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ROLLER-REISE

ÜBER DIE ALPEN NACH SARAJEVO UND MOSTAR


Text & Fotos: Leonardo Lucarelli
 

BALKAN PRIMAVERA

Sieben Tage, sechs Nächte, 2000 Kilometer und nur 500 Euro: Zwei Vespa-Fans und ein betagter Roller auf dem Weg nach Sarajevo und Mostar – balkanesischer Frühling auf einem Oktoberausflug. Wenn Reisen kein Privileg ist, sondern eine Leidenschaft


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lucarelli braunEs ist eine der Geschichten, die weit in der Vergangenheit beginnen, bevor sie richtig in Schwung kommen. Sie beginnt mit meinem uralten Wunsch nach einer eigenen Vespa. Und es sollte keine „normale“ Vespa sein, sondern eine Primavera 125, die mich von meinem Heimatort im Veneto durch das Hinterland in Bosnien-Herzegowina nach Mostar bringen sollte. Und natürlich wieder retour, entlang der kroatischen Küste.

2000 Kilometer Berg- und Küstenstraßen, Auf und Ab und unzählige Haarnadelkurven. Warum der ganze Aufwand mit einem Vintage-Roller? Vielleicht, weil ich mir beweisen wollte, dass es beim Reisen vor allem um das Fahren geht, und dass man als Motorradfahrer nicht immer nur danach trachtet, viel Kraft, Technologie und Elektronik mit an Bord zu haben. Nostalgische Sehnsucht? Ganz sicher nicht – ich habe Vespa immer gemocht und ich wollte ganz einfach wissen, ob es auch Spaß macht, mit so etwas auf große Tour zu gehen. Das war der Ausgangspunkt.

Ich fand schließlich meine Vespa und restaurierte sie. Die Karosserie richtete ich selbst her, für den Motor erbat ich die Hilfe von Denis Innocente, dem ruhmreichen Vespa-Piaggio-Guru, durch dessen begnadete Hände so viele Zweitaktmotoren für den Wettbewerbseinsatz gegangen sind. Mit ein bisschen Geld und einem Jahr Geduld ist meine Vespa Primavera dann fertig für die Reise. Auch das Ziel ist klar. Das einzige, was mir noch fehlt, ist der richtige Reisepartner. Nach drei Telefonaten sind Valentino und ich fertig für die Abfahrt. Ich habe Valentino noch nie zuvor getroffen, er ist der Freund eines Freundes. Aber er hat lange Zeit verschiedene Vespas besessen und ist damit auch gereist. Perfekt, wir können endlich den Gang einlegen.

Wir verlassen Asiago und nehmen die tausenden Spitzkehren in den bellunesischen und friaulischen Dolomiten in Angriff. Im Val Cellina genießen wir den Anblick der hübschen Kirchen und kleinen Ortschaften, schließlich erreichen wir Udine im Kanaltal und überqueren den östlichen Zubringer der Autostrada del Sole. Wir übernachten im slowenischen Cerkno, nach 290 Kilometern und zehn Stunden Fahrt. Noch knapp vor dem Etappenziel ereilt uns das erste Missgeschick: Ein platter Reifen. Glücklicherweise hat eine alte Vespa ein Reserverad in der Seitenbacke, das ist schnell getauscht, und so können wir uns der Reparatur später widmen.

Am Morgen darauf gibt’s die nächste Überraschung: Die Primavera macht „Puff“, und der Motor stirbt ab. Der Ansaugkrümmer zum Vergaser ist gebrochen. Das ist jetzt etwas Gröberes. Wir brauchen eine Gelegenheit, das Teil zu schweißen. Es ist Samstagvormittag, und ich beginne schön langsam zu begreifen, dass wir Teil eines Abenteuers geworden sind. Schließlich finden wir einen Schweißer. Er spricht kein Wort Englisch, aber wir verstehen uns – nach ein paar Stunden sind wir wieder zurück im Sattel.

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Wir sind guter Dinge und wissen noch nicht,
welche Abenteuer auf uns zukommen werden
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Vorerst einmal der Genuss
von hunderten Kurven
 
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Wir betreiben ein bisschen Exorzismus,
damit dieser Fluch nicht wahr wird
Die Route 102 nach Logatec hat perfekten Asphalt und herrliche Kurven, ein Paradies für Zweiradfahrer. Nach der kroatischen Grenze wird es etwas enger, aber der Kurvenspaß bleibt. Unser Gepäck ist vor allem am vorderen Gepäckträger, das ist gut für die Gewichtsverteilung. Wir fallen von einer Schräglage in die andere, bremsen und beschleunigen wieder, und am Abend sind wir uns darüber einig, dass es beim Zweiradfahren vor allem um die Erkenntnis der Grenzen des Fahrzeuges und den Respekt vor ihm geht. Man kann mit einer Vespa tatsächlich Spaß haben, auch wenn man nur 70 Stundenkilometer fährt.

