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LANDPARTIE 5

DIE JÄHRLICHE RBO OLDIE TOUR


Text & Fotos: Franz Farkas

TAGE DES NEBELS

Franz Farkas sattelt seine nicht mehr ganz junge 125er-Puch und fährt ganz langsam durch ganz Österreich. Oder: Man trifft die nettesten Leute auf einem Oldtimer



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zum Autor


FRANZ FARKAS ist Urgestein der österreichischen Zwei-
radszene. Als Fachjournalist mit jahrzehntelanger Erfahrung ist er im Automobil- als auch im Zweiradgeschehen gleicher-
maßen sattelfest und hat in allen wichtigen deutsch-sprachigen Medien publiziert. Als gelernter Elektrotechniker beobachtet er die neue E-Mobilität mit besonderem Interesse

„Willst du auf meine Oldtimer-Tour mitfahren?“
Manfred Cyran, seines Zeichens der engagierteste Tourguide diesseits und jenseits der Donau, duldet keinen Widerspruch. Irgendwie wollte ich immer mitfahren, doch die Worte „Oldie-Tour“ wirken doch etwas abschreckend. Natürlich sind sie auf die Zweiräder bezogen, doch wer will schon ein „Oldie“ sein? Trotzdem, meine gute alte Puch steht sich ohnehin die Reifen in der Garage platt. So willige ich ein, ganze acht Tage lang quer durch Österreich zu ziehen.

Die Untersätze meiner Mitfahrer sind – wie meiner – durchwegs aus heimischer Produktion. Genauer gesagt von Puch aus Graz, einer der ältesten Motorradfirmen der Welt, die 1987 unrühmlich ihr Ende fand. Die Baujahre bewegen sich zwischen 1954 und 1971, wobei die jüngste die meine ist. Und auch die schwächste im Feld. Es ist eine sogenannte „M“ mit einem eigentlich schon modernem Zweitakt-Einzylinder, während die anderen Bikes mit dem legendären Puch-Doppelkolbenmotor versehen sind. Auch haben sie fast alle doppelt soviel Hubraum wie mein superökonomischer Achtelliter. Die Piloten sind Jahrgang ’38 bis ’65. Wobei 60 plus dominiert.

Als ich das erste Mal die Tour sehe, die vor mir liegt, bin ich mir sicher, dass wir alle mit dem Reisezug, mit dem wir gerade nach Feldkirch fahren, auch wieder heimkehren werden. Geplant ist freilich etwas anderes: von Feldkirch aus einige Abstecher in die Schweiz und auf umliegende Berge, dann via Tirol, Salzburg, die Steiermark und Niederösterreich zurück ins heimische Korneuburg, dem Stützpunkt des mitreisenden Puch-Gurus Hermann Stöckl. Seine Anwesenheit beruhigt etwas, auch wenn auf der langen Zugfahrt des Öfteren von fürchterlichen Steckreibern, von Bremsversagen und ähnlichem die Rede ist … Die Strecke ist gespickt mit Bergprüfungen aller Art – sicher das Richtige für meine 8,8 kW (12 PS) und mein Gewicht, das das der 125er locker übersteigt.

Auf der Zillertaler Höhenstraße. Wir haben es geschafft!
Auf der Zillertaler Höhenstraße.
Wir haben es geschafft!
Vor dem Anstieg auf die Silvretta
Vor dem Anstieg
auf die Silvretta
Silvretta, und es fängt bald wieder zu regnen an
Silvretta, und es fängt
bald wieder zu regnen an
Der Sticker beweist: Die Puch war schon am Vrsic-Pass!
Der Aufkleber beweist: Die Puch
war schon am Vrsic-Pass!

Etwas müde kommen wir in Feldkirch an und begeben uns sofort zur Bleibe, wo die Motorräder schon im Lkw warten. Auch Chauffeur und Tourguide Manfred ist nach der langen Fahrt nicht gerade gesprächig – wir können ihn aber samt seinem Kompagnon zu einer kurzen Ausfahrt überreden. Sie begleiten die Tour mit ihren neumodischen BMWs als Geleitschutz. Schon an der ersten Steigung wird mir klar, was mich erwartet. Im ersten Gang, zuweilen im zweiten, quäle ich mich ich den Berg hinauf. Das Vierganggetriebe hat nicht immer den richtigen Anschluss bereit und erfreut mit ellenlangen Schaltwegen. Unglaublich, aber wahr: Die Puch hält locker durch, genauso wie die Fahrzeuge meiner Mitstreiter.

