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LANDPARTIE 10

MIT DEM ROLLER RUND UM DEN SEMMERING


Text: Andreas Amoser
Fotos: Andreas Amoser, Erich Kodym, Franz Zwickl

DER ERSTE BERG

Unter einer Bröselbrücke führt der Weg zu hohem Lebensglücke


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Kommst du von Westen, Wandersmann,
auf dem Weg in die pannonische Tiefebene, ist der Semmering dein letzter Berg. Kommst du aus Wien, auf der Flucht aus dem ebenen Einerlei, ist der Semmering dein erster Berg. Und wer, so wie ich, am Semmering aufgewachsen ist, bewahrt diesen Berg in seinem Herzen, von seinem ersten bis zu seinem letzten Tag.

Eine Berglandschaft aus dem Bilderbuch, abenteuerlustige Hügel, verschlafene Waldhänge und geheimnisvolle Rinnen räkeln sich unter dem wachsamen Blick schroffer Felswände. In der Allgegenwart von kristallklarem, tropfendem, murmelndem und plätscherndem Wasser erwacht das Land zu sinnlichem Leben, der intuitive Besucher erfühlt die Harmonie des Semmeringgebietes mehr als seelenvolle Wesenheit denn als bloß physisches Panorama. Knappe 80 Autobahnkilometer trennen den Semmering von Wien. Eine entspannte Stunde Fahrzeit auf die Terrasse der Großstadt, wo die Luft mild und heilsam, die Umgebung wildromantisch und die Atmosphäre von positiver Energie aufgeladen ist.

Früher war halt alles anders (ein Bonmot weinseliger Unterhaltung): In den Zeiten früher Motorisierung klinkte man sich in die Bundesstraße 17, die Triester Straße ein, kehrte lange vor Erstehen der Shopping City Süd bei Butter's Backhendlstation ein, um für die Fährnisse auf der langen Reise gerüstet zu sein, hielt dann noch einmal in Traiskirchen an, um Wasser in den Kühler und ein Glas Veltliner in die Kehle zu schütten und klammerte sich danach an die Hoffnung, der Motor möge auf der nach Neunkirchen stetig ansteigenden Straße nicht überhitzen. Mit Bau der schnurgeraden Neunkirchner Allee war nicht nur eine Abkürzung auf dem Weg zum Semmering, sondern auch eine recht opferreiche Rennstrecke geschaffen.

Schon zu Kaisers Zeiten war der Semmering ein beliebter Wintersportort
Schon zu Kaisers Zeiten war der
Semmering ein beliebter Wintersportort
Immer reiches Kulturprogramm in Reichenau an der Rax
Immer reiches Kulturprogramm
in Reichenau an der Rax
Wanderparadies mit vielen geheimnisvollen Rinnen und Gräben
Wanderparadies mit vielen
geheimnisvollen Rinnen und Gräben
Letzte Inspektion in Weißenbach
Letzte Inspektion
in Weißenbach

Alles war Kirtag in jenen Tagen,
als man keine erlaubte Höchstgeschwindigkeit kannte, die Funktion eines Sicherheitsgurtes nur wenigen Menschen bekannt war und frisierte DS-50-Mopeds von Puch mit fellbespannten Easy-Rider-Rückenlehnen an Gendarmen im VW Käfer vorbeifuhren. Schließlich wurde die Südautobahn bis Seebenstein verlängert, der Semmering bekam seine ungestümen Kurven und wurde von heftig rauchenden Lkw, ambitionierten Rennfahrern und infernalisch lauten Motorrädern gebrandschatzt. Unten, zwischen den Felswänden in Schottwien – wo die eigentliche Steigung des Semmerings beginnt –, konnte man kaum mehr über die Straße gehen oder gar auf einen Lebensabend ohne Lungenprobleme hoffen. Erholen konnte sich „die Durchfahrt“ des Semmerings erst mit dem Bau der notorischen Bröselbrücke über Schottwien und dem anschließenden Tunnel unter dem Pass.

