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PEDELEC-TEST

RIESE UND MÜLLER DELITE HYBRID 500 HS

Text: Robert Langzauner
Fotos: Leibrentner




SCHNELL OHNE SCHWEISS

Versuch der Beantwortung einer Frage, die sich ganz leise aufdrängt: Was kann ein Elektrofahrrad, das die Kleinigkeit von 4300 Euro kostet?



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Große Entfernungen rasch und elegant zurückzulegen,
das wäre die Kurzformel, die uns riese und müller in Form des neuen Delite hybrid nahelegt. Das Spitzenprodukt der Marke soll schlicht eine neue Messlatte sein, Vorstoß in neue Superlative. Ein Kraftpaket, bestehend aus dem 500-Watt-Motor von BionX, einem satten 36-Volt-10-Ah-Akku und einem rasanten Fahrwerk, das Entfernungen schmelzen lassen soll.

Doch der Reihe nach. Die engagierten Tüftler Markus Riese und Heiko Müller aus Darmstadt
sind seit bald 20 Jahren als Fahrradentwickler und Vordenker bekannt und anerkannt. Im Lauf der Jahre hat sich r-m – wie das griffige Kürzel lautet – zu einem angesagten und innovativen Unternehmen entwickelt. Es entstanden so richtungsweisende Entwicklungen wie das vollgefederte Faltrad Birdy sowie dessen noch kompaktere Ausführung Frog. Bald hatten sich weitere Modelle (von schicken Cityflitzern bis zu hochbelastbaren Trekking- und Reiserädern) hinzugesellt, von denen jedes für sich eine eigenständige Komplettlösung darstellt. Allen gemeinsam ist das vollgefederte Fahrwerk mit ultrastabilen Laufrädern in 26-Zoll-Größe (übrigens auch die Dimension, wie sie in Mountainbikes anzutreffen ist).

Spezielle LED-Beleuchtung, aus dem Akku gespeist
Spezielle LED-Beleuchtung,
aus dem Akku gespeist
Für’s Schnelle: „Gashebel“ unter dem Display
Für's Schnelle: „Gashebel"
unter dem Display


Diese existierenden konstruktiven Gegebenheiten sind eine gesunde Basis,
um das Thema Pedelec seriös auf die Räder zu stellen. Das riese und müller Delite ohne Elektrounterstützung beweist seit seiner Markteinführung vor über 13 Jahren seine Kompetenz als leichtes und stabiles Alltagsfahrzeug. In seinen vielfältigen Ausstattungsvarianten (die sich auf der Homepage www.r-m.de in einem Online-Konfigurator je nach Bedarf und Wunsch zusammenstellen lassen) hat es sich den Ruf als äußerst zuverlässige und hochwertige Fahrmaschine sprichwörtlich erstrampelt. Was uns die Herstellerangaben zum Hybrid 500 HS bereits im Vorfeld ankündigen sowie unsere eigenen Erfahrungen mit den stromlosen Modellen erlauben es uns, die Erwartungsskala hoffnungsfroh nach oben zu justieren ...

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Hier könnten viele Fahrräder tanken …
Schließlich findet gleich die stärkste Version in Form des Delite hybrid 500 HS den Weg zu uns. Erster Eindruck: Das ist ja wuchtig. Ganz besonders der breite und hoch angebaute Lenker bestimmen die erste optische Wahrnehmung. Dann stellt sich gleich ein Aha-Erlebnis ein: Wo sind denn die Schnürln der Luftballons angemacht – das ist ja irgendwie zu leicht!? Wie sich der erfahrene Blick täuschen lassen muss. Oder fehlt der Akku? Nein, alles dran und drauf.

Ready to go. Erste Sitzprobe, der breite Lenker macht plötzlich doch Sinn. Ganz super sind die Ergon-Griffe. Sie bedürfen noch einer Justierung, denn diese ergonomisch durchdachten Griffe entfalten ihre unterstützende Wirkung auf den nervus ulnaris erst nach individueller Einstellung, und auch die Bedienelemente würden sich ohne unsere Einstellung nicht vernünftig betätigen lassen. Der aufgeräumte Eindruck der Bedienelemente am Lenker erfährt eine dezente Irritation durch den BionX-Bedienteil. Zwar ist die Ablesbarkeit der Informationen im Display gut und grundsätzlich geht die Bedienung mittels Folientasten sicher von der Hand, allerdings ist die Wertigkeit der Gehäusekonstruktion irgendwie bei den ersten LCD-Tachos anno 1990 angelangt. Ganz deutlich wird das bei der Haptik des Gashebels und der Konstruktion der Montageschelle. Der dringende Wunsch an BionX, sich der Überarbeitung dieser Komponente anzunehmen, wurde wohl schon öfter geäußert – für 2011 wurde bereits ein neues Display angekündigt.

