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LANDPARTIE 2

ESSEN SUCHEN IM WIENERWALD


Text & Fotos: M. Bernleitner

DAS KÖRBERL BITTE

Per Oldtimer-Roller testen wir das „Konzept der Nähe". In nur 14 Kilometer Luftlinien-Entfernung zum Stephansdom hupfen lustige Hendln und muhen freundliche Kühe



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Eine Fleischerei mit Leckerbissen, die nur Samstagvormittag offen hat?
Legefrische Eier, die man selber aus dem Nest klauben kann? Frischer Apfelsaft zur Selbstentnahme; aromatische Muskatkürbisse fürs herbstliche Kürbisgulasch – die manchmal auch ein paar hundert Meter weiter zum Gault-Millau-gelobten „Edelbrand des Jahres" verarbeitet werden; hausgemachte Marmeladen; Imkerhonig ... Ja, das gibt's wirklich, direkt an der Wiener Stadtgrenze.

Der letzte Greißler im Unterdorf hat vor etlichen Jahren zugemacht.
Immerhin wird der Lebensmittelverkauf im Tanzcafé Christine noch bewirtschaftet. In der Gemüseabteilung des nächstgelegenen Supermarkts fällt der bereits wochenalte grüne Paprika durch sein Eigengewicht in sich zusammen – aus dieser Perspektive wäre die Versorgungssituation apokalyptisch.

In Wahrheit ist es paradiesisch: Das „Konzept der Nähe" funktioniert.
In einer kleinen Rollerrunde ist das Körberl voll. Die besten bekannten und geheimen Lebensmittelproduzenten des nordwestlichen Wienerwalds liegen ein paar Meter auseinander, es sind kulinarische Juwelen am Straßenrand. Wir beginnen die Einkaufstour in Chorherrn, dort wo sich die abfallenden Hügel ins flache Tullnerfeld verlaufen. Köstlicher – und angeblich so gesunder – Himbeersturm ist die Verlockung des Spätsommers, es gibt ihn manchmal sogar bis Anfang November. Und das zu Literpreisen, die um Eckhäuser unter denen der teuren Säfte liegen, die an den Spezialstanderln etwa am Wiener Rochusmarkt oder am Naschmarkt feilgehalten werden.

Herr Hildebrand Patzak erntet seine Himbeeren im Retzer Land im Weinviertel.
Weil er aber in Chorherrn wohnt, gibt es hier am Donnerstag, Freitag, Sonntag und Montag einen feinen Straßenverkauf: Früchte, Sirup, Marmeladen, allerhand Gemüse aus dem Garten ... Der Himbeersturm will sorgfältig ins Körberl eingeschlichtet werden, damit er während der Reise am Gilera Runner nicht rumort oder sich gar wieder verflüchtigt. So kommen wir in den Weinort Königstetten, zu „Europas bester Blutwurst". Die „Tullnerfelder Kaiserblunz'n" wird im kleinen Metzgerei-Familienbetrieb Gutscher nach überliefertem Hausrezept hergestellt. Der Medaillenspiegel der dunklen Würste ist nahezu endlos, jedes Jahr hagelt es irgendwo in Europa Auszeichnungen. Und sogar die „Bruderschaft der Blutwurstfeinschmecker Frankreichs" bemühte sich nach Königstetten, um Karl Gutscher zum „Blunz'nritter" zu schlagen.

„motomobil“-Grafikdesignpapst Ossi Kubinecz bekommt von Herrn Gutscher senior die Geschichte der legendären Blutwurst erzählt
„motomobil"-Grafikdesignpapst Ossi Kubinecz
bekommt von Herrn Gutscher senior die Geschichte
der legendären Blutwurst erzählt
Jeden Samstag Vormittag wird hier natürlich auch nachbarschaftlicher Tratsch ausgetauscht
Jeden Samstag Vormittag wird hier
natürlich auch nachbarschaftlicher
Tratsch ausgetauscht


Das allein wär's aber noch nicht. Ein Kuriosum der ganz besonderen Art ist die blitzsaubere Fleischereifiliale der Gutschers im kleinen Weiler Unterkirchbach zwischen Dopplerhütte und Maria Gugging, die ausschließlich am Samstag vormittag zwischen acht und zwölf aufsperrt. Die Stammkundschaft schwört auf Service und Qualität. Hier treffen wir auf Herrn Gutscher senior, der mit seinem Einsatz die Nahversorgung aufrecht erhält: „Wir nennen uns nicht Blunz'nkaiser oder unsere Blutwurst Kaiserblunz'n, weil wir so eingebildet darauf sind. Nein, meine Familie hat den Betrieb im Jahr 1935 von Fleischermeister Johann Kaiser übernommen, und mit ihm das Rezept. Das ist bis heute unverfälscht und geheim. Semmelwürfel, Zwiebel, Granderwasser, Naturgewürze. Und erstklassiges Fleisch." Ins Körberl kommen noch das Hausgeselchte und die legendäre Tullnerfelder Kirtagsbratwurst – die so feinsinnig und suchterzeugend gewürzt ist, dass Gutscher mit ihr das Monopol bei allen Feuerwehrfesten der Region hält.

Der gewichtige, fleischige, saftige Kürbis muss unter die Sitzbank,
ins Helmfach des historisch wertvollen Gilera Runner: Im unteren Ortsteil von Hintersdorf sind – je nach Jahr – zwischen 300 und 400 verschiedene Kürbissorten zu haben, Speisekürbisse und Zierkürbisse. Weil die regelmäßige Kürbisschau beim Franzlbauer (Ende August bis Ende Oktober) an den Wochenenden ein Kürbiskulinarium mit Schmankerlbuffet bietet, wurde der Platz in den letzten zehn Jahren zur Pilgerstätte für frischlufthungrige Ausflugskolonnen. Mitnehmen kann man unter anderem Rezepte und Tipps, Kürbisbier, Kürbisschokolade, Kürbismarmelade, Kürbislikör und Kürbisschnaps. Beim nächsten Mal nehmen wir zusätzlich zum Körberl auch einen Rucksack mit.

Himbeerkulinarik an der Kante zum Tullnerfeld: Neben den roten Köstlichkeiten wartet frisches und eingelegtes Gemüse am Wegesrand
Himbeerkulinarik an der Kante zum Tullnerfeld:
Neben den roten Köstlichkeiten wartet frisches
und eingelegtes Gemüse am Wegesrand
Die jährliche Kürbisschau beim Franzlbauer ist der herbstliche Publikumsmagnet. 300 bis 400 verschiedene Plutzer-Sorten können hier bestaunt und gekauft werden
Die jährliche Kürbisschau beim Franzlbauer ist der
herbstliche Publikumsmagnet. 300 bis 400 verschiedene
Plutzer-Sorten können hier bestaunt und gekauft werden