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ROLLER-TEST

PIAGGIO BEVERLY 350 SPORTTOURING ABS/ASR


Text: Andreas Amoser
Fotos: Michael Bernleitner

BAD BEVERLY

Das Beste aus Küche und Keller des Hauses Piaggio


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Natürlich ist da so etwas wie Unverständnis
in den Reihen der Arrivierten. Wenn schon ein neuer Piaggio-Motor, wenn schon die neueste Software, wenn schon soviel Herzblut im Design – warum nicht zuerst für das Prestigemodell, die Ikone, die Vespa?

Genau deren Glanz machte die immerhin 300.000 Mal verkaufte graue Maus des Hauses, die Beverly, viel farbloser als es ihr zusteht. Also stürzten sich Ingenieure wie Designer in missionarischem Ingrimm auf die Beverly, rissen unter gotteslästerlichen Flüchen alles auseinander, sägten, schweißten, implantierten, programmierten und mit einem Mal ward es ruhig im Piaggio-Hauptquartier in Pontedera, einem kleinen Städtchen zwischen Florenz und Pisa. Die Sonne erwachte und als ihre ersten Strahlen die neue Beverly zum Leben erweckten, brach in der ganzen Toskana unbeschreiblicher Jubel aus.

Die neue Ölbadkupplung sitzt jetzt direkt an der Hinterradachse
Die neue Ölbadkupplung sitzt jetzt
direkt an der Hinterradachse
Zum neuen Beverley-Design im Jahr 2010 kommt 2012 jetzt auch ein hochmodernes Piaggio-Triebwerk. Ein Motor wie das göttliche Tao – verborgen im Nichts liegt das Ganze, unwillig, sich in beschreibbaren Eigenschaften auf ein besser oder schlechter zu reduzieren. Der neue 350er ist ebenso ein Ausdruck der Unauffälligkeit wie im Hintergrund agierende Präsenz optimaler Funktion. Könnte man ihm zwischen Laufkultur, Drehmoment, Leistungsentwicklung und Verbrauch eine Eigenschaft als „Goldenen Schlüssel zum Rollerhimmel“ um das Trockensumpf-gepflegte Kurbelgehäuse hängen, wäre es das telepathische Ansprechverhalten aus niedrigsten Drehzahlen und Geschwindigkeiten. Und wenn der Motor die Ohren spitzt wie ein Deutscher Schäfer und beim kleinsten Gummidreh wohltemperiert zupackt, freut sich das Gleichgewicht beim Slalom zwischen Blechdosen und im Dickicht des Wohnbaus.

Man darf den neuen wassergekühlten Vierventiler – und die neue Beverly generell – als zärtliche Zuwendung mit technologischen Streicheleinheiten seitens des Herstellers verstehen. Das Effizienz-Trauma hat in den vergangenen Jahren so manchem Rollerfahrer unbeherrschbare Wutausbrüche beschert: Ein Kleinwagen mit Großfamilie, kläffendem Dackel, überquellendem Stauraum und Campinggarnitur am Dachträger überholt und biegt vor dem verzweifelt am Gasgriff würgenden Rollerfahrer in die Landtankstelle ein. Nachdem es dort nur zwei Pumpen gibt und eine davon von schwatzhaften Einheimischen blockiert wird, darf man hinter dem Kleinwagen in Wartestellung gehen und dem Papa bei der Ansprache an Frau und Kinder zuhören: „Da schauts her, Gschropp’n, nur 4,4 Liter hat er g’schluckt!“ Solchermaßen statistisch alarmiert stellt man nach Abfahrt der Campinggarnitur fest, dass die eigene Gurke ohne Beifahrer und Werkzeug über sechs Liter nimmt. Und wenn’s dann noch regnet, ist man bereit, erbarmungslos zuzutreten. Entweder in den Roller oder – stellvertretend für den Hersteller – in den verlängerten Rücken des Händlers.

