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ROLLER-REISE

SPORADENINSEL SKIÁTHOS


Text: Leibrentner
Fotos: Wos Kosta Metaxa
 
 

HEISSE NACHT IN KOLIÓS

Warum heutzutage ein Griechenlandurlaub noch immer ziemlich so ist, wie man ihn schon seit langem gekannt hat. Und warum man dabei immer noch ein Auge zudrücken darf


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Nachdem wir uns jetzt viele Jahre
lang an das papierlose etix gewöhnt haben und die Vorzüge zu schätzen wissen, verpaßt mir das Last-Minute-Reisebüro ungefragt ein Papierticket – und der Ärger beginnt. Es stellt sich heraus, dass mit einem Papierticket der Web-Check-in am Tag vor dem Abflug vereitelt ist und damit ist auch der erhoffte Fensterplatz zum Ausschlafen futsch. Die rasche Gepäckabgabe beim Abflug fällt dadurch ebenso aus, es wartet die Warteschlange vor dem Abfertigungsschalter. Beim Ausprobieren der Self-Check-in-Automaten der Air Berlin bekommt man bestenfalls einen veritablen Wutausbruch, deswegen sind sie auch völlig verwaist. Am Gate, wo man sonst üblicherweise den aufs Handy zugesandten QR-Code aufs Lesegerät hält, brauche ich diesmal zusätzlich zur vorsintflutlichen Bordkarte auch nochmals das papierene Ticket, das als Kupon unbedingt abzugeben ist, und das natürlich irgendwo in den Tiefen des Gepäcks untergetaucht ist. Ich frage mich, warum ich mir das Urlaubmachen schon wieder antue und warum ich mich vom heimatlichen Schwimmbassin weglocken lasse.

Der Taxifahrer am Skiáthos Airport ist mit meinem Fahrtauftrag bis ungefähr zur Hälfte der zehn Kilometer langen Inselhauptstraße offensichtlich nicht zufrieden. Ich muss im Wagen warten, bis er weitere Fahrgäste akquiriert hat, die in dieselbe Richtung wollen. Die beiden Damen nehmen im Fond Platz und ich darf nach vor, wo ich mit angezogenen Beinen und den Knien unter dem Kinn einen besseren Ausblick auf die noch immer rege Bautätigkeit in Skiáthos-Stadt habe. In Skiáthos steht wie immer die Luft, mit 35 bis 38 Grad ist es heuer auch für ägäische Verhältnisse sehr heiß. „Káni polí sésti – es ist heiß!“ eröffnet der Fahrer die Konversation mit den kontaktfreudigen Urlauberinnen, die auf den restlichen Kilometern auf diesem Niveau verbleibt. Die Sprache der Unterhaltung ist nun Gringlish oder Greenglish („Greek English“).

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Entweder Direktflug oder Fähre Italien-Griechenland
oder lang im Sattel am ex-jugoslawischen Autoput
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Hübscher schmaler Sandstreifen und
(vergleichsweise) viel Ruhe am Máratha Beach
 
013 Skiathos Rollerreise kl
Kiloweise Sonnencreme und viel Schalldruck
am berühmten Sichelstrand in Koukounariés
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In den Ausläufern der hektischen Skiáthos-Stadt
gibt es auch ein paar ruhige Fleckchen
 

Ich habe eine Gratisnacht auf Skiáthos „gewonnen“. Denn zusammen mit einer Nächtigung gilt das Flugarrangement als Pauschalreise und ist damit sogar deutlich günstiger als ein „Flug only“ auf die Sporaden, dessen Kosten sich ungefähr in der Höhe eines New-York- oder Miami-Trips bewegen. So komme ich in den Weiler Koliós, zirka 15 Gehminuten von der Küstenlinie entfernt. Die äußerst freundliche und herzliche Supermarktbesitzerin ist auch die Zimmervermieterin und erklärt mir das helle Studio, das neutral eingerichtet ist und sehr reinlich wirkt. Die wichtigste Instruktion scheint die zu sein, dass die Klimaanlage nur dann in Betrieb genommen werden kann, wenn alle Sensoren melden, dass die Fenster sowie Eingangs- und Balkontür akkurat verschlossen sind. Soll mir keiner erzählen, dass der Grieche nicht sparsam wäre.

