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LANDPARTIE 12

MIT DEM KRAFTROLLER DURCHS MOSTVIERTEL


Text & Fotos: Michael Bernleitner

BARTLS BIRNENGARTEN

Überall, von wo aus man den Sonntagberg sieht, ist das Land der Mostbirne, sagt der Volksmund. Während uns die Kraft des Motorrollers über die Hügel saugt, plaudert in den Kellern der Most


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Aus meiner schwierigen Kindheit
und Jugend als Landbub, in der mir an Sonntagen und anderen Festtagen wohlmeinende Erwachsene ein paar Schlucke Most verabreichten, ist mir das gelbliche bis gelb-orange Getränk durchaus als pelzig und mit eher mehr als weniger bitterem Beigeschmack erinnerlich. Wenn es einem im Mund nicht sofort alles zusammengezogen hat, galt der Most als gut trinkbar. Zwischen Sautrank und Most gab’s für mich keinen allzu großen Unterschied. Von „Most Wanted“ war hier keinesfalls die Rede – eher trank man „ein Krügel Most, das net vü kost“ …

Das ist ein paar Jahre her. Nach Jahrhunderten der Mostproduktion, in denen die nährstoffreiche Flüssigkeit zum Taufpaten der Region wurde und in denen sie auch prächtige Vierkanthöfe bauen half, war sie zum derben Durstlöscher für die Arbeiter und Bauern geworden, die sich nicht einmal einen sauren Brünnerstraßler leisten konnten. In den 1960er-Jahren wurden im Zug der „Flurbereinigung“ weite Teile der großen Streuobstbestände ganz einfach vernichtet. Was nicht wirklich sehr weitsichtig war, denn immerhin dauert es wieder ganze 20 bis 30 Jahre, bis ein neu gepflanzter Birnbaum gut tragend und wirtschaftlich rentabel ist. Am ehesten haben da die Nachkommen etwas davon.

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Markenzeichen:
die großen Vierkanthöfe
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Moststraßenplan als
ungefähre Orientierungshilfe
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In vier Geschmacksrichtungen,
reinsortig oder als Cuvée
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Wallfahrtskirche am
Sonntagberg

Die Renaissance der Mostbirne und des Birnenmosts ist mittlerweile voll in Schwung. Vielleicht sogar knapp am Kult, mit modernster Kellertechnik und mit allen möglichen Auswüchsen. Allein, dass es jetzt die ehrenwerte Profession des Most-Sommeliers gibt, um die vielen reinsortigen und Cuvée-Fruchtweine zu katalogisieren und wortreich greifbar zu machen, sagt uns einiges. Vielleicht kommt eines Tages ein ganz Schlauer und erfindet eine patentier- und genießbare Mischung aus Most, Safran und Trüffel, das wär was. Einstweilen ist man aber noch bodenständig und wir dürfen uns an köstlichem Birnenzider, Birnensenf und Birnenbalsamessig erfreuen.

Ein besonders eindrucksvoller Eintritt ins größte Obstbaumgebiet Europas wäre zum Beispiel über die Donaubrücke bei Grein und Ardagger, wenn man etwa auf der Uferbundesstraße aus der Wiener oder der Linzer Gegend kommt. Vorbei am MostBirnHaus und am Stift und man ist schon am berühmten Kreisverkehr mit der Riesenbirne in der Mitte. Frühling und Frühherbst sind ideale Jahreszeiten für die Mostvierteltour. Im April überzieht ein feines, weiß-transparentes Tuch aus Millionen Apfel- und Birnblüten die Region. Zirka 200 bis 300 verschiedene Birnensorten gibt es, die Hügel sind geschmückt über mehrere Wochen. Im Herbst betört die kristallklare und würzige Luft.

Wenns nicht gerade nebelig ist. Aber ich hab’ Glück: Auf den Meter genau, als wir beim Mostbauernhof Distelberger vorbeifahren, sticht an einem bitterkalten Vormittag die Sonne durch und wärmt Landschaft und den Motoristen. Ein symbolhaftes Zeichen. Denn der Herr Toni Distelberger ist einer der 19 Mostbarone, die es zur Zeit gibt. Das ist kein Adelsstand aus urdenklichen Zeiten, sondern eine Art kulturell-wirtschaftliche Kongregation von modernen Mostpionieren, die sich um das Wohlergehen der Birne und somit der Region besonders kümmern.

