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VINTAGE

SPORT MIT MOTORROLLERN




Text: Prof. DI (FH) Fritz Ehn, Fotos: Archiv Österreichisches Motorradmuseum

KLEINE RÄDER, GROSSES HERZ

Sport mit Motorrollern brachte seinerzeit deren beherzten Reitern nicht nur sportliche Ehren, sondern auch jede Menge Spott ein. Völlig anders als heute, wo sich Scooter Racing zu einer eigenständigen Motorsportart entwickelt hat


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zum Autor


PROF. DI (FH) FRITZ EHN (das Foto zeigt ihn im Jahr 1982) ist die Instanz im deutsch-sprachigen Raum, wenn es um die Geschichte der individuellen motorgestützten Mobilität gilt. Dass seine besondere Liebe der einspurigen Fortbewegung gilt, zeigt eine Unzahl an Buch-
veröffentlichungen, zum Beispiel „Das große PUCH Buch“ (H.Weishaupt Verlag, Graz) oder „Auf zwei Rädern ins Wirtschaftswunder“ (GeraMond Verlag, München). Das von ihm gegründete und geleitete „Erste Österreichische Motorradmuseum“ in Sigmundsherberg zeigt auf 1300 Quadratmetern Ausstel-
lungsfläche 250 wertvolle und richtungsweisende Exponate
Der Roller, ein typisches Kind der Nachkriegsjahre,
stand natürlich in besonderem Maße im Blickpunkt und im Interesse der Öffentlichkeit. Dazu ist es erforderlich, sich ein wenig in die Nachkriegszeit – also etwa in die Jahre 1948 bis 1965, der ersten Hochblüte des Rollers – hineinzudenken. Der Individualverkehr in Österreich kommt auf den teilweise noch kriegszerstörten Straßen nur mühsam in Schwung. Bedingt durch Rohstoffmangel gibt es von den inländischen Herstellern keine Neufahrzeuge, der Import nur ist als „Geschenk“ von ausländischen Verwandten beziehungsweise mit „Eigendevisen“ möglich. Daher kreuchen und fleuchen mühsam zusammengestoppelte Motorräder durchs Land, die mehr oder weniger ramponiert den Krieg überstanden haben. Die meisten Verkehrsteilnehmer fahren Rad. Fahrrad. Und Autos, ja, die sind für Otto Normalverbraucher völlig unerreichbar.

Da kommt aus Italien die Kunde von der Erfindung eines völlig neuen Fahrzeugtyps zu uns: des Motorrollers. Mit einer Karosserie, die vor Straßenschmutz schützt, auf dem man elegant sitzen kann, er kommt auf kleinen Rädern mit fein schnurrendem Motor daher und er hat so gar nichts Aggressives an sich wie das böse Motorrad. Schon 1949 baut die Wiener Karosseriefirma Lohner den ersten Rollerprototyp; 1950 ist der L 98 „Laubfrosch“ (so genannt wegen seiner Einheitsfarbe) oder auch „Kamel“ (wegen seiner Form) am Markt. Es folgen in schneller Reihenfolge die Lohner-Modelle L 98 T, L 200, L 125 und deren verschieden stark motorisierte Varianten. Und all diese schönen Roller kann man um Schilling kaufen. Auch die deutschen Hersteller drängen dann mit der zunehmenden Liberalisierung des Marktes (der Kauf ist nunmehr ohne Eigendevisen möglich) nach Österreich. Vom Achilles-Roller über DKW, Goggo, Heinkel, Maico und NSU bis Zündapp. Die Italiener mit Vespa, Lambretta und Co. sowieso.

1952, mitten im Rollerboom, drückt Puch mit dem R 125 (mit Soziussattel und Tachometer ausgestattet als RL 125) alle an die Wand. Ganz Österreich rollert. Vor allem die Masse jener, die heftig auf ihren Traum vom Auto sparen, es aber nur bis zum Roller schaffen. Darunter auch viele Frauen, die sich mit dem neuen Vehikel den Traum von Emanzipation verwirklichen. Denn zum Rollerfahren ist keine eigene Motorradkluft nötig, ein Staubmantel genügt als Wetterschutz. Und vor allem braucht man sich nicht mit technischer Materie zu belasten, Vor- oder Nach- zündung sind der Rollergemeinde wurscht, ebenso wie das bei den Bikern verhasste „Patschenflicken“ – denn der moderne Roller hat ein Reserverad. Und im übrigen gibt es bereits die ersten Rollermobile,  eine weitere Sprosse auf der Leiter zum richtigen Automobil, weg vom Motorrad.

Schräg am Schotter, Zigarette darf nicht fehlen
Schräg am Schotter,
Zigarette darf nicht fehlen
Wertungsfahrt des MSC Enzian, Kurt Tesar auf Lohner 200 bei Schwarzsee
Wertungsfahrt des MSC Enzian, Kurt
Tesar auf Lohner 200 bei Schwarzsee


Naturgemäß wird