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ROLLER-REISE

SPORADENINSEL ALÓNNISOS


Text: Michael Bernleitner
Fotos: Wos Kosta Metaxa
 
 

SIND WIR NICHT ALLE PIRATEN

Darf man sich in Zeiten wie diesen urlaubsmäßig in den hintersten Winkel des Mittelmeeres verdrücken und es sich dort gutgehen lassen? Ja, man darf


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Besuchen wir eine fast vergessene Insel
im ägäischen Mittelmeer, die ziemlich weit weg ist. Wo auch die berühmte Krise nur schwer angelangt ist und wo die griechische Inselwelt so paradiesisch wirkt, als ob alles in Ordnung wäre. Alónnisos, die hinterste Insel der drei bewohnten Nordsporadeninseln Skiáthos, Skópelos und Alónnisos, ist eine erstaunliche Insel. Während das weltberühmte Skiáthos ein touristischer Moloch ist und hier der Bär tanzt (beziehungsweise der Brite, der Russe oder der Holländer), dauert die Hochsaison auf Alónnisos gerade einmal fünf oder sechs Wochen. Das reicht, dass es gerade soviel Fremdenverkehrsinfrastruktur gibt, wie notwendig ist.

In einigen älteren Alónnisos-Straßenkarten ist noch der Flughafen eingezeichnet, mit dessen Bau man im Jahr 1984 begonnen hatte; im weit von der Hafenstadt Patitíri entfernten Ágios Konstantínos wurde das Rollfeld eingeebnet. Den Flughafen gibt es auf manchen Karten, aber nicht in Wirklichkeit. Die griechische Regierung ließ die Pläne fallen – im Nachhinein betrachtet tat sie damit den Einwohnern von Alónnisos vielleicht sogar einen Gefallen. Vom Festland aus ist Alónnisos nur von Vólos oder Thessaloníki zu erreichen, oder eben über den Flughafen auf Skiáthos.

Ruhe und Beschaulichkeit in der Bergstadt Old Alónissos
Ruhe und Beschaulichkeit
in der Bergstadt Old Alónissos
Für jeden Tag einen anderen Strand
Für jeden Tag einen
anderen Strand
 
Nachmittägliche Invasion am Beach von Leftós Gialós
Nachmittägliche Invasion
am Beach von Leftós Gialós
Spaziergang in Old Alónissos
Spaziergang in
Old Alónissos
 
In den 1980ern und frühen 1990ern war die Insel ein Paradies für entdeckungshungrige Offroad-Biker. Asphalt nur im Hafenort, der Hauptverkehrsweg (mit sich verästelnden Abzweigungen zur Küste) war Schotterpiste, noch dazu mit ganz wenig Verkehr. Man konnte die gut über 20 Kilometer lange Strecke vom Süden der Insel bis nach Gérakas im Norden dahinbrettern, ohne auf ein anderes Fahrzeug zu treffen. Um die vielen schönen Strände zu erreichen, brauchte man ein Wasserfahrzeug oder eine Enduro. Mit der europäischen Entwicklung kam dann der Asphalt bis fast in den letzten Winkel, heute finden wir ein perfektes und gepflegtes Straßennetz vor.

Das hat wenigstens zur erfreulichen Entwicklung geführt, dass mittlerweile ein kleiner Motorroller das mit Abstand tauglichste Transportmittel auf Alónnisos ist. Alles, was zu Lande mehr als 20 oder 25 PS hat, ist Übermotorisierung. Auch mit einer zarten 125er sind dem Entdeckungsdrang keine Grenzen gesetzt. Irgendwann in den letzten Jahren muss ein sehr tüchtiger Kymco-Vertreter auf der Insel gewesen sein: überall geländegängige Kymco-Quads, bei den verschiedenen Mopedverleihen kann man sich vor allem den Kymco Agility 125 ausborgen. Warum nicht, denke ich mir, der kleine Taiwanese sieht durchaus recht schnittig aus.

