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ROLLER-REISE
AUF DER TRIESTER STRASSE NACH TRIEST

AUF DER TRIESTER STRASSE NACH TRIEST

Text & Fotos: Michael Bernleitner

STRADA DEL SOHLE

Auf der B17 und einem Teilstück der ehemaligen „Gastarbeiterroute“ tauchen wir durch die – nicht immer sehr glorreiche – Vergangenheit der motorisierten Mobilität. Route 66 für Arme, sozusagen …



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Was könnt’s Schöneres geben
als eine gefällige frühsommerliche Rollertour in den Süden? In die Heimat des Rollers, nach Italien? Noch dazu mit einem nigelnagelneuen maronibraunen Vespa-Sondermodell, der GTS 300 Touring? Test in Triest, das klingt als Arbeitstitel für ein langes Wochenende schon höchst verlockend. Wobei die Betonung auf „lang“ liegt. Denn eine GTS 300 wäre mit knapp 130 Höchstgeschwindigkeit durchaus autobahntauglich, wie wir schon öfter festgestellt haben. Doch wo läge da der Reiz?

Auf der legendären B17 fährt man normalerweise eher durch die Umstände gezwungen, aber nicht freiwillig – heute wollen wir’s tun. So eine Chance auf dienstliche Mobilitätskontrolle auf der klangvollen Triester Straße und auf Teilen der berüchtigten seinerzeitigen „Gastarbeiterroute“ kommt nicht so schnell wieder. Wobei die heutige B17 nicht immer dasselbe ist, was der Volksmund noch immer unter der klangvollen B17 versteht. Die B17 ist auch nicht mehr die Bundesstraße 17 – die gibt’s gar nicht mehr, denn seit 2002 steht sie unter Landesverwaltung, darf aber das B in der Bezeichnung weiterhin tragen …

004__Wien-Triest_klUnd damit jetzt die entstandene Verwirrung völlig beseitigt wird: Bis in die 1970er-Jahre führte die B17 von Wien bis an die italienische Grenze bei Tarvis. Seit 1971 heißt nur mehr das Stück zwischen Wien und Gloggnitz so. Triester Straße darf man – eigentlich – zum gesamten Verlauf zwischen Wien und Triest sagen, denn diese Bezeichnung geht aus der früheren Triester Reichsstraße hervor. Eine benamte Triester Straße gibt es nicht nur in Wien, sondern in etlichen Ortschaften, die an der Route liegen.

Die Triester Straße fängt am Matzleinsdorfer Platz an und führt an einer Burg des roten Wien vorbei, dem Viktor-Adler-Hof, bevor sie bergab am Wienerberg entlang verläuft und den Tankstellen, wo sich die Hatzer zum Autowaschen und Gummigeben treffen. Bei der Spinnerin am Kreuz biege ich von der Wienerbergstraße kommend ins Geschehen ein und passe zuerst einmal wie ein Haftlmacher auf die Radarkästchen am Mittelstreifen auf. Wie lange ist es her, als man hier noch auf Kopfstein- oder gar Katzenkopfpflaster dahinrumpelte? Nur ein bisschen weiter draußen an der Stadtperipherie präsentiert sich der Branchenmix der Geschäftswelt noch immer genau so, wie man es seit Jahrzehnten gewohnt ist: Die ersten Auto-Pfandleiher tauchen auf, Sonnenstudios, Nagelstudios und andere Studios säumen den Straßenrand. Fast alle der vielen Motorradhändler sind erst in den letzten 15 oder 17 Jahren hinzugekommen, nur den Moped Dorfner gab’s schon immer. Ich weiß das ganz genau, weil die Fahrt auf der Triester Straße und der B17 gehörte zum ständigen Weg in die Wiener Neustädter Panzerkaserne, um den Präsenzdienst beim Bundesheer zu erledigen. Auf dem Moped, bei Gluthitze, Schnee, Nebel und Glatteis. Freiwillig bin ich da jedenfalls nicht gefahren.

