Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung dieser Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Weitere Informationen.

Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite.

 
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner


VINTAGE

HISTORISCHE MOTORROLLER AUS ITALIEN, TEIL II


Text: Prof. DI (FH) Fritz Ehn
Fotos: Archiv Österr. Motorradmuseum, M. Bernleitner
 
 

JENSEITS VON VESPA

Auch in der Fortsetzung der „motomobil“-Zeitreise ins Italien der Nachkriegszeit treffen wir auf tolle Roller aus traditionsreichen Zweiradfabriken


013 MV Agusta kl
 
 
 
Ehn rot klDie Marke ISO (1949 bis 1974), ansässig im mailändischen Bresso, ist eine Legende in der Geschichte der Sportautos. Doch der ISO-Kraftfahrzeugbau beginnt mit Rollern und Kleinmotorrädern: Die Manufaktur des Signore Renzo Rivolta, der als Spross einer Industriellendynastie nach dem Krieg mit der Fertigung von Kühlanlagen beginnt, erkennt den Zug der Zeit nach leistbaren Volksverkehrsmitteln und baut ab 1949 unter dem Namen ISO S. p. A. Roller und Motorräder mit eigenen Doppelkolben–Zweitaktmotoren. Seine Konstruktion ist nahezu identisch mit den Doppelkolben-Zweitaktern von Puch.

Beim ISO 125er-Roller handelt es sich genau genommen um ein Motorrad mit kleinen Rädern: Die Merkmale sind klassisch, wie etwa der Benzintank nach dem Lenker und der Reitsitz im Sattel. Der Motor leistet bei einem Hubraum von 124 Kubik 4,9 kW (6,7 PS) bei 5200 Umdrehungen. Die Dreigangschaltung ist fußbetätigt, die vordere Telegabel und die hintere Schwinge sind recht fortschrittliche Baumerkmale. In der Werbung betont ISO immer wieder, dass es sich um ausgesprochen sportliche Fahrzeuge handelt. Die ISO-Zweiräder haben sehr bald einen guten Ruf für ihre ausgeklügelte Konstruktion und die qualitativ hochwertige Ausführung.

Als in Italien – so wie auch im restlichen Europa – der Rollerboom nachlässt und der Trend zum „Dach überm Kopf“ zu Zwittern namens „Rollermobile“ beziehungsweise „Kabinenroller“ führt, hat Renzo Rivolta die Königsidee der ISO Isetta, die dann rasch als Lizenzprodukt bei verschiedenen Herstellern auftaucht. Am prominentesten am Markt sind bald die Bayerischen Motoren Werke mit dem Lizenzbau BMW Isetta, die als drei- oder vierrädriges Vehikel (je nach den Führerscheinbestimmungen im jeweiligen Land) ausgeliefert wird. Dabei sind in der vierrädrigen Ausführung beide Räder hinten knapp nebeneinander ohne Differenzial angeordnet. Mit den Lizenzgebühren der Isetta wird Rivolta zum reichen Mann und beginnt – gemeinsam mit dem Konstrukteur Giotto Bizzarrini – mit dem Bau von Luxussportwagen (ISO 300, ISO Lele, ISO Grifo et cetera), der ihn schlussendlich 1974 in den finanziellen Abgrund reißt. ISO-Zweiräder werden von Rivolta bis 1964 gebaut.

Die Motorradfabrik Moto Guzzi, gegründet 1921 in Mandello del Lario am Comer See, steigt nach dem Krieg mit dem stolzen Namen Galletto („Hähnchen“) ins Rollergeschäft ein. 1954 in Österreich um 14.300 Schilling gar nicht wohlfeil angeboten, wird dieser italienische Exote zu keinem Verkaufsschlager. Obwohl die technischen Daten durchaus vielversprechend sind: Einzylinder-Viertakt-OHV Motor, 175 Kubik, 5,1 kW (7 PS) bei 5200 Touren, fußgeschaltetes Vierganggetriebe sowie ein modernes Fahrwerk mit Teleskopgabel und Hinterradschwinge sind ein hochwertiges Angebot. Den Galletto-Roller gibt es bis 1965 auch mit 160 und 192 Kubik, aber immer mit den großen 16-Zoll-Rädern, die aus dem Roller wohl eher ein verkleidetes Motorrad machen – aber unterschiedlich zum ISO mit einem hohen freien Durchstieg. Das Reserverad ist zwischen Vorderrad und Beinschutzblech angebracht.

