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ROLLER-REISE
KREUZ UND QUER DURCH DIE TOSKANA

KREUZ UND QUER DURCH DIE TOSKANA


Text & Fotos: M. Bernleitner

VESPA IN CHIANTI

Natürlich gibt’s mehr als Pisa, Pizza & Bistecca. Dass die Toskana ein unverrückbarer Reise-Klassiker ist, hat seine schönen Gründe. Und kein Fahrzeug ist hier besser ist als ein fescher Roller



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Durch den Speckgürtel von Florenz
– sozusagen den Prosciuttogürtel – rollern wir Richtung Süden. Das Tagesziel ist San Gimignano. Schon nach wenigen Kilometern sieht die Gegend voll und ganz nach Toskana aus, wie man sie von Ansichtskarten und aus Bildbänden kennt und wie man sie sich toskaniger nicht vorstellen könnte. Tausende Kurven, dann wieder kilometerlange Alleen, kleine und große Hügel, geschwungene Wellen in der Landschaft, die gräflichen Weingüter und Herrschaftshäuser, die Zypressen und die Felder, so gehört sich das.

Und außerdem riecht es auch nach Wein, es ist gerade die Zeit der Weinlese. An einer Gegenverkehrsstelle kommen wir hinter einem Traktorfahrer und seinem beladenen Anhänger zu stehen. Er dreht sich um und bedeutet uns gestenreich, uns ganz einfach an den süßen Trauben zu bedienen und ein paar Reben herauszugreifen. Wahrscheinlich Sangiovese, die werden sicher im Weinkeller in ein muskulöses rubinrotes Getränk übergeführt werden. Die Rollertour beginnt jedenfalls sehr sympathisch.

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Kurvenspaß in der Toskana – und dazwischen
immer wieder schöne lange Alleen
Die GTS 300 besucht das Schloss im verträumten Dörfchen Poppi
Die GTS 300 besucht das Schloss
im verträumten Dörfchen Poppi
Blick auf San Gimignano
Ganz oben auf einem der
Geschlechtertürme in San Gimignano
Greve in Chianti, nur dreißig Kilometer von Florenz entfernt, ist längst nicht so bekannt wie die Toskana-Hotspots Siena, Lucca oder Pisa – es ist aber wahrscheinlich eines der malerischsten Städtchen der Toskana, zumindest am Hauptplatz. Wenn Mister Steve Wynn in Las Vegas nach dem Lago di Como noch ein Tuscany nachempfunden hätte, dann würde es mit einiger Sicherheit so aussehen wie Greve in Chianti. Während aber über Las Vegas der Pleitegeier kreist, bleibt die Toskana das Original. In den Arkaden rund um die Piazza Matteotti pulsiert das Leben, Touristen mischen sich mit Einheimischen, die ihre Tagesgeschäfte und Einkäufe erledigen. Die Bäckereien verströmen betörende Düfte, die sich mit den Aromen aus den Fleischereien, Kaffeebars, Trattorias, Osterias, Vinotheken und anderen Spezereienläden abwechseln. Ein komprimiertes, intensives Italien. Das traditionsreichste Lokal am Platz ist die 1729 gegründete Metzgerei Falorni, die seither von ein und derselben Familie betrieben wird. Bei einem Besuch der musealen Verkaufsräume muss man sich stark am Riemen reißen, um den Kofferraum der Vespa nicht mit Schinken, Speck und Wurstwaren randvoll zu füllen.

