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VINTAGE

DER SEIBERER EINST UND JETZT


Text: Prof. DI (FH) Fritz Ehn
Fotos: Archiv Österreichisches Motorradmuseum, Heinz A. Krebs, Leibrentner

KURVEN ÜBER DEM STROM

Seiberer Bergpreis – eine Geschichte mit Tradition und Zukunft. Die erste Frühlingsausfahrt führt den „motomobil“-Vintage-Autor regelmäßig in die schöne Donauregion Wachau


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Ehn_klZur Einstimmung begeben wir uns weit zurück, nämlich ins Jahr 1924. Der bekannte österreichische Rennfahrer Rupert Karner ist der erste Seiberer-Triumphator. „Am 9. Juni 1924 veranstaltete die Kraftfahrer-Vereinigung NÖ-Land erstmals ein Bergrennen am Seiberer im Herzen der Wachau. Diesen nennt man wegen seiner landschaftlich reizvollen Umgebung den Semmering der Wachau.“ So beginnt die offizielle Geschichte der Rennen und Wertungsfahrten auf den Seiberer. Über das erste Rennen lesen wir: „23 Motorräder starteten in sieben Kategorien, von 101 bis 1000 ccm, beim Kilometerstein 0.1 in Weißenkirchen, welches das damals übliche Bild mit engen Gassen und Gedränge bot. Die beste Zeit des Tages fuhr Rupert Karner auf einer 3,5 PS Sunbeam (bis 500 ccm) und wurde damit der erste Anwärter auf den von Max Fuchs gestifteten Wachauer Wanderpreis.“

Rupert Karner, ein Name, der nur mehr wenigen von uns etwas sagt. Doch hier bekommt meine Geschichte einen persönlichen Berührungspunkt. Rupert Karner war der Bruder des damaligen Importeurs von Castrol Rennöl, Anton Karner. Castrol – ein legendärer Name, der Renngeschichte geschrieben hat und schreibt. Die Karners lebten im 13. Bezirk in Wien und waren die Nachbarn meiner Großeltern in der Ghelengasse. Mein Vater und seine beiden Brüder waren oft bei den Karners zu Gast und bewunderten den rund zehn Jahre älteren Rupert grenzenlos. Der war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine Legende auf zwei Rädern.

Kometenhaft stieg sein Name auf, als er auf Puch bei der damaligen Europameisterschaft für Motorräder in Monza trotz eines Sturzes den dritten Platz holte, nachdem er über drei Viertel der Distanz das Rennen angeführt hatte. Sein Teamkollege Hugo Hölbl war Zweiter geworden und beiden Fahrern wurde in Graz ein derart unglaublicher Empfang bereitet, wie er heute unvorstellbar ist. Das ganze Werk war auf den Beinen und feierte (siehe unser Archivfoto). Dieser Erfolg war für Österreich und Puch deswegen so wichtig, weil ja das Werk nach dem Ersten Weltkrieg hätte liquidiert werden sollen – aber der Liquidator Giovanni Marcellino setzte die Idee des Doppelkolben-Zweitakters erfolgreich um! Zu Ehren des Erfolges wurde auch die – nur in wenigen Stücken erzeugte – Puch Monza gebaut (sie hat allerdings nichts mit dem rund 60 Jähre später gebauten Mopedmodell zu tun). Rupert Karner holte noch unzählige große Erfolge, ehe ihn der Rennfahrertod bei der Ungarischen TT in Budapest im Jahr 1928 ereilte. 
   
„Wochenlang wurde an der Instandsetzung der Straße auf den Seiberer gearbeitet, sodass sich die durchwegs etwa fünf Meter breite und acht Kilometer lange Sandstrecke am Tag des Rennens in sehr gutem Zustand befand“, so lesen wir weiter. Und diese Straße blieb auch eine Sandstrecke, nachdem 1925 und 1931 noch je einmal ein Rennen gefahren wurde. Nach einer längeren Pause fand erst 1955 wieder ein Bergrennen statt. Später aber wurde der Seiberer immer wieder in Wertungsfahrten als Sonderprüfung einbezogen. Und so habe ich ihn bei einer ÖAMTC-Veranstaltung im Jahr 1968 als junger Enthusiast auch erlebt.

Nach dem Sieg in Monza 1924 wurde für Rupert Karner bei Puch in Graz ein Riesenfest veranstaltet
Nach dem Sieg in Monza 1924 wurde für Rupert Karner
bei Puch in Graz ein Riesenfest veranstaltet
Autor Fritz Ehn im Jahr 1968 auf der Makadam-Straße oberhalb von Weißenkirchen – a fescher Zapf’n!
Autor Fritz Ehn im Jahr 1968 auf der Makadam-Straße
oberhalb von Weißenkirchen – a fescher Zapf’n!