Zuerst den Reisestaub abspülen. Das Badezimmer ist landestypisch, also Duschtasse ohne Trennwand oder Duschvorhang. Die Wassertemperatur lässt sich mit ein bisschen Einfühlungsvermögen sekundenweise ungefähr regulieren, und der Brausekopf hat keine Halterung, es darf ruhig alles nass werden. Das Necessaire und die Handtücher verstaue ich eben auf der Küchenzeile im Vorraum. Wenn kein Duschvorhang vorhanden ist, kann er wenigstens auch nicht auf der nassen Haut kleben beiben. Ich nicke anerkennend über den Hinweis, dass griechische WCs noch immer kein Toilettepapier annehmen wollen. Bei diesem Exemplar wird zudem der Spülkasten tröpfchenweise nachgefüllt, die Prozedur scheint sich in Wochendimensionen abzuspielen. Doch ich bin schlauer als der Spülkasten: Óchi próblima, null problemo, der Deckel ist schnell ab und durch jahrelangen Griechenlandaufenthalt trainiert hänge ich den Brausekopf hinein, der ja sowieso nicht weit weg davon ist. Im Nu ist die Spülung wieder einsatzbereit. Überhaupt bin ich ein Glückspilz: Das Wasser in der Duschtasse in meinem Nassraum rinnt in normalem Tempo ab, vorerst zumindest, ich muss mich nicht mit Überschwemmungen herumschlagen.

In Koliós kann man nichts tun. Ein Mietroller muss her! Der nächste (und hier einzige) Rental Shop ist etwa knappen Kilometer Fußmarsch entfernt. Doch zuvor muss ich den Elektro-Masterswitch überlisten, der die – ohnehin sehr lahme – Klimaanlage am Arbeiten hindert, wenn man den Zimmerschlüssel aus ihm entfernt und mitnimmt. Schließlich will ich nicht, dass es 40 Grad im Raum hat, wenn ich zurückkomme. Dieser Steckschalter ist gefinkelt konstruiert und hartnäckig – der in vielen Hotels übliche Schmäh mit Plastikkarte oder zusammengefalteten Papierstreifen hat keine Chance. Aber auch hier óchi próblima: Mit zwei Blechlöffeln aus der Bestecklade, die ein bisschen gegen die Wand verkeilt werden müssen, lässt sich das System überbrücken und die Air Condition bleibt in Betrieb. Natürlich solange alle Fenster und Türen akkurat verschlossen sind.

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Nochmals Blick auf den
prallen Koukounariés Beach
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Als kleines Dinghy: Fountain-Schnellboot
mit Vierfach-Gegenläufern
 

Meine Hoffnung, einen Honda PCX, einen schnittigen Kymco oder wenigstens einen historischen Piaggio Typhoon mieten zu können, wäre nur in Skiathios-Stadt erfüllbar gewesen – hier „am Land“ werden ausschließlich ältere 50-Kubik-Zweitakter vom Typ Peugeot Trekker verrentet. Ungefähr 20 Exemplare in fröhlichem Gelb, Orange und Rot warten gut gelaunt in Reih’ und Glied. Die exzellent Deutsch sprechende und auch hier sehr freundliche Supermarktbesitzerin ist gleichzeitig auch die  Verleiherin. Zielstrebig gibt sie mir den einzigen grauen Trekker, der zudem einen extrem verwitterten Eindruck macht. Alles an ihm ist entweder ausgebleicht, vergilbt oder rostig. Dennoch versprüht er einen gewissen ehrlichen Charme. 17 Euro pro Tag sind keine Lawine, auch wenn man zwei Inseln weiter ums gleiche Geld einen neuwertigen Kymco Agility 125 bekommt.

Die kurze Fahrzeugeinschulung schließt die Vermieterin mit der Bemerkung ab, dass er am Morgen vielleicht nicht anspringt, wenn es windig ist. Ich soll dann keinesfalls mit dem Elektrostarter die Batterie aussaugen, sondern ihn mit dem Kickstarter zum Laufen bringen. Häh, windig? Er mag es nicht gern kühl, da hat’s dann was. Aber mit dem Kickstarter springt er immer an, meint die Vermieterin. In den ersten paar Kurven der Inselhauptstraße glaube ich, dass es das Lenkkopflager nicht mehr gibt: Der Scooter fährt nur in Schlangenlinien. Zum Schutz der Haut bei praller Sonne und 37 Grad vermeide ich Schräglage und Kurventempo.

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Das Mazda-Dreirad ist nicht mehr griechischer
Alltag, aber beliebtes Postkartenmotiv
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Ein Teil der Peugeot-Trekker-
Rollerflotte in Koliós
 
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Der Máratha Beach ist einer
der angenehmsten Strände
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Ein weiteres antikes Fundstück,
voll betriebstauglich!