Die Route nach San Gimignano ist kurvig und eröffnet zahlreiche Panoramablicke. Mit dem Roller ist man in der Toskana bestens ausgerüstet: Auch die Nebenstraßen sind gut asphaltiert, mit kleinen Reifen ist man immer gut unterwegs. Und es gibt soviele Möglichkeiten, an ein Ziel zu gelangen, dass sogar in den Sommermonaten die Verkehrslage überschaubar ist. Wenigstens für Zweiradfahrer. In San Gimignano gibt es in unmittelbarer Stadttornähe für Biker einen kostenfreien Parkplatz, was auch der Rollerreisende zu würdigen weiß. Die mittelalterliche Stadt mit den berühmten, bis zu 50 Meter hohen Geschlechtertürmen ist immer knallvoll besucht und ist ein touristisches Kuriosum. Gottfried, unser Torguide vom Veranstalter Edelweiss Bike Travel, kennt sich aus und erklärt uns Näheres: Die Türme gab es in fast allen Orten der Region, aber heute existiert dieses Italo-Manhattan deswegen noch, weil man hier zu arm war, die einstigen Statussymbole der elitären Familien zu schleifen und zu entsorgen.

Toskana anders: Bizarre Felsformationen beim Passo del Miraglione
Toskana anders: Bizarre
Felsformationen beim
Passo del Miraglione
Man kann noch immer gut erkennen, dass sie auch Wehrtürme waren: Die Eingänge sind nicht ebenerdig, sondern die Bewohner mussten über Leitern in den zweiten oder dritten Stock eintreten. Noch weiter oben gibt es kleine Öffnungen, aus denen man ungebetene Gäste mit heißem Öl und anderen Freundlichkeiten empfangen konnte. Wie in der viereckig von Mauern eingeschlossenen Stadt Lucca (die man am besten mit einem Pisa-Besuch verknüpft) gibt es auch in San Gimignano ein grausliges Foltermuseum, es dürften seinerzeit also sehr unangenehme Zeitgenossen durch die Lande gezogen sein. Heute ist man Fremden gegenüber viel positiver eingestellt, denn sie entrichten freiwilligen Eintritt und so kann man – gegen wirklich geringe und lohnenswerte Gebühr – ins Stadtmuseum und auf den darüber stehenden, 55 Meter hohen Turm und ein großes Schauspiel erleben. Grandioser Ausblick in alle vier Himmelsrichtungen, die Toskana in Bestform: Die quirligen Menschenströme auf den Plätzen; die roten Ziegeldächer und die Struktur der alten Stadt; die weite Hügellandschaft am Horizont.

Beim Abendessen in der Enoteca Osteria Il Grappolo in Florenz lerne ich meine neuen Rollerfreunde näher kennen – eine kleine Gruppe von US-amerikanischen Scooterfans, von denen einige bereits die Edelweiss-Scootertour an der Côte d’Azur mitgemacht haben und wegen der schönen Erlebnisse und Erfahrungen jetzt auch den Toskanaausflug gebucht haben. Eine Erfahrung, die ich auf Edelweiss-Touren in der ganzen Welt gemacht habe: Amerikaner stellen sich rasch als unkomplizierte und sehr angenehme Reisegefährten heraus, sie mögen gerne guten Wein und davon auch nicht zu wenig, ebenso gerne gutes italienisches Essen und wissen es zu schätzen. Politisiert und gescheit geredet, zum Beispiel über die aktuelle amerikanische Präsidentschaftswahl, wird Gottseidank überhaupt nicht – offensichtlich nimmt jeder an, dass sein Gegenüber eh auf der richtigen Seite steht. Oder es ist wurst. Die in der Toskana sehr oft eine getrüffelte Wildschweinsalami ist.

Die Lambretta aus den Sixties ist täglich im Einsatz
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Sixties ist täglich im Einsatz
Sienas Stolz: Die Cattedrale di Santa Maria Assunta
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di Santa Maria Assunta
Das Pferderennen in Siena findet wegen großem Erfolg mittlerweile zweimal jährlich statt
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Erfolg mittlerweile zweimal jährlich statt
Wie eine Sinnestäuschung: der schräge Hauptplatz von Arezzo
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Herrschaftliche Güter gehören zum Landschaftsbild
Herrschaftliche Güter
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Auch ein Erlebnis: Schlechtwettereinbruch am Passo del Miraglione
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einbruch am Passo del Miraglione