Atemberaubende Viadukte prägen die Landschaft
Atemberaubende Viadukte
prägen die Landschaft
Nach dem verkehrstechnischen Sündenfall der Vergangenheit erscheint es heute umso reizvoller, der Region in großer Beschaulichkeit mit dem bequemsten aller Roller die Aufwartung zu machen. So treiben wir auf der S6 bis zur Ausfahrt Gloggnitz, um bei der ersten Ampel zu entscheiden, ob wir die Region im oder gegen den Uhrzeigersinn erkunden wollen. Ich persönlich schätze den dramaturgischen Aufbau von Schottwien über Maria Schutz auf die Passhöhe, dann über den alten Semmering in die Adlitzgräben und als Höhepunkt der Einzug in Reichenau, dem energetischen Herz des Gebietes.

Ja, was wissen denn die heutigen Herrschaften von Geomanten und den Energien der Erde – im Mittelalter und teilweise in der Antike wurden Kraftlinien und energetische Phänomene beim Stadtbau sehr wohl berücksichtigt. So manche Kirche steht auf energetisch geladener Stelle. Das Wissen – oder der Aberglaube – um solche Dinge ging soweit ins Detail, dass der Altar möglichst nahe zur höchsten Energiekonzentration gebaut wurde. Für die besseren und wichtigeren Bürger, die bei der Messe ganz vorne zu finden waren, gab's also eine gute Dosis positiver Energie. Und für die Armen und Unwichtigen, die weiter hinten ihre Hände falteten, wurde der Weihrauchkessel entzündet, was die Raumenergie kurzfristig anhebt. Solchermaßen positiv aufgeladen verließen die Schäflein den Ort der Handlung und bestätigten die ewige Regel des Detailhandels: Zufriedene Kunden kommen wieder!

Wir lassen uns auf unserem Umweg nach Reichenau, dem Stonehenge des Semmerings, nicht von energetischen, vielmehr von technischen Einrichtungen leiten und folgen dem immer wieder sichtbaren „Finger am Sonnwendstein“, dem riesigen Sendemast am südlichen Wachturm der Region, der an klaren Tagen sogar von Wiener Neustadt aus zu erkennen ist. Umsichtige Chauffeure beginnen die Besteigung des Semmerings mit einem kurzen Fahrzeuginspektion beim ÖAMTC-Stützpunkt Weißenbach, wo für den technischen Ernstfall E-Räder zum Erwerb angeboten werden. In der Linkskurve in Schottwien, streng bewacht von der im 12. Jahrhundert in die Felsen des Heubachkogels gebauten Festungsanlage Klamm, finden wir die Abzweigung in die unteren Adlitzgräben. Ein Netz landschaftlich erfüllender Nebenstraßen, die bei richtiger Handhabung der Karte bis zur Hochstraße des alten Semmerings vorstoßen.

Zu den schönsten Aussichtspunkten der Gegend kommt man am Bahnwanderweg
Zu den schönsten Aussichts-
punkten der Gegend kommt
man am Bahnwanderweg
Wir bleiben aber auf der Hauptstraße, um in der auf das 14. Jahrhundert zurückgehenden Pfarrkirche Schottwien den Segen des Herrn für die unmittelbar bevorstehende Durchfahrt unter der Bröselbrücke zu erbitten. Nach Fertigstellung im Jahr 1989 lösten sich Betonteile von dem 130 Meter hohen Talübergang der S6 und schürten bei den Anwohnern die Furcht, der Himmel könnte ihnen auf den Kopf fallen. Als die Sitten noch roh und die Motorräder laut waren, war der Ortsausgang Schottwien gleichbedeutend mit der schwarz-weiß-karierten Flagge. Eine lange Bergaufgerade führte zur ersten Spitzkehre der Semmeringstraße, und die Abzweigung nach Maria-Schutz markierte bei hastiger Annäherung in etwa den richtigen Bremspunkt. Dank der S6 konnte man die vierspurige Kurvenstraße wieder der Natur übergeben, geblieben ist der besinnliche Weg durch Göstritz nach Maria Schutz.

