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E-BIKE-REISE

AUF DER PARENZANA-BAHNTRASSE DURCH ISTRIEN


Text & Fotos: Michael Bernleitner
 
 

VOM KARST ZUR KÜSTE

Heute mit Strom statt gestern mit Dampf: Mit dem E-Bike Trüffel schnüffeln auf des Kaisers putzigster historischer Bahnstrecke


001 Istrien E-Bike kl
 
 

Es ist finster wie in …
wie in einem Platz, der nicht genannt werden darf. Der Akku ist vollgefüllt mit Volt und Amperestunden, aber mountainbikemäßig habe ich natürlich keine Lichtanlage montiert. Und weil der Eisenbahntunnel entgegen den Erwartungen doch einen Knick macht, sieht man das Licht am Ende nicht und ich stoße in der Kurve prompt gegen die Mauer. Die Entgegenkommenden schieben ihre Fahrräder ebenfalls, doch sie haben wenigstens eine Taschenlampe, mit der sie mir ausgiebig ins Gesicht leuchten.

Solcherart geblendet, bleibt mir nur die erzwungene Rast mit dem Rücken zur Tunnelwand, um wieder Orientierung zu gewinnen und mich weiter zum Licht am Ende der Röhre zu bewegen. Mit 222 Meter Länge ist der Tunnel auf dem Streckenabschnitt von Motovun nach Livade der längste im istrischen Teil der historischen Bahnstrecke von Triest nach Poreč. Aus der deutschsprachigen Bezeichnung „Parenzaner“ (Parentium ist der lateinisch-römische Namen von Poreč) wurde italienisch dann Parenzana. Nach nur 33 Jahren Betriebsamkeit wurde die Schmalspurlinie 1935 stillgelegt und die Trasse verfiel; 2008 wurde sie als völkerverbindendes Projekt als Fahrradweg wieder revitalisiert.

050 Istrien Groznjan kl
Kunstgalerie im pittoresken
Städtchen Grožnjan
008 Istrien Rovinj kl
Hauptattraktion in Rovinj: die
berühmte Euphemia-Basilika
 

Die Parenzana verbindet die schönsten Landschaften und einige der sehenswertesten Orte der istrischen Halbinsel. Sie ist Naturwunder, Sport- und Erholungsstrecke und eine museale Bike-Reise gleichzeitig. Der Motovun-Tunnel wurde nach der Bahnstilllegung einige Zeit zur Pilzzucht verwendet, heute ist er einer der zahlreichen Einstiege in die Bahntrassenstrecke. Ist man durch und in Richtung Livade wieder am Tageslicht, öffnet sich ein herrliches Panorama auf das pittoreske mittelalterliche Bergstädtchen, das auf seinem steilen Zinken über das Mirnatal wacht.

Motovun (italienisch Montona) verödete im Nachkriegsjugoslawien zur Geisterstadt mit kaum mehr als hundert Einwohnern – heute ist es eine der touristischen Perlen Istriens, um einen Besuch kommt man eigentlich nicht herum. Oft sind schon am Vormittag die Autoabstellplätze zugeparkt, davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Mit dem Elektrofahrrad ist der steile Anstieg in die Oberstadt die helle Freude. Das kräftig gerippte Pflaster im historischen Teil, das früher den Maultieren zu besserem Tritt verhelfen sollte, ist aber auch für voll gefederte E-Mountainbikes – wie dem EH-Line 01C – eine Herausforderung. Als hochkomfortables Basislager für die Erkundung der Parenzana ist Motovun ebenfalls eine Empfehlung: Das Hotel Kaštel in einem stilvoll renovierten italienischen Palazzo verfügt (wie sehr viele istrische Hotels) über einen versperrbaren Fahrradraum, in dem auch die Akku-Aufladung für das Pedelec möglich ist.

