Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner

ROLLER-TEST

HONDA NSS300 FORZA ABS


Text: Peter Schönlaub
Fotos: Francesc Montero

MITTEL, ABER NICHT MÄSSIG

Großer Stauraum auf kleinen Rädern: Erste Ausfahrt mit dem stylischen Mittelklasse-Scooter


003_HondaNSS300Forza_kl

schonlaub_braunDer Mittelweg lässt sich kopfschüttelnd als Kompromiss abtun oder wohlmeinend zur ausgewogenen Geisteshaltung erheben. In Sachen Roller neigen wir zunehmend zum Vergolden der Mitte. Wer nicht aus Führerscheinzwängen beim 125er feststeckt, wird ein wenig Mehrleistung schnell zu schätzen lernen. Gleich aus dem Vollen muss man aber auch nicht schöpfen: Da handelt man sich rasch unnötigen Ballast, behäbiges Fahrverhalten und ein Loch im Bankkonto ein.

Uns zieht’s also zur Mitte. Dass man hier nicht nur uns, sondern auch viele andere muntere Rollerfahrer abholen kann, entdecken immer mehr Hersteller und füllen das Segment mit unterschiedlichen Konzepten. Honda selbst ist ja seit Jahren schon mit dem SH300i in der Klasse vertreten; der Ansatz mit tiefem Durchstieg, großen 16-Zoll-Rädern, solider Qualität und gutem Preis-Leistungs-Verhältnis hat den großen SHi längst zum Klassiker und Megaseller gemacht.

Ihm zur Seite steht seit dem Frühsommer 2013 der neue Forza 300, der in Österreich ausschließlich mit CBS-ABS angeboten wird und fast alles anders macht als der SHi. Er besitzt eine ausladende Karosserie auf kleinen Rädern (13/14 Zoll), einen massiven Mitteltunnel und steht derzeit mit einem Aktionspreis von 5590 Euro ein paar Hunderter über dem braven SH300i.

Ein „dynamisches, mächtiges Pendlerfahrzeug“ wollten die Entwickler auf die Straße stellen, und das ist ihnen zumindest im Design gut gelungen. Der NSS300 Forza wirkt elegant, mit fließenden Linien und einem forschen Gesichtsausdruck. Taucht er im Rückspiegel auf, dann flößt er Respekt ein und wächst somit über die 300er-Klasse hinaus.

Opulent präsentiert sich auch das Cockpit, ein automobilmäßigeres Pendant fällt uns in der Zweiradwelt nicht ein. Mit zwei großen, analogen Rundinstrumenten, der Tankuhr und der Kühlwassertemperatur wirkt das Instrumentarium äußerst kompetent – was ein wenig darüber hinwegtäuscht, dass die digitalen Informationen im Vergleich dazu recht knapp ausfallen: Uhr, zwei Tageskilometerzähler und ein mitrechnender Schnittverbrauch, that’s it. Eine Umgebungstemperaturanzeige fehlt genauso wie andere Bordcomputer-Daten.

004_HondaNSS300Forza_kl
Vom erwachsenen Erscheinungsbild
her könnte der Forza ohne weiteres
auch als 400er durchgehen
Äußerst profund wurde hingegen das Thema des Verstauens gelöst. Schon in der Verkleidung befinden sich zwei Fächer: das rechte, kleinere ist unversperrbar, das linke lässt sich nur bei eingeschalteter Zündung mittels eines Schalters neben dem Zündschloss entriegeln. Überraschung! Es ist so tief, dass man mit dem Arm bis zum Ellenbogen hineinfahren kann, also für Mineralwasserflaschen tauglich. Mittendrin ertastet man eine 12-Volt-Steckdose samt seitlicher Ablage, die wohl für das Mobiltelefon gedacht ist.

Schneller Check des Staufachs unter dem Sattel: Auch dieses wird nach Fernentriegelung zugänglich und erweist sich als große Höhle, in der bei sorgsamer Anordnung zwei Integralhelme sowie weiteres Kleinzeugs untergebracht werden können. Kleine Lapsi: Ein freundliches Lämpchen, wie es in dieser Klasse durchaus schon üblich ist, sucht man hier vergeblich, und das Einrasten der Sitzbank nach dem Schließen verlangt einen äußerst männlichen Nachdruck.

