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ROLLER-REISE

EIN BISSCHEN L. A., MALIBU & RUNDHERUM


Text: Andreas Amoser
Fotos: Andreas Amoser, Alessio Barbanti, Tom Riles, Michael Bernleitner

„HUMALIWO“

„Von wo man die Brandung hören kann“ nannten die Chumash-Indianer ihr Land an der Küste des Pazifik, das heute die Reichen und Schönen magisch anzieht. Im Sattel des Yamaha T-Max reiten wir durch Geschichte, Glanz und Kurven von Malibu


027 Rollerreise Malibu kl

amoser braunNach einigen tausend entspannten Jahren kam es 1769 plötzlich zum Gedränge. Eine Expedition, geführt von Gaspar de Portola im Namen der spanischen Krone, durchquerte Malibu am Weg nach San Francisco. Ein paar Jahre später standen fünf Missionen am Land der Chumash-Indianer und ihre Zahl hatte sich um 90 Prozent auf 2000 Seelen verringert. Gott und das Geld standen in jenen Tagen auf der Seite des Vizekönigreichs Neuspanien, das sich in seiner größten Ausdehnung von Utah bis Venezuela erstreckte.

Im Wirrwarr der Befreiung von den europäischen Kolonialherren, des amerikanisch-mexikanischen Krieges und der Besiedlung des Westens fanden sich die wenigen übrig gebliebenen Chumash am Anfang des 20. Jahrhunderts schon wieder auf der falschen Seite: Gott und das Geld hatten Rancho Malibu im Privatbesitz erworben und mehrmals weiterverkauft. Ein gewisser Herr Rindge gilt heute als Gründervater von Malibu und wird als großer Philosoph und Poet verehrt. Er hinterließ uns sogar das Buch „Happy Days in Southern California“, in dem er Malibu als amerikanische Riviera für die Begüterten auslobte. Seine selbstlose Bereicherung aus höchst gewinnträchtigen Wirtschaftsprojekten zusammen mit tiefreligiösem Eifer waren und sind charakteristisch für die wunderbare Scheinheiligkeit dieser Region.

Mit der Scheinheiligkeit war es kurzzeitig vorbei, als die selbstbewusster gewordene Offentlichkeit in den 1920er-Jahren Zugang zu Malibu verlangte. Nach langem Rechtsstreit und bewaffnetem Widerstand der Rindge-Leute wurden die Zäune an der Küstenstraße, der Rancho Malibu Road, schließlich geräumt. 1929 wurde eine durchgehend asphaltierte Straße durch Malibu, der Roosevelt Highway, eröffnet. Später integrierte man diesen Teil des PCH, des Pacific Coast Highways, als CA-1 (California State Route 1) ins amerikanische Straßennetz. Und heute nennen die überwiegend weißen Anwohner die Straße ganz schlicht „Ferrari Highway“.

Wir satteln die Hühner in Downtown Los Angeles, wo, von vielen Touristen unbemerkt, in den vergangenen Jahren eine beachtliche städtebauliche Metamorphose stattgefunden hat: Das trostlose, bei Einbruch der Dunkelheit schlagartig menschenleere Straßenbild wandelte sich zwischen Staples Center und Broadway in eine lebendige Innenstadt mit feinen Wohnungen und breitem Angebot an Gastronomie und Unterhaltung. Öffentliche Verkehrsmittel in Downtown und im Großraum sind inzwischen so weit ausgebaut, dass man das Auto bei einem Besuch der Stadt sehr gerne in einer suburbanen Park-&-Ride-Garage zurücklässt, um sich der Schiene anzuvertrauen.

Aus den Betonschluchten der Innenstadt schwemmt es uns am Sunset Boulevard durch Echo Park und Silver Lake nach Westen. Hier hat sich die Atmosphäre in den vergangenen Jahren ebenfalls beträchtlich aufgehellt. In den launig restaurierten Nachbarschaften wechseln sich bunte Läden mit teilweise sehr individuell gestalteten Lokalen und dem unvermeidlichen Fast-Food-Restaurant ab. Vergessen sind die Tage, als man sogar im benachbarten Hollywood nach Einbruch der Dunkelheit lieber ein bis zwei Reservemagazine mitführte.

