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ROLLER-REISE

VON WIEN AUF DIE VIA APPICA ANTICA

Text & Fotos: Guido Schwarz
 
 

PANINI, MORTADELLA & SAN PELLEGRINO

Die Via Appia Antica muss es sein! Mit einer 39 Jahre alten Vespa von Wien nach Rom: Das ist schön, aber nicht ganz beschwerdefrei


002 RomGS kl
 
 

Solche Ideen entstehen, reifen
– und manchmal werden sie in die Tat umgesetzt. Etwa wenn das Ziel genügend Kraft ausübt. Diesmal ist es ein Bild, das sich vor vielen Jahren in meinem Kopf festgesetzt hat: zwei Panini mit Mortadella, dazu eine Flasche Wasser, und das alles unter einer schattigen Pinie auf der Via Appia Antica in Rom, idealerweise im Sommer. Dieses ruhige Bild mit großer Anziehungskraft stammt aus meiner Jugend, als ich mit meiner Schulklasse eine Woche Rom erleben durfte. Damals gab es dieses Picknick wirklich, und jetzt, 28 Jahre später, sollte es das wieder geben.

Und dann gibt es da auch diesen Motor, den ich selbst zusammengebaut habe und von dem ich gerne wüsste, ob er eine solch strapaziöse Fahrt durchhalten würde. Die Vespa Sprint 125 darf in Italien nämlich nicht auf die Autobahn und nur an wenigen Stellen auf die Superstrada, daher müsste ich kleine Landstraßen fahren. In den Wochen davor ahne ich schon, dass das eher ein Abenteuer denn eine ruhige, lustvolle Reise werden sollte.

Endlich ist es soweit, die Schlechtwetterfront zieht ab und die Gepäckrollen sind bereit für die Abfahrt. Ich habe knapp drei Wochen Zeit und kann mir erfolgreich einreden, dass ich die Fahrt ohne gröbere Pannen bewältigen werde. Eine Art gefinkelter Selbstbetrug, notwendig, um den Mut aufzubringen – „du bist ja verrückt“, meinen gute Freunde –, alleine eine solche Tour zu fahren.

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Bei der Abfahrt in Wien
herrscht große Zuversicht
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Zwei Gepäckrollen und ein Rucksack
machen die Vespa tourentauglich
 

Der erste Tag ist bereits spannend, weil ich nicht nur den letzten schweren Regenwolken davon fahren muss, sondern weil ich eine altbekannte Motorradroute wähle, um die Haltbarkeit des Motors dort zu testen, wo eine Panne noch einigermaßen problemlos zu bewältigen wäre („innerhalb von 200 Kilometern hole ich dich, danach nicht mehr“, meinte Ronny).

So geht es durchs südliche Niederösterreich, und am Wechsel muss ich erstens feststellen, dass diese alte Route in den Süden wegen der Südautobahn komplett verwaist ist und zweitens, dass ich die falsche Sitzbank montiert habe. Ein Handtuch soll die weitere Fahrt für meinen Hintern erträglich machen. Bis auf einen verlorenen Haltebügel des rückwärtigen Gepäckträgers, den ich durch einen Spanngurt ersetze, schaffe ich es pannenfrei bis Sankt Ruprecht an der Raab, wo ich bei guten Freunden übernachten kann.

Schweres Gepäck und lange Strecken fordern ein knapp vierzig Jahre altes Fahrzeug, aber ich schaffe es mit nur zwei kleineren Pannen über die Pack, die ebenfalls fast menschenleer – oder besser: autoleer – ist. Erst bei solchen Fahrten wird man sich bewusst, welche Veränderungen in vielfacher Hinsicht die Autobahnen für Landschaft, Wirtschaft und Menschen gebracht haben, nicht immer zum Positiven. Und ich merke, dass ich auf einer Reise bin und nicht nur auf einer Fahrt. Mit einer alten Vespa kann man nicht nur die Landschaft intensiver erleben, sondern auch das eigene Wirken und Werken darin.

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Am Predilpass habe ich bereits
einige Erlebnisse hinter mir
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Ortsnamen in der Steiermark
regen zum Nachdenken an
 
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Ein freundliches Willkommen
kurz vor der Packhöhe
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Der Reifenplatzer zwingt
zu einer Pause
 

Das ist dann auch in Klagenfurt gefragt, meinem zweiten Etappenziel. Abends fahre ich mit zwei Vespafreunden nach Viktring in ein italienisches Lokal. Bei der Heimfahrt heult an einer Kreuzung der Motor plötzlich laut auf und Michi dreht mit seiner Vespa wieder um, weil auch ihm sofort klar ist: Gasseilriss. Mit vereinten Kräften können wir in Thomas Garage das Problem beheben – ich habe schließlich punkto Werkzeug und Ersatzteile gut vorgesorgt …