017 Istrien Rovinj kl
Ausflug mit dem landes-
typischen Batana-Fischerboot
018 Istrien Rovinj Batana kl
Die Musikkapelle „Batana“
musiziert in Rovinj
 
033 Istrien RestaurantMonte klk
Das Restaurant Monte in Rovinj ist möglicher-
weise das beste kroatische Restaurant überhaupt
035 Istrien Rovinj kl
Gute Stimmung im
Hafen von Rovinj
 

Knapp beim Motovun-Tunnel kann auch einer der gut erhaltenen charakteristischen Bahnhöfe der Parenzana besichtigt werden. Sie sehen nicht viel anders aus als die k.-u.-k.-Bahnhöfe derselben Epoche in Österreich, allerdings etwas puppenhausartiger, sozusagen der schmalen 76-Zentimeter-Schienenbreite angepasst. Der Bahnhof von Motovun hatte sogar Rangierfunktion, noch heute kann man die Abstell- und Überholgleise erkennen. Aus dem sowohl für Eisenbahn- als auch für Fahrradfans sehr erhellenden, 2013 erschienenen Büchlein „Die Parenzana – Gehen. Genießen. Radfahren“ von Janko Ferk/Sandra Agnoli können wir die Anekdote entnehmen, dass hier Kinder immer wieder der Langeweile zu entfliehen versuchten und aus Jux die Schienen mit reifen Feigen einschmierten. Die beim Berganfahren durchdrehenden Räder der Dampflok und die anschließende Beobachtung der notwendigen Reinigung erzeugten wahrscheinlich diebische Freude, gefolgt von tüchtigen Maulschellen und Backpfeifen.

Bergab ins Tal der berühmten Mirna, die heute ein geradlinig reguliertes Rinnsal, aber immer noch für die Fruchtbarkeit und den Wohlstand der Region verantwortlich ist. In Livade gibt es einen der tiefstgelegenen Punkte der Bahnstrecke und ein manchmal geöffnetes Parenzana-Museum. Das flache Dörfchen wirkt ungefähr so spannend wie das berühmte Kaff von Don Camillo und Peppone in der italienischen Poebene, doch seitdem hier der istrische Trüffelpapst Giancarlo Zigante ein Feinschmeckerrestaurant eröffnet hat, ist Livade ein kroatischer Nabel der Kulinarik. Kein Wirtshaus für jeden Tag, aber zu gerade noch plausiblen Preisen kann man – abhängig von der Jahreszeit – schwarze und weiße Trüffel unglaublich stilsicher und facettenreich zubereitet zu sich nehmen. Es gibt auch qualitätvolle Fremdenzimmer und einen angeschlossenen Trüffelspezialitätenverkauf samt Vinothek.

056 Istrien Parenzana kl
Bahnviadukt in der
Nähe von Grožnjan
055 Istrien Motovun kl
Motovun wacht
über das Mirnatal
 
095 Istrien CasaParenzana kl
Die Pension Casa Parenzana von Guido Schwengersbauer
ist bei Bike-Touristen sehr beliebt
091 Istrien Oprtalj kl
Blick auf Oprtalj (hier gibt’s
einen guten Feinkostladen!)
 

Die kostspielige Knolle ist ziemlich allgegenwärtig, da muss man sie nicht erst suchen oder gar finden: Nach einer Fahrt durch die Eichenwälder im Mirnatal oder auch in der Gegend von Oprtalj und Brtoniglia haben die Fahrradreifen soviel vom unverwechselbaren Aroma aufgenommen, dass der Fahrradraum oder der Transportvan noch tagelang danach duftet.

Das Bergaufstück nach Oprtalj und noch 37 Kilometer weiter zum sehenswerten Künstlerdorf Grožnjan ist ein besonders prächtiges Teilstück der Bike-Route. Anfangs ein kleines bisschen geröllig und somit vor allem für Mountainbikes geeignet, kommt man auf kurviger Streckenführung durch duftende Pinienwälder und wird dabei immer wieder durch tolle Landschaftsbilder überrascht; Tunnels und Viadukte sorgen für zusätzliche Abwechslung. An der – heute nur mehr aus einer Rasenfläche bestehenden – Station Oprtalj wird ersichtlich, dass das Leben für die Landbevölkerung trotz Bahnlinie immer noch beschwerlich genug blieb: Von der Bahnstation ins Dorf führte ein drei Kilometer langer steiler Weg.

