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LANDPARTIE 13

MIT DEM ELEKTROMOTORRAD DURCH DEN WIENERWALD


Text & Fotos: Michael Bernleitner
 
 

FEIERABEND!

Kann man sich mit dem E-Bike nach Büroschluss ordentlich „abreagieren“? Gibt’s genügend Saft und Kraft? Und, vor allem: Kommt man auch wieder nach Hause? Wir fahren die Spätnachmittagsrunde durch den Wienerwald


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Exelberg und Dopplerhütte; Tulbingerkogel; Riederberg;
das kurvenreiche Dreieck zwischen Sieghartskirchen, Neulengbach und Rekawinkel, Pressbaum nicht zu vergessen: Namen, die auf der Zunge zergehen – die bewährten Vergnügungsklassiker für den ausflugsfreudigen Motorradfahrer aus der Bundeshauptstadt. Während sich aber noch vor einiger Zeit die lärmgestressten Bewohner des Exelbergs am liebsten mit Steinschleuder und U-Hakerl wehrhaft gemacht hätten und der allabendliche, allwochenendliche Run auf die Dopplerhütte einer schmalen Kante zwischen Spital und Strafmandat glich, wurde die Situation schon seit Jahren deutlich entspannter und ist einem friedlichen Miteinander gewichen. Auch die gefürchteten Ethno-Gangs von dynamisch-aufstrebenden Mitbürgern türkischer Sprache, die noch in den 1990ern mit ihren brüllenden GSX-Rs und FZ-Exups alle Streckenrekorde zwischen Schwarzenbergpark und Königstetten brandschatzten und pulverisierten, ohne jede Angst vor körperlichen oder finanziellen Schmerzen, sind wieder völlig von der Bildfläche verschwunden und haben sich auf eine behagliche vierrädrige Existenz zwischen Mercedesstern und weiß-blauem Propeller besonnen. Die Zweiradfahrer sind heutzutage gesundheitsschonend, mit der StVO weitgehend kompatibel und genießerisch unterwegs. Kurz: Es wird nicht mehr ordentlich Gas gegeben.

Oder Strom. Oder man hört es nicht. Das zögernde, doch immerhin vermehrte Auftreten von Elektromotorrädern müsste eigentlich gut in den Zeitgeist und in die Stimmung passen. Es stellt sich aber für einen gelungenen Bike-Ausflug die alles bestimmende Frage: Kommen wir wieder zurück? Oder müssen wir ständig mit Zahnbürste und Reisenecessaire unterwegs sein, weil uns die überschaubare elektrische Reichweite einen Strich durch die Rechnung macht? Wir machen die Probe aufs Exempel und riskieren eine typische Büroschlussrunde durch den Wienerwald. Mit möglichst vielen fahrerischen Highlights, mit Möglichkeiten zu einem guten Imbiss und möglichst weit in den Westen hinein. Oberste Bedingung: ohne fremde Hilfe, ohne Eco-Modus unter Ausnutzung der gesetzlich erlaubten Tempi und alles mit einer einzigen Akkuladung.

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Die Dopplerhütte ist leider schon
seit Jahren außer Betrieb
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Das Prachthotel Kühnel in Rekawinkel
hatte ebenfalls schon bessere Zeiten
 
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Wärmende Abendsonne tut
wohl auch den Akkus gut
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Historisch wertvoller
Bahnhof Rekawinkel
 

Eine exemplarische Probe, die in dieser Form vor zwei Jahren noch gar nicht möglich gewesen wäre. Erst das Auftauchen der 2012er-Generation der E-Bikes von Zero Motorcycles mit dem ZF9-9000-Wattstunden-Akku stellt die magische Mauer von „100 Kilometer Aktionsradius“ in ein praxisnahes Licht: Die 100 Kilometer sind keine unerreichbare Karotte vor der Nase („bis zu“ bei Konstant-Kriechtempo und optimaler Außentemperatur …), sondern sie sind MINDESTENS erreichbar. Im akademischen  Optimalfall kommt die 2012er-Zero-DS sogar 160 Kilometer weit. Und die 2013er-Modelle mit dem fetten neuen 11.700-Wattstunden-Akku (Test in „motomobil“ Folge 010 und auf www.motomobil.at) legen nocheinmal gut 25 Prozent drauf. Einer gehaltvollen Wienerwaldrunde könnte möglicherweise nichts im Weg stehen …

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Von Kogl über Geigelberg
bis Johannesberg …
Befragt man die unterschiedlichsten Personen nach Wegbeschreibungen und analysiert diese, so wird man unweigerlich auf die erstaunliche Tatsache stoßen, dass sich viele Leute zum Beispiel vorwiegend an Kirchen, an Spitälern, an Friedhöfen, vielleicht an Kinos oder bisweilen sogar an anderen Sozialeinrichtungen wie öffentlichen Freibädern orientieren und dass sie diese Landmarks immer wieder und wieder in ihre Beschreibungen einfließen lassen („direkt neben der Minoritenkirche“, „oberhalb vom Schafbergbad“, „gleich hinter dem Jedleseer Friedhof“). Was halt offensichtlich so gerade unter persönlichen Lebensumständen eine gewisse Bedeutung hat. Diese atemberaubende und umwälzende Erkenntnis musste ich jetzt einmal an dieser Stelle los werden. Für eine Feierabend-Motorradrunde ist mir eine Orientierung nach ordentlichen Wirtshäusern mit Abstand am sympathischsten.

