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VINTAGE

JUBILÄUM: 50 JAHRE VESPA 125 PRIMAVERA


Text: Guido Schwarz
Fotos: Barbara Hartl, Leo Lucarelli,
Piaggio, Motomobil
 

DIE ÄRA DER PRIMAVERA

Die Ur-Primavera aus 1968 wurde auf Anhieb ein Erfolgsmodell in der schillernden Vespa-Geschichte. 50 Jahre später hat sie nicht das mindeste von ihrer Attraktivität verloren

Vespa 125 Primavera

 
Als im Dezember 2012 der alte Albert Kudlicka – so etwas wie der Vespavater für die Wiener Vespafahrer – verstirbt (sein Leben und Wirken steht hier auf www.motomobil.at), entsteht dieser kleine Reim auf einem kleinen Zettel:
Der Kudicka ist tot
zu Ende eine Ära
Im Himmel fährt er jetzt
mit einer Primavera

Dass die Primavera – und nicht irgendein anderes Modell – genannt wird, das ist alles andere als Zufall.
Der Name „Primavera“ entlockt Vespa-Freunden stets einen erfreuten Gesichtsausdruck. Diese Vespa ist gefühlsmäßig äußerst positiv besetzt – und das strahlt auf ihre Besitzerinnen und Besitzer aus.

Gemeint ist die klassische Primavera, also die Smallframe-Vespa mit 125er-Motor. Sie ist derzeit am Markt für Gebrauchtroller enorm gefragt und erzielt entsprechende Preise: Unter 2000 Euro bekommt man maximal einen Schrotthaufen, und 4000 Euro für ein ordentliches Exemplar wandern sofort über den Tisch.

Wenden wir uns ihrer Geschichte zu: 1965 bringt Vespa die damals noch sehr neue, kleine 50er auch als 125er heraus und gibt ihr den Namen „Nuova“. Sie hat 3,5 kW (4,8 PS) Motorleistung und eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h. Das ist fast das doppelte der zeitgenössischen 50er, und es stellt sich heraus, dass das Fahrwerk die Kraft locker wegstecken kann. Von dieser Vespa werden 17.000 Exemplare gebaut, übrigens alle mit derselben Farbe (ein helles Blaugrau-metallic). Sie ist heute ein begehrtes Sammlermodell.

Vespa 125 Primavera
Die Original-Werbekampagne im
ersten Primavera-Verkaufsjahr (1968)
Vespa 125 Primavera
Die typische Piaggio-Werbelinie für die
Primavera im Stil der 1980er-Jahre
 

1967 wird auf dem Mailänder Zweiradsalon als Nachfolgerin der Nuova die erste Primavera vorgestellt. Sie kommt 1968 in den Verkauf und wird 15 Jahre lang in insgesamt 240.000 Exemplaren gebaut. Die Primavera hat 4,1 kW (5,6 PS) bei 5500 Umdrehungen, 121 Kubik Hubraum und ist über 80 km/h schnell. Sie wird zum Teenager-Traum der 1970er- und 1980er-Jahre – mit ihrer Besonderheit, dass man eine schnelle kleine Vespa ganz legal (nämlich mit Motorradführerschein und „schwarzem Taferl“) fahren kann.

Die getunten Mopeds (50s und Spezial) mit bis zu 138 Kubik großen Motoren sind damals zwar etwas schneller. Dafür lauert aber auch die Gefahr, von der Polizei erwischt zu werden, hinter jeder Ecke. Für die Jugend ist diese kräftige Smallframe-Vespa wie die Erfüllung eines Wunsches. Begleitet von einem Gefühlsmix aus Begriffen wie Freiheit, Italien, Dolce Vita, Coolness, Fesch-sein – plus ein wenig Abenteuer und Gefahr: Schließlich gibt es erst ganz zum Schluss der Primavera-Bauzeit unsere Helmpflicht – es ist durchaus üblich, mit Short und den gerade wieder in Mode gekommenen Espandrillos zu fahren.
 
Vespa 125 Primavera
Ein halbes Jahrhundert nach dem Start der Baureihe ist hier „motomobil“-Reiseautor Leo Lucarelli mit seiner Primavera auf der Fahrt von Italien nach Sarajevo
Vespa 125 Primavera
Hier steht Primavera-Besitzerin Kerstin am Wiener Donaukanal Modell für ein frühlingshaftes Bild im Rollerkalender der Fotokünstlerin Barbara Hartl
 

Fast zeitgleich zum Revival der Espandrillos (eigentlich schon 2013) nennt Piaggio ein neues Modell wieder „Primavera“. Hier handelt es sich um einen Automatikroller, dessen Konzept das Gegenteil der ursprünglichen Primavera ist – nämlich mit einem sanfteren Motor statt mit einem stärkeren (im reziproken Vergleich zur Karosseriegröße). Geblieben ist und gefeiert wird der Name.