Etwas Vorsicht ist freilich in der nach dem besten Spengler der Gegend benannten „Gaupmann-Spitzkehre“ über den Schlaglbach angezeigt, wo der Asphalt auf der Brücke heimtückisch sein kann, so man nicht die Piaggio-Gnade des doppelten Vorderrades empfangen hat. Ein Besuch der Wallfahrtskirche Maria Schutz mit angeschlossenem Passionisten-Kloster zählt zur unerlässlichen Pflicht des Semmering-Programms. Im Gang hinter dem Tabernakel findet der Besucher ein Becken mit reinstem Quellwasser, das „Heilige Bründl“, dessen wundersame Heilkraft wieder und wieder in den Wallfahrtsbüchern bezeugt wird.

Nur hundert Meter von der Kirche entfernt lädt der Gasthof Auerhahn zu delektierlichem Mittagsmahl. Besitzer und Chefkoch Rudi Rumpler verdiente seine Hauben auf Kreuzfahrtschiffen, bevor er am Semmering seine alte Heimat wiederfand und 2007 mit dem „besten Beuschl der Wiener Alpen“ ausgezeichnet wurde. Solchermaßen gestärkt geht es weiter bergan zum ehemaligen Wirtshaus Bärenwirt, hinter dem man sowohl in die Adlitzgräben als auch zum Eselstein gelangt, von wo aus Karl Ritter von Ghega einen großen Teil der Semmeringbahn plante. Genau hier stürzt man kopfüber in die farbenreiche Vergangenheit des Semmeringgebietes: Im Revolutionsjahr 1848 als Arbeitsbeschaffungsprojekt beschlossen, war die Planung der Route über den Semmering dem Technikverständnis ihrer Zeit weit voraus. In den Zeitungen als „Verirrungen des menschlichen Geistes“ abgetan, schaffte es Ghega trotz erheblicher Probleme, die Trasse innerhalb von fünf Jahren fertigzustellen. Von da an waren die ärgerlichen Worte von Franz Grillparzer zur alten Semmeringstraße Vergangenheit: „die Wildnis, die Semmering heißt und die zu durchreisen ich als schauerliche Marter empfand …“

Pfarrkirche Schottwien, Segen vor dem Unterqueren der Bröselbrücke
Pfarrkirche Schottwien, Segen vor
dem Unterqueren der Bröselbrücke
Das kaum bewirtschaftete Südbahnhotel ist Zeugnis einer glorreichen Vergangenheit
Das kaum bewirtschaftete Südbahnhotel
ist Zeugnis einer glorreichen Vergangenheit

Mit der Bahn kam die k. u. k. Aristokratie;
leitende Beamte, Großbürgertum, Kunst und Adabeis folgten. Mit Ausbau der Bahnstationen entstanden die ersten Hotels und wer in Wien etwas sein wollte, musste am Semmering sein eigenes Schloss oder die eigene Gründerzeitvilla im Heimatstil errichten. Die Hotel- und Villenkolonie am Semmering mit ihren überzogenen Historismus-Elementen und der von alpiner Architektur inspirierten Formensprache folgte teilweise dem Baustil der Hotels im damals österreichischen Abbazia, dem heutigen Opatija, und erheitert uns kulturlose Rollervagabunden im Vergleich mit Schloss Disneyland. Im Sprachgebrauch der Einheimischen heißt „Semmering“ alles das, was sich um die Passhöhe herum anordnet. Weiter hinten auf der Hochstraße, spätestens beim Hotel Panhans, beginnt der alte Semmering mit seinen Kurhäusern, Konditoreien, Villen, Wanderwegen und einer Menge verfallener Gebäude.

Wir verharren einige Minuten auf der Passhöhe am Parkplatz des Hirschenkogels, wo sich im Sommer die verwegensten Mountainbike-Downhill-Fahrer ein Stelldichein geben. Es sieht aus wie im Fahrerlager einer Rennstrecke, die schauerlichen Schreie der Gestürzten auf der Piste gehen durch Mark und Bein. Schnell verlassen wir den rohen Platz, um im Café und Restaurant Löffler bei Tee und Kuchen unseren Seelenfrieden wiederzufinden. Im Zuge des neuen Erwachens des Semmerings – sein viertes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – hat sich der Löffler zum Do & Co der Region gemausert. Man wird hier gesehen. Und man sieht. So zum Beispiel das Panhans oder die Schleppliftstützen der Puschlmayer-Wiese, auf der ich einst das edle Handwerk der Brettlführung erlernte.

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