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ROLLER-REISE

AUF DEM AUTOPUT NACH GRIECHENLAND


Text: Michael Bernleitner
Fotos: Wos Kosta Metaxa
 
 

RETROTRIP AM TITOTRAIL


In den 1970ern, 1980ern und bis in die Neunziger hinein war er als gefährlicher jugoslawischer Autoput bekannt und gefürchtet.

Auch heute noch ist die Strecke zwischen dem ungarischen Szeged und der griechischen Grenze ein viel befahrener Klassiker der Migrations- und Vergnügungsmobilität.

In einem redaktionellen Selbstversuch probieren wir den Autoput nach langer Zeit wieder einmal aus und machen eine aktuelle Bestandsaufnahme


007 Autoput2013 kl
 
 

Genau 1445 Kilometer
sollen es laut Google Maps von Hintersdorf im Wienerwald bis Vólos am Beginn der Halbinsel Pílion sein. Als pure Fahrzeit werden 14 Stunden und fünf Minuten empfohlen. Warum dann am Ziel in Vólos eine um fast hundert Kilometer längere Distanz am Zähler des Suzuki Burgman steht, wird mir für immer eines der ungelösten Mysterien des Autoput (serbokroatisch: „Autobahn“) bleiben. Keine Ahnung, wo der Herr Google die hundert Kilometer verloren hat. Der elektronische Routenplaner von Michelin gibt als Fahrzeit 16,5 Stunden an, und so sehen wir schon, dass man es insgesamt auf dieser Strecke nicht allzu genau nehmen sollte.

040 Autoput Route klDer jugoslawische Autoput war als eine der gefährlichsten Reiserouten der Welt verschrien. Zu Recht. Die Horrorgeschichten können ganze Bücher füllen, und es gab keine Urlaubsreise, nach der man nicht von grenzwertigen Erlebnissen zu berichten hatte. Insgesamt ist mir – bis zum neuerlichen Aufbruch – der Autoput acht Mal unter die Räder gelaufen. Vier Mal im Auto (davon einmal mit einem Campingmobil mit Umweg über Transsylvanien und zugehörigem Achsbruch in Bukarest) und vier Mal auf dem Motorrad.

Hat die modernisierte Strecke zwanzig Jahre nach dem Zerfall von Jugoslawien ihren Schrecken verloren? Die Autobahn soll ja bereits fast durchgängig sein, sitzt man das heutzutage auf der linken Arschbacke ab? Oder bleibt der Autoput, das Epizentrum der legendären ehemaligen „Gastarbeiterroute“, eines der letzten Abenteuer unserer Zeit? Ein bisschen Masochismus gehört sicherlich dazu – wenn man nämlich die Alternative vergleicht, um weniger Geld in der Früh in ein Flugzeug zu steigen und schon mittags ausgeschlafen am Strand zu liegen.

Grundsätzlich kann man bei erträglichen Rahmenbedingungen 1500 Kilometer am Stück abreiten. Und man hat das wider besseres Wisssen auch immer wieder getan. Fast alle haben das, deswegen war’s ja so gefährlich. Hauptsächlich aus dem Grund, weil es so arg grauslig war, dass man möglichst selten stehenbleiben wollte. Eine erholsame Reise sieht anders aus. Für den Zweiradfahrer kommt erschwerend dazu, dass man nicht einfach eine Sitzlehne nach hinten klappen und eine Mütze Schlaf zu sich nehmen kann. Quartiere gab es entlang des Autoput ja kaum, und wenn, dann spotteten sie jeder Beschreibung: mit verstopften Toiletten, zerschlissenen Betttüchern sowie reichlich Grünspan und Schimmel im Nassraum. Ich erinnere mich gut an eine Übernachtung in einem Bungalowcamp ein paar Kilometer südlich von Belgrad, wo ich mich voll bekleidet mit Lederkombi und Motorradstiefeln ins Bett legte, weil es mir auf diese Art und Weise ratsam erschien. Das nächste Mal fuhr man dann natürlich vorbei und fuhr bis zum Ziel durch. Spültoiletten funktionierten entlang der Autobahn generell nicht, bei jedem Halt war man sofort von Fliegenschwärmen schwarz übersät.

