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VINTAGE
PUCH RL 125

PUCH RL 125

Text: Prof. DI (FH) Fritz Ehn
Fotos: Archiv Österreichisches Motorradmuseum

DIESER ROLLER IST ÖSTERREICH

Die Aufbau-Generation. Von der Lobau bis nach Caorle, auf Hochzeitsreise, in die Tanzschule oder täglich in die Arbeit: Der Puch RL hat fast alle bewegt!


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zum Autor

PROF. DI (FH) FRITZ EHN (das Foto zeigt ihn im Jahr 1982) ist die Instanz im deutsch-sprachigen Raum, wenn es um die Geschichte der individuellen motorgestützten Mobilität gilt. Dass seine besondere Liebe der einspurigen Fortbewegung gilt, zeigt eine Unzahl an Buch-
veröffentlichungen, zum Beispiel „Das große PUCH Buch“ (H.Weishaupt Verlag, Graz) oder „Auf zwei Rädern ins Wirtschaftswunder“ (GeraMond Verlag, München). Das von ihm gegründete und geleitete „Erste Österreichische Motorradmuseum“ in Sigmundsherberg zeigt auf 1300 Quadratmetern Ausstel-
lungsfläche 250 wertvolle und richtungsweisende Exponate
Es ist 1952 und die schlimmsten Kriegsverwüstungen
sind beseitigt. Das Alltagsleben beginnt sich schön langsam zu normalisieren. Die „breite Masse“ fährt Öffi und Rad. Manche Fahrräder haben bereits Motoren, wie beispielsweise von Fuchs/HMW (Halleiner Motoren Werke), Rex oder ILO. Und neben den Motorrädern, die den Krieg überstanden haben, gibt es jetzt schon ganz feine neue Modelle von Puch. Die kleinen 125er, wo es nun bereits nach der 125 T („Touren“) auch das Modell TT mit Teleskopfederung gibt (TT steht nicht für „Tourist Trophy“, sondern für „Touren Teleskop“). Und dann natürlich die nahezu unerschwingliche TF 250, die ist beiwagentauglich und ab heuer gibt es sie nicht nur in gelber Lackierung, sondern endlich auch in elegantem Schwarz (dass dies die heutigen Sammler naturgemäß gänzlich anders sehen, war den Menschen damals reichlich egal).

Ja, und wer etwas auf sich hält, liebäugelt mit einem Roller. Mit feiner Importware aus Italien von Lambretta oder Vespa. Oder einem Lizenzbau der Lambretta aus Deutschland von NSU. Doch zumeist wird der Traum – aus preislichen Gründen – mit einem Lohner-Roller aus Wien erfüllt: Der L 98, der ab 1950 zu kaufen ist, hat seit heuer einen Nachfolger bekommen – den L 98 T. Dieser ist von der Karosserie her etwas länger und man kann problemlos einen Soziussitz montieren und zu zweit fahren, obwohl mit einigen Einschränkungen. So ist das Antriebsaggregat ein fahrtwindgekühlter  Zweitakter von Sachs mit 98 Kubik und einer Dauerleistung von 1,6 kW (2,2 PS) mit zwei Gängen, mit dem man natürlich keine Bäume ausreißen kann und der vor allem am Berg seine Schwächen offenbart. Vorne gibt es nur eine gezogene Kurzarmschwinge, Stichwort „Vorderradwackelmechanismus“. Und hinten ist das kleine Acht-Zoll-Scheibtruhenrad fix mit der Karosserie verschraubt. Und damit ungefedert.

