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PEDELEC-TEST

STYRIETTE MIT BIONX-ANTRIEB


Text: Michael Bernleitner
Fotos: Wolf-Dieter Grabner


ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

Hier schließt sich der Kreis. Die moderne Styriette ist ein schönes Beispiel dafür, was wir aus historischen Konzepten mitnehmen können


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Während das Wachstumspotenzial für Elektrofahrräder
immer wieder gerne mit astralen Verkaufszahlen in China – und anderen Phantasieländern – skizziert und gehypt wird, geht der Hersteller des weit verbreiteten BionX-Radnabenmotors einen außergewöhnlichen Weg und poliert zunächst einmal das Pedelec-Image mit einem raren Gustostück auf: Magna Marque erzeugt von der Styriette Limited Edition die unglaublich radikale, minimalistische Stückzahl von nur 500 Exemplaren. Damen- und Herrenversion, alles zusammen.

Sogenannte Edel-Pedelecs gibt es ja mittlerweile etliche im Angebot
und in der Pipeline, nach und nach wird die Sitation sogar fast ein bisschen unüberschaubar. Die Styriette ist kein Projekt, sondern fertig und trifft mit der Produktionsnummer 164/500 in der winterkühlen „motomobil"-Redaktionsgarage ein. Und ist auf Anhieb der liebste Bewohner, der sogar in der kalten Jahreszeit am öftesten an die frische Luft kommt: Griff- und trittfest liegt das Rad perfekt in der Hand, schöne Verarbeitung und hochwertige Anbauteile, elegante Erscheinung – die Limited Edition macht ihrem Namen mehr als Ehre. Die feine Oberflächenbearbeitung so gut wie aller Teile ist besonders auffällig, der schöne gefederte Brooks-Ledersattel und die gewickelten Lenkergriffe passen gut dazu. Ein geschlossener Kettenkasten fügt sich nahtlos in einen stilsicheren Retro-Look ein und hat natürlich den angenehmen Nebeneffekt, den Serviceaufwand an der Antriebskette deutlich zu verringern.

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Das E-Bike als urbane Problemlösung
 
Warum Styriette? Warum der unterbewusst wahrgenommene Wohlklang der Wortmelodie? Alles über die denkwürdige Puch Styriette aus 1938, die in Graz für den alle sozialen Schichten übergreifenden Aufbruch der personalisierten Mobilität im Vorkriegs-Österreich geplant und gebaut wurde, lesen Sie bitte im Aufsatz des offiziellen Puch-Chronisten und „motomobil"-Vintage-Autors Fritz Ehn ab Seite 46 in „motomobil“ Folge 003. Die Idee und die Entstehungsgeschichte zur neuen, elektrischen Styriette ist so rund wie die Fat-Frank-Ballonreifen von Schwalbe, die an ihr montiert sind: Der Firmensitz der Europa-Division des BionX-Erzeugers Magna Marque ist im steirischen Weiz. Von hier kommt kein Geringerer als der bekannte Gründer des kanadischen Mutterkonzerns. Ebenso der Gründer und Präsident von Magna Marque, Manfred Gingl, dessen Vision einer zeitgemäßen Auferstehung des Styriette-Konzepts konsequent umgesetzt wurde. Die hybride Kombination des 1938ers-Klassikers mit Kleinmotor und Pedalunterstützung eignet sich wie keine andere zur Patenschaft für ein fortschrittliches E-Bike.
Warum der Name Puch nicht mehr mit dabei ist, verdient ebenfalls Erwähnung: Mit der Filetierung der Steyr-Daimler-Puch AG in den 1980er-Jahren gingen die Puch-Markenrechte an das italienischen Piaggio-Konglomerat, das damals im Besitz der Fahrradfirma Bianchi war. Mit Bianchi gingen die Rechte an den Fahrradkonzern Cycleurope, wo sie heute sind.
 
Keine Steuern; kein Versicherungszwang; kein Führerschein
– zu den Verlockungen von 1938 kommt heute noch dazu: kein Benzin. Und trotzdem gibt's müheloses Vorwärtsgleiten. Die Styriette wird wahlweise mit 355- oder 237-Wattstunden-Akku geliefert, Typ Lithium-Mangan. Beim Energieinhalt verhält es sich allemal wie mit Computerfestplatten: zuviel schadet nie – gerade am E-Bike kommt man mit Sicherheit in die Situation, wo man für eine gütige Reserve dankbar ist. Nach dreieinhalb Stunden ist die 355-Wattstunden-Version voll. Nach ein paarmal Üben schafft man es dann immer besser, den Akku in die Halteschiene gleiten zu lassen, das automatische Andocken der Kontakte ist überhaupt völlig problemlos.