Wenn das mit den Pannen allerdings so weitergeht, werde ich Rom wohl nicht erreichen. Doch der nächste Tag bringt traumhaftes Wetter und ich beschließe, die harte Route über den Loibl und den Predilpass hinein ins Soçatal zu nehmen. Den Loibl schafft die Sprint zwar nicht im Sprint, aber immerhin ohne Probleme. Dafür ist in Kranjska Gora vorerst Schluss, weil sie mir nach einer Pause nicht mehr anspringen will. Irgendwann schaffe ich es doch, kann aber nicht herausfinden, wo das Problem liegt. Bei der Auffahrt zum Predilpass stockt der Motor ein zweites Mal und ich strande bei einer netten Lady und zwei unwirschen Hunden, die mich während der gesamten Reparatur niederbellen. Ich putze die völlig verölte Kerze und kann problemlos wieder starten. Bei der Weiterfahrt bleibt jedoch die Unsicherheit, was denn da nun wirklich kaputt ist. Die Unsicherheit soll mich noch ein paar Tage lang begleiten.

Nach der Mittagspause an der türkisen Soça, bei uns auch als Isonzo bekannt, geht es hinunter nach Italien. Die Adria empfängt mich mit Sonnenschein, die Vespa schnurrt und fühlt sich in ihrer Heimat offensichtlich wohl. Über lange gerade Landstraßen fahre ich meinem Ziel entgegen: Cavallino, ein kleiner Ort neben Jesolo und nicht weit weg von Venedig. Ein nettes Südtiroler Ehepaar hat sich dort mit „Ca’ Casson“ ein wunderschönes Refugium geschaffen (www.karlegger.it) und bietet mir nach einem sehr anstrengenden und sehr heißen Tag Zuflucht. Ich nutze die letzten Sonnenstrahlen noch für ein Bad in der Adria und einen Besuch in einer großartigen Pizzeria (www.lalanterna.info), wo ich im Gegensatz zu Wiens Italienern noch Geschmack und Würze genießen darf.

Der vierte Tag beginnt nicht gut. Ich habe Reisefieber und fühle mich mies, obwohl draußen strahlend blauer Himmel ist. Die Angst vor weiteren Pannen lässt mich nicht los. Helga und Sigi bauen mich wieder auf und erzählen mir von der „Alaska-Methode“, die sie vor ein paar Jahren kennengelernt hatten: „Du reparierst etwas erst, wenn es kaputt ist. Vorher denkst du nicht daran.“ Das hilft mir weiter, und ich beginne die dritte Etappe über Venedig und Chioggia nach Ravenna, wo ich Mittagsrast halte. In dieser Gegend ist alles unglaublich flach und gerade, und überall sehe ich vor allem an Gewerbegebäuden die Schilder mit „Vende“ – zu verkaufen! Wir unterschätzen bis heute, wie schlecht es manchen Wirtschaftsregionen in der EU geht. Ich fahre durch die Gemüsekammer Italiens, die gerade eine tiefgreifende Veränderung durchmacht.

Ein netter Motorradfahrer überholt mich und zeigt mir seine Bewunderung mit ausgestrecktem Daumen. Das weckt meine Lebensgeister erneut, und ich fahre mit viel Zuversicht weiter ins Unbekannte. Ich habe noch keine Ahnung, wie weit ich heute komme und wohin es mich verschlagen wird. Je weiter ich Richtung Süden an der Adria entlang fahre, desto schwieriger wird die Routenwahl. Die Italiener fahren fast alle Roller mit 150 Kubik Hubraum, weil diese auf die Schnellstraßen dürfen, ich darf das mit (offiziell) 125 Kubik nicht und muss mich über winzige Landstraßen quälen. Das Problem dabei ist die Orientierung, weil es auf den lokalen Straßen keine – oder oft falsche – Beschilderung gibt. Das Navi, das ich dabei habe, ist mir keine Hilfe, weil es mich ständig auf die Autobahn beziehungsweise die Superstrada leiten will, es kennt den Unterschied zwischen 125 und 150 Kubik nicht.

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Ein Italien-Klassiker:
der Strand von Jesolo
021 RomGS kl
Kurz vor dem berühmten
Münzwurf am Trevibrunnen
 
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Urbino in der
Abenddämmerung
015 RomGS kl
Italienisches Abendessen:
Vino und Cresce
 

Irgendwann bin ich in Pesaro und biege nach rechts hinauf in die Berge ab. Ich will es noch bis nach Urbino schaffen. Diese Stadt sollte man sich nicht entgehen lassen, hat mir mein Freund Rudi in Klagenfurt erzählt. Das ist nicht übertrieben, die Landschaft und die Stadt sind atemberaubend, und ich gönne mir ein gutes Abendessen in einem kleinen Ristorante: „Cresce“ heißt die lokale Spezialität und ich kröne sie noch mit einem Eis am Hauptplatz.

Ich sitze jetzt bis zu neun Stunden täglich auf der Vespa und spüre vor allem mein Genick, das zunehmend weh tut – eine Folge der Vespa-Sitzposition plus schlechtem Sattel plus untrainiertem Genick plus der psychischen Verspannung. Aber immerhin habe ich einen pannenfreien Tag, das ist ja auch was!