Aufwärmen über Schottenhof, Exelberg und Scheiblingstein, wo es seit 2009 mit dem aus der Imbissbude des Tennisplatzes entstandenen Landgasthaus Scheiblingstein bereits den ersten empfehlenswerte Proviantverkauf gibt. Die ein paar Kilometer weiter herrlich über dem Tullnerfeld sitzende Dopplerhütte wird ja seit etlichen Jahren leider nicht mehr bewirtschaftet. Trotzdem gilt die Dankbarkeit für unsere im Motoralpinismus glücklich verlebten Jugendjahre nach wie vor dem Altwirt, Herrn Otto Doppler. Langgediente Dopplerhüttenbesucher zerdrücken jetzt noch eine Träne im Knopfloch in der Erinnerung an seinen Kellner Karl, der als unantastbare Instanz des Wienerwalds gerecht darüber entschied, wer eine Saure Wurst oder einen Mailändertoast serviert bekam und wer nicht.

Auf dem Parkplatz vor der Hütte stehen einige Sportsfreunde mit schweren Maschinen und bestaunen stumm mit offenen Mündern das E-Vehikel, das da lautlos vorüberrauscht und vor der ersten Kehre behände den kurvenreichen Abstieg ins Tullnerfeld anbremst. Lange Jahre hindurch war das eine echte Rutschpartie, aber im Rahmen einer Sicherheitsaktion des Landes Niederösterreich wurde 2012 die Fahrbahn griffiger gemacht, die Leitplanken in den Kurven wurden mit Unterfahrschutz versehen. Na immerhin!

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Sittenbild wie eine Installation. Wem
die Schuhe gehören, weiß man nicht
Keine zwanzig Kilometer von der Stadtgrenze der Bundeshauptstadt Wien entfernt, wirkt Niederösterreich an manchen Stellen bereits mehr als ländlich, so richtig entrisch und vergessen. Ein Eindruck, der sich verstärkt, wenn man sich über Ollern, Sieghartskirchen und Kogl Richtung Rekawinkel oder gar bis nach Neulengbach durchschlägt: Die Weiler haben Namen wie Dörfl und Öd; es riecht nach gesunder Luft und Misthaufen, im Herbst auch nach Most und Selbstgebranntem. Fast eine Zeitreise, so als ob Raab und Figl gerade gestern erst den Staatsvertrag unterzeichnet hätten. Und das alles auf einer Büroschlussrunde, mit einer einzigen elektrischen Akkufüllung.

Röhrenbach zum Beispiel ist der Ort fast ohne Wiederkehr: Es gibt keinen Hinweis auf Sackgassen oder Schwarze Löcher, wir verfolgen auf schmalsten Pfaden vorerst den Linienbus und sind über dessen ständige Schleifen auf der Ringstraße irritiert – sind da überhaupt Fahrgäste drinnen? –, bis wir den verzweifelten Ausbruch aus der Ortschaft versuchen und bei allen Bemühungen immer wieder an denselben Punkten vorbeikommen, nicht einmal eine ungefähre Peilung über einen Kirchturm ist möglich.

Riskiert man ein bisschen, geht sich die Reichweite der 2012er-Zero-DS sogar tour-retour bis nach Neulengbach aus. Empfehlenswerter Zwischenstopp ist die 2004 neu errichtete Buchbergwarte auf dem 469 Meter hohen Buchberg – nach 117 Stufen Aufstieg bekommt man prächtigen Panoramablick ins Tullnerfeld, in den Wienerwald und ins Voralpengebiet bis Rax und Schneeberg; im Westen soll an klaren Tagen sogar der Traunstein zu sehen sein.

Die Pizzerias heißen Al Pacino, Don Carlo oder La Luna; in den Gasthäusern regieren Berner Würstel, Pommes und der Langzeitklassiker Grillkotelett mit Kräuter- oder gar Knoblauchbutter. In manchen Restaurationsbetrieben gibt’s sogar Preise fast wie zu Raab und Figls Zeiten: Ein Mittagsmenü mit Vorspeis/Hauptspeis/Nachspeis um 5,20 Euro ist für den Bundeshauptstädter wie aus einer anderen Welt. Haute Cuisine gibt es und man kann sie finden – eine gewissenhafte kleine Liste mit Redaktionsempfehlungen, wo wir uns noch nie den Magen verdorben haben, steht im „motomobil“-Infokasten (auch die Gasthäuser mit derzeitiger und kommender E-Ladestation).   >>>