Über den verstellbaren Vorbau lässt sich die Position des schönen Alu-Lenkers justieren, die Sitzposition kann von herrschaftlich-aufrecht bis moderat-sportlich angepasst werden. Die Qualität der Styriette-Verarbeitung wird auch an der Sattelrohrklemme ersichtlich – schneller, leichtgängiger und trotzdem unerbittlicher lässt sich so ein Teil nicht wünschen. Die extra für die Styriette konstruierte Trapez-Federgabel mit X-Fusion-Dämpfer ist eines der vielen optischen und technischen Highlights des steirischen Schmuckstücks, hier lassen sich die Gabelhärte über die Federvorspannung sowie die Dämpfer-Druckstufe individuell einstellen.

Strahlende moderne Retro-Lampe
Strahlende moderne Retro-Lampe,
komfortable Trapezgabel-Federung
Das neue große Display und flächige Tasten am 2011er-Computer
Das neue große Display und flächige
Tasten am 2011er-BionX-Computer




















Der Hinterbau ist starr, gemeinsam mit dem recht unnachgiebigen Leder des Brooks-Sattels erwarten wir daher einen vorne und hinten unterschiedlich komfortablen Ritt. Das ist aber weit gefehlt, denn die Sattelfedern spielen gut mit und das Schluckvermögen der voluminösen Schwalbe-Reifen ist so gut, dass sogar ausgeprägtes Kopfsteinpflaster (wie bei den „motomobil"-Fotofahrten auf der Wiener Mölkerbastei) gänzlich gebügelt wird. Wobei sich das Schluckvermögen auf die Federung, weniger auf die Dämpfung bezieht – hebt man das Hinterteil und lässt es aus 20 Zentimeter Höhe auf die Fahrbahn fallen, pebbelt es vergnügt wie ein Flummi einigemale nach. Der Fahreindruck am Styriette ist dennoch präzise, aber nicht knöchern, sondern eher „limousinenhaft", wenn man das bei einem Pedelec so sagen darf ... Auf der „motomobil"-Waage stellt sich für die Herrenversion ein Gesamtgewicht von 28,1 Kilo heraus. Das liegt deutlich unter dem von Magna Marque reklamierten Leergewicht von 26,8 Kilo plus 3,8 Kilo für die Batterie. Das Akkugewicht haben wir ebenfalls mit 3,8 Kilo festgestellt.

Am linken Lenkerende sitzt bereits der neue BionX-Bordcomputer, der größeres Display und größere Tasten bietet als das bisweilen beanstandete Vorgängermodell. Durch die sehr weiche Gummilagerung am Lenker geht das jetzt deutlichere Tastengefühl leider wieder ein bisschen verloren. Ablesbarkeit und Logik der Bedienung sind hingegen tadellos. Hier wird alles gesteuert, bis zum feschen Scheinwerfer im Classic Design, der eine nächtliche Fahrbahn wirklich erhellen kann. Die Tretkraft-Erhöhung durch den 250-Watt-Elektromotor kann in vier Stufen von 35 Prozent bis auf satte 300 Prozent reguliert werden; der im Hinterrad eingebaute BionX IGH3 ist gleichzeitig ein über Drehgriff geschaltetes dreigängiges Radnabengetriebe.

Unkomplizierte Bremsanlage
Die Tektro-Auriga-Scheibenbremsanlage
arbeitet solid und unkompliziert
Beruhigende Reichweite mit 355 Wattstunden
Mit 355 Wattstunden im Akku hat man
eine recht beruhigende Reichweite
Die kräftige, lautlose BionX-Nabe
Die kräftige, lautlose BionX-Nabe
lässt auch am Berg nicht nach
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Der schöne, gefederte
englische Brooks-Sattel

In Stufe Eins ist die Verstärkung eher homöopathischer Natur und unterstützt vor allem den Sportsgeist. In den Stufen Drei und Vier weht hübsches Lüftlein – in Windeseile ist man mit ein bisschen Pedalieren auf 25 Stundenkilometer, wo sich die Elektrik wieder sanft verabschiedet. Dabei ist auffällig, dass der Pedelec-Sensor sehr sensibel reagiert und die Unterstützung moduliert: Wer viel Unterstützung will, muss (auch in Stufe Vier) vernehmlich treten. Der Styriette-Controller ist nicht so programmiert, dass man schon durch das bloße Fallenlassen der Beine die volle E-Power lukrieren kann. Steirische Gerechtigkeit, sozusagen. Als Trost verhilft die Abstimmung des Systems bergauf zu erfreulicher Steigfähigkeit, auch ist die Dreigangschaltung für Klettereinlagen völlig ausreichend. Unbestechliches Kriterium ist das lange Bergaufstück vor der „motomobil"-Redaktionsstube – dort, wo zum Beispiel das Supermarkt-Alu-Rex mit Bafang-Motor (Test in Folge 001) jämmerlich darniedergeht, fährt man so zügig wie Pfarrer Don Camillo in der flachen Poebene und pfeift sich eins dabei. Problemloses Anfahren am Berg zählt ebenfalls zu den Übungen, bei denen die Styriette makellos abschneidet.