004 ISO kl
Herr Renzo Rivolta (ISO) baut
das Vorbild zur BMW Isetta
MV Agusta (Meccanica Verghera S. p. A in Samarate, 1946 bis 1980) ist einer  der klangvollsten Namen der Zweiradgeschichte. Als Graf Domenico Agusta im Jahr 1946 mit der Motorradproduktion beginnt, ist die Firma bereits durch die Erzeugung von Hubschraubern weltbekannt. Der charismatische Graf ist – ähnlich dem Sportwagenhersteller Enzo Ferrari am Autosektor – bei den von ihm hergestellten Fahrzeugen hauptsächlich an Rennsiegen interessiert.

Von den Rennmaschinen, die aufs Feinste entwickelt und durchkonstruiert sind, werden hervorragende Serienmodelle abgeleitet. Das macht MV Agusta sehr schnell zur Kultmarke. Doch neben den hochkarätigen Superbikes muss auch auf das Tagesgeschäft geachtet werden: Dem Zug der Zeit folgend, baut MV neben leichten Zweitaktmotorrädern dann auch Motorroller.

Die Firma gehört ab 1950 zu den ersten Motorradherstellern, die zusätzlich Roller produzieren. Nach einem wahren Modellfeuerwerk mit den Typen B, C, CSL, CGT und Ovunque macht MV Mitte der 1950er zunächst einmal Pause mit den Rollern, um sich wieder mehr der Motorradfertigung zu widmen. Anfang der 1960er kommt wieder ein komplett neuer Roller auf den Markt, der Chicco. Bei ihm sind die Ähnlichkeiten zur Lambretta nicht zu übersehen, von der äußeren Form bis zum Zweitaktmotor als Triebwerk. Ein Viertaktmodell, genannt Bic, kommt über das Prototypenstadium nicht hinaus. Die legendären MV-Motorräder werden bis 1980 gebaut, ehe die Fertigung stillgelegt wird. Seit 1992 werden MVs wieder erzeugt, aber unter völlig anderen und seither rasch wechselnden Besitzverhältnissen.

020 MV Agusta kl
Ein unrestaurierter MV-Agusta-Scooter
in Stoffis Rollerarchiv
001 ISO kl
Klassische Motorradmerkmale,
aber mit kleiner Bereifung
 
007 MotoGuzziGalletto kl
Der Moto Guzzi Galletto bietet
höchst interessante Technik, …
006 MotoGuzziGalletto kl
… er wird aber zu
keinem Exportschlager
 

008 MotoGuzziGalletto kl
Zeitgenössische Testberichte
sind voll des Lobes über ihn
Ein in Kennerkreisen höchst wohlklingender Name ist auch Rumi (Moto Rumi in Bergamo, 1949 bis 1964). Bereits um 1900 als Maschinenbau- und Gießereibetrieb gegründet, liefert diese Firma vor allem Gusskomponenten für Strickerei- und Textilmaschinen. Im Zweiten Weltkrieg spezialisiert man sich auf Leichtmetall–Gussteile für die Flugzeugindustrie. Dieses Know-how soll sich dann für eine Rollerproduktion als sehr nützlich erweisen. In den Kriegsjahren werden für die italienische Kriegsmarine auch Propeller, Periskope, Torpedos und Schiffsanker erzeugt. Das letztgenannte Produkt, der Anker, wird das Logo der späteren Zweiräder zieren.

In den ersten Nachkriegsjahren beschäftigt sich die Firma vorerst mit der Zulieferung von Gussteilen für diversen Industriebedarf. 1948 wird die Firma von Donnino Rumi, dem Sohn des Gründers, übernommen. Der Mann ist ein außergewöhnlich künstlerisch begabter Firmenprinzipal, der jedoch auch sehr schnell den Zug der Zeit mit einer großen Nachfrage nach Zweirädern erkennt. Für eine kleine Sportmaschine beauftragt er den begnadeten Techniker Pietro Vassena mit der Motorkonstruktion und dem Fahrwerksdesign. Ab 1949 geht das Bike unter der Modellbezeichnung „Biene“ in die Serienfertigung. Die Besonderheit der Maschine ist die außergewöhnliche Aluminiumblock-Konstruktion des Zweizylinder-Zweitaktmotors mit liegenden fahrtwindgekühlten Zylindern und 123 Kubik Hubraum.