Ein Stopp an einer Tankstelle war natürlich ebenfalls kein Honiglecken. Lange Wartekolonnen bis zu den Zapfsäulen, und wenn man dann endlich an der Pippe war, dann begann ein grottenschlecht dargebrachtes Schauspiel, an dem David Copperfield oder Tony Rei ihre Freude hätten: Die schreienden und gestikulierenden Tankwarte jonglierten die Zapfpistolen so lange hin und her, bis ihrer Meinung nach die Touristen jede Übersicht verloren, aber bei vollem Rechnungsbetrag am Walzenzählwerk nur einen halbvollen Tank im Auto hatten. Aufbegehren oder gar Zahlungsverweigerung brachte rein gar nichts – die Herrschaften in den grauen Jugopetrol-Overalls konnten rasch eine grobe Komponente mit ins Spiel bringen. Besonders auf der Heimreise ist man da streichfähig, denn bei jeder sinnlosen Verzögerung oder gar einem balkanesischem Zwickerbusserl ist die Urlaubserholung schnell perdü.

001 Autoput2013 kl
Früher gab’s hier günstige
jugoslawische Marlboro zu kaufen
002 Autoput2013 kl
Das Retourgeld verstauen, Handschuhe
wieder an, und weiter geht's ...
 
004 Autoput2013 kl
Barbecue an einer
ungarischen Tankstelle
010 Autoput2013 kl
Burgman auffüllen, Wasser
trinken, und weiter geht’s ...
 
An den Mautstellen musste man nur ein bisschen Geschick mit den vielen Nullen und dem Umgang mit den unfassbar fadenscheinigen Geldlappen haben, um nicht beraubt zu werden. Einen gröberen Verlust hatte man hier nur zur Zeit der jugoslawischen Hyperinflation im Jahr 1990: Wenn man nach vier Wochen wieder zurückfuhr, war ein zentimeterhoher Stapel Dinarscheine nicht einmal das Papier wert.

Und dann freilich die permanente Unfallgefahr. Natürlich vertraut man bei einer solchen Fahrt immer darauf, dass es die anderen erwischt. Sonst müsste man ja daheim bleiben. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich auf dem Dach liegende brennende Autos eigentlich immer nur in den Ländern des ehemaligen Ostblocks gesehen habe. Plastisch in Erinnerung ist mir das Standard-Arrangement bei „harmloseren“ Karambolagen: seitlich auf der Wiese oder am Hang verstreute Plastiksäcke, Kopftücher und halboffene Koffer; dazwischen zusammengekauerte Gestalten; bei den Fahrzeughavarien die über den Unfallhergang feilschenden Familienoberhäupter. Etliche Kilometer weiter dann die Sirenen und das Blaulicht der herbei eilenden Einsatzfahrzeuge.

Besonders mit dem Motorrad gewöhnte man sich aus Selbstschutz einige spezielle Verhaltensweisen an: Zum Beispiel war absolut davon abzuraten, auch beim Beginn eines Überholvorgangs nahe an vordere Autobusse oder Lkw-Züge heranzufahren. Viel Sicherheitsabstand war angesagt, denn auf der Fahrbahn konnte genau in der Spur alles liegen, was einem Autofahrwerk unangenehm ist, einen Zweiradfahrer aber kometenhaft aufsteigen lässt: Ziegelsteine, zerfetzte Reifen, tote Hunde oder tote Schafe.

Verkehrskontrollen, und damit verbunden der richtige Umgang mit der Obrigkeit und den Sicherheitsorganen, waren – und sind – sowieso immer ein eigener und ergiebiger Themenkreis. Es gehört zur Folklore und es stand immer außer Streit, dass man sich als Ordnungshüter entlang des Autoputs ein tüchtiges Zusatzeinkommen erwirtschaften konnte. Ob jetzt in Ungarn, in Serbien oder Mazedonien, die Summen konnten überall erklecklich sein. Ein im richtigen Moment gesenkter Blick und eine keinesfalls allzu laut erhobene Stimme konnten bei einer glimpflichen Bemessung des Bußgeldes behilflich sein. Mussten es aber nicht. Eine wichtige Regel ist sicher auch heute noch, den Reisepass oder die Fahrzeugpapiere möglichst nicht außer Hand zu geben. Ist der Pass erst einmal im fremden Polizeiauto gelandet, ist das ein untrüglicher Hinweis darauf, dass jetzt höhere Beträge ins Spiel kommen.