Und so wollen wir uns in der historischen Zurückschau wieder der alten, der „echten“ Primavera zuwenden: Ihre Karosserie ist etwas länger als die der 50er, einen Hauch schmäler und hat in der linken Seitenbacke ein Gepäckfach. Ursprünglich gibt es sie in den Farben Weiß und Braun-metallic. 1976 kommt dann das Nachfolgemodell, die legendäre ET3. Das Kürzel steht für „Elettronica Tre Travasi“ und bedeutet, dass diese neue Primavera einen Zylinder mit drei Überströmkanälen (statt zwei) hat, sowie elektronische Zündung. Die Leistung steigt auf 5,1 kW (7 PS), und man kann damit 85 km/h schnell fahren. Insgesamt werden 144.000 Exemplare gebaut.

Oft bleibt es nicht beim Serientempo, denn das Modell eignet sich bis heute hervorragend für eine kleine oder auch größere Leistungssteigerung. Genaugenommen kann man den blanken Wahnsinn einbauen, und das wird da und dort auch getan …
 
Rainer Derx
Auch „FixItEasy“-Erfinder Rainer Derx
ist stolzer Primavera-Besitzer
Vespa 125 Primavera
In #MeToo-Zeiten würde so eine Reklame
nach Strich und Faden geshitstormt
 

Der blanke Wahnsinn steht derzeit bei CNC-gefrästen Motorblöcken mit Alu-Rennzylindern mit 200 Kubik, zum Beispiel von der Tuningfirma Quattrini. Die dafür passenden Auspuffanlagen passen gerade einmal noch irgendwie in die Seitenbacke, bei den Modellen mit Gepäckfach muss dieses manchmal entfernt werden. Auf Leistungsprüfständen kommen solche Maschinen inzwischen auf gut 45 kW (über 60 PS) – was in der Praxis unfahrbar ist und sich maximal für spektakuläre Suizidversuche eignet.
Aber auch weniger arg frisierte Primaveras kommen inzwischen locker auf 22 kW (30 PS). Was bedeutet, dass man die Vespa in jedem Gang aufs Hinterrad bringen kann. Obwohl das Fahrwerk durch gute und entsprechend teure Komponenten (Stoßdämpfer, Scheibenbremsen) stark verbessert werden kann, gleicht das Fahren dem Ritt auf der Kanonenkugel. Wenn solche Vespas sauber aufgebaut sind, kann man damit auch entspannt fahren – aber ein falsches Zupfen am Gasgriff ist nur anzuraten, wenn direkt dahinter die Rettung fährt.

Trotzdem erfreut sich heutzutage das Tuning der Primavera ganz hoher Beliebtheit. Das dürfte mehrere Gründe haben. Einer davon ist sicher eine nostalgische Erinnerung an die Jugend in den 1980er-Jahren, den Kick des Unerlaubten kann man sich heute als älterer Herr auf höherem Niveau wieder holen. Anders als damals sind die finanziellen Mittel da, und eine alte Vespa zu frisieren macht genauso viel Spaß wie ein altes Auto, ist aber immer noch deutlich billiger und einfacher.

Zweitens kann man damit Teil einer sehr lebendigen Community werden, wo man (eigentlich „mann“ – denn es handelt sich fast ausschließlich um ein männliches Phänomen) jede Menge Gleichgesinnte treffen kann. Ausgiebiges Fachsimpeln in kleinen Hinterhofwerkstätten und gemeinsame Ausfahrten, bei denen man die neuesten Spielereien ausprobieren kann, werden zum Hobby, mit dem man aus dem Alltag ausbrechen kann.
 
Vespa 125 Primavera
1976 kommt das Nachfolgemodell ET3
mit Elektronikzündung
Vespa 125 Primavera
2018 wurde im Piaggio Museum in Pontedera ein
„Andachtsraum“ für die Primavera eingerichtet
 

Als die Produktion der klassischen Primavera zu Ende geht, kommt das Nachfolgemodell heraus, die PK 125. Sie ruft unter echten Primavera-Fahrern bestenfalls mildes Lächeln hervor, schlimmstenfalls einen Anfall von Verachtung. Wir nannten sie die „Postkutsche“, und sie war eckig, hässlich und irgendwie uncool, wenngleich wir damals eher das Moped meinten.
Mitte der 1990er Jahre bringt Piaggio noch einmal eine kleine Serie der alten Primavera auf den Markt, ausschließlich in der Farbe dunkelblau und mit der klassischen „Banane“ als Auspuff. Sie ist schnell ausverkauft und ist heute ebenso rar wie die ganz alten Modelle.

Was bringt die Zukunft? Inzwischen werden auch stark rostige Primaveras um viel Geld restauriert, und es gibt immer wieder neue Tuningteile, womit die Szene lebendig bleibt. Es gibt sogar bereits die ersten Umbauten auf Elektroantrieb, wenngleich das für einen echten Primavera-Fahrer einem Sündenfall gleichkommt. Somit wird die Legende noch lange auf den Straßen und in den Werkstätten sichtbar sein. Bis dahin erfreuen wir uns am kernigen Klang der Zweitakter und atmen einen Hauch von Italien ein – nicht gesund, aber irgendwie cool.
 
Josef Faber
Österreich-Importeur Josef Faber 2013 in Mailand fast
Ton in Ton mit dem neuen Primavera-Automatik-Modell
Guido Schwarz
„motomobil“-Autor Guido Schwarz (im Bild seine Vespa Sprint 125 Elektro) ist seit Jahrzehnten Kenner von Klassik-Rollern
 

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