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ROLLER-REISE

SLAWONIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA UND DALMATIEN


Text & Fotos: Michael Bernleitner

ZEITREISE ZUR ADRIA

Ziel ist das prächtige Dubrovnik. Anreise mit etwas ungewöhnlicher Streckenführung durch die jüngere Geschichte der Ex-Jugoslawien-Staaten


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Beim Neanderthal Museum
in Krapina beziehungsweise im Museumsdorf Kumrovec in der Gegend von Zagreb sind wir aus der großen Slowenien-Kroatien-Tour (siehe auch www.motomobil.at) ausgestiegen. Ich fahre nach Hause und tausche den Suzuki Burgman 400 gegen den neuen Yamaha T-Max 530. Und in Krapina beziehungsweise im Museumsdorf Kumrovec steige ich in die neue Kroatien-Tour wieder ein. Der Balkan ist groß, da gibt’s viel zu erkunden.

Ort der Sehnsucht ist eine der schönsten Städte am Mittelmeer: Dubrovnik am südlichsten Zipfel von Dalmatien, knapp an der Grenze zu Montenegro. Vom Osten Österreichs sind es normalerweise um die 950 Kilometer bis zum kroatischen Touristenmagnet, doch wir wählen eine 1300 Kilometer lange Variante: Von Zagreb aus geht’s zuerst in westliche Richtung durch Slawonien und dann ziemlich genau südlich durch die Republik Bosnien und Herzegowina ins Neretva-Delta an der kroatischen Küste.

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Gewisser Nachholbedarf in Bosnien und Herzegowina,
aber die hohe Tankstellendichte ist erstaunlich
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Fahrt durch das Freilichtmuseum Kumrovec,
Präsident Titos Geburtsort
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Blick vom Biokovo-Gebirge auf
die Makarska Riviera
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Die Inselwelt
vor Dubrovnik

Im Freilichtmuseum Kumrovec decke ich mich zuerst einmal mit einigen Tito-T-Shirts ein, die zuhause bei Kennern als Mitbringsel immer hochbeliebt sind. Marschall Josip Broz Tito wurde in Kumrovec geboren und so mache ich natürlich im Geburtshaus meine Aufwartung. Kurze kleine Betten in der Stube, eine Rauchkuchl, daneben eine Bäckerei und eine Schmiede. So idyllisch und friedlich wie das heute aussieht, war es damals wahrscheinlich nicht – sonst hätte der Altpartisan später in seiner Jugend wohl nicht stehlen gehen müssen.

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Das schöne Split ist
ein Roller-Paradies
Die hügelige gepflegte Region rund um Zagreb wirkt wie eine Thermen- und Erholungslandschaft, immer wieder fährt man Weinberge hinauf und wieder runter, es ist eine abwechslungsreiche Reise. Erst nach dem ehrwürdigen Kurort Daruvar – mit Schloss und Thermalbad – wird die Landschaft flacher und eintöniger, die Dörfer wirken jetzt viel einfacher. Mit jedem Kilometer mehr. Bald tauchen auch verlassene und bisweilen völlig desolate Gebäude auf, die im Bild der Ortschaften immer zahlreicher werden. Und immer mehr Einschussstellen an den Hauswänden, von daumennagelgroß über kindskopfgroß bis zum gewaltigen Ein-Meter-Loch. Wir sind mitten im ehemaligen Kriegsgebiet des Jugoslawienkrieges, der „Balkan-Krise“, des Homeland Wars.

Was für die Bewohner als ständige Erinnerung an Gräuel und Schrecken zum gewohnten Alltagsbild gehört, wirkt für den Reisenden, der ans Meer in die Badeferien fährt, durchaus beklemmend. Man stellt sich freilich die Frage, warum die kaputten Häuser und Ruinen nicht einfach geschliffen werden, aber so einfach ist das nicht: Hinter fast jedem der Artefakte steckt ethnische Säuberung und ein Eigentümer, der jetzt in einem anderen Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens wohnt, oder wohnen muss.