Rollenkipphebel, Füllgradoptimierung, 20.000-Kilometer-Wartungsintervalle, CVT-Getriebe mit neuer Ölbadkupplung und 10 Kilo Gewichtseinsparung bei vergleichbarer Leistung zu einem 400-Kubik-Motor sind feine Sachen – aber im Grunde nichts anderes als Großserientechnik bei neuen Automobilen. Man muss es anders herum betrachten: Wer sich heute noch einen Steinzeit-tech-Roller anschafft, hat den Sinn dieses Fortbewegungsmittels nicht verstanden.

2010 trägt sich das neue Design in die Beverly-Historie ein, 2012 ist der neue hochmoderne Motor da
2010 trägt sich das neue Design in die Beverly-Historie
ein, 2012 ist der neue hochmoderne Motor da
Eine Probefahrt auf der neuen Beverly könnte helfen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Auch bei resoluter Fahrweise läuft man kaum Gefahr, viel mehr als drei Liter zu verbrauchen und die Beschleunigungswerte liegen trotz ihrer subjektiven Unauffälligkeit auf bestem 400er-Niveau. In großer Ungeduld geht es bis 150 km/h Tachoanzeige, auf Steigungen wehrt sich der der 350er, der tatsächlich nur ein 330er ist, verbissen gegen Drehzahlverluste. Echte 130 bis 135 Stundenkilometer sind in jeder Lebenslage ohne Zusammenlegen und schwarzmagische Zauberformeln machbar und ehren den SportTouring bei Bedarf als verdienten Träger der Autobahnplakette. Das ist beachtlich für einen Großstädter mit ausgeprägtem Sinn für Beweglichkeit und Fahrspaß.

Alte Motorradfahrer werden das Fahrverhalten der Beverly als außergewöhnlich gut beherrschbar mit sehr transparenten Fahrwerksrückmeldungen einstufen, Newcomer werden die in stoischer Selbstverständlichkeit servierten fahrdynamischen Gaben erst hochleben lassen, sobald sie Erfahrung mit einen Roller vergangener Generationen gemacht haben. Beim für flotte Stadtfüchse so wichtigen „Vertrauensfaktor“ stufe ich die Beverly vor allen anderen Einspurigen auf Platz zwei hinter dem Piaggio MP3 ein. Das begeistert umso mehr, als Lenkerhöhe, Sitzposition, Fußabstellbereich und Knieraum in keinster Weise sportlich-angespannt, sondern vielmehr durch luftige Bequemlichkeit geprägt sind.

Wermutstropfen für Kopffüßler und Lenker über 1,85 Meter: die unterteilte Sitzbank ist etwas kurz geraten. Wer überwiegend ohne Sozius fährt, kann die Fahrerrücklehne entfernen und ein paar zusätzliche Zentimeter Sitzraum gewinnen. Womit sich auch die auf Fahrbahnkanten und kurzen Wellen recht strenge Dämpfung besser ausreiten lässt. Im ungeduldigen Solobetrieb empfiehlt sich die niedrigste Vorspannung an den hinteren Stoßdämpfern, um im Kreuzungsrodeo die Würde zu wahren. Das Fahrwerk bleibt vom Sackhüpfen im Sattel vollkommen unbeeindruckt und die Attacke der allfälligen, zum Rammstoß ansetzende Straßenbahn kann mit dem ABS mühelos pariert werden. Mit der 300-Millimeter-Scheibe samt Dreikolbenzange vorn und einer 240-Millimeter-Scheibe hinten verzögert die Beverly wie ein Sperling am Flügel einer Windturbine. Gekoppelt mit dem ABS ist eine ASR-Traktionskontrolle, die die Abenteuerlust des Hinterrads auf nassen Straßenbahnschienen und anderweitig angeheitertem Untergrund in Zaum hält. Soviel Fahrsicherheits-Regeltechnik stellt die neue Hochwassermarkierung im stetig anschwellenden Rollerstrom dar und könnte dabei helfen, so manchen patscherten Ausrutscher zu verhindern. Unter dem Strich sind 400 Euro Mehrpreis für die ABS/ASR-Kombi sehr gut angelegt – außerdem ist in Österreich aus fürsorglichen Gründen ohnehin nur diese Top-Version erhältlich.