Die Interessensgemeinschaft wurde erst im Jahr 2004 gegründet, das gemeinsame Programm für den Kulinarik- und Genusstourismus ist mittlerweile enorm vielfältig. Dem Herrn Distelberger sitzt der Schalk im Nacken, man kann sich von ihm und seinesgleichen mit dem Mostheber zum Mostritter schlagen lassen, nachdem man zuvor ein gewisses Geschick beim Getränkeverzehr aus dem Mostplutzer bewiesen hat. Die Mostbarone haben aber auch ökonomische Durchsicht bewiesen und lange vor der Währungskrise den Mostbaron-Taler als eigenes Zahlungsmittel in Umlauf gebracht, das weitgehend wertbeständig ist.

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Mostviertler Bauernmuseum
in Gigerreith
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Kein Waidhofen-Besuch
ohne Mehlspeisgenuss
Hier ist man schon mitten im Hügelland, das durchaus tragend und episch, gleichzeitig aber auch sanft aussieht und Leichtigkeit ausstrahlt. Unverwechselbar und anders als etwa die Hügeligkeit im Mühlviertel oder in der Buckligen Welt. Der Vergleich ist strapaziert und kaum eine Region will ihn, doch wir haben hier eindeutig so etwas wie eine Birnentoskana, ein Most Tuscany … Der BMW-Sportroller saugt sich über die Hügel und schlürft sich mit Kraft die Hänge hoch, bergab freut man sich an den perfekten Bremsen und am unerschütterlichen Fahrwerk.

Die als „Moststraße“ bezeichnete Strecke ist 200 Kilometer lang, aber eigentlich ist sie keine Route oder Runde, sondern eher ein netzartiges Geflecht an szenischen Landstraßen. Allerdings ist der vom Tourismusverband ausgegebene Moststraßen-Plan höchst verwirrend, schon nach kurzer Betrachtung des kartographischen Machwerks fühlt man sich so blümerant wie nach fünf Litern Obstwein.

Viel besser, man biegt einfach nach Bauchgefühl in eine der kleinen Nebenstraßen und lässt sich treiben. Die vielen markanten und mächtigen Vierkanthöfe kann man mit ein bisschen Mostviertelgespür sogar als ungefähre Orientierungshilfe verwenden: Meistens wurde früher der Wohntrakt für die menschlichen Bewohner in den Nordteil eingebaut und die Tiere lebten im südlich liegenden Stall, weil sie als als wertvollster Besitz pfleglich behandelt werden mussten. An der Größe des Misthaufens sehen wir dann, ob wir am Vierkanter eines reichen Landwirts vorbeifahren …

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Mostviertel im April:
Birnblüte in voller Pracht
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Josef V. Farthofer erzeugt Edelbrände und
die von ihm kreierte Spezialität „Mostello“
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Einfahrt ins Stift
Seitenstetten
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Die wertvolle Stiftsbibliothek
in Seitenstetten

Auch wenn wir die direkten und nicht so reizvollen Verbindungen zwischen den Städten und großen Ortschaften sonst eher vermeiden – das 20 Kilometer lange kurvige Stück zwischen dem Stift Seitenstetten und Waidhofen an der Ybbs ist eine der Prachtstraßen des Mostviertels: Hügel und Kämme sowohl über als auch unter der Strecke, weite Voralpenblicke und ein bilderbuchtauglicher Vierkanter nach dem anderen, aber trotzdem weit weg genug vom Nachbarn. Bei der Ankunft in Waidhofen gibt’s Panoramasicht auf den Sonntagberg. Die gepflegte historische Innenstadt von Waidhofen ist dem Rollerfahrer höchst sympathisch, man soll direkt zum über 100 Jahre alten Konditorei-Café Erb zufahren und an den besten Backwaren und Mehlspeisen erkennen, dass es im Mostviertel mehr gibt als Birne.

Kuriosum am Rand – nämlich der Wienerwald: Politisch betrachtet reicht das Mostviertel noch über das gesamte Tullnerfeld bis fast an den Kahlenberg. Für den guten, frischen und gesunden Birnmost müssen wir aber schon ins Kerngebiet fahren.