015 Autoput2013 kl
In Südserbien taucht endlich
ein schöner „Vulkanizer“ auf
Ist der Autoput im Jahr 2013 entschärft, ist die Fahrt in den Urlaub mittlerweile zur Kinderjause geworden? Auf der Durchreise durch Ungarn sieht es so aus. Kein mühseliges Krabbeln mehr durch die langgezogenen magyarischen Straßendörfer, sondern alles Autobahn, mit angenehm wenig Verkehr und schönerem Fahrbahnbelag als auf den meisten Autobahnen in Österreich. Blank polierte Tankstellen mit gutem Imbissangebot; die durchreisenden Gastarbeiterfamilien, die auf den Grünflächen Barbecue machen, dass sich die Teppiche biegen, werden von den Tankwarten argwöhnisch beobachtet und es fällt so manches Scherzchen über das entgangene Geschäft mit dem Proviant, man lässt sie aber gewähren.

Der Hochsommer 2013 hat’s in sich, vor Hitze biegt sich auch die Autobahn. Etwas südlich von Budapest vermerkt die Außentemperaturanzeige des Suzuki Burgman gehaltvolle 41 Grad. Es ist, als ob man in einem riesigen Heißluftgebläse fährt. Und fad ist es auch. Für Landschaftsgenießer ist die Strecke vollkommen unspektakulär: Kaum ist man der Tristesse und der Monotonie des Wiener Beckens entronnen, ist man in der verdorrten und verbrannten pannonischen Tiefebene, und diese Gleichförmigkeit hört bis zur Donauüberquerung kurz vor Belgrad nicht auf.

Um einer Reisethrombose vorzubeugen, steige ich alle eineinhalb Stunden vom Roller ab und trinke einen halben Liter Wasser. Man kann auf der ganzen Strecke bequem mit Euro bezahlen, aber bereits in Ungarn wird die möglicherweise entfremdende und völkertrennende Wirkung der Währung sichtbar: Der wahre Wert des Geldes wird verschleiert, eine kleine Flasche stilles Wasser kostet hier das hübsche Sümmchen von drei Euro. Von Tempokontrollen bleibe ich dafür völlig verschont, und das bis zur Ankunft in Vólos. Das Internet ist voll von Berichten über schikanöse Kontrollen durch ungarische Grenzer – auf dieser Fahrt kann ich das keinesfalls bestätigen, alles verläuft sehr geschmeidig. Auch das Bezahlen an den serbischen Mauthäuschen mit Euro. Sogar das Retourgeld wird in seriös abgezählten Euromünzen ausgehändigt. Vielleicht doch eine völkerverbindende Währung?

An der Strecke von Subotica nach Novi Sad sah man früher am Straßenrand Unmengen von Kreuzen und kleinen Gedenkstätten: unmissverständliche Hinweise auf die Gefährlichkeit der Route. Auf der noch recht jungen Autobahn ist davon nichts mehr spürbar, zumindest an diesem Donnerstagnachmittag im August. Gut in Erinnerung sind mir auch die extrem vielen „Vulkanizer“ in den jugoslawischen Dörfern und entlang der spärlichen Schnellstraßen. Der Sozialismus, ein Paradies für Reifenpannen? Jedenfalls muss der Gummischuster ein florierender Berufsstand gewesen sein, in seiner Ehrwürdigkeit gleich nach dem Bürgermeister und dem Dorfschullehrer. Ein paar Jahre später muss man fast bis nach Vranje an der mazedonischen Grenze fahren, um eine erste Vulkanizer-Werkstatt zu erspähen.