Wieviel PS hat denn das?
Wieviel PS hat denn das?
Das Pannenpech ereilt uns Menschen: Am nächsten Tag beschließen Hermann und ich, eine Pause einzulegen, weil wir uns ernsthaft verkühlt haben. Wir suchen einen Arzt gleich in der Nähe heim. Nach kurzem Gespräch über Woher und Wohin lässt der gute Doktor seine anderen Patienten im Warteraum sitzen, um uns seine Garage zu zeigen. Neben einer schönen 600er-BMW aus den Siebzigern findet sich auch eine Puch MV 50, die sogenannte „Stangl-Puch“, auch „Postlermoped“ genannt. Sie sei krank, erklärt uns der Mediziner betrübt. Wir nehmen sie – inklusive einiger Medizin für uns – glatt mit, um sie wieder zum Laufen zu bringen. Ich bewundere Hermanns Optimismus, doch er behält Recht: Während der Rest der Gruppe sich nach einem morgendlichen Regenguss auf die Tour in Richtung Bregenzer Wald begibt und ich mich der Elektrik meiner Puch widme, klopft er seelenruhig einen Kübel Rost aus dem Tank des Mopeds, wäscht ihn aus und befüllt ihn mit Treibstoff. Nach zwei, drei Tritten läuft der kleine Motor wieder. Natürlich sehr zur Freude seines Besitzers, der es am Abend gar nicht erwarten kann, ein paar Runden zu drehen.

In Feldkirch-Gisingen besuchen wir das kleine Puch-Museum von Elmar Wehinger und Wolfgang Weber. Das Glanzstück ist eine der raren Puch 800 aus den 1930ern mit Vierzylinder-Boxer-Motor, aber auch eine Versuchs-Monza, die mit 50-Kubik-Motor immerhin 160 Stundenkilometer lief, ist ausgestellt. Tags darauf geht’s in die Schweiz auf die Schwägalp. Überraschenderweise hält meine kleine Puch locker mit, nur die Überholmanöver sind – zumindest bergauf – etwas gewagt. Doch egal – einmal angekommen sind wir die Helden am Berg und so manch einer der Touristen schüttelt ob unseres Gipfelsturms ungläubig den Kopf. Ich falle erschöpft um neun Uhr ins Bett und frage mich, warum ich mir das angetan habe.
Nächste Runde wieder in Vorarlberg: über Bludenz, Zürs und Lech in die absolute Höhe, auf den Arlberg. Weiter über den Schröcken, über Au und Bezau zurück nach Feldkirch. Trotz schlechter Wettervorhersagen bleiben die Regenkombis im Tankrucksack und die betagten Puchs lassen sich von den Steigungen nicht beeindrucken. Lediglich Sprit- und Ölverbrauch steigen, hier sieht man den Fortschritt der letzten Jahrzehnte am deutlichsten. Neben dem der Bremsen: Bergab wird man mit den einfachen Trommelbremsen nur langsam langsamer, echte Verzögerung lässt auf sich warten. Dabei hat meine M sogar die großen Stopper der 250 SGS. Fahrwerkstechnisch brauchen sich die Puchs auch heute nicht zu verstecken, zumindestens bergab halten wir mit den meisten anderen Motorradtouristen mit.

Es folgt die Königsetappe über die Silvretta. Das Wetter ist – wie bereits gewohnt – bescheiden. Und vor allem kalt. Wir trösten uns damit, dass die luftgekühlten Motoren so wenigstens nicht überhitzen, und wirklich, es gibt keine technischen Probleme. Im Kaffeehaus am Stausee herrscht fast so etwas wie Après-Ski-Feeling, nur dass draußen unsere Oldies parken. Ich klebe voller Stolz den Silvretta-Sticker auf den Seitendeckel meiner Puch, immerhin hat sie mich hier heraufgeschleppt. Nach einem heißen Tee hinunter nach Tirol, um dann – von der anderen Seite – wieder einmal den Arlberg zu bezwingen.

Basis-Kochkurs in der Steiermark
Basis-Kochkurs
in der Steiermark
Schweizer Freunde beraten uns in Feldkirch
Schweizer Freunde
beraten uns in Feldkirch

Nach erholsamer Nacht soll unser Hauptquartier nach Tirol verlegt werden,
nach Strass im Zillertal. Bereits am Morgen: Regen! Die Retourfahrt über den Arlberg ist alles andere als ein Vergnügen: Ein entgleister Zug zwingt uns von der Bundesstraße auf die Autobahn. Kein Honiglecken mit unseren behäbigen Gefährten, mehr als 60 Stundenkilometer Schnitt ist einfach nicht drin. Das dicke Ende kommt im Kühtai, das wir als „Zuckerl“ mitnehmen wollten: Schon bald fällt derartig dicker Nebel ein, dass wir nicht einmal den Straßenrand erkennen können, geschweige denn die Rücklichter unserer Vordermänner. Meine (von einem Moped abstammende) 6-Volt-Anlage ist ohnehin drehzahlabhängig. Bergab vor einer Kehre bedeutet das: Gas weg, Licht weg! Noch mehr Angst haben wir vor den in Massen auftretenden Holländern, deren Erfahrung am Berg im Allgemeinen und mit langsamen Oldtimern im Besonderen schlicht nicht vorhanden ist.

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Puch-Guru Hermann Stöckl von RBO …
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… und seine kräftige 250er SGS vor Publikum
Irgendwo in der Steiermark
Irgendwo in der Steiermark
Karl in Aktion
Karl in Aktion