Bereits zu Beginn des Jahres 1950 beschäftigt man sich beim größten heimischen Motorradhersteller, bei Puch in Graz, sehr intensiv mit dem Roller – jener Fahrzeugart, die als typisches Kind der Nachkriegszeit stark im Kommen ist. Die intensive Entwicklungsarbeit benötigt rund zweieinhalb Jahre. Am 1. März 1952 berichtet die Fachzeitschrift „Motorrad“ über das neue Fahrzeug: Der Einkolbenzweitakter ist einfach und billig, man hat ihn wohlweislich elastisch gehalten und die Leistung nicht zu hoch getrieben. Nur 4,5 PS trotz einer Verdichtung von 6,5:1 und trotz der Nenndrehzahl von 5100/min, da hat man gedacht und auch die Wirtschaftlichkeit ein Wörtchen mitreden lassen. Puch R ist der Turbojäger der Steiermark, denn wenn er auch noch nicht fliegen kann, so sorgt immerhin ein Turbogebläse für eine Kühlung, die von der Fahrgeschwindigkeit unabhängig ist und sich nur nach der Motordrehzahl richtet. Und dieser Punkt scheint uns nach all unseren Rollererfahrungen der Punkt aller Punkte zu sein! Denn der Puch Roller ist fürs Motorwandern (Anm.: damals üblicher Ausdruck für gemütliche Ausfahrten) über Bergstraßen besser geeignet als die üblichen kleinen Maschinen. Es gibt keine Kühlpausen mehr! Als maximale Bergleistung werden 35 Prozent und bei zwei Personen Belastung 23 Prozent angegeben.

Großglockner-Bezwingung mit dem Puch Roller
Großglockner-Bezwingung
mit dem Puch-
Roller
Der Journalist Wolfgang Gruber, später Grand-Prix-Fotograf und Mercedes-Pressesprecher, rollert hier sogar ins Schivergnügen
Der Journalist Wolfgang Gruber, später Grand-Prix-
Fotograf und Mercedes-Pressesprecher, rollert hier
sogar ins Schivergnügen

Kritisch wird lediglich die Preispolitik von Puch angeführt, denn der R–Roller (wie die Grundausstattung genannt wird) hat weder Soziussitz noch Tachometer oder Reserverad. Alles Dinge, die nur bei der Ausführung RL („Roller Luxus“) serienmäßig sind, beim Modell R hingegen aufpreispflichtig. Im Jahr 1953, also im ersten vollen Produktionsjahr von R und RL, stellt sich schnell heraus, dass die Grundausführung kaum gefragt ist und dass bei einem Basispreis von 8460 Schilling die meisten Kunden zur RL-Ausführung greifen. Auch wird die erste Serie des Puch-Rollers in Hellblau (wie die Puch 150 TL) ausgeliefert, doch dann kommt die berühmte grüne Lackierung, die sich erst 1954 mit dem ersten Facelifting in ein schlammiges Graugrün wandelt. Mit der ersten großen Kaufwelle hat der Puch-Roller auch schon seinen Spitznamen weg: „Grüner Heinrich“, so genannt nach den ebenfalls grünen Arrestantenwagen der Polizei. Rein technisch gesehen ist der Puch-Roller das „Motorrad unter den Rollern“ – kein Wunder, bei seinen Vätern mit so viel Motorraderfahrung in der Fabrik in Graz-Thondorf. Die Entwicklung lag in den bewährten Händen von Ingenieur Walter Kuttler, der mir darüber erzählte: „Das Entwicklungsziel lag darin, einen Roller für die speziellen österreichischen Straßenverhältnisse zu schaffen. Einen Roller, der jede Steigung nimmt, ohne sauer zu werden, daher haben wir uns zu der zwar etwas Leistung fressenden, aber immer für optimale Betriebstemperatur sorgenden Gebläsekühlung entschieden. Das ist auch wichtig für lange Straßenetappen in der Ebene mit hoher Geschwindigkeit, und der Puch-Roller ist für eine  Dauergeschwindigkeit von 75 Stundenkilometer ausgelegt. Die großen 12-Zoll-Räder sorgen für guten Fahrkomfort und ausgezeichnete Straßenlage. Dazu verhilft auch die langhubige Hinterradschwinge und die aus dem Motorradbau abgeleitete Teleskopgabel des Vorderrads. Und das Dreiganggetriebe ist über den linken Drehgriff mit Kupplung leicht und exakt zu schalten.“