Elegant und markant
Elegant und markant
Sehr solides Beverly-Finish auch bei der Tank-Klappe
Sehr solides Beverly-Finish auch bei der Tank-Klappe
Bei den Instrumenten setzt sich der saubere Gesamteindruck des Luxusrollers fort
Bei den Instrumenten setzt sich der saubere
Gesamteindruck des Luxusrollers fort
Der Integralhelm wird vom Kofferraum anstandslos geschluckt und es bleibt genügend Platz
Der Integralhelm wird vom Kofferraum anstandslos
geschluckt und es bleibt genügend Platz
Mächtige Kombi-Bremsanlage mit Antiblockiersystem
Mächtige Kombi-Bremsanlage
mit Antiblockiersystem
Die Lenkerarmaturen sehen sogar nobel aus
Die Lenkerarmaturen
sehen sogar recht nobel aus

Wohltemperiertes Design garniert mit ansprechenden Blickfänger-Details und dem recht standfesten 150er-Hinterreifen geben der neuen Beverly einen sehr lauten Parkplatz in der rollenden Gemeinde. Wer sich die Mühe macht, Antrieb, Fahrverhalten und Sicherheitselektronik zum Auftritt zu addieren, wird beim ersten Rundumblick feststellen, dass es die momentane Konkurrenz vorgezogen hat, etwas weiter weg zu parken. Das lässt sich die Beverly mit 5799 Euro auch nicht schlecht bezahlen. Aber bei allem technischen Fortschritt ist es doch die Schlichtheit des Alltags, die die Beverly zu meinem Liebling macht: Ich gebe an der Tankstelle nur wenig Geld aus und komme trotzdem als erster beim Billa an; nach dem Einkauf lässt sich die Sitzbank elektrisch mit Knopfdruck öffnen, was den Frondienst mit zwei gefüllten Einkaufssackerln wesentlich erleichtert. Und das Kniefach in der Vorderschürze schluckt sogar Dokumente im A4-Format, was den Bürohengst erfreut, der mit ordentlichen Unterlagen zum Termin erscheinen will. Die optimierte Beverly ist zweifellos eine spürbare Weiterentwicklung der guten, alten Roller-Idee.


TECHNISCHE DATEN:
PIAGGIO BEVERLY 350 SPORTTOURING ABS/ASR
MOTOR 1-Zyl.-4-Takt, flüssig gekühlt, SOHC, 4 Ventile, EFI
HUBRAUM 330 ccm
LEISTUNG 24,5 kW (33,3 PS) bei 8250/min
DREHMOMENT 32,3 Nm bei 6250/min
GETRIEBE autom. Kupplung, stufenlose Variomatik
FAHRWERK Stahlrohrrahmen, Triebsatzschwinge
AUFHÄNGUNG  vo/hi Telegabel 35 mm/Stereofederbeine
RADSTAND 1560 mm
FEDERWEG vo/hi 90/81 mm
BEREIFUNG vo/hi 110/70-16, 150/70-14
BREMSEN vo/hi Scheibe 300 mm/Scheibe 240 mm, C-ABS
SITZHÖHE 795 mm
TANKINHALT 13 l
GEWICHT (vollgetankt)
191 kg
SPITZE ca. 140 km/h
TESTVERBRAUCH 3,1 - 3,5 l/100 km
EXTRAS Topcase 36 l, Topcase 48 l, Flyscreen, Windschild, Beinschutzdecke, Abdeckplane, Diebstahlschutz
PREIS € 5799,–
VERTRIEB/INFO www.faber.at, www.piaggio.at







































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