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ROLLER-TEST

PIAGGIO NEW BEVERLY 300

Text Michael Bernleitner
Fotos Milagro
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AUF GROSSER SPUR

Itallienische Grandezza für Leute, die in einem Roller mehr sehen als einen willigen, billigen Lastesel und die damit auch bestens gekleidet sein wollen

Schön langsam spricht sich herum, dass die Hubraumklasse rund um 300 Kubik eine feine, nahezu optimale Mischung aus Wendigkeit, plausiblen Unterhaltskosten und dynamischer, zielstrebiger Fortbewegung ist. Die Erfolge von Bestsellern wie Honda SH300i oder Vespa GTS kommen nicht von ungefähr: Wir genießen die leichte Handhabe und die unkomplizierte Parkplatzsuche in der Stadt; wir haben die Leistungsreserven, um geschmeidig vom Vororte-Speckgürtel an den Arbeitsplatz zu commuten; wir finden Möglichkeiten der Gepäckunterbringung und noch immer genügend Leistung, um sogar kleine Touren und Wochenendausflüge zu unternehmen.
Die Motoren sind mit Größenordnungen um 16 kW (22 PS) kräftig genug, um die seriösen Hersteller dazu zu zwingen, untadelige Fahrwerke und Bremsanlagen abzuliefern. Das heißt nämlich, dass es auch reichlich Fahrspaß gibt. Die Klasse ist kein Kompromiss, sondern eine dichte Versammlung von Tugenden der Rolleridee.
Somit war es eine Frage der Zeit, dass Piaggio den 278-Kubik-Einspritzmotor der 2008 vorgestellten Vespa GTS 300 in eine neue große Beverly-Karosserie pflanzt. Im Jahr 2001 mit 125 und 200 Kubik eingeführt und später mit 400 und 500 Kubik erweitert, ist die Beverly-Serie eine der wichtigsten und erfolgreichsten Baureihen im Piaggio-Konzern – 270.000 Exemplare wurden bis jetzt verkauft. Mit den neuen 125er- und 300er-Modellen wird’s in absehbarer Zeit auf die halbe Million zugehen.
Während Großradroller à la Beverly und Honda SH in Europa einen Marktanteil von 39 Prozent haben, liegt in Italien der Anteil sogar bei satten 76 Prozent. Außerdem gelten Roller mit komplett freiem Durchstieg und ebenem Trittbrett – auch wenn’s noch so praktisch ist – bei unseren südlichen Nachbarn als nicht sehr schick. Eine Tunnelkonstruktion wie bei der Beverly wird als eleganter wahrgenommen, außerdem ermöglicht diese Bauweise eine zentrale Tankplatzierung und eine steifere Rahmenkonstruktion.
So kann Großstadtverkehr sogar Freude machen …
So kann Großstadtverkehr sogar Freude machen …

Schon beim ersten Rundgang rund um New Beverly drängt sich der erfreuliche Eindruck auf, dass das neue Modell der qualitätvollste Scooter sein könnte, der je aus dem Piaggio-Konzern gekommen ist. Gediegene Anbauten; feine Oberflächenbearbeitung von Kunststoff- und Metallteilen; luxuriös wirkende Sitzbank mit doppelt genähten Stößen; elektrische Sitzbankentriegelung (leider nicht per Schlüssel-Fernbedienung); überkomplettes Cockpit; Staufächer, die für Piaggio-Verhältnisse erstaunlich geräumig sind. Die Lichtspiele sind State of the Art: zwei weiße LED-Zeilen als Standlicht beziehungsweise Tagfahrlicht; das LED-Hecklicht in zwei senkrechten Reihen erinnert an extravagante Designs wie Lancia Thesis oder gar Maserati. Man ist tadellos angezogen mit der sorgfältig gestylten neuen Beverly – was schließlich Sinn und Zweck der Übung ist. Die silberne schmale Chromblende an der Frontschürze (die nüchterne Betrachter ein bisschen an Prater-Autodrom erinnert) wird von den Piaggio-Leuten sogar als rollergewordenes Gegenstück zur Business-Krawatte bezeichnet. Das muss einem erst einmal einfallen – wahrscheinlich wären Abermillionen Executives froh, wenn sie im Job auf die wenig sympathische Symbolik eines Kehlschutzes verzichten könnten, und dann das …

Bei eingehender Betrachtung der technischen Komponenten wird die Sache wieder handfest: Eine schwimmend gelagerte Vorderrad-Bremsscheibe mit 300 Millimetern Durchmesser steht auch fünfmal so starken Zweirädern gut an; solide Hinterradführung mit kräftigen, vierfach verstellbaren Stereo-Federbeinen und Antriebsschwinge; das Trockengewicht von 165 Kilo läßt auf stabile Bauweise des Doppelschleifen-Stahlrohrrahmens schließen.

