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LANDPARTIE 1

KREUZ & QUER DURCH DIE BUCKLIGE WELT

Text und Fotos
Michael Bernleitner

KAGERS LAND

Nur einen Steinwurf von der tosenden Südautobahn entfernt rollern wir beschaulich durch eine völlig andere Welt

KAGERS LAND

Genaues Kartenmaterial ist hilfreich. Schöner ist es aber, planlos zu fahren
Genaues Kartenmaterial ist hilfreich.
Schöner ist es aber, planlos zu fahren
Sonnige Berg- und Hügelrücken, märchenhafte Nadelwälder, uralte Eichen, friedliche Straßen, die plötzlich zum Offroad-Güterweg werden oder gar eine kleine Wasserdurchfahrt in einer Waldpassage parat halten – schöner könnte ein Rollerausflug gar nicht sein.
Wir sind dort, wo die Bucklige Welt am buckligsten ist. Irgendwo bei Lichtenegg, Kaltenberg, Kühbach, Sauerbichl … Allein die urigen Ortsnamen geben schon darüber Bescheid, dass Stress und hektisches Getriebe hier nicht sehr erwünscht sind. Hinter jedem Hügel, hinter fast jeder Kurve ändert sich das Landschaftsbild und entzückt mit einem neuen Panorama. Es stellt sich so eine Art „Toskana- oder Südsteiermark-Phänomen“ ein: Was gut fürs Auge ist, ist unbedingt auch gut für die Seele und fürs Gemüt. Die Bucklige Welt kann sich zweifellos mit den schönsten Landschaften der Welt messen. Mit einem riesigen Vorteil: Gedränge, Geschiebe, Massentourismus und Marktschreierei gibt’s nicht, kein Schluchting, Parakiting oder sonstiger Unfug, sondern Zurückhaltung und Entschleunigung.
So wirkt’s jedenfalls. Dass der Datenhighway bis ins entlegenste Plumpsklosett vorgedrungen ist und dass die Eingeborenen – wie jeder andere auch – ihrem täglichen Gelderwerb nachgehen müssen, das ist unvermeidlich.
Auf der Suche nach Kager. In jeder Ortschaft kommt er gleich mehrmals vor
Auf der Suche nach Kager. In jeder Ortschaft kommt
er gleich mehrmals vor
Sie können wenigstens in dieser begnadeten Gegend leben. Einschichthöfe, stattliche Streuhöfe, freundliche Dörfer, in denen es Greißlerei, Tankstelle und Trafik in Personalunion gibt – hinter all dieser Bilderbuchkulisse scheint ein geheimnisvoller Kager zu stecken. Ich sag’s gleich, ich kenne ihn nicht und werde ihn wahrscheinlich nie kennenlernen. Jedenfalls ist er allgegenwärtig: Er ist Spengler und Dachdecker; er hat ein Wirtshaus, eine Fleischerei; ein Café ist nach ihm benannt und auch ein Kaufhaus heißt so. Was sicher nur die Spitze des Eisberges ist. Es ist eindeutig Kagers Land. Er ist sicher Bürgermeister und wahrscheinlich hieße auch der Gendameriepostenkommandant Kager, falls es noch eine Gendarmerie gäbe. Was uns hier gar nicht wundern würde. Klar, in manchen Teilen des Salzkammerguts heißen alle Hemetsberger. Aber die Erscheinung in dieser extremen Form haben wir sonst nur auf ganz hinteren griechischen Inseln gefunden, wo sich die Namensvielfalt so eingedampft hat, dass alle Männer entweder Georgos oder Spiros heißen. Man kann das wohl so sehen, dass eine Region sehr in sich ruht und mit sich zufrieden ist. Die Bucklige Welt hat allen Grund dazu.
Märchenhafte Wälder. Manchmal verschwindet der Asphalt und die Straße wird entrisch
Märchenhafte Wälder. Manchmal ver-
schwindet der Asphalt und die Straße
wird entrisch
Die kleinen, kurvigen Straßen sind fast immer fein asphaltiert. Woanders wären das Nebenstraßen oder Seitenstraßen von Nebenstraßen – in der Buckligen Welt sind es die Hauptverkehrsverbindungen. Und so kommt es, dass man in ein paar hundert Metern Entfernung ein Windrad oder ein idyllisches Gehöft erblickt, aber es sind dann doch zehn Kilometer, bis man endlich dort ist. Dazwischen sind fünf oder acht andere Hügel, links-rechts, bergauf-bergab. Daher ist die Bucklige Welt so prädestiniert für entspannte Ausflüge mit dem Roller oder einer 125er; ein 190-PS-Hypersportbike wäre hier unterfordert und fehl am Platz.