Hier wird der RL für den Ausflug eines Rollerclubs geschmückt
Hier wird der RL
für den Ausflug
eines Rollerclubs
geschmückt
Österreichs populärster Roller ever ist bald in sämtlichen Lebensbereichen präsent. Neue Käuferschichten für den Roller sind nahezu unerschöpflich und bringen den Puch-Werken eine Klientel, die zumeist nicht das Geringste mit Motorrad oder Technik im Sinne hat. Sportliche Attribute sind nicht gefragt, sondern einfachste Bedienung, hoher Fahrkomfort und bestmöglicher Witterungsschutz sind Trumpf. Und dennoch: Sogar bei der Alpenfahrt 1952 geigen die Puch-Roller groß auf, selbst bei der ADAC Deutschlandfahrt und der Alpenfahrt 1953 werden beachtliche Erfolge errungen. Der RL prägt Anfang bis Mitte der 1950er-Jahre das Straßenbild Österreichs: Alles rollert, vom Studenten über den Geschäftsmann bis zur Hausfrau. Dieser Roller ist ein echter Allrounder, der auch unter schwerster Belastung niemals aufsteckt: Weite Touren zu zweit und mit ordentlicher Zuladung von Gepäck, oftmals einer ganzen Campingausrüstung, sind ganz normal. Als wichtigstes Zugeständnis an die „untechnischen“ Rollerfahrerinnen und Rollerfahrer ist das Reserverad zu sehen – denn damit muss man sich bei (auf den schlechten Straßen recht häufigen) Reifenpannen nicht mit dem „Patschenflicken“ abärgern. Dazu kommt noch der günstige Verbrauch: unter realistischen Alltagsbedingungen drei Liter auf 100 Kilometer.

Auch der Wartungsaufwand des RL ist gering und wird von den Besitzern zumeist selbst durchgeführt, denn jedem RL liegt eine ausführliche Beschreibung über Betrieb und Instandhaltung bei. Nach meinen Archivunterlagen gibt es vierzehn (!) Auflagen des Handbuchs. Schon die erste Ausgabe (noch ohne Durchnummerierung) sagt unter anderem: Der Puch Roller steht nun am äußersten Flügel unserer Typenreihe vor der Aufgabe, die Ansprüche jener Interessenten zu erfüllen, die ein leichtes, handliches, wendiges und betriebsbilliges Fahrzeug suchen … und ohne die Absicht, sich mit rein technischen Belangen mehr als notwendig zu belasten. Und noch ein überaus wichtiger Aspekt wird angesprochen: Seine Außenform, in Farbton und Linienführung überaus ansprechend, gewährleistet einfachste Reinigungsmöglichkeit und versetzt seinen Besitzer in die angenehme Lage, bei geringstem Zeitaufwand ständig über ein gepflegtes, blitzblankes Fahrzeug zu verfügen. Diese Tugend scheinen heutige Zweiradkonstrukteure längst vergessen zu haben, denn bei modernen Zweirädern gibt es Schmutzwinkel ohne Ende, in denen sich jede Menge Gammel ansetzt. Und der Hochdruck–Dampfreiniger macht alles noch schlimmer …

In der täglichen Praxis kann man die Hinweise auf das „Nachziehen sämtlicher Schrauben nach 500 Kilometern“ locker vergessen, hingegen erfordert das Nachstellen des Gestänges der Handschaltung immer wieder Aufmerksamkeit, und vor allem der Auspuff ist ein Hund: Der Abgaskrümmer des Motors mündet nämlich in den Rahmen, der als Auspufftopf dient und das Abgas an seinem hinteren Ende durch ein winziges Röhrl entlässt. Ist diese eigenartige Abgasführung verkokt, so gibt es mühsame „Stierlarbeit“ mit allen möglichen Kratzgeräten, denn das übliche Ausbrennen des Auspufftopfs ist hier naturgemäß nicht möglich.

