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VINTAGE

PROFESSOR DI (FH) FRIEDRICH EHN, 1941 – 2020


Text: Fritz Ehn, „motomobil“
Fotos: Gottfried Frais, Achiv Ehn, „motomobil“
Illustration: Cecile M. Lederer
 

WIE ICH MUSEUMSDIREKTOR WURDE

„motomobil“-Vintage-Autor Fritz Ehn ist für immer bei seinen geliebten Motorrädern. Wir bringen zur Erinnerung seltene Fotos und einen im Jahr 2005 entstandenen Original-Aufsatz, der bis jetzt noch nie im Internet veröffentlicht wurde, über das Leben als Sammler


Friedrich Ehn, Seiberer

Mit freundlicher Miene, aber entschlossener Hand erfährt
sich Fritz Ehn Ende der 1960er auf der 250er-Puch SGS am
Wachauer Seiberer die Bronzemedaille

 

Der Weg zum eigenen Museum ist kurvenreich. Laut Lehre der Psychologie sind frühkindliche Prägungen entscheidend für das, was man als Erwachsener tut oder lässt. Und Sammler sind für die Seelenklempner sowieso fixierte Armerln. Gut, ich gebe zu, dass ich als Stöpsel bunte Knöpfe im Topferl gehortet habe, aus Matador Motorräder gebaut habe, im Beiwagen meines Vaters Motorradschmiermaxe gespielt habe und frühreif des Onkels Fahrrad mit Hilfsmotor verschleppt habe. Auch habe ich mir heimlich gegen Mutters Willen ein Moped gekauft – und habe damit gegen den Zeitgeist gelebt.

Doch der entscheidende Anstoß kam von meinem Vater. Denn zur Matura schenkte er mir (statt des damals üblichen übertragenen VW Käfers) sein letztes Motorrad, eine Brough Superior SS 80, Baujahr 1927. Seine Worte: „Bua, pass dir gut drauf auf, das is was ganz besonderes“ waren der Anfang eines langen Wegs.

Damals, 1961, wurden die alten Motorräder noch ausgemustert, weggeworfen, zum Eisentandler gebracht. Das tat ins Herz hinein weh, denn ich war und bin überzeugt, dass das ein Frevel ist. Weil ein altes Motorrad ist technisches  Kulturgut. Ich fuhr eine New Hudson, Baujahr 1927, als Alltagsgefährt. Sehr zum Entsetzen der damaligen schöne-neue-Welt-Bürger. So holte mich beispielsweise der Prinzipal des Betriebes, in dem ich arbeitete, er tat vertraulich und hub an: „Also, Sie sind ja ein erfolgreicher junger Mann, aber ich kann mir auch vorstellen, daß es Ihnen mit dem Geld knapp hergeht. Sonst müßten sie ja nicht tagtäglich mit dem Motorrad in die Firma kommen. Ich gebe Ihnen gerne einen Kredit, damit Sie sich ein Auto leisten können …“ Es bedurfte einiger aufklärender Sätze darüber, daß ich aus Überzeugung Motorrad fahre. Doch so ganz geglaubt hat es der Herr Chef nie.
 
Friedrich Ehn
Teilnahme bei einem Veteranenrennen
im Jahr 1974 am Nürburgring
Friedrich Ehn
Regelmäßiger Fixstarter beim
Tullner Trial, hier im Jahr 1968
 

Motorradsuche: Diese erforderte damals eher Kreativität als Geld. So wollte ich mit dem Latro (Abbreviation für „langer Trottel“) zum winterlichen Elefantentreffen auf den Nürburgring fahren, damals noch am ersten Wochenende im Jahr. Dafür hatten wir eine Norton ES 2 im Auge, solide Dreißigerjahre mit Rekord-Beiwagen. Sie stand ausgesetzt nach dem Häuselbau in Wolfsgraben, über und über voller Kalkspritzer. Vorsprache beim Besitzer, wir hätten gern das alte Motorradl. Na ja, was zahlts denn? Ah, wir hätten so an fünfzig Schilling gedacht! Seits narrisch, des is vül zu wenig. Da müassts schon siebzig Schülling hinlegen, dann könnts damit wegfahren!

So kam dieser Deal recht einfach zustande. Keine Frage, die ES 2 schleppte uns durch Eis und Schnee bis in die tiefste Eifel. Aber die Heimreise haben wir dann in Regau abgebrochen. Nein, die Maschine lief trotz eines verdächtigen Klackerns einwandfrei – wir hatten nur schwerste Erfrierungen davongetragen. Übrigens: Das Klackern stellte sich als herumhüpfender, loser Schraubenteil zwischen Vergaser und Ansaugventil heraus.
 
Friedrich Ehn
Die Creme der österreichischen Sammler (Ehn
ganz rechts) freut sich 1970 über reiche Beute
Friedrich Ehn
1954, im Knabenalter von 13 Jahren,
war der Weg bereits eingeschlagen
 

Bedroht: Doch nicht immer gingen die Käufe glatt – manchmal musste man richtig um Gesundheit und Leben bangen. Es war an einem kalten Winterabend, als ich nach mühsamer Recherche den „Schmittenschlosser“ endlich im fahlen Petroleumlicht seiner Keusche in einem Nest am Ende der Welt angetroffen habe: „Sie sollen da noch eine alte Puch 220 haben, würden Sie die vielleicht verkaufen?“ „Schaun’S, dass außekemman, sunst darschlog i Ihna, owa schnöll!“ Und schon flog ein gewaltiger Schraubenschlüssel (begleitet vom kreischenden Gekicher seiner verhutzelten Alten, die ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte) in meine Richtung. Er hat seinen Besitz wehrhaft verteidigt …
 