Es folgten meine persönlichen Seiberer-Leiden.
Es ist richtig, ich war niemals Rennfahrer, sondern immer interessierte Laie, trotzdem habe aber kaum etwas ausgelassen. So trat ich unter anderem in den Sechzigerjahren mehrfach bei der  Wintertourenfahrt des ÖAMTC an und war bezüglich tiefer Temperaturen durchaus nicht zimperlich. Doch diese erste und einzige Seiberer-Wertung, die ich mit einer „modernen“ Maschine fuhr, bleibt mir für immer im Gedächtnis. Ich hatte mit viel Mühe und handwerklichem Einsatz – Geschick möchte ich fairerweise ja nicht behaupten – eine mehrfach gewendete SGS für die Saison 1968 aufgebaut, nachdem ich noch im Vorjahr eine ebenfalls „gefixelte“ Puch 175 SV gefahren war. Mit dieser 175er war ich übrigens 1967 Teilnehmer des legendären Tullner Trials gewesen, scheiterte grandios in allen Sektionen – wie die meisten Straßenfahrer und Nicht-Trialisten. Ich lag mehr am Bauch im Schnee als ich am Motorrad stand und wurde schlussendlich von den treuen Helfern des Triumph Clubs Wien die letzte eisige Böschung (auch „Steilhang“ genannt) am Seil hinaufgezogen. Na ja, Ende gut, alles gut. Nur, dass ich Statist dann am Foto der damaligen Boulevardzeitung „Bild Telegraf“ prangte, war aber dann doch zuviel der Ehre …

Wertungsfahrt in den 1950er-Jahren
Wertungsfahrt in
den 1950er-Jahren
Die Seiberer-Wertung 1968 war eine große Sache für mich, schon von der Anreise her. Denn ich hatte ja weder ein Auto noch einen Anhänger, ich fuhr auf Achse zur Stätte des Grauens. Es hatte den ganzen Tag geregnet, es war leicht neblig und saukalt. Meine Fahrerbekleidung bestand aus alten Militärstiefeln, so genannten „Knobelbechern“, und einem Gummimantel, der um die Beine zugeknöpft werden konnte, einem sogenannten „Dirtl Trench“, dazu Stulpenhandschuhe und einem Helm in Reindlform. Ausgefroren und steif in den Gelenken nahm ich nach etlichen Vorabkilometern auch den Seiberer unter die Räder. Ich schlug mich halt so so la la den Berg hinauf und fuhr die gesamte Wertung dann auch noch zu Ende. Die Puch hatte gehalten und der Lohn der Qual war eine Bronzemedaille. So fuhr ich tief in der Nacht mit dieser in der Tasche, stolz wie ein Spanier, aber bibbernd vor Kälte, nach Hause.

Als 1986 der Seiberer Bergpreis vom Ersten Österreichischen Kleinwagen Club (EÖKC) als Oldtimer-Bewerb wiederbelebt wurde,  nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, um wieder an die Stätte meiner damaligen Seibererbezwingung zurückzukehren.  Immer wieder und mit wechselndem Erfolg, von den Punkterängen bis zum Totalausfall. Beispielsweise im Jahr 2008, also genau vierzig Jahre später, erklomm ich den Berg mit einem KTM Ponny II Moped – und landete irgendwo im Mittelfeld. Was schlussendlich aber völlig egal ist, denn der Seiberer ist für mich und meine Mitstreiter – ebenso wie für viele andere Freunde von zwei- und vierrädrigen Oldies – der Startschuss in die neue Saison.

Der „neue Seiberer“ ist ein Tummelplatz für Zeitenkünstler und viele viele Motorroller. „Für viele Teilnehmer ist es ein besonderes Vergnügen, ihre neu erworbenen oder aufwändig restaurierten Raritäten erstmals am Seiberer einem zahlreichen Publikum und vielen Gleichgesinnten vorzustellen,“ so lesen wir im offiziellen Text des EÖKC – und das stimmt. Das Feine ist, dass der Club bei der vierrädrigen Fraktion vor allem die kleinen Hubräume schätzt und bei den Zweirädern die „Verrückten“ ausschließt. Wer den Schnitt von 50 Stundenkilometern übersteigt, der fliegt. Und das schätzen wir Genussfahrer ganz besonders. Denn nichts ist schöner, als die erwachende Natur der Wachau genüsslich an sich vorbei ziehen zu lassen. Obgleich es eine Wertung gibt – und die hat es „in sich“: Es gilt nämlich, bei zwei Läufen möglichst genau die gleiche Zeit zu fahren.