Und auch die Landwirtin freut sich über den Puch
Und auch die
Landwirtin freut
sich über den Puch
Alles in allem ist der Puch RL ein narrensicheres Fahrzeug, das durch absolute Gebrauchshärte glänzt. Viel mehr als das Reinigen der Kerze infolge eines „Fadens“ (einer Brücke zwischen den Elektroden) ist kaum notwendig. Die überwiegenden Vorteile des Puch-Rollers sehen auch die 84.500 Kunden, die sich zwischen 1952 und 1957 für einen RL 125 entscheiden. Und das sind nicht nur Österreicher, sondern auch Käufer in den Hauptexportländern Holland, Dänemark, Deutschland, Frankreich und England. Es ist ein unglaublicher Boom, denn der Roller ist vor allem in den Städten zum Fahrzeug des „kleinen Mannes“ geworden. Man könnte fast sagen, so wie heute – doch unter der gänzlich anderen Prämisse des frustrierten Autolenkers, der mit dem Roller der sinnlosen Parkplatzsuche entflieht.

In Österreich werden 1952 knapp über 4000 Roller zugelassen. 1953 sind es bereits 13.000, davon allein 10.000 Puch. Der RL wird 1954 auf 7800 Schilling preisgesenkt und ist damit gegenüber seinem direkten Konkurrenten, dem Lohner L 125, um exakt 680 Schilling billiger. Das erste Facelifting erlebt der Puch RL 1954 mit einer vorn etwas verbreiterten Haube mit neuen Lufteinlassschlitzen, mit Chromzierat und einer neuen Lackierung, dem bereits erwähnten schlammigen Graugrün.

Schon 1955 gibt es die nächsten Neuheiten zu Österreichs populärstem Roller: Das Lastendreirad mit Namen LARO (Lastenroller) tritt auf und den RL gibt es ab sofort auf Wunsch mit Elektrostarter. Der LARO ist eine rollende Plattform (oder Blechkiste) mit dem Hinterteil des RL 125 und ist damit der letzte authentische Nachfolger der in der Zwischenkriegszeit bei den Kleingewerbetreibenden so beliebten Lastendreiräder „Monos“ und „Krauseco“. Wenige Wochen nach der LARO-Präsentation wird dann der neue RLA-Roller mit 12-Volt-60-Watt-Lichtanlasszünder von Bosch vorgestellt.

Auch auf den Exportmärkten erkämpft sich der RL seinen fixen Platz. Die Umfrage einer französischen Fachzeitschrift beispielsweise ergibt Spitzenwerte für das Fahrwerk und die Bremsen sowie das Finish. Weniger gut schneidet er beim Fahrgeräusch („fahrender Betonmischer“) und der Beleuchtung ab. Im Jahr 1957 läuft dann die Uhr des Puch RL 125 ab: Die Modellreihe SR („Schwingen Roller“) mit geschobener Langarmschwinge und 125 und 150 Kubik steht in den Verkaufsräumen, natürlich auch mit Elektrostarter. Sie wird schließlich bis zum Jahr 1968 erzeugt. Im Rahmen der permanenten Puch-Zweiradausstellung im „Ersten Österreichischen Motorradmuseum – Sammlung Ehn“ in Sigmundsherberg sind natürlich auch Puch-RL-Modelle ausgestellt, unter anderem der erste Serienroller mit der Nummer 600.001!



DAS GROSSE PUCH BUCH
Das große Puch BuchMehr Informationen über Puch-Roller finden Sie in der Markenbiographie „Das große Puch Buch“ von Fritz Ehn, erschienen im Weishaupt Verlag Gnas/Graz.

Auf 288 Seiten sind alle Modelle und Typen von 1890 bis 1987 exakt beschrieben, umfangreiche Kapitel befassen sich mit den großen Sporterfolgen. „Das große Puch Buch“  kostet € 50,– und ist lagernd bei Bestseller (SCS Multiplex, Millennium City, Ekazent Hietzing) oder kann online bestellt werden auf www.bestseller.co.at und www.motorbox.at



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