Die verlockenden großen Schilder „Tranzit“ bedeuten einen zeitraubenden und kilometerfressenden Umweg über allerhand Baustellen rund um Belgrad. Man soll sie getrost ignorieren – die uralte Stadtautobahn mitten durch Belgrad führt noch immer schneller ans Ziel. Ich erliege aber der Verführung. Zig Kilometer komme ich an keiner Tankstelle vorbei und bleibe schließlich ohne Benzin am Bergaufstück einer dicht, fast Stoßstange an Stoßstange befahrenen Schnellstraße liegen. Die Stelle ist saugefährlich, weil das geschotterte Straßenbankett links und rechts nur einen dreiviertel Meter breit ist, dann verhindern schon die Leitplanken jegliches Entkommen aus der Verkehrshölle. Den voll beladenen Maxiscooter ohne Motorunterstützung auf der Steigung umzukehren und wieder bergab zu rollen, erfordert Kalkül und kühlen Kopf. Es ist sechs Uhr abends, die Temperatur liegt immer noch bei 37 Grad. Die Stimmung ist am Kippen. Eigentlich ist das genau der Stoff, aus dem am Autoput die Unfälle und letalen Ereignisse gemacht werden.
011 Autoput2013 kl
Ankunft um Mitternacht
im Motel Predejane
013 Autoput2013 kl
Endlich wieder
ein „Vulkanizer“
 
009 Autoput2013 kl
Der liebe Herr Radda aus
Belgrad ist jetzt mein Freund
012 Autoput2013 kl
Interessante Sozialshow
im serbischen Fernsehen
 
Autos und Sattelschlepper rauschen die gefühlte Ewigkeit von einer halben Stunde lang vorbei; bei jedem Lkw-Zug spürt man den Windstoß. Es ist ja auch kein schöner Platz, um derangierten und hirnverbrannten Touristen entspannte Pannenhilfe zu geben. Und wer bleibt auf meinen erhobenen Daumen und kläglichen Gesichtsausdruck hin stehen? Der Retter heißt Radda, er ist ein gut gelaunter freundlicher Belgrader im eindeutig mit Abstand ältesten Auto der Karawane. Einem echten, außen und innen ehrlich riechendem 3er-Golf, und er hat offensichtlich genügend Tagesfreizeit, um mir wieder auf die Sprünge zu helfen.

Wir fahren zu einer kleinen, kaum öffentlichen Firmentankstelle, wo ich im Kapäuschen einen Spritzer 91-Oktanigen und einen neuen Fünf-Liter-Kanister erwerbe. Wohlgemerkt, zu einem fairen Euro-Betrag, der den offiziellen Wechselkurs kaum übersteigt. Zurück beim Roller wartet Herr Radda noch geduldig, bis der nach dem Auffüllen wieder anspringt. Mit einem Zwanzig-Euro-Schein zeige ich mich erkenntlich und überlasse ihm auch den geleerten Benzinkanister, worüber er sichtlich erfreut ist. Somit muss ich nicht darüber nachdenken, ob ein Zwanziger nicht vielleicht doch ein bisschen schofel ist, es scheint zu passen. Insgesamt habe ich eineinhalb Stunden in den Sand gesetzt. Aber, was viel wichtiger ist: Ich bin mit heiler Haut davongekommen  und habe echte Hilfsbereitschaft erlebt.

An der Gazprom-Autobahntankstelle nördlich von Niš erzählt mir ein Fernfahrer, dass es bis zur mazedonischen Grenze etliche schöne Motels gibt. Der Tankwart meint hingegen, dass es gar kein Motel gibt; der zweite Tankwart beteuert, dass in zirka hundert Kilometern eines kommt. Mitten in der Nacht hat es immer noch 33 Grad.

Wenn man auf diesem Autobahnteilstück mit 130, 140 am Tacho auf der rechten Spur dahindümpelt, kann es immer wieder vorkommen, dass man von einer schnellen schwarzen Limousine mit einem guten Hunderter Überschuss verblasen wird. Meistens Audi, BMW oder Mercedes mit sehr dunklen Seitenscheiben; manchmal zieht auch ein Pulk von drei bis vier schwarzen Limousinen vorbei, die sich über alle Fahrspuren um die beste Position bewerben. Es empfiehlt sich also, den Rückspiegel im Auge zu behalten, um nicht zu erschrecken. Anscheinend hat der Serbe auf der Autobahn wirklich guten Spaß.