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ROLLER-TEST

PIAGGIO MP3 YOURBAN 300


Text: Michael Bernleitner
Fotos: Milagro

SEHR YOUGENDLICH

Piaggio hat dem MP3 eine Schrumpfdiät verordnet. So sieht er nach der Fastenzeit aus



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Tagelang unablässig Starkregen in Südfrankreich.
Perfekte Testbedingungen für den neuen Piaggio MP3 Yourban. Was bei anderen Rollern und Zweirädern die eingehende Erprobung erschwert bis völlig vereitelt, ist für den MP3 ein besonders guter Boden – nämlich schlechter Boden. Auf der waschelnassen Croisette in Cannes und den angrenzenden Kurven der Küstenstraße finden wir zwar kein Kopfsteinpflaster oder Straßenbahnschienen, aber genügend andere Widrigkeiten wie glitschige Kanaldeckel, schlitzige Bodenmarkierungen, plötzliche Speedbumps und als Joker schwer berechenbare eingeborene Verkehrsteilnehmer.

Wegen seiner drei Reifenaufstandsflächen wird der Threewheeler von Piaggio als besonders fahrsicherer und stabiler Scooter gepriesen – was wohl ein Mitgrund, aber kaum die Hauptursache für den großen Verkaufserfolg des seit 2006 bekannten bisherigen MP3 ist. In Ländern wie Frankreich gilt er als schick, als lifestylig und ist meistverkaufter Roller überhaupt. Weltweit wurden bis Ende 2010 83.000 Exemplare abgesetzt und während Sie diese Zeilen lesen, fällt wahrscheinlich gerade die 100.000er-Marke. In Italien macht der „Klassik-MP3" an die zehn Prozent aller Piaggios über 50 Kubik aus, in Frankreich sogar unglaubliche 20 Prozent. In Deutschland ist er in der mit B-Führerschein zu chauffierenden LT-Version Marktführer in der Rollerkategorie, während er an einigen anderen Ländern – wie Österreich – recht unspektakulär vorbeigerollt ist.

Das soll sich mit dem neuen, zusätzlichen Yourban-Modell ändern. Die Hoffnung ist durchaus berechtigt. Piaggio führt ziemlich genau Buch über die Verwendung seiner Fahrzeugpalette und dabei kommt zum Beispiel in Mailand (dessen Anzahl an Regentagen fast gleich wie die in Wien ist) folgendes raus: Die MP3-Fahrer commuten mit dem Fahrzeug und legen dabei im Schnitt 55 Kilometer pro Tag zurück, während der typische Cityroller-Benutzer durchschnittlich 30 Kilometer fährt. Als logische Schlussfolgerung müsste somit eine kleinere, „urbanere" MP3-Version zusätzliche Interessenten ansprechen: die Kurzstreckenfahrer und vor allem die weibliche Zielgruppe.

Leicht und drahtig sieht der Yourban durchaus aus, zumindest um einiges graziler als der Full-Size-MP3. Die viel kürzeren Überhänge vorne und hinten lassen ihn deutlich sehniger auftreten. Aus der noch auf der Mailänder Messe 2010 verlautbarten Gewichtseinsparung von zirka 30 Kilo bleiben jetzt wenigstens 15 Kilo – 27 Kilo wären es dann, wenn man die – vorerst in Österreich nicht angebotene – Version ohne die sehr praktische Fahrwerks-Fixierung wählt. Sollte einmal der 125er in dieser Variante importiert werden, dann spart man zirka 700 Euro, kann aber das Drehgelenk im Vorderbau nicht fixieren – der kleine Yourban kann dann nicht auf seinen drei Rädern stabil parken, sondern muss immer auf den Hauptständer gehoben werden, um ihn vor dem Einknicken zu bewahren.