Das gelingt manchen Seiberer-Profis ganz hervorragend: 2010 hatte der Gesamtsieger Maximilian Tomaschek auf Alfa Giulia eine Zeitdifferenz von Null Hundertstelsekunden und ist damit ewiger Rekordhalter. Da der EÖKC keine Standesdünkel hat und Automobile und Motorräder gleichermaßen um den Gesamtsieg fahren lässt, hat im Vorjahr der sportliche Heinz Lukaschek aus dem Team des Ersten Österreichischen Motorradmuseums erstmals mit einem Motorrad (einer BMW R 67/2 aus 1954) den Gesamtsieg mit einer Zeitdifferenz von  0:00:0,19 geholt! Warum der Heinz ein ganz sportlicher ist? Er hat sich im Jahr 2008 auf einem KTM-Rennrad die ersten Sporen verdient, wurde bei den klassischen Rennrädern Zweiter und hat damit die Aufnahmsprüfung zur motorisierten Truppe des Museums geschafft.

Zu den kleinen Vierrädrigen gesellt sich naturgemäß Jahr für Jahr eine ganze Armada von kleinen Zweirädrigen, nämlich Roller aller Arten. Die stärkste Abordnung stellen  jedes Jahr die Vespisti mit ihren Kultgeräten in allen Varianten und aus allen nur erdenklichen Bauepochen. Sogar der liebenswürdige Herausgeber dieses Magazins, Herr Michael Bernleitner, hat dem Autor schon zweimal die Ehre gegeben und ist mit einer Vespa 125 aus 1950 und mit dem Puch RL aus 1952 im Museumsteam mitgefahren. Sehr beeindruckend sein Durchmarsch nach dem zweiten Start, als er ohne Rücksicht auf die Startreihenfolge den Gasgriff durchriss und die Zeitnehmung gehörig ins Trudeln brachte. Seine Ausrede von der Kupplung, die nicht ausgelöst hat, na ja … Solche technischen Lappalien können nur den aus der Ruhe bringen, der nicht oft mit Alteisen spielt …

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Vespas in allen Variationen, und auch „Sonderfahrzeuge“ haben Starterlaubnis …
Nummer Eins: die denkwürdige Fahrt auf dem ersten erzeugten Puch RL 125
Nummer Eins: die denkwürdige Fahrt auf dem ersten
erzeugten Puch RL 125, Museumsstück in Sigmundsherberg
Auch „motomobil“-Autor Franz Farkas fährt mit seinem Puch-Oldie regelmäßig auf den Seiberer
Auch „motomobil“-Autor Franz Farkas fährt mit
seinem Puch-Oldie regelmäßig auf den Seiberer
Zwischen den beiden Läufen ist der Gasthof Lang in Weinzierl ein beliebter Treffpunkt der Tagediebe
Zwischen den beiden Läufen ist der Gasthof Lang in
Weinzierl ein beliebter Treffpunkt der Tagediebe

Die Veranstalter sind strenge und korrekte Leute
– aber  beileibe keine Spielverderber. Sie  lassen schon auch einmal die ganz wilden Fuhrwerke den Berg hinauffahren. So erinnere ich mich an eine Vespa mit Beiwagen, die von einem 900er Kawasaki-Motor beflügelt wurde, an einen Ariel Kit Car, der in der Botanik landete und eine an eine KTM Tiainen Replica, die (alle natürlich als Vorausfahrzeuge außerhalb der Wertung) den Berg erklommen haben. Also alles hervorragende Voraussetzungen für den Seiberer 2013. Egal ob du auf einem Fahrrad, einem Moped, Roller, Motorrad oder Kleinwagen startest – der Spaß am Altgerät, das Treffen mit Gleichgesonnenen und das gemeinsame Hobby steht im Vordergrund; www.seiberer.at



OLDTIMER GUIDE 2012 IST ERSCHIENEN

Oldtimer GuideNoch druckfrisch ist der Oldtimer Guide 2012 von Christian Schamburek jetzt im Handel. „motomobil“-Vintage-Autor Fritz Ehn ist für den umfangreichen Zweiradteil des über 400 Seiten starken Nachschlagwerkes zuständig und gibt natürlich für das unentbehrliche Kompendium seine dringende Empfehlung ab!
Der Oldtimer Guide ist ein Leitfaden durch die vielfältige Themenlandschaft für Veteranenbegeisterte und jene, die es werden wollen. Egal ob der Vergaser Probleme macht, das Interieur eine Auffrischung benötigt, eine Gesamtrestauration ins Haus steht, Fragen zur Wertentwicklung oder Bewertung zu beantworten sind, der Oldtimer Guide nennt die wichtigsten Adressen, Tipps und Termine rund um das Thema automotiver Tradition und vieles mehr.
Motorsport-Starjournalist Helmut Zwickl sagt über den Guide: „Was Christian Schamburek mit dem Oldtimer Guide geschaffen hat, ist gleichsam ein Kompass, der uns hilft, die vielen Aspekte der Oldtimer-Szene aufzuspüren. Ohne diesen wäre man ziemlich verloren.“ Preis 14,90 Euro,  Bestell-Hotline: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; Tel.: 01/919 202 115.



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