Vor der Übernachtung in Karlovac kümmern wir uns ein bisschen um das gleichnamige Bier, berühmt nicht nur am gesamten Balkan. Bei Novi Grad fahren wir über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina, nicht ohne kurz vorher noch kroatischen Polizisten in die Hände zu fallen: Sie entscheiden sich für eine Bestrafung, weil wir das Licht des Rollers versehentlich nicht eingeschaltet haben. Keine Diskussion, das kostet 40 Euro und reißt ein Loch in unser kostenbewusstes Reisebudget.

Richtung Prijedor und Banja Luka haben wir dann das einzige gerade und etwas langweilige Teilstück unserer gesamten Fahrt. Ich weiß nicht, wie sich die Vespa bei langer Vollgasfahrt verhält, und so bleibt meine Hand immer am Kupplungshebel, um bei Überhitzung und einem Kolbenklemmer rasch eingreifen zu können. Die Kunst des Zuhörens ist eine weitere Lektion, die mich meine Vespa lehrt. Sie ist nicht nur ein Fahrzeug, ein Vehikel, sondern sie ist ein Reisegefährte. Nach einigen hundert Kilometern lerne ich, sie zu verstehen und nicht zu verärgern. Das ist die einzige Möglichkeit, vorwärtszukommen.



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Der Vergaserkrümmer ist kaputt. Zumindest haben
wir zum Ausbauen das Werkzeug mit dabei
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Gesucht und gefunden: Schweißerwerkstatt
am Samstagvormittag
 
Nach Banja Luka kommt wieder eine wunderbare Route: Die E661 entlang dem Vrbas, einem Nebenfluss der Save, der sich durch eine sonnenerleuchtete Felsschlucht windet. Tagesziel ist Travnik, der Geburtsort des jugoslawischen Literaturnobelpreisträgers ‪Ivo Andrić‬, der mit „Die Brücke über die Drina“ weltberühmt wurde. Wir sind hundemüde. Travnik ist gespenstisch still, und kein Mensch, den wir ansprechen, versteht Englisch. Erst ein 14-jähriges Mädchen und seine Mutter, denen unsere Vespa gefällt und unsere Orientierungslosigkeit aufgefallen ist, reden uns auf Englisch an. Wir sind in einer Fußgängerzone, deswegen die Ruhe, und ja, es gibt ein einziges Hotel in der Stadt.

Sie wollen uns den Weg zeigen,
wir schieben die Vespa. Doch dann erklären sie uns ihren Wunsch, dass wir ihre Gäste sein sollten. Wir sind überrascht und berührt. Es ist eine arme Familie, beide Elternteile sind ohne feste Beschäftigung. Wir bekommen das winzige Kinderzimmer zur Übernachtung angeboten und obwohl wir lieber in unseren Schlafsäcken am Teppich liegen würden, müssen wir es annehmen, sie sind unendlich gastfreundlich und herzlich. Es wird eine lange Nacht mit viel Essen, Kaffee, Zigaretten und Reden über Gott und die Welt – ein unerwartet tiefer Einblick in den Alltag in Bosnien-Herzegowina, zwanzig Jahre nach dem jugoslawischen Homeland War.

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Auf fast der gesamten Reise fallen
wir von einer Kurve in die andere
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Wackelige Brücke über die Soca, wie
der Isonzo in Slowenien heißt
 
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Echte Gastfreundschaft: Eine Familie
in Travnik offeriert uns ihr Heim
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Immer wieder findet man in Bosnien ausgeschlachtete
Lkw-Züge und verlassene Eisenbahnwagons
 
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Endlich! Halbzeit
unserer Rollerreise
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Das Zentrum von Mostar ist wunderbar restauriert, aber
an der Peripherie gibt es noch immer viele Kriegsschäden
 

In Sarajevo verbringen wir den gesamten nächsten Tag mit einer umfangreichen Sightseeingtour. Die Stadt ist eine faszinierende Mischung aus Ost und West, mit orientalischem Zentrum und dem farbenprächtigen türkischen Basar ‪„Baščaršija‬“. Viele Gegensätze und scheinbare Widersprüche begleiten den Besucher in Sarajevo auf Schritt und Tritt, die vielen mittlerweile wieder restaurierten Architektur- und Kulturdenkmäler sind jedenfalls sehenswert.