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E-BIKE-TEST

E-BIKE/E-SCOOTER OF THE YEAR 2012: CLEAN WEEK IN ZOLDER


Text: M. Bernleitner
Fotos: Fred Bayet, M. Bernleitner

BIS DER SAFT AUSGEHT

34 E-Motorräder und E-Scooter (sowie Brammo außer Konkurrenz) stellten sich im belgischen Zolder der Wahl zum „E-Bike of the Year 2012“. Zwei lange Tage drehte die zwölfköpfige Jury am Stromgriff


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34 elektrische Bikes stellen sich der Wahl. Zwölf der
wichtigsten europäischen Zweirad-Fachjournale sind
als Jury-Mitglieder angereist
Die Redaktionsmitglieder von elf namhaften europäischen Zweiradfachmagazinen versammelten sich zum zweiten Mal nahe der belgischen Hauptstadt; die „motomobil“-Redaktion war zum ersten Mal als Jurymitglied zum noch jungen Elektro-Contest am Circuit Zolder angereist. Die „Clean Week 2020“ heißt deswegen so, weil nach dem Willen der Organisatoren die Veranstaltungsreihe mindestens bis ins Jahr 2020 fortgesetzt werden soll – also bis die Elektromobilität vermutlich einigermaßen wahrnehmbar ins Weichbild des Verkehrsgeschehens vorgedrungen sein wird. Neben den E-Bikes gibt es noch die Kategorien elektrische Pkw, E-Nutzfahrzeuge und Elektrofahrräder, jeweils von eigenen Fachjurys bewertet.

Gibt es in der Elektromobilität überhaupt bereits so viele Neuerscheinungen und Neuerungen, dass sich von Jahr zu Jahr Änderungen und Fortschritte benennen lassen? Die einzig korrekte Antwort muss lauten: Jein. Für einen erstmaligen Beobachter der Wahl sind manche Fahrzeugzustände und Testergebnisse mehr als durchwachsen, während die Kollegen, die bereits im Vorjahr da waren, einige oder mehrere Silberstreifen am Horizont feststellen können. Konkret: Eine Ausfallsquote von zwölf Prozent der Fahrzeuge während zweier Testtage mit technischen Defekten wäre für eine Versammlung von herkömmlichen Bikes mit Verbrennungsmotoren schlichtweg katastrophal. Im Vorjahr lag die Dropout-Rate allerdings noch bei verheerenden 25 Prozent, also ein Desaster und elektrisches Gemetzel sondergleichen. 34 Fahrzeuge sind immerhin ein sehr repräsentativer Querschnitt – und eine Verringerung der Ausfallquote auf die Hälfte ist ein deutlicher Fortschritt.

Ein ähnlich zwiespältiges Gefühl ruft die Betrachtung der möglichen Reichweiten hervor: Wir bekommen es in der harten Praxis mit höchst kümmerlichen Distanzen wie 13 Kilometer für das franösische e-Solex zu tun, aber auch mit erstaunlichen Werten wie 85 Kilometer für die Zero S, 87 Kilometer für den Lastenroller IO King Kong und gar 100 Kilometer für die 25-km/h-Version des Govecs Go! S 2.4. Die Fahrzeuge werden nach sechs Kriterien bewertet: Verarbeitungsqualität; Ästhetik; Fahrgefühl; Leistungsentfaltung; Praxiswert – aber das heuer aufgewertete Kriterium der Reichweite ist die härteste Nuss für die Bewerber, das Prüfverfahren ist bewusst stromfressend. Bei etwa 15 Grad Außentemperatur werden zwei Drittel der Distanz auf einem mit Haberkornhütchen ausgesteckten Handlingparcours im Infield von Zolder zurückgelegt, ein Drittel auf der Rennstrecke selbst. Der Handlingparcours entspricht Bedingungen im Stadtverkehr mit viel Stop-and-go, der Rundkurs entspricht ungefähr dem Stromverbrauch bei freier Landstraßenfahrt. Harter elektrischer Alltag, sozusagen. Die wesentliche Erkenntnis kommt nicht allzu überraschend: In den meisten Fällen beträgt die Praxisreichweite ungefähr die Häfte der Herstellerangaben, die sich so gut wie immer auf konstantes Tempo und optimale Rahmenbedingungen beziehen.