Während die Istrianische Staatsbahn bereits seit 1876 entlang des Tschitschenbodens bis nach Pula führte, gehörte Inneristrien noch bis zur Eröffnung der Parenzana zu den entlegensten und rückständigsten Gebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Doch auch im Hochland der Ćićerei waren die Zustände im 19. Jahrhundert äußerst rustikal. Dem Kultbuch „Durch Istrien“ von Harald Waitzbauer entnehmen wir die folgende ergreifende Passage: „Die Bewohner der 33 Bergdörfer waren die Outlaws unter den Istrianern. Oft waren es auch die Tschitschenfrauen, die vollbepackt und barfuß nach Triest hinunterstiegen. Auf dem Wege in die Hafenstadt, die schwere Last der Ware auf dem Rücken, strickten sie meist noch Strümpfe, manch eine gebar auf dem Weg ihr Kind. In Triest angekommen, waren sie meist gezwungen, ihre Ware zu einem Spottpreis abzugeben. Die Ankäufer wußten, dass die Frauen ihre schwere Last nicht zurück in die Ćićerei tragen konnten und drückten den Preis, so weit es ging.“ Und weiter: „An Festtagen jedoch schmückten sich die Frauen: Ohrgehänge bis zur Schulter, Halsketten und Broschen in Größe und Form von Kastenbeschlägen.“

119 Istrien Limskifjord kl
Der Limski-Fjord ist berühmt
für seine Austernzucht
085 Brtonigla kl
Typisches istrisches
Landhaus
 
087 Novigrad kl
Frisch geerntete Jakobsmuscheln
im Hafen von Novigrad
076 Istrien Motovun kl
Straßencafés
in Motovun
 

Weitere empfehlenswerte Basislager für einen gelungenen Parenzana-E-Bike-Ausflug: Das Dorf Brtoniglia, wo es mit dem Landhotel San Rocco ein weiteres feines Trüffelrestaurant gibt. Oder das mittelalterliche Städtchen Buje, in dessen Nähe der Salzburger Wahl-Istrier Guido Schwengersbauer sein Boutiquehotel Casa Parenzana betreibt, das auf Fahrrad-Urlauber und Kulinarik-Genießer spezialisiert ist (näheres in unserem Info-Kasten).

Doch weil wir schon in der Gegend sind – und besonders, weil uns ein höchst verlockender Bike-Plan mit drei Routenvorschlägen rund um Rovinj in die Hände fällt –, machen wir noch einen Kurzaufenthalt an einem der berühmten Parade-Reiseziele der kroatischen Adriaküste. Mit einem E-Bike tun sich hier völlig neue Möglichkeiten auf, an die man mit einem Roller, einem Motorrad und erst recht mit einem Auto nicht einmal denken kann: zum Beispiel direkt am Meeresufer zu den schönsten Badeplätzen rund um Rovinj, durch verschiedene Strandabschnitte und durch kühlende Pinienwälder. Das Pedelec ist hier eindeutig und mit Abstand das beste Verkehrsmittel – zu Fuß würde das Stunden dauern, und mit dem Auto müsste man sich über das Hinterland zu staubigen Parkplätzen durchschlagen. Auch zum nördlich von Rovinj gelegenen Limski-Fjord mit seinen begehrten Austernzuchtbänken kommt man auf einer 30-Kilometer-Runde. Es gibt waldige Forststraßen und schöne Aussichtspunkte über dem Kanal, der Akku hält die Strecke locker durch. Ob historische Bahntrasse, ausgeschilderte MTB-Route oder individuelle Strecke – ein Elektrofahrrad in Istrien müsste man sein …



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