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GUT ESSEN & GUT WOHNEN
053_Mostviertel_klEine besonders hervorragende Kombination aus stilvollem Ambiente und feiner Mostviertel-Kulinarik ist das 1262 gebaute und 2010 renovierte Landhaus Stift Ardagger, unweit der Donau und von Amstetten. Ursprünglich beherbergte es Wohnungen für die Chorherren mit direktem Verbindungsgang in die Kirche und später eine Taverne mit Rosstränke, heute ist der zu der Vereinigung der Schlosshotels & Herrenhäuser zählende Betrieb ein von der Familie Wagner exquisit ausgestattetes Hotel und Haubenrestaurant. Der junge Küchenchef Paul Gürtler bezeichnet seine Linie als „kreative Bodenständigkeit“; regelmäßig gibt es Aktionen wie das „Jung-Gourmetmenü“ um 25 Euro oder das „Haubenmenü zu Wirtshauspreisen“ (fünf Gänge um 38 Euro). Zimmerpreise ab 65 Euro pro Person inkl. Frühstück, Stift 3, 3300 Ardagger, Tel.: 07479/65 65-0; www.landhaus-stift-ardagger.at

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AUSFLÜGE, ATTRAKTIONEN & PRODUZENTEN
054_Mostviertel_klDie „motomobil“-Empfehlungen unter den vielen lohnenswerten Adressen im Mostviertel: Das Mostviertler Bauernmuseum im Mostbauernhof Distelberger ist die größte volkskundliche Privatsammlung Österreichs, Anton Distelberger sen. hat seit 1970 über 17.000 Zeitzeugen aus der Region gesammelt, unter anderem sieht man Kutschen, Trachten, Werkzeuge und eine historische Gemischtwarenhandlung. Im Genussbauernhof & Mostheurigen gleich daneben gibt’s eine Riesenauswahl an Mostgetränken, Edelbränden, Birnbalsamico und anderen Köstlichkeiten von der Birne, Gigerreith 39, 3300 Amstetten, Tel.: 07479/73 34; www.distelberger.at

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Im MostBirnHaus Ardagger erlebt man auf originelle Weise den Weg der Birne von der Blüte bis zum fertigen Produkt und kann ebenfalls Kulinarisches einkaufen, Stift 14, 3300 Ardagger, Tel.: 07479/64 00; www.mostbirnhaus.at. Die Schau- und Edeldestillerie Mostelleria von Josef V. Farthofer (der auch den international prämiert weltbesten Bio-Vodka herstellt) erzeugt ein ganz besonderes Produkt, nämlich den im Holzfass gereiften Birnendessertwein Mostello, 3362 Öhling 35, Tel.: 07475/536 74; www.mostelleria.at


Das vom Stift Seitenstetten betriebene Freilichtmuseum Sumerauerhof ist ein ansehnlicher 056_Mostviertel_klVierkanthof aus dem 17. Jahrhundert mit zahlreichen eindrucksvollen Ausstellungsstücken, Samesleiten 15, 4490 Sankt Florian, Tel.: 07224/80 31; www.lebenimvierkanthof.at. Und das 2012 genau 900 Jahre alt gewordene Benediktinerstift Seitenstetten ist bekannt als der „Vierkanter Gottes“, zu sehen sind Schatzkammer, Bibliothek und andere Juwelen. Auch der barocke historische Hofgarten und der kulinarisch himmlisch-bodenständige Stiftsmeierhof sind besuchenswert, Am Klosterberg 1, 3352 Seitenstetten; Tel.: 07477/423 00-0;
www.stift-seitenstetten.at

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kartenINFOS & WWW
Veranstaltungskalender, Karten, Prospekte, Zimmernachweis und weitere Infos bekommt man beim Mostviertel Tourismus, Adalbert-Stifter-Straße 4, 3250 Wieselburg, Tel.: 07416/521 91; www.mostviertel.info. Viele Spezial-Infos über die Birne, die Barone, Rezepte und Mostheurigentermine findet man auf www.moststrasse.at. Im Frühjahr 2012 ist die prächtige, 304 Seiten starke Dokumentation „Vierkanter – Wahrzeichen des Mostviertels“ erschienen, Autor Heimo Cerny ruft mit faszinierenden Bildern und Beschreibungen die Kulturgeschichte der einstigen „Burgen des Mostadels“ ins Bewusstsein. Um 29,70 Euro zum Beispiel im Stiftsverkauf Seitenstetten oder bestellbar bei Volkskultur Niederösterreich, Tel.:02275/46 60; www.volkskulturnoe.at. Zahlreiche Kochrezepte mit Most oder Birnen findet man auf den Webseiten www.genuss-region.at und www.mostrezepte.at




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