroute“ wohl wissend der Tatsache, dass die „eigentliche“ Gastarbeiterroute von Salzburg über Radstadt und Leoben zur jugoslawischen Grenze nach Spielfeld führte und nur zu einem ganz kleinen Teil mit der damaligen B17 identisch war. Weil aber vor der folgenden Integrationswelle ein Teil der Jugoslawen, Griechen und Türken nicht nach Deutschland fuhr, sondern in Wien arbeitete, war die nördliche B17 und somit die Triester Straße im Volksmund ebenfalls Gastarbeiterroute. Jedenfalls war der Blutzoll ganz enorm: Noch vor Gurtenpflicht und Airbag löschten sich an starken Tagen gleich dutzende in- und ausländische Fahrzeuglenker in ihren oft behelfsmäßig geflickten Fahrzeugen gegenseitig aus. Wer den Schrecken und die Verkehrshölle  dieser Zeit auch nur ansatzweise erahnen möchte, findet in den Suchmaschinen eine neue, toll recherchierte Webseite zur „richtigen“ Gastarbeiterroute (genaue Adresse im Infokasten) und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus …

Immer wieder Konfusion in der orientierungslosen Schaltroller-Truppe
Immer wieder Konfusion in der
orientierungslosen Schaltroller-Truppe
Vespa-Formation auf der Strada Costiera
Vespa-Formation auf der
Strada Costiera

San Floriano im Collio
San Floriano im Collio
Mediterran-kaiserliches Ambiente in der Grenzstadt Görtz
Mediterran-kaiserliches Ambiente
in der Grenzstadt Görtz
Die heutige B17 ist in Gloggnitz zu Ende.
Nach dem Checkpoint Gloggnitz fährt man entweder über die „alte B17“ (Knittelfeld, Perchauer Sattel) in den Süden oder – ebenfalls klassisch – über Wechsel, Packsattel und Griffener Berg. Bis 1971 hieß die B17 bis nach Arnoldstein so – im italienischen Kanaltal hinter Tarvisio waren dann endgültig die ersehnten Ferien nahe. Unglaublich, dass im Valcanale vor der geschmeidigen Autobahn der gesamte Urlaubsverkehr über die zweispurige Bundesstraße abgewickelt wurde. Und genauso unglaublich, dass der traditionelle „Fetzenmarkt“ in Tarvis früher so eine Attraktion war, dass man dafür extra aus nicht nur ganz Kärnten anreiste, um sich mit Wäsche einzudecken. Mit etwas mehr Geld im Börsel fuhr man nobel hundert Kilometer weiter nach Udine, das auch heute noch ein recht gutes Pflaster für feines Shopping ist.

Südwestlich von Udine sind wir gleich im gelobten Collio,
der berühmten italienischen Weinbauregion an der slowenischen Grenze. Die wohltuende Hügellandschaft ist der Südsteiermark nicht unähnlich, doch die kleinen Städte, Dörfer und Weingüter wirken noch bodenständiger, erdiger, nicht ganz so restauriert und herausgeputzt. Zu einem guten Collio-Programm gehören das Städtchen Cormons als wirtschaftliches Zentrum und natürlich San Floriano del Collio auf einer Hügelkuppe mit herrschaftlichem Blick ins Land, mit dem Dom und dem Castello der Grafen Formentini. Auf der Fahrt nach Görtz treffe ich auf eine versprengte, führungslose Restgruppe des Vespaclubs Vindobona, der ich mit einem kleinen Benzinreservekanister zur Weiterfahrt verhelfen kann. Es hätte die heroische jährliche Clubreise werden sollen, doch ein Teil der Kameraden musste wegen Schnupfen und Unwettergefahr zuhause bleiben.

Dom von San Floriano. Der schöne kleine Hauptplatz wird gerade renoviert
Dom von San Floriano. Der schöne
kleine Hauptplatz wird gerade renoviert
Rollido am Canal Grande
Rollido am
Canal Grande
Triest, Piazza del’Unita d’Italia
Triest,
Piazza del’Unita d’Italia

Sie sind mit betagten Klassik-Vespas
und ganz kleinem Gepäck unterwegs, zum Teil nicht einmal mit festem Schuhwerk. Kein Vergleich zur Leistungsfähigkeit, zum Komfort und zu den Gepäckmöglichkeiten einer GTS 300 in Touring-Version, aber bitteschön. Ich frage mich, wie die Chaotentruppe überhaupt hierher gefunden hat. Doch Ehre, wem Ehre gebührt: Eigentlich sind sie die wahren, authentischen Verehrer der B17 und der Triester Straße – so oder so ähnlich könnte eine Italienreise in den 1960ern und 1970ern tatsächlich ausgesehen haben!