Dann noch die Sattelhöhe justiert; das Ladegerät wohlweislich mit auf die Reise zur Redaktion genommen und auf den Gepäckträger gezurrt; Seitenständer rein und ab geht die Fahrt. Runter die Gumpendorferstraße zum Ring. Was nun sofort ausgelotet werden muss, weil's ja so was von neu und ganz brennend interessant und überhaupt das erste Mal ist: die Fahrt ohne Tretunterstützung. Also am Bedienteil schon die Unterstützungsstufe 4 vorgewählt und den bereits erwähnten Gashebel durchgedrückt. Aha, mehr als 28 bis 30 Stundenkilometer läuft die Fuhre in der Ebene nicht! Einzig bei der Bergabpassage beim Apollo-Kino rauscht es los. Gut, das ist zu erwarten, der Akku ist noch nicht kalibriert und der Hersteller beschreibt den Fahrmodus mit blumigen Worten, nämlich dass das Fahrrad „aus eigener Kraft schneller als sechs km/h fahren kann". In der Bedienungsanleitung zum BionX-System wird die Erhöhung der Tretkraft in der vierten Unterstützungsstufe mit 400 Prozent angegeben! Und das reicht auch locker für 60 Sachen in der Anfahrt zur Kurve beim Café Sperl. Eindeutig zu schnell. Damit rechnet sogar der abgebrühte Taxler nicht, der gerade links in die Lehargasse abbiegen will. Vollbremsung inklusive durchgeschütteltem Passagier ist das Ergebnis der Fehleinschätzung eines entgegenkommenden Radfahrers.

Die Informationenen am Display sind aufschlussreich: maximaler Ausschlag beim Energieverbrauch und gleich dauerhaft zwei Striche weg am Balken des Akku-Ladestands. Gerade mal erst am Ringradweg eingebogen. In reiner Fahrstrecke knappe zwei Kilometer bei Topspeed, allerdings auch in rekordverdächtiger Zeit ... Nun aber drängen uns der verwinkelt angelegte Ringradweg und das geneigte Fußgängervolk auf selbigem eine moderate Gangart auf. Der Akkustand hat sich um einen weiteren Balken verringert, als wir bald die Summerstage erreichen und dort die Ladestation gleich neben dem Radweg am Donaukanal anfahren. Flugs angedockt und Strom für den Akku gezapft sowie ein Weißbier für den Fahrer geordert. Da wird die noch nicht zu Ende durchdachte Lösung von öffentlichen Ladestationen deutlich: Ein vernünftig angebrachter Abstellbügel für das sichere Absperren des Fahrads mit einem Schloss ist wohl vorhanden; die Steckdose ist gut erreichbar; eine bebilderte Werbetafel des kostenlosen Stromtankangebotes der Stadt Wien rundet das Ensemble ab. Aber das war's. Im gegenständlichen Fall lässt sich die Ladestation vom Tisch aus bequem einsehen – was aber, wenn das nicht möglich ist? Da wäre im Negativfall eventuell mit dem Verlust des Ladegeräts zu rechen. Keine ganz fertig gedachte Realisierung eines zweifelos zukunftsweisenden Angebots.

Fazit der wenigen Kilometer mit dem sauschnellen Teil am Fahrradweg: Als reines Stromradl macht es wenig Spaß –das Treten gehört dazu, dann verspricht die erzielbare Reichweite auch interessant zu werden. Bei Mittreten sollen im Pedelec-Betrieb 45 Stundenkilometer und bis zu 65 Kilometer Reichweite möglich sein.

Energische Verzögerung aus kompetetenter Hand: Magura Julie
Energische Verzögerung aus
kompetetenter Hand: Magura Julie
Seitenständer klappt manchmal unaufgefordert aus
Der Seitenständer klappt
manchmal unaufgefordert aus