001 Rollerreise Malibu kl
Beim Rockstore wird der
Mulholland Highway hochexplosiv
003 Rollerreise Malibu kl
Von der Innenstadt ist man über den Santa
Monica Boulevard recht zügig an der Küste …


015 Rollerreise Malibu kl
… oder fährt am Sunset Boulevard am
berühmten Beverly Hills Hotel vorbei
012 Rollerreise Malibu kl
Abstecher über den
kostspieligen Rodeo Drive


Entlang des schnurgeraden Santa Monica Boulevards durch Hollywood nimmt die Schwerkraft des Geldes proportional mit der Größe und der Zahl der Luxuskarossen zu und erreicht zwischen Highland Shopping Center und der Oskarbude, dem Chinese Theatre, einen ersten Höhepunkt am Weg ins Schlaraffenland. Wer sich jetzt noch größer als 120 Zentimeter fühlt und fest an das biblische Kamel vor dem Nadelöhr glaubt, darf den Weg durch Beverly Hills und Century City fortsetzen. Kurz durchatmen kann man nach der Interstate 405, dann signalisiert das Stadtschild von Santa Monica eine erneute Prüfung des Glaubens. Die ist entlang der etwas vergammelten Hauptstraßen leicht zu bestehen – fast jede italienische Küstenstadt wirkt im Vergleich um Klassen hochwertiger.

Asche für das Haupt benötigt man erst bei Abstechern durch die Wohngebiete von Brentwood oder Pacific Palisades. Wir bleiben aber am direkten Weg zum Pazifik und erreichen die Ocean Avenue. Von den Palisaden entlang der Ocean Ave schweift das Holzauge von der Küstenlinie Malibus über die 15-Millionen-Dollar-Schuppen vor dem Sandstrand in Santa Monica bis zum Santa Monica Pier. Hier kündet das kleine Schild „End of Route 66“ vom Klimax und gleichzeitigem Ende des Westens.

009 Rollerreise Malibu kl
High sein, frei sein,
T-Max muss dabei sein
Zwei historische Momente entzündeten die in Buch und Film so eifrig besungene Faszination des amerikanischen Westens: Mitte des 19. Jahrhunderts sollte der Slogan „Go West, Young Man!“ die weiße Besiedlung des Westens fördern. Nur wenig später waren Ost- und Westküste durch Schienen verbunden. Knapp 80 Jahre danach wurde die Route 66, die „Mother Road“, von Chikago nach Los Angeles komplettiert. Die letzten Meter bis zur Westküste entlang Sunset Boulevard und Santa Monica Boulevard. Goldrausch, Wirtschaftskrisen, Abenteuerlust und Umweltkatastrophen bewogen Hunderttausende, ihr Glück im Westen, vornehmlich im „gelobten Land“ Kalifornien, zu suchen. Etwa zeitgleich mit der Route 66 wurde der letzte Abschnitt – die Rancho Malibu Road – des heutigen Highway 1, die „Traumstraße Amerikas“ entlang der Küste, eröffnet.

Hinter uns also die Route 66, vor uns die Traumstraße Amerikas. Wir stürzen uns über die Verbindung dieser Straßen – eine Rampe über die Palisaden zwischen Ocean Avenue und Pacific Coast Highway – hinunter und lassen uns im Windschatten von Ferraris und Bentleys in Richtung Malibu ziehen. Nach dem Temescal Canyon ist der Straßenrand auf der Strandseite komplett zugeparkt. Sehr zum Verdruss zahlreicher Radfahrer, die zwischen hastigen Kolonnen und geparkten Fahrzeugen den Schwanensee tanzen müssen. Wie gewohnt in sorgenfreien Nachbarschaften, wird alles Umweltgute tatkräftig unterstützt, und die Rufe nach einer Lösung des Freizeit-Fahrrad-Verkehr-Dilemmas tönen inzwischen lauter als die offenen Endrohre aufgedrehter Lamborghinis. Man darf erwartungsfroh verfolgen, was den Planern zu dem oft hoffnungslos verstopften Straßenabschnitt zwischen Topanga Canyon und Santa Monica einfallen wird.