Wie groß und mächtig der Sattel geraten ist, wird offenbar, wenn man ihn geöffnet hat: Ein echter Eumel, würden unsere deutschen Nachbarn sagen. Sitzt man jedoch darauf, dann wird er plötzlich recht klein. Mit 716 Millimeter Sitzhöhe bleibt man erdverbunden, dazu fördern die schmalen Flanken den guten Bodenkontakt. Die massive Wölbung hinter dem Fahrersitz ist einerseits als Lehne dienlich, verhindert aber andererseits, dass man ein wenig hin- und herrutschend seine ideale Position findet. So ist man als normal Gewachsener zwischen den vertikal ansteigenden Trittbrettern und der Lehne regelrecht einzementiert. Über 1,80 Meter Körpergröße wird man diese Lage sogar als beengend empfinden. Die Sitzposition ist überhaupt eher seltsam: Die Füße auf den geraden Teil des Sitzbretts zu stellen ist praktisch unmöglich, will man nicht wie das Äffchen am Schleifstein wirken. Immerhin: Der Lenker liegt gut in der Hand, die Sicht in den Rückspiegeln ist auch mit Regengewand gegeben, also auf zur ersten Ausfahrt.

Der 300er-Motor springt spontan, aber sanft an und schmeichelt sich sofort in ein angenehmes Leerlauf-Timbre. Der flüssig gekühlte Vierventil-Einzylinder ist ja auch ein alter Bekannter, der seit Jahren gute Dienste im SH300i verrichtet und für den Forza mit der reibungsmindernden Maßnahme einer versetzten Zylinderachse versehen wurde. Das auf 194 Kilo gestiegene Gewicht im Forza ABS veranlasste die Ingenieure lediglich zu einer geringfügigen Veränderung des Mappings: Jetzt steigen Leistung und Drehmoment etwas früher an, mussten aber in den Topwerten (17,9 kW/24,5 PS und 26 Newtonmeter) leichte Einbußen hinnehmen. Geblieben sind die guten Manieren und die perfekte Kooperation mit dem Automatikgetriebe. Ohne die Wurst vom Brot zu ziehen, bietet der Forza eine solide Performance, die sich auf der Autobahn bis knapp über 140 Stundenkilometer (laut Tacho) erstreckt. Dazu benötigt man jedoch freien Auslauf: Über 100 km/h wird die Beschleunigung zäh.

007_HondaNSS300Forza_kl
Der Vorderbau schafft guten Windschutz
sowohl für den Oberkörper als auch für die Beine
008_HondaNSS300Forza_kl
Auch hier erkennt man die
ausgeprägte Fahrer-Rückenlehne
011_HondaNSS300Forza_kl
Viel Cockpit und viel Stauraum;
praktische Fernentriegelung
018_HondaNSS300Forza_kl
Besonders der Sozius freut sich
über die Platzverhältnisse

Dafür bleibt der Forza selbst bei Topspeed völlig stabil und lässt sich angstfrei in schnelle Kurven legen, trotz der kleinen Schuhgröße und der massiven Verkleidung. Sie schützt übrigens äußerst effektiv den Oberkörper genauso wie die Seiten der Unterschenkel. Nur wer sehr empfindlich ist, wird sich zudem für ein höheres Windschild entscheiden.

Autobahnabfahrt, Griff in die Bremserei: Auch hier bleibt der Forza stoisch, bei sehr guter Verzögerung und klassenüblichen Handkräften. Betätigt man die Hinterbremse, dann gelangt ein wenig Bremskraft auch nach vorne; hebelt man an der Vorderbemse, dann passiert hinten nichts. Am besten also verwendet man beide gemeinsam und vertraut auf die segensreiche Wirkung des ABS, sollte man es dabei einmal übertreiben.