Zu den angenehmen BionX-Eigenschaften gehört weiters die absolute Geräuschlosigkeit,
kein nerviges Surren oder Schleifen des Antriebs. Bergab kann die Bremskraft-Energierückgewinnung – und damit die Bremswirkung des Motors – in vier Stufen eingestellt werden. Die Sinnhaftigkeit dieser Rekuperation ist bei Light Electric Vehicles wie E-Fahrrädern umstritten, bei BionX ist sie jedenfalls automatisch dabei. In der Alltagspraxis wird man, abgesehen von einer seltenen Großglocknerabfahrt, die Akku-Reichweite kaum erhöhen können. Auf längeren, gleichbleibend steilen Passagen ist diese Motorbremswirkung praktisch – ändert sich jedoch das Gefälle oftmals, muss man die Stufe ständig nachjustieren, was schon nach kurzer Zeit unbequem wird.

Eine unspektakuläre, brave Komponente ist die taiwanesische Tektro-Bremsanlage;
die unmittelbare Unterbrechung des E-Antriebs beim Betätigen einer der Scheibenbremsen gehört zum Standard. Auch wenn die einzigartige Parallelogramm-Federgabel sehr komfortabel abgestimmt wird, taucht der Styriette-Vorderbau beim harten Bremsen nur wenig ein und das Bike bleibt unbeirrt stabil. Solider Gepäckträger; schön lackierte Metallkotflügel (mit den seit 1938 Styriette-typischen weißen und blauen Zierlinien); funktioneller Seitenständer; Produktionsnummer am gestanzten Rahmen-Typenschild; hochwertig wirkende Tretkurbeln und Pedale – wir finden kein Eck, aus dem der noble Gesamteindruck getrübt wird. Die edle Holzbox, in der diverse Kleinteile und die schriftliche Dokumentation zur Styriette Limited Edition mitgeliefert werden, ist auch bei „gehobenen" Verkehrsteilnehmern eine Klasse für sich. Ebenso die Bedienungsanleitung, die bis zu den Anzugs-Drehmomenten für Schraubverbindungen in die Tiefe geht und dennoch unkompliziert lesbar ist. Zusätzlich gibt's noch eine Quickstart-Anleitung im Scheckkartenformat, die als Vademecum bei den ersten Ausfahrten sehr nützlich ist.

Drei Rahmengrößen, zwei Akku-Optionen, Herrenversion oder niedriger Durchstieg
– Preise zwischen 3190 Euro und 3490 Euro definieren normalerweise die Pedelec-Oberliga. Die 500 Exemplare der elektrischen Styriette um dieses Geld definieren ein edles Sammlerstück und gleichzeitig ein Schnäppchen, das so nicht wiederkommt. Hier waren die Profis am Werk.


TECHNISCHE DATEN: STYRIETTE LIMITED EDITION
RAHMEN Aluminium AL 7005-T6
GABEL  Parallelogrammgabel, Dämpfer X-Fusion
LAUFRÄDER  Aluminium Hohlkammer
BEREIFUNG  Schwalbe Fat Frank 26" x 2,35
RADSTAND  1135 mm
BREMESEN  Scheibenbremsen Tektro Auriga e-Sub
SCHALTUNG  Dreigang-Nabenschaltung BionX IGH3
BELEUCHTUNG  bumm Lumotec Retro
MOTOR  BionX Hinterradnabenmotor 250 W (PL250HT)
AKKU  37 V 9,6 Ah Lithium-Mangan, 355 Wh
LADEZEIT  3,5h (237-Wh-Akku in 2,5 h)
MAX. REICHWEITE  30 bis 65 km
GEWICHT INKL. AKKU  28,1 kg
SPITZE  25 km/h mit Tretunterstützung
EXTRAS  Gepäckträger, Seitenständer, verst. Vorbau
PREIS  € 3490,- (mit Akku 237 Wh € 3190,-)
VERTRIEB/INFO  www.styriette.at




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