An der Kreuzung mit dem Sunset Boulevard lockt das Fischrestaurant Gladstone’s mit „Nimm-2,-zahl-1“-Krabbencocktails. Als kulturbewusste Europäer folgen wir aber den Wegweisern zur Getty Villa, um die zivilisatorischen Errungenschaften der Neuzeit zu bewundern. Das vom Ölgroßhändler Getty als Wohnsitz geplante Museum im römischen Baustil mit Legionen klassischer Statuen, einer Steinlawine von Kunstgegenständen und obligater Tiefgarage unter dem Haus vermittelt einen guten Eindruck von den Dingen zu Zeiten eines Nero und Caligula. 2000 Jahre später hat die Menschheit solche Fehlentwicklungen lange hinter sich. Das Wort „Arbeitssklave“ ist politisch nicht mehr korrekt, wir dürfen heute viel länger produktiv sein und bekommen sogar einen Teil unserer eingezahlten Beträge als Pension zurück. Dazu gibt es Fernsehen und Fußballspiele als Belohnung. Zweifellos ein Grund, die heutigen Neros und Caligulas zusammen mit ihrem Polit-Kasperltheater hochleben zu lassen. Leider aber kennen die meisten Menschen keine Dankbarkeit. Der Eintritt in die Getty Villa ist frei, muss aber im Voraus gebucht werden. Parkplatz und Caféhaus sind nicht frei, aber gediegen.

Es geht weiter zur Abzweigung in den Topanga Canyon. Hier fällt die Entscheidung über die Fahrtrichtung unserer Malibu-Runde. Wer sich schon vor der Mittagsstunde wach genug fühlt, um das erbarmungslose Kurvengewühl des Topanga schwindelfrei zu durchmessen, kann über Woodland Hills oder Calabasas den unteren Teil des Mulholland Highways erreichen. Der Mulholland beginnt schon in den Hollywood Hills, ist aber auf seinem sehr kurvigen Weg zwischen sehenswertem, leider aber nicht immer einsehbarem Prunk teilweise nicht asphaltiert und für den Verkehr gesperrt. Zwischen Woodland Hills und dem Carrillo State Park am Meer waltet er dann gleichzeitig als Verteiler und unerbittlicher Türsteher der Malibu Mountains.

030 Rollerreise Malibu kl
Nach Einbruch der Dunkelheit geht man
in Hollywood kaum noch auf die Straße
031 Rollerreise Malibu kl
Am Hollywood Boulevard findet
man die richtigen Geschäfte …


021 Rollerreise Malibu kl
Einfache Regel: Wer über seine
Verhältnisse fährt, fliegt raus
039 Rollerreise Malibu kl
Das kennt man: Santa Monica Pier
mit dem berümten Rollercoaster


049 Rollerreise Malibu kl
Das Malibu Pier wurde ursprünglich
als private Schiffsanlegestelle gebaut
068 Rollerreise Malibu kl
Southern California: Die Homeless schnitzen
Sandfiguren und freuen sich über zugeworfene Münzen
 


Es gilt die einfache Regel:
Wer über seine Verhältnisse fährt, fliegt raus. Was zwischen Malibu Lake und Kanan Road manchmal lemminghafte Zustände heraufbeschwört. Dieser Streckenteil ist besser unter dem Namen des weithin berühmten Zweiradtreffs, der legendären Imbissbude „Rockstore“, bekannt. Wer sich an Wochenenden hinauf in die letzte Links-Spitzkehre stellt, wird neben dem idyllischen Panorama in schöner Regelmäßigkeit mit einem staubreichen Abgang belohnt. Auf Youtube kursiert ein ganzes Kompendium solcher Bodenübungen.

Der „Fluch des Mulholland“ materialisiert sich in Malibu ebenso häufig und vehement wie der „Fluch der Rindge-Familie“, wenn der Coast Highway wieder einmal von einer Mure verschüttet wird. Eingeschüchtert vom dunklen Eingang in den Topanga Canyon folgen wir lieber der Bilderbuchatmosphäre des Pacific Coast Highways und bestaunen alsbald das Stadtschild der Stadt Malibu. 13.000 Einwohner, 16 Fuß über dem Meeresspiegel. Der Vollständigkeit halber hätte man die Statistik um eine Zeile erweitern müssen: Durchschnittseinkommen 273.000 Dollar pro Jahr. Das freilich inkludiert die zahlreichen Servicekräfte, die in Malibu zur Miete wohnen.