2011 kommt vorerst der 300er in B-Schein-tauglicher LT-Ausführung mit zusätzlichem Fußbremspedal zu uns. „motomobil" testete den „normalen" 300er, der sich bis auf besagte Kombibremse im Fahreindruck nicht unterscheidet. Die wichtigsten Fahrwerksunterschiede zum großen MP3 sind der um 50 Millimeter kürzere Radstand, die zwei Vorderräder in 13-Zoll- statt 12-Zoll-Größe und eine – ohne nähere Angaben – als präziser bezeichnete Lenk-/Schräglagen-Kinematik, die dem Fahrer besseres Feedback geben soll. An der Handlichkeit und Kurvenwilligkeit des Klassik-MP3 gab's bis jetzt nicht viel auszusetzen und die Unterschiede sind nicht dramatisch – der neue schafft es jedoch immerhin, einen subjektiv sehr leichtfüßigen und transparenten Eindruck zu erwecken.

Die Scheinwerfer sind nicht – wie beim „dicken“ MP3 – in der Karosserie, sondern in der Lenkermaske
Die Scheinwerfer sind nicht – wie
beim „dicken" MP3 – in der Karosserie,
sondern in der Lenkermaske
Lichtspiele und Infos im Überfluss
Lichtspiele
und Infos im
Überfluss

Übersichtlich, griffsicher
Die eleganten Lenker-
armaturen sind übersichtlich
und griffsicher
Links unten ist das Knöpfchen, mit dem das Drehgelenk des Yourban elektrohydraulisch blockiert werden kann
In der Mitte das Knöpfchen,
mit dem das Drehgelenk des Yourban
elektrohydraulisch blockiert werden kann
Hier passt ein Integralhelm plus weiteres Gepäck hinein
Hier passt ein Integralhelm
plus weiteres Gepäck hinein
Der Yourban ist wohl ein Beispiel dafür, wie stark die Psychologie beim Fahreindruck mithilft. Das Image des dicken Schiffes ist repariert: 206 Kilo trocken statt etwas mehr als 220 Kilo und eine luftige Optik genügen dafür, dass man sich schon beim Rangieren gleich viel leichter tut, rückwärts Einparken ist auf wundersame Weise auf einmal babyleicht. Platz und Komfort ist nach wie vor üppig: Der Fußraum mit den um zwei Zentimeter tieferen Trittbrettern ist für Fahrer bis über einmeterneunzig reichlich. Auf der gut modellierten Sitzbank gibt's keine Drängelei, auch darunter nicht: Es ist Platz für zwei Jethelme oder – hört, hört! – einen Vollvisierhelm plus Kleinkram! Das kann nicht einmal die Beverly 300, auch keine GTS, und ist bei Vespa/Piaggio schon einmal der erste Anlass für das Knallen von Sektkorken.

Schön übersichtlich sitzen im aufgeräumten Cockpit drei analoge Rundinstrumente für Tempo, Tank und Wassertemperatur; das LCD-Display informiert über Uhrzeit, Kilometerstand, Trip, Batteriespannung und Außentemperatur; zahlreiche Kontrollleuchten verraten die sonstige Befindlichkeit des Yourban. Auf Handschuhfächer oder Stauraum im Vorderbau muss man verzichten, hier werken ja der Lenk- und Federungsapparatismus der beiden Vorderräder sowie die Feststellbremse.

Einlenken und Abwinkeln passiert widerstandslos, allein das Umsetzen von einer Schräglage zur anderen ist etwas gemächlicher als mit „normalen" Zweirädern. Der MP3-Anspruch, auf schlechtem Terrain die Sturzgefahr zu verringern, stimmt eindeutig und ist besonders im Dauerschütt auch leicht nachweisbar. Freilich braucht es zuerst schon einige Überwindung, so zu tun, als ob die starkregengetränkte Fahrbahn unbeschränkte Haftung hätte. Die kleinste Fahrwerksreaktion wird gleich als Anfang vom Ende gedeutet – aber es geht immer noch viel schräger. Ein untersteuernder Versetzer des Vorbaus ist das Schlimmste, was einem über Rollsplit, Kanaldeckel oder Zebrastreifen passieren kann, im Normalfall. Ein glimpflich überstandener Normalfall mit dem MP3 bedeutet, dass man sich mit einem Normalroller schon längst auf die Jacke geworfen oder gar hospitalisiert hätte.