Vier der Fahrzeuge bieten eine kleinere Reichweite als 20 Kilometer, der Gebrauchswert ist mehr als fraglich. Weil der Energieinhalt des e-Solex-Akkus mit 592 Wattstunden kaum größer als der eines Elektrofahrrads ist, ist dieses Resultat nicht unerwartet – aber auch sonst ist das auf den ersten Blick pfiffig wirkende Lifestyle-Vehikel eine klapprige Mogelpackung: Fahrradbetrieb über die Pedale ist extrem mühselig, der Stauraum in der markanten „Botanisiertrommel“ ist winzig, Scheibenbremsen nur seilzugbetätigt … Umso größer die Enttäuschung beim solid fabrizierten Peugeot e-Vivacity, der im ersten „motomobil“-Fahrbericht (ohne Reichweitentest) einen exzellenten Eindruck hinterlassen hat: Die 45-km/h-Variante fährt in Zolder 14 Kilometer mit einer Ladung, in der 25-km/h-Version kommt er 43 Kilometer weit.

Vectrix VX-1 ist E-Scooter 2012 in der schnellen Klasse
Der Vectrix VX-1 ist E-Scooter 2012
in der schnellen Klasse
Lastenroller mit unschlagbarer Reichweite: IO King Kong
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Das federgewichtige SEV eTricks sorgt für Riesenspaß
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sorgt für Riesenspaß
Der kräftige IO Manhattan ist ein starkes Angebot in der +45-km/h-Kategorie
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Angebot in der +45-km/h-Kategorie
Tolles Konzept, Reichweite muss noch kommen: Peugeot e-Vivacity
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E-Scooter-Sieger Govecs räumt nicht nur die Pylonen ab
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nicht nur die Pylonen ab

Wer je mit einem Electric Vehicle ohne Strom liegengeblieben ist, der weiß, dass dem Thema nicht genügend Bedeutung beizumessen ist – auch wenn von E-Euphorikern praxisfern immer wieder mit durchschnittlichen Tagesfahrleistungen argumentiert wird. Da genügt es dann nicht, schnell einen kleinen Treibstoffkanister zu holen und man verliert vielleicht 20 Minuten, sondern die Tagesplanung ist komplett auf den Kopf gestellt: schieben, abschleppen, sich vielleicht abholen lassen und später wieder zurück, aufladen, die Startphase-Schmerzen der Elektromobilität genießen.

Die Hersteller, die bis jetzt gut abgeschnitten haben und bereits einige Jahre im Elektrogeschäft sind, erkennen das und sie sind auch 2012 wieder vorne: So kommt Zero mit einer glatten Reichweitenverdoppelung gegenüber dem Vormodell und mit Akkus, die in den meisten Fällen für deutlich über 100 Kilometer Autonomie gut sind. Die auch fahrwerksseitig untadeligen Zero S und Zero DS machen sogar auf der Rennstrecke richtig Spaß, in der aktuellen Abstimmung ist besonders im Bereich zwischen 70 und 120 Stundenkilometer die Beschleunigung äußerst beeindruckend. Ebenfalls bestens verarbeitet, fast noch homogener und fahrpräziser ist die Brammo Enertia Plus, deren Erzeuger den Reichweitenschwachpunkt kennt und daher nur außer Konkurrenz in Zolder vertreten ist. Die Schräglagenfreiheit wäre zu verbessern und sobald die neuen Akku-Packs da sind, wird Brammo zum sehr ernsthaften Angebot.

Bereits zum Urgestein der Elektrorollerszene gehört die Marke Vectrix. Bei den +45-km/h-Rollern gewinnt auch 2012 der Vectrix VX-1 die Wahl zum E-Scooter des Jahres. Nicht etwa deshalb, weil mit dem neuen teuren LiFePO4-Akku (5400 Wattstunden) die ermittelte Testreichweite von 38 Kilometern so sensationell wäre, sondern weil das Gesamtpaket in seiner mehrjährigen Bauzeit ein sehr hohes Niveau erreicht hat: Tolle Beschleunigung, beste Bremsen, guter Gepäckraum und dazu noch die sehr sinnvolle Bremsmöglichkeit per Rekuperation über eine Gegendrehbewegung am Gasgriff. Der neue dreirädrige Vectrix VX-3 lenkt bei erster Bekanntschaft um einen Hauch eckiger und nicht ganz so leicht ein wie das Benzin-Vorbild des Piaggio MP3, er bietet dafür aber ein sehr sicheres und angenehmes Schräglagegefühl. Wegen ihres Planetengetriebes am Radnabenmotor sind die Vectrix nicht ganz so geräuschlos wie sonst von Elektrorollern gewohnt.

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