Gerne schließe ich mich meinen neuen Freunden
für einen Ausflug nach Görtz und nach Triest an. Auf der Strada Costiera wird die Luft mild, duftend und weich, das von Maximilian von Habsburg gebaute Schloss Miramare kommt ins Bild und spätestens hier wird klar: Eine Fahrt auf der Triester Straße nach Triest wird fürstlich belohnt. Der Triester Canal Grande, kaiserliche Prachtbauten, die Kaffeehäuser aus dem 19. Jahrhundert – das Beweisfoto für eine Vespa-Italienreise muss natürlich auf der Piazza del’Unità d’Italia gemacht werden. Für die Rückfahrt heißt’s aber wieder: zeitig aufstehen, ganz, ganz zeitig. Wie damals.


MOTOMOBIL TRIPTIPP

WIEN-TRIEST AUF KLEINEN RÄDERN

Gastarbeiterroute
Von hartgesottenen Rollerfahrern kann die Strecke von Wien bis nach San Floriano im Collio oder nach Görtz (Gorizia, Gorica) auf Bundesstraßen in zehn bis elf Stunden abgesessen werden, nach Triest dauert’s eine dreiviertel Stunde länger. Bei reichlicherem Zeitbudget empfiehlt sich freilich eine gemütliche Übernachtung auf der Strecke. Das Motorradmuseum Neunkirchen hat von Mai bis Oktober jeden ersten Sonntag im Monat geöffnet, gegen Voranmeldung auch außerhalb dieser Zeiten; Pernerstorferstraße 6, 2620 Neunkirchen, Tel.: 02635/623 64. Die in der Geschichte erwähnte, vom Betreiber Fred Kröll sehr umfangreich gestaltete und zum Teil beklemmende Webseite über die historische Gastarbeiterroute findet man unter www.rundfunkmuseum.at/static/gastarbeiterroute/index.html – ein Zeitzeugnis ohne jede romantische Verklärung des Fernverkehrs. Will man sich akustisch auf eine Fahrt in den Süden einstimmen, ist noch immer das 1990 veröffentlichte Instrumentalstück „Gastarbeiterroute“ der steirischen Musikkapelle Broadlahn unübertroffen: Eine Tour wird simuliert – vertraute älpische Hackbrettklänge gehen in südliche Interpretation und fröhlich-melancholischen Balkanswing über; www.broadlahn.at; www.youtube.com/watch?v=fpTEd9bt6kc. Karte sollte man von Wien bis Triest eigentlich keine brauchen – im Collio soll man sich aber den Plan „Gusto e Territorio“ besorgen (liegt in Hotels und Tourismus-Infos auf) – hier sind die wichtigsten Winzer, Käsereien und Landwirte kompakt und übersichtlich zusammengetragen.

GUT WOHNEN & GUT ESSEN
Friuli Venezia GiuliaHotel Castello Formentini
Das „motomobil“-Lieblingshotel im Collio ist das gräfliche, mit Antiquitäten ehrwürdig ausgestattete Hotel Castello Formentini: Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer ab zirka 60 Euro pro Person, Via Oslavia 2, 34070 San Floriano del Collio, Tel.: 0039/0481/884 051; www.golfhotelformentini.com. Ebenfalls in San Floriano (man ist von hier aus rasch in Görtz oder bei den Weingütern des Collio und des angrenzenden Slowenien) befindet sich die gediegene und mit Pool ausgestattete Azienda Agricola Baronesse Tacco, Via Castello 5, 34070 San Floriano del Collio, Tel.: 0039/0481/884 051; www.agriturismocollio.com. Regionale Küche und Weine auf höchstem Niveau – und das fast zu Wirtshauspreisen – lassen wir uns unter den schönsten Arkaden von Görtz servieren: Ristorante Al Chiostro, Piazza San Antonio 10, 34170 Gorizia, Tel.: 0039/0481/536 430; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


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FINDE ICH GUT
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