Oja doch, etliche Male zum Hans „Gundi“ Gundacker ums Eck in die Ketzergasse (das verwitterte Gundacker-Lokal auf der Triester Straße habe ich nie in Betrieb erlebt), dem ich Kundschaft für eine historische Triumph Bonneville vermittelte, die er wiederum einem Pensionisten abgenommen hatte. „Gundi“ Gundacker war Yamaha-Händler und Motocrosser, deswegen war es keineswegs sehr verwunderlich, dass er bisweilen schlecht bei Fuß war beziehungsweise sogar hinkte. Der Hintergrund dazu war jedoch keine banale Sportblessur, sondern eine jener unerbittlichen Stories, die den Ruf der B17 als saugefährliche Unfallstrecke in Zement (und oft genug auch in Grabsteine) meißelten: Gundi war nämlich einer der ersten richtigen, versierten Wheeliefahrer im Wiener Raum – noch bevor der Mopedfranz am Neubaugürtel das Vorderrad seiner Suzuki in die Höhe riss und die Lackhandtasche der sehr blonden Sozia am langen Riemen über den Asphalt gezogen wurde. Natürlich unbehelmt, ganz nach seinerzeitiger Gesetzeslage. Nach einem Service unterzog der Gundacker also die Enduro eines Kunden einer genauen Probefahrt, standesgemäß am Hinterrad – und weil der Mechaniker das Gestänge der Hinterrad-Trommelbremse nicht eingehängt hatte, geriet er unvermeidlich bei roter Ampel in den brausenden Querverkehr der Kreuzung Ketzergasse/Triester Straße. Anschließender Verkehrsstau und Rehab-Aufenthalt waren klarerweise von erheblicher Größenordnung.

Teil des ehemaligen Handelsimperiums in Wien-Liesing
Teil des ehemaligen Handels-
imperiums in Wien-Liesing
Der Sprit ist aus – echtes Mad-Max-Ambiente
Der Sprit ist aus –
echtes Mad-Max-Ambiente
Die 17er ist übersät mit Artefakten der Mobilität
Die 17er ist übersät mit
Artefakten der Mobilität
Wie man sieht, werden möglicherweise an diesem Kiosk „Flaschenweine“ verkauft …
Wie man sieht, werden möglicherweise an
diesem Kiosk „Flaschenweine“ verkauft …
Fast alle der über die Jahrzehnte berühmt gewordenen Landmarks an der Triester Straße gibt es immer noch. Wie zum Beispiel den Auto Metzker: das Paradeunternehmen der Auto-Ausbanler, mit seiner schon in den 1970er-Jahren unfassbar präzisen Ersatzteil-Logistik und Orientierung an der Kundennachfrage. Immer mehr eingezwängt zwischen andere Industrie-, Handelsbetriebe und Dienstleister – mittlerweile sind aber sogar das Palmershaus oder die 1976 eröffnete SCS als eine der größten europäischen Shopping Malls echte Klassiker. Als Landmark gleich gegenüber die Pyramide (ja, noch vor der in Las Vegas!) sowie der Glaspalast der 2Radbörse Süd. Auf den mittlerweile der optisch übermächtige rote Sessel vom Möbel Lutz runterschaut. Ansonst ist die Architektur der entlang der Triester Straße entstandenen Betriebe für eine Weltstadt wie Wien ein Wettbewerb der Schandflecke, die meisten der Gebäude sehen aus wie von Kemal Atatürk oder von Enver Hodscha genehmigt.

Auch der lange Anstieg zur Guntramsdorfer Kreuzung war früher unverbaut und für meine Honda SS 50 Z fast eine Bergprüfung. Heute ist er kaum wahrnehmbar und die Besiedlung ist durchgängig. Wir sind hier bereits im Weinland Thermenregion, trotzdem ist das bald folgende Traiskirchen kaum für Qualitätstourismus bekannt (was aber nichts mit dem Flüchtlingslager zu tun hat) – sondern noch immer eher für Semperit, Continental und die damit verbundenen Arbeitsk(r)ämpfe. Im „Kebap and more“ serviert man schmackhafte anatolische Fast-Food-Küche im Drive-in-style, die Raststätten und Reiseproviantstationen im Stil der Fifties, Sixties und Seventies sind sonst jedoch verschwunden. Aus manchen davon wurden Tankstellen oder „Tankstellen-Diskotheken“ – aber auch die halten sich nicht ewig, wie die eingeschlagene Fensterscheibe der Disco Skorpion bei Teesdorf beweist. Manchmal brennen die Clubs auch ganz einfach nieder, aus unerklärlichen Ursachen.

Das Doppel-S in Sollenau konnte man früher (wie das offene S in Traiskirchen) in gehaltvoller Schräglage durchmessen, in heutiger Zeit kommt das zwischen den Ampeln und Fußgängerstreifen nicht mehr so gut. Die 17er ist bei weitem nicht mehr die wichtigste und verstopfteste Nord-Süd-Verbindung, das Vorwärtskommen bleibt aber weiterhin mühsam und nervig. Sollenau ist immerhin für seine Schuhverkäuferdynastie Wunderl über die Ortsgrenzen hinaus bekannt, bei Wiener Neustadt bin ich – abgesehen von vier Bundesheerkasernen – ein wenig ratlos. Dazwischen Theresienfeld, und spätestens hier fällt auf, dass die Strecke zwischen Wiener Neudorf und Wiener Neustadt wahrscheinlich die Straße mit der höchsten Dichte an Pizzerias in Zentraleuropa ist. Da ist ein Geschäft mit dem Schild „Bäckerei-Kondotorei“ in Theresienfeld schon ein Highlight an kulinarischer und sprachlicher Hingabe.

Beliebter Treff kurz vor Wiener Neustadt
Beliebter Treff kurz
vor Wiener Neustadt
Anatolische Küche im Drive-in-style
Anatolische Küche
im Drive-in-style
Dann endlich die berühmte Neunkirchner Allee, ein Juwel des österreichischen Straßenbaus! Hier verlassen wir endlich auch die drückende Tristesse des Wiener Beckens. 13 Kilometer lang schnurgeradeaus und vollkommen eben; als unfassbaren Frevel gibt es heute genau in der Mitte einen – was sonst – Kreisverkehr, um das überschaubare Fahrzeugaufkommen zwischen Sankt Egyden und Schwarzau zu bändigen. Lange bevor es Autobahnen gab, hatte die Neunkirchner Allee bereits eine betonierte Fahrbahn und somit wurde die Straße schon immer von Privatpersonen, Konstrukteuren und Kfz-Herstellern als bevorzugte Teststrecke und Windkanal genutzt.

Automobilpionier Ferdinand Porsche probierte auf der Neunkirchner Allee seine Erfindungen aus: Mit seinem Prinz-Heinrich-Wagen erreichte er 1910 einen Geschwindigkeitsrekord von 130 Stundenkilometer, außerdem entwickelte er hier gemeinsam mit Luftpionier Ignaz Etrich die stromlinienförmige „Fischform“. Unter den Motorrad-Rekordlern ist Ernst Henne auf der Kompressor-BMW international am meisten bekannt. Im privat geführten Motorradmuseum Neunkirchen zeugen 60 Fahrzeuge aus der Zeit zwischen 1920 und 1975 von den Umtrieben auf der Neunkirchner Allee. Alljährlich im Sommer werden auch heute noch Beschleunigungsrennen ausgetragen, vierrädrig und zweirädrig. Sonst herrscht tote Hose auf der Allee: Wie so oft auf der B17 finden wir die typischen Artefakte der transnationalen und internationalen Mobilität – abgewirtschaftete Tankstellen, Imbisse, Tanzcafés, sonstige Nachtlokale.