Nur einer von 1000 Hügeln …
Nur einer von 1000 Hügeln …


Man lässt sich treiben, man schwimmt in diesem „Land der 1000 Hügel“. Dabei kann es vorkommen, dass man nach ein, zwei Stunden „versehentlich“ wieder am selben Fleck vorbeikommt. Man kann aber auch tagelang genüsslich durch die Bucklige Welt touren, ohne dieselbe Straße ein zweites Mal zu befahren. Es lässt sich sogar das Wetter umfahren, lokale Regenwolken umgeht man über den Umweg über einige Hügeln – wobei man vorher nicht weiß, wieviele es im Endeffekt sind. Wichtig: Die Entscheidung zur Umleitung fällen, noch bevor man nass geworden ist. Übrigens heißt Kaltenberg nicht umsonst so, es ist jedesmal fünf Grad kühler als ein paar Kilometer davor oder danach.

Dass die Region so verkehrsberuhigt ist, hat Tradition und einen erstaunlichen, ernsten Hintergrund. In einer in der Pfarrkirche Lichtenegg (gegen einen geringen in den Opferstock zu entrichtenden Betrag) zu entnehmenden Broschüre lässt sich nachlesen, dass sich die Bewohner noch 1880 vehement gegen den Bau einer Straße von Kaltenberg nach Grimmenstein zur Wehr setzten. Und weiter: „Die bäuerliche Bevölkerung wehrte sich damit sehr geschickt gegen eine Ausbeutung durch Staat und Industrie. Schon seinerzeit, als noch jeder Bauer seinen Zehent dem Stift Reichersberg zu entrichten hatte, wußte man die Situation des Zehentinhabers auszunützen. Der Lehensverwalter konnte den Zehent infolge der schlechten Wegverhältnisse nicht wegbringen …“ Heute ist die Gemeinde Lichtenegg stolz darauf, dass sie „über ein Straßennetz verfügt, das fast zur Gänze staubfrei ist.“
Was gut fürs Auge ist, ist auch gut fürs Gemüt und für die Seele
Was gut fürs Auge ist, ist auch gut fürs
Gemüt und für die Seele

Außerdem ist man Luftkurort, die 700-Meter-Höhenlage ist gut für die Gesundheit.

Überhaupt, wehrhaft war man hier immer, wehrhaft musste man sein. Das Netz der vielen Wehrkirchen ist überzeugend, es gibt sogar eine richtige Wehrkirchenstraße, die einem riesigen Freiluftmuseum gleicht. Es waren plündernde, mordende und brandschatzende Truppen aus Osteuropa oder vom Bosporus auf dem Weg nach Wien, die über Jahrhunderte der Bevölkerung übel zusetzten. Die Wehrkirchen mit ihren dicken Mauern boten Schutz für jeweils hunderte Menschen, man konnte sich wochenlang verschanzen. In den Kirchen gab’s Brunnen, Backöfen, manchmal auch eine Selch. Aus den schmalen Schießscharten heraus verteidigte man sich, von den Pechnasen wurden die Angreifer mit Pech oder mit siedendem Öl empfangen.

In nicht einmal zwei Stunden ist man von der Buckligen Welt in Wien oder in Graz. Wir kehren zum Basislager zurück, der Burg Bernstein am südlichen Rand der Buckligen Welt. Der Hotelier und Schlossherr Andreas Berger-Almásy hat übrigens für zweiradfahrende Gäste nicht nur die Wehrkirchenstraße, sondern noch einige andere Tourenvorschläge parat. Sehr empfehlenswert.
Die Burg Bernstein am Rand der Buckligen Welt ist das stilvollste Basislager für eingehende Erkundungen
Die Burg Bernstein am Rand der Buckligen Welt ist das stilvollste Basislager für eingehende Erkundungen
MOTOMOBIL TRIPTIPP