Seinen großen und bis heute nachwirkenden legendären Ruf begründet Rumi jedoch mit der Herstellung von Rollern: 1952 geht das Modell Scoiattolo („Eichhörnchen“) in Serie, natürlich beflügelt vom hauseigenen liegenden Zweitakt-Twin. Hier tritt auch wieder die Künstlernatur Donnino Rumi auf, der den Roller als Tonmodell mit eigenen Händen entworfen haben soll, bevor die Fertigung der gegossenen Leichtmetallkarosserie in der werkseigenen Aluminiumgießerei beginnt.
 

011 MV Agusta kl
Informationskarges MV-Cockpit
im Stil der Zeit
012 MV Agusta kl
Roller von MV Agusta
mit sehr fließendem Design

015 MV Agusta kl
Bei diesem MV-Modell ist die
Nähe zu Lambretta unübersehbar
017 MV Agusta kl
MV in Originalzustand
aus Stoffis Rollerarchiv

022 Rumi kl
Der Zeit entsprechend:
das Rumi-Cockpit
023 Rumi kl
Die Rumi Formichino ist
ein technischer Leckerbissen


026 Rumi kl
Sowohl das Design als auch die technischen Daten
haben viele Rollerfreunde zu Rumi-Fans gemacht
Weltberühmt wird aber das Nachfolgemodell Formichino („Ameise“), das von Ingenieur Salvatti konstruiert wird und im Jahr 1954 in Serie geht. Die komplette selbsttragende Karosserie (mit Ausnahme von Gabelverkleidung und Beinschutzblechen) ist in Aluguss ausgeführt, wobei die vorderen und hinteren Gussteile in Form eines Monocoques am Motor verschraubt sind. Das ergibt eine leichte und verwindungssteife Konstruktion. Ebenso sind der hintere Schwingarm, der Kettenkasten und der Schalldämpfer in Leichtmetallguss ausgeführt. Ursprünglich hat die Formichino 125 kleine Acht-Zoll-Räder, die 1958 auf zehn Zoll vergrößert werden und dem Scooter eine noch bessere Straßenlage samt besserer Bodenfreiheit geben.

In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren sind die Rumi-Ameisen die auffälligsten Exoten im österreichischen Straßenbild. Und das nicht nur wegen der ungewöhnlichen Optik mit der stromlinienförmigen Verkleidung von Scheinwerfer und Tank unter dem Lenker oder der rassigen niedrigen Gesamtansicht. Vor allem jedoch hebt sich der Klang des Scooters vom seinerzeit üblichen Geknattere und Gemeckere deutlich ab: Man hört die Annäherung einer Ameise schon von weitem durch den unverwechselbaren, fauchenden Sound des hochdrehenden Zweizylinder-Zweitakters. Schon sehr schnell hat er den Spitznamen „Taschendüsenjäger“, er wird von allen Jugendlichen heiß begehrt und vor allem von den Besserverdienern gekauft. Mit 5,9 kW (8 PS) Leistung gehört man zur Spitze der rollenden Gesellschaft.

Heutige Roller-Sammler reißen sich darum. Zum Beispiel beherbergt das umfangreiche – gegen private Voranmeldung zu bestaunende – Rollerarchiv von Vespa-Customizer Christoph Maier („Stoffi“) bei Ried im Innkreis eine bestens „in Schuss“ gehaltenen Formichino; weiters einige MV-Agusta-Roller in den verschiedensten Aggregatzuständen (ein Großteil der Fotos auf diesen Seiten wurde im Stoffi-Rollermuseum gemacht). Eine sehr schöne Rumi Formichino steht weiters im Österreichischen Motorradmuseum, Sammlung Ehn, im waldviertlerischen Sigmundsherberg. Er stammt aus der britischen Rumi-Szene, die weltweit eine der rührigsten ist. Sehenswert!


Diesen Bericht als E-Paper gratis downloaden pdf
 





FINDE ICH GUT
Facebook! Mister-Wong! Twitter! Del.icio.us! StumbleUpon! Netscape! Google! Furl! Yahoo! Diigo! Technorati! Smarking! Netvouz! MySpace! Live! Joomla Free PHP