Friedrich Ehn
Fritz Ehn kannte fast jedes seiner 300 Exponate
bis tief hinein zur letzten Schraube
Friedrich Ehn
Im Verlauf von 2020 sollte das 40-jährige Bestandsjubiläum
des Motorradmuseums begangen werden
 

Na ja, und dann gibt es aber eine ganze Reihe von anderen Verkäufertypen, die sich grob wie folgt einordnen lassen:

Der Schatzbesitzer: Er tritt zumeist sehr geheimnisvoll auf, deutet nur in sparsamen Worten an, dass er etwas ganz besonderes habe, und dass man am besten hinkommen solle. Variante 1: Sein Schatz ist ein „Schneider“, das heißt ein verschnittenes unoriginales Fahrzeug. Variante 2: Eine völlig uninteressante Kiloware. Doch dafür reibt er in jedem Fall unverschämt auf und glaubt, jetzt wird er reich. Weil: „Die Oldtimler san sehr viel Geld wert, das wissen Sie ganz genau!“ Fazit: Vergiss es.

Der Unentschlossene: Er bietet genau beschrieben seine Ware an. Man kommt hin, die Ware ist brauchbar, doch leider dann, Variante 1: „Na ja, ich hab mirs überlegt, ich gebs doch nicht her“. Das ist die Gierphase. Wenn man nach einiger Zeit wieder nachfragt, dann kommt „Hörn’S, das Motorradl hat schon der Eisentandler gholt“, das wäre die im-Weg-sein-Phase. Daher sollte man immer zu Variante 2 streben: Der Verkäufer weiß nicht, was er will und druckst herum. Jetzt: Biete, was es dir wert ist, bar und sofort. Das wirkt in 90 Prozent der Fälle, außer du hast es mit einem verkappten Schatzbesitzer (siehe oben) zu tun. Und jetzt das Wichtigste: Nimm die Maschine sofort mit, egal ob im Frack oder der Schlosserhose, egal ob du ein Transportfahrzeug hast oder nicht. Denn jede Tankstelle um die Ecke, wo du das Bike lagerst und morgen abholst, ist besser als der Standplatz beim Verkäufer – der es sich bis morgen überlegt hat und die Ware nicht mehr herausrückt.

Der „normale“ Verkäufer: Weiß, was er hat, was er will, was er kriegt. Er ist eher selten anzutreffen.
 
042 FritzEhn 2018 kl

Einige der Raritäten
in Sigmundsherberg sind
über 100 Jahre alt



Schwer eingefahren, auch das kommt vor: Vor Fieber und Rotz sehe ich kaum aus den Augen. Na gut, wenn ich jetzt wegen der verdammten Grippe von dieser schönen Motorradwelt abtreten muß, dann kauf ich mir hier und jetzt, noch vom Sterbelager aus, meinen Traum: Eine Norton International, Baujahr 1935. Per Telefon vom englischen Händler. Ums letzte Gerstl. Nach Wochen, ich bin auf dem Weg der Besserung, kommt endlich die Kiste mit der Norton. Geilofatz, urleiwand, die Welt hat mich wieder. Nur der Sattel mit dem Öltank klafft ein bisserl … Wurscht, schön ist sie!

Dann mein schweißgebadetes Aufschrecken in der Nacht: Wenns doch ein „Schneider“ ist?! Ab in die Klamotten, hinunter in die Werkstatt – Tank, Öltank und Sattel runter, jetzt die Bescherung: Ein umgefixelter Serienrahmen, totale Scheiße, und das vom Briten-Guru! Dann endlich, nach mühsamem Schriftverkehr samt Fotos, Rechtsanwaltsdrohung und so weiter kommt die Rückabwicklung mit Ärger und Geldverlust.

Mein größter Erfolg: Die Errettung des „Schwarzen Prinzen“. Sotheby, Hendon Luftfahrtmuseum der Royal Air Force, die Auktion strebt ihrem Höhepunkt zu. Das Prunkstück ist eine Vincent Black Prince, der Betrag ist mittlerweile auf 11.000 Pfund Sterling. Ich schwitze und bin dabei, meine Lebensversicherung zu verzocken. 11.300, der Feind bietet 11.700. Und da hilft mir der Auktionator, ich hebe wie in Trance die Hand und habe die Vinni um zwölf Flocken, in feinster englischer Währung. Jetzt steht diese Rarität unter 300 Artgenossen bei mir im Österreichischen Motorradmuseum in Sigmundsherberg.

Friedrich Ehn
Fritz Ehn beim Signieren eines der zahlreichen
von ihm verfassten Zweiradbücher
Friedrich Ehn
Die Ehn-Bücher sind Referenzwerke der Motorradliteratur
und erscheinen bereits in wiederholter Auflage
 
Friedrich Ehn
Stilgerechte Jause im zeitgemäßen
Ambiente (Foto aus 2009)
Friedrich Ehn
Schlurfrakete: Flipperhalle und Puch MC 50
waren oft nicht weit voneinander entfernt
 


Erstes Österreichisches Motorradmuseum in Sigmundsherberg:
www.motorradmuseum.at

Die von Fritz Ehn verfassten Zweiradbücher (u. a. über Puch, KTM, HMW, Lohner, Nachkriegsmotorräder etc.) sind lagernd bei der Buchhandlung Bestseller im Ekazent Hietzing (Hietzinger Hauptstraße 22, 1130 Wien, Tel.: 01/877 61 25), und sie sind auch online bestellbar über www.motorbox.at

Einige der Veröffentlichungen von Fritz Ehn über historische Motorroller in „motomobil“:


047 Illu-Ehn-Puch kl

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FINDE ICH GUT
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