Diese Stabilität im Fahrwerk kommt allerdings nicht zufällig, sondern wurde geplant und fordert anderweitig Tribut: Spätestens bei der ersten Bodenwelle oder dem ersten kleinen Schlagloch wird offenbar, wie hart Honda den Forza abgestimmt hat. Diese Erkenntnisse – oder besser gesagt, die Schläge – treffen einen noch unmittelbarer, weil man ja mit den Lendenwirbeln gegen die Sitzlehne presst. Diese brettartige Härte kommt sowohl von der Telegabel als auch von den beiden Federbeinen am Heck, da würde sich ein zweites Nachdenken über das Set-up auszahlen.

015_HondaNSS300Forza_kl
Kombinierte ABS-Bremsanlage
auf gewohnt hohem Honda-Niveau
016_HondaNSS300Forza_kl
Tolle Bremsanlage; das Set-up der
Hinterradfederung ist sehr straff

Umso mehr, als sich der Forza im städtischen Verkehr, wo man ja permanent gegen missliche Straßenzustände ankämpft, äußerst quirlig zeigt. Obwohl der Radstand gegenüber dem SH300i deutlich zugenommen hat, bringen die kleinen Räder und wohl auch der niedrige Schwerpunkt ein hohes Maß an Beweglichkeit. Mit nur 580 Millimeter Breite flutscht man an der roten Ampel emsig zwischen den Autos durch und hält dabei selbst bei Schritttempo spielerisch Balance. Enge Turns und schnelle Richtungswechsel zählen ebenfalls zu den überraschenden Stärken des Forza.

Weitere Erkenntnisse der ersten „motomobil“-Testfahrt: Ein Beifahrer reist hier privilegiert, weil der Sattel weich, der Platz geräumig und auch die ausklappbaren Fußraster fürstlich dimensioniert wurden. Zusätzlicher Bonuspunkt: Die Wulst der Fahrerlehne ist ein angenehmer Widerpart, um nicht beim Bremsen dauernd nach vorne zu rutschen.

Außerdem scheint auch der Verbrauch zeitgemäß zu sein: 3,25 Liter gibt Honda für den WMTC-Verbrauchszyklus an. Auf unserer flott gefahrenen Testroute mit längerem Vollgas-Autobahnanteil verbuchten wir einen Wert von knapp vier Liter, da darf man nicht jammern.

Wie weit man’s hinunter schaffen kann, wird ein ausführlicher Test unter Praxisbedingungen zeigen. Die ersten Exemplare des Forza sind bereits in Österreich eintreffen. Der stylische Scooter ist in Schwarz, Weiß oder Silber erhältlich; als Extras sind zwei verschiedene Topcases, Heizgriffe, eine Alarmanlage und das größere Windschild im Programm.


HONDA NSS300 FORZA C-ABS
MOTOR 1-Zyl.-4-Takt, flüssig gekühlt, SOHC, 4 Ventile, EFI
HUBRAUM 279 ccm
LEISTUNG 17,9 kW (24,5 PS) bei 8250/min
DREHMOMENT 26 Nm bei 6000/min
GETRIEBE autom. Kupplung, stufenlose Variomatik
FAHRWERK Stahlrohrrahmen, Triebsatzschwinge
AUFHÄNGUNG vo/hi Telegabel 35 mm, Stereofederbeine
RADSTAND 1546 mm
FEDERWEG vo/hi 110/98 mm
BEREIFUNG vo/hi 120/70-14, 140/70-13
BREMSEN vo/hi Scheibe 256 mm/Scheibe 240 mm (C-ABS)
SITZHÖHE 716 mm
TANKINHALT 11,6 l
GEWICHT VOLLGETANKT 194 kg
HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT ca. 125 km/h
VERBRAUCH (Werksangabe) 3,25 l/100 km
PREIS € 5599,– (Aktionspreis 2013)
VERTRIEB/INFO www.honda.at







































Diesen Bericht als E-Paper downloaden pdf




FINDE ICH GUT
Facebook! Mister-Wong! Twitter! Del.icio.us! StumbleUpon! Netscape! Google! Furl! Yahoo! Diigo! Technorati! Smarking! Netvouz! MySpace! Live! Joomla Free PHP