Genug Kaufgrund für einen Siegeszug des MP3 auch im zweiradkonservativen Österreich? Schließlich ist es ja nicht so, dass bei jedem Schlechtwettereinbruch alle Rollerfahrer hilflos am Asphalt herumpurzeln. Das Dreiradkonzept hat zusätzlichen Charme durch seine elektro-hydraulisch-mechanische Gelenksperre, von Piaggio manchmal „suspension roll lock" und bisweilen auch „suspension block" genannt: Drückt man im richtigen Moment das Knöpfchen, kann man an der Kreuzung beide Füße am Trittbrett lassen, ohne seitwärts abzutauchen; man kann den Yourban lässig mit einer Hand rangieren; und man muss ihn nicht auf den Hauptständer wuchten, Seitenständer gibt's sowieso nicht.

Der vierventilige 278-Kubik-Einspritzmotor, bekannt und beliebt aus Piaggio Beverly und Vespa GTS, darf mit seinen 16,5 kW (22,5 PS) in diesen Modellen sogar als durchaus muskulös bezeichnet werden. Im Yourban mit 206 Kilo Trockengewicht ist er immer noch lebhaft und wirkt nicht strapaziert, für den Ampelwettbewerb und für flottes Überland ist der erschlankte MP3 gleichermaßen fit. Beim Verzögern zeigt sich wiederum ein weiterer Vorteil der Dreirädrigkeit: Auch auf nasser Fahrbahn kann man bedenkenlos ordentlich in die Vorderbremse greifen, ohne seitliches Ausbrechen und den obligaten Stern zu riskieren. Die zwei vorderen Scheibenbremsen sind so abgestimmt, dass man eher kräftig hinlangen muss – dann wird aber eine höchst beachtliche Stoppwirkung erzielt.

Unter dem Aspekt der Sicherheit spricht einiges für das MP3-Konzept. Nach wie vor wird's aber eine Geschmacksfrage bleiben und auch eine des guten Willens, wieviel man für einen 300er-Scooter auszugeben bereit ist. Will man mit B-Führerschein einen hubraumstarken Roller, kommt man um einen MP3 in LT-Version ohnehin nicht herum. Der neue Yourban geht als specklose MP3-Variante „mit Sicherheit" mit verbesserten Chancen an den Start.



Angeblich ein Wunsch der Piaggio- Händler: Nach Österreich kommt vor allem die schwarze Farbvariante
Angeblich ein Wunsch der Piaggio-
Händler: Nach Österreich kommt vor
allem die schwarze Farbvariante
Per Knopfdruck steht er von alleine
Die mittlerweile berühmte MP3-Gelenksfixierung:
Per Knopfdruck steht er (ohne Haupt- oder
Seitenständer) ganz von alleine

TECHNISCHE DATEN: PIAGGIO MP3 YOURBAN 300 LT
MOTOR 1-Zyl.-4-Takt, flüssig gekühlt, SOHC, 4 Ventile, EFI
HUBRAUM  278 ccm
LEISTUNG  16,5 kW (22,5 PS) bei 7500/min
DREHMOMENT  23,2 Nm bei 6500/min
GETRIEBE  automat. Kupplung, stufenlose Variomatik
FAHRWERK  Doppleschleifen-Stahlrohrrahmen
AUFHÄNGUNG vo/hi  Alu-Achsschenkel/Stereofederbeine
RADSTAND  1440 mm
FEDERWEG vo/hi  95/122 mm
BEREIFUNG vo/hi  110/70-13, 140/60-14
BREMSEN vo/hi  2 x Scheibe 240 mm/Scheibe 240 mm
SITZHÖHE  780 mm
TANKINHALT 10.8 l
TROCKENGEWICHT  206 kg
SPITZE (Werksangabe) 118 km/h
VERBRAUCH (Werksangabe) 3,2 bis 3,7 l/100km
PREIS Aktionspreis € 6799,- (Listenpreis € 7500,-)
VERTRIEB/INFO www.faber.at, www.piaggio.at





































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