028 Rollerreise Malibu kl
Kalifornien-Korrespondent Amoser
und der „motomobil“-Gründer
an einem der Lieblingsplätze
Rund um den Pier schlägt das Herz von „The Bu“, wie Malibu innerhalb der Surfergemeinde genannt wird. Der vom Pier aus gut einsehbare Surfrider Beach gilt in Wellenkreisen als Mutter und Seele des Surfsports. Man gibt sich spirituell und historisch. Aus alten Steinzeichnungen wird geschlossen, dass die Chumash-Indianer – ihres Zeichens hervorragende Kanubauer – bereits 2000 vor Christi Geburt die belebenden Kräfte des Wellengleitens genossen hätten. Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerechnet in Malibu das erste ausgeschäumte Plastikbrett hergestellt wurde, war die jahrtausendelange Surf-Vormachtstellung von „The Bu“ so gut wie bestätigt.

Als unbedarfte Beobachter am Pier versuchen wir vergeblich, mit der spirituellen Energie der Umgebung eins zu werden. Da hocken 50 Leute im Wasser, die Köpfe nebeneinander aufgereiht, und warten auf die Welle. Irgendwann trifft jene ein und ungefähr die Hälfte der Wassertreter springen auf die Boards, um nach ein paar Sekunden stoisch zu versinken. Vielleicht muss man diesen Sport abseits wirklich hoher Wellen mehr als Fitnesstraining verstehen. Mehr historische Spiritualität wird heute auf der anderen Seite des Piers geboten: Hier durchlebte der Sänger Cat Stevens im Jahre 1976 nach einem missglückten Schwimmversuch eine Nahtoderfahrung und erwachte als gläubiger Muslim aus dem Koma. Nach Malibu kommt er heute allerdings nicht mehr, weil ihn die Behörden nicht mehr ins Land einreisen lassen, und die Homeland Security im Jahre 2004 sogar ein Passagierflugzeug wegen ihm umleitete. Oh Baby, it’s a wild World.

Nicht weit vom Pier, das einst als Anlegeplatz für die Yacht der Rindges gebaut wurde, steht die illustre Movie Colony, der Ausgangspunkt der Besiedlung von Malibu. Als die Rindge-Witwe in den späten 1920er-Jahren aus finanziellen Gründen Land verkaufen musste, gelang es, die Aufmerksamkeit Hollywoods zu gewinnen: Bing Crosby, Gary Cooper und Jack Warner zählten zu den ersten „Zugereisten“ in Malibu. Heute kosten die bewachten Luxusbuden neben der Malibu Lagoon bis zu zehn Millionen Dollar und man findet auch in den hinteren Reihen ohne Meeresblick kaum mehr Bauland.

Ein schneller Kaffee in der nett gestalteten Einkaufsplaza beim Civic Center und weiter geht es zum Mittagessen in die elitäre Paradise Cove. Auch hier gibt es ein Pier und einen wunderbaren, frei begehbaren Sandstrand. Worüber in Malibu heftig gestritten wird, weil einige Besitzer von Strandimmobilien das Wegerecht entlang des Strandes für die Allgemeinheit blockieren wollen. Gesetzlich ist die Sache klar geregelt: Alles Land bis zur hohen Gezeitenlinie gehört dem Staat und darf nicht abgesperrt werden. Was aber das bewaffnete Wachpersonal der Anrainer nicht davon abhält, den Durchgang zu blockieren…

Nach ausgiebiger Völlerei unter den Strohschirmen des Beach Cafés fühlen wir uns stark genug, die Malibu Mountains zu attackieren. In unmittelbarer Nähe der Paradise Cove liegen zwei höchst selektive Asphaltstücke: die schnelle, neue Kanan Dume Road oder die Schlingen und Windungen der Latigo Canyon Road, die schon so manchen Zweiradartisten wie eine Boa Constrictor umschlungen und verzehrt haben. Beide Wege treffen sich oben beim Rocky Oaks Park mit dem Mulholland Highway. Mit dem Yamaha T-Max 530 ist es natürlich Ehrensache, dem Latigo Canyon einen Stempel auf den Asphalt zu drücken, was aber auf dem griffigen Asphalt auch einiges an Material von der Unterseite des Rollers kostet.