GUT ESSEN & TRINKEN
Die ARGE „Sooo gut schmeckt die Bucklige Welt“ gibt jährlich eine kleine Kulinarik-Broschüre heraus (bestellbar unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ), die als höchst nützlicher Leitfaden durch die bucklige Schmankerlwelt dient: Edelbrände, Liköre, Honig, Marmeladen, handgeschöpfte Schokolade, Säfte, Moste oder Bauerneis können auf einer Tour zu den vielen fleißigen Direktvermarktern „eingesammelt“ werden. Die Auswahl an ordentlichen Gasthäusern ist vielfältig, doch ist auch „Hohe Küche“ in der Buckligen Welt daheim – nachdem das legendäre Landgasthaus Gerald Jeitler in Bromberg zusperrte, wollen wir zwei herausragende Lokale einer vernünftigen Routenplanung nahelegen: Bodenständige Küche auf Gourmetniveau gibt’s im Gasthaus Buchegger, man serviert herrliche Produkte aus eigener Landwirtschaft und Fische aus eigener Zucht, 2851 Krumbach, Tiefenbach 1, Tel.: 02647/422 63; www.gasthaus-buchegger.at. Perfektion wie in Spitzenrestaurants findet man in einem ehemaligen Stallgebäude in der Nähe von Bad Schönau: Das im aktuellen Gault Millau immerhin zweihaubige Wirtshaus Triad der Familie Machreich wurde vom Verein Niederösterreichische Wirtshauskultur zum Top-Wirt des Jahres 2010 gekrönt, eine köstliche und hochbegehrte Auszeichnung, Ödhöfen 25, 2853 Krumbach, Tel.: 02646/83 17; www.wirtshauskultur.at, www.triad-machreich.at
GUT WOHNEN & SCHLAFEN
Unsere Empfehlung ist die ehrwürdige Burg Bernstein am südlichen Rand der Buckligen Welt mit ihren zehn stilvollen Zimmern (Mitglied von „Historic Hotels of Europe“ und „Schlosshotels & Herrenhäuser“), Schlossgespenst inklusive. Hotelier und Schlossherr Andreas Berger-Almásy hat für zweiradfahrende Gäste etliche sorgfältige Tourenvorschläge ausgearbeitet. Einzelzimmer ab 110 Euro, Doppelzimmer ab 75 Euro pro Person inkl. Frühstück.; Tel.: 03354/63 82, www.burgbernstein.at
LITERATUR & KARTEN

Wegen der zahlreichen kleinen und kleinsten Nebenstraßen, die ja den Reiz einer Landpartie in die Bucklige Welt ausmachen, sind herkömmliche Straßenkarten im Maßstab 1:200.000 wenig hilfreich. Viel praktischer ist da schon zum Beispiel die Baedeker Allianz Freizeitkarte Wien/Burgenland“ im Maßstab 1:120.000 um 6,95 Euro, ISBN 978-3829717649; www.mairdumont.com. Für eine stimmungsvolle Einstimmung in die Bucklige-Welt-Runde gefällt uns Bucklige Welt“ von Elfriede Klepoch: Die Autorin illustriert mit 200 historischen Fotos sehr authentisch das frühere ländliche Leben dieser Region. Sutton Verlag, ISBN 978-3866802520, 18,40 Euro; www.suttonverlag.de

KREUZ & QUER
Diese (samt Pausen) eintägige Bucklige-Welt-Runde ist „motomobil“-erprobt und -empfohlen (ein GPS-Download dieser Tour erscheint auf www.motomobil.at am 9. August): Bernstein – Rettenbach – Dreihütten – Tauchen – Hochneukirchen – Gschaitt – Schlag – Zöbern – Aspang – Kulma – Wiesfleck – Lichtenegg – Maria Schnee – Hollenthon – Horndorf – Blumau – Landsee – Kaisersdorf – Weingraben – Karl – Oberrabnitz – Schwendgraben – Unterrabnitz – Piringsdorf – Lockenhaus – Bubendorf – Salmannsdorf – Holzschlag – Bernstein – Tauchen – Hochneukirchen – Krumbach – Maierhöfen – Kirchschlag – Ungerbach – Steinstückl – Bernstein

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FINDE ICH GUT
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