Und Mietpreise zwischen 15 und 18 Euro pro Tag (inklusive Versicherung) sind keine Lawine. Beim Mieten soll man auf jeden Fall darauf Wert legen, dass der Agility mit Topcase ausgestattet ist, denn in das kleine Fach unter der Sitzbank passt nicht einmal ein Jethelm. Dafür hat der Kymco einen großen bequemen Sattel, ein riesiges glattes Trittbrett, auf dem Einkäufe transportiert werden können und er hat 16-Zoll-Räder, falls man doch einmal ins Gelände fahren will. Die 6,5 kW (9 PS) lassen den sorglosen Fahrer darüber nachdenken, ob man im Urlaub überhaupt einen Helm braucht. Na hoffentlich wird man ihn nicht brauchen, wäre die richtige Antwort. Die Entscheidung zum Helmtragen fällt jedoch leicht, weil auch in Griechenland herrscht Helmpflicht. Dass die Inselpolizisten immer wegsehen, darauf sollte man eher nicht vertrauen.

Die besten Fahrzeuge sind Wasserfahrzeuge und Roller
Die besten Fahrzeuge sind
Wasserfahrzeuge und Roller
Die Strände bei der roten Felsformation von Kokkinókastro gehören zu den schönsten der Ägäis
Die Strände bei der roten Felsformation von
Kokkinókastro gehören zu den schönsten der Ägäis
 
Die Piraten-Ausstellung im Alónissos-Museum
Die Piraten-Ausstellung
im Alónissos-Museum
Vergessenes Frachtschiff auf der unbewohnten Nachbarinsel Peristéra
Vergessenes Frachtschiff auf der
unbewohnten Nachbarinsel Peristéra
 

Bevor wir zu einer Inspektion der Strände aufbrechen, wollen wir „Old Alónnisos“ besuchen, den ehemaligen Hauptort der Insel. Die Chóra liegt malerisch auf einem steilen Hügel hoch über dem Hafenort Patitíri, mit tollem Blick auf die Nachbarinseln bis hin zum Heiligen Berg Áthos. Auf vielen Inseln wurden die Hauptorte aus der Furcht vor Piraten im Landesinneren gegründet – manchmal machte sich die Bevölkerung aber auch mit den Piraten gemein und die Trennlinie wurde unscharf, davon später. In der Chóra finden wir viele der Gründe und Antworten auf die Frage, warum das bewaldete, aber trotzdem nicht sehr wasserreiche Eiland so erstaunlich und einzigartig ist.

Noch in den 1960ern lebten manche der heute in Patitíri beheimateten alonnisotischen Familien auf den kleineren benachbarten Inseln, die heute unbewohnt und Teil des jungen National Marine Park of Alónnisos Northern Sporades sind. Die anderen lebten in der Oberstadt. Dort kam 1965 das große Erdbeben – und innerhalb zweier Jahrzehnte brach über die Einwohner von Alónnisos das zwanzigste Jahrhundert herein. Vom Holzfeuer zum Internet in nur einer Generation, sozusagen. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: 1965 gab es das erste Postamt auf der Insel; seit 1969 gibt es Stromversorgung (die heute noch manchmal zusammenbricht) – das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Ab 1967 beginnt mit dem Schiff Kíknos (Schwan) die erste regelmäßige Fährverbindung vom Festland nach Alónnisos.

Dafür gibt es dann schon ab 1983 mit der Disco „For You“ (später „4x4“, „Enigma“ …) den ersten Nachtklub in Patitíri, mit DJ-Beschallung von der Musikkassette und Highlife endlos. Dazwischen liegt natürlich noch so einiges. Aus dem 2010 erschienenen lesenswerten Historikwälzer „These Scattered Isles“ des Ankertauchers, Gastwirts und Archäologen Kóstas Mavríkis (er ist auch Gründer und Betreiber des Alónnisos Museums) erfahren wir, dass 1965 kurz nach dem Erdbeben das allererste Automobil auf der Insel eintraf. Nur so zum Vergleich: ganze 36 Jahre später, nachdem sich Ernest Hemingway seinen Ford Roadster auf die – ebenfalls nicht leicht erreichbare – Florida-Insel Key West liefern ließ … Freilich gab es auf Alónnisos schon Pisten, die vom Militär errichtet wurden. Mehrere Jahre hindurch fuhren nur zwei Autos, die Hauptroute war natürlich zwischen Patitíri und der Palió Chorió – Zeitzeugen berichten, dass den Automobilpionieren eines Tages sogar eine Kollision gelungen ist.