Zur Reise in die Vergangenheit gehört auch, dass plötzlich sonst schon überall vergessene Zastava- und Yugo-Autos im spärlichen Verkehr herumkriechen. Zwei, drei Straßendörfer später wird’s noch unheimlicher: Es gibt kaum noch Autos und die Bewohner, auch die Jugendlichen, radeln auf zerbeulten Drahteseln herum. Sicher nicht freiwillig oder aus ökologischen Gründen … Und schließlich fahren wir auch durch einige Siedlungen, die vollkommen verlassen sind. Geisterstädte, fast zwanzig Jahre nach Kriegsende. Später, in den wieder stärker bevölkerten Gegenden sehen wir allenthalben die gleichen Reklametafeln mit immer wieder den selben Werbebotschaften: „Vulkanizer“, „Spar“, „Billa“, „Hypo Alpe Adria“ … Wohltäter der Menschheit, die Pioniere der vereinigten Weltverbesserer.

Osijek, Vukovar und Slavonski Brod sind die wichtigsten Städte in Slawonien. Der Stadtrand von Osijek empfängt uns mit einigen Shopping Malls und Cineplex-Centern, offensichtlich geht die Wirtschaft hier ihren gewohnten Gang. Die Geschichte der an der Drau liegenden viertgrößten Stadt Kroatiens reicht bis auf die Römerzeit zurück. Die Altstadt wirkt wie ein lebhaftes k.-u.-k.-Monarchiestädtchen mit vielen schönen Bauten im Sezessions-Stil – Theater, Kino, Hauptpostamt oder Stadtbibliothek. Aber auch hier sind heute noch die Spuren von Gewehrsalven an so mancher Hausfassade sichtbar. Wer in Osijek stilgerecht absteigen möchte, reserviert sich sein Zimmer im preiswürdigen und feinen Klassik-Hotel Waldner. Abends lockt das Uferviertel an der Drau mit vielen Restaurants und Szenelokalen.

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Die „Collection of Weapons of the
Homeland War“ in Karlovac
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Viele der verlassenen Häuser sind
bis heute nicht wieder besiedelt
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Die ehemalige Entbindungsstation im Krankenhaus
Vukovar ist jetzt Kriegsmuseum
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Poster in einem
Souvenirshop in Mostar

Vor der Weiterfahrt nach Vukovar geht sich ein Besuch und eine kleine Bootsfahrt im Naturpark Kopački Rit aus. Der „europäische Amazonas“ ist eines der größten erhaltenen Sumpfgebiete am Kontinent und ist seit längerer Zeit zur Aufnahme ins UNESCO-Weltnaturerbe vorgesehen. Rückzugsgebiet von seltenen Lurch-, Fisch- und Vogelarten, außerdem Insektenparadies. In der Öffentlichkeit nicht so hervorgehoben wird der Umstand, dass einige Gebiete immer noch vermint sind und somit auch der Homeland War gewissermaßen zum Artenschutz beigetragen hat.

In Batina beim Russland-Denkmal sehen wir über die Donau weit ins Dreiländereck Kroatien-Ungarn-Serbien. In den langgezogenen Straßendörfern bis Vukovar dann wieder viele Kriegsrelikte und Erinnerungen ans düstere Kapitel. Vukovar an der Mündung der Vuka in die Donau war eines der meistumkämpften Gebiete, das „Massaker von Vukovar“ ist in allgemeiner Erinnerung. Im Keller des städtischen Spitals, wo während der Belagerung viele Einwohner der Stadt über Monate hinweg Zuflucht suchten, ist heute ein Museum eingerichtet, das in beklemmenden Originalgröße-Dioramen an den Spitalsalltag zu dieser Zeit erinnert: Fast nichts zu essen, kaum Heizung und Lüftung, die Geburtslager und Neugeborenen fast nicht getrennt von den Kriegsversehrten in dreistöckigen, halbmeterbreiten Lazarettbetten.