Mailand ist ein heißes Pflaster. Und ein holpriges. Ausgedehnte Straßenzüge mit Kopfsteinpflaster, dessen Ziegel so groß wie ein Serviertablett sind. Immer wieder Straßenbahnschienen, die mit der Fahrbahnoberfläche alles andere als bündig sind. Trotzdem ist Mailand eine Scooter City wie aus dem Bilderbuch. Der Rollerfahrer darf hier alles. Und man versteht hier endlich, warum die Bewohner solcher verkehrsinfarktgeplagten Metropolen dem Großradroller den Vorzug gegenüber kleinerer, noch handlicherer Bereifung geben. Fast alles Gerüttel, Gezappel und Gekippe wird durch die großzügigen Raddimensionen (vorne 16 Zoll, hinten 14 Zoll) gedämpft. Was auf diesen Straßen bei kleinen Rollern und billigen Federkomponenten ein nerviges Geholper ist, wird beim hochwertigen Beverly-Fahrwerk zum angenehmen Gleiten.

Übersichtliche Instrumententafel. Noch wichtiger ist die entspannte Sitzposition
Übersichtliche Instrumententafel.
Noch wichtiger ist die entspannte Sitzposition

Auffällig ist auch, dass von Karosserie und Fahrwerksteilen keinerlei Vibrieren oder Dröhnen kommt. Der Roller scheint tatsächlich so gediegen konstruiert, wie man es bis jetzt nur von den besten japanischen Vertretern gekannt hat. Man könnte ihn sogar als Meilenstein eines gehobenen Piaggio-Qualitätsbewusstseins betrachten, was den Verantwortlichen durchaus bewusst ist: Stefano Sterpone, der kaufmännische Direktor für Europa, Middle East und Afrika, lässt bei der Präsentation die geräumige Sitzbank ins Schloss fallen und ist sich ganz sicher: „So klingt ein Mercedes.“

In den Stauraum unter der Sitzbank passt wieder einmal kein Integralhelm – dafür aber immerhin zwei Jethelme. Piaggio hat sich diesmal  bei der Schaffung von Volumen wirklich angestrengt. Großradroller sind hier von Natur aus gegenüber Scootern mit 12-Zöllern benachteiligt und deswegen freut man sich, dass man immerhin 20,3 Liter Kofferraum geschafft hat, der Honda SH300i bringt es auf 12,4 Liter. Die fließend integrierten Haltegriffe für den Beifahrer gehen direkt in den Gepäckträger über, der gleichzeitig auch die Montageplatte für ein Topcase (entweder 36 oder 48 Liter) aus dem Zubehörprogramm ist. Erfreuliches Beispiel dafür, wenn Design und Praxistauglichkeit miteinander verknüpft werden.

Die Aluminiumfelgen mit 20 Speichen bieten ein sehr ästhetisches Bild, Details wie der gediegene Tankverschluss sind ebenfalls nicht ganz selbstverständlich, Annehmlichkeiten wie der flächig in die Frontschürze versenkbare Gepäckhaken sind überhaupt erfrischende Lösungen. Darunter befindet sich die große Klappe, die ein 12-Volt-Outlet und drei Fächer für kleine Utensilien abschließt. Der luxuriöse Anspruch der neuen Beverly wird dem Fahrer auch durch das schmucke Cockpit veranschaulicht: Eine großzügige Anzahl von Kontrollleuchten, drei klassische Analoginstrumente und ein Digitaldisplay geben umfassende Auskünfte. Warum allerdings auf einen richtigen Bordcomputer verzichtet wurde (der ja bei einem Einspritzmotor eine reine Software-Lösung ist und von Piaggio bereits in verschiedensten Modellen angeboten wurde), verstehen wir an dieser Stelle nicht ganz.

Die Beifahrer-Haltegriffe gehen fließend in die Topcase-Platte über
Die Beifahrer-Haltegriffe gehen fließend in die Topcase-
Platte über
Antriebsschwinge mit hervorragend und spurtstark abgestimmter Automatik
Antriebsschwinge mit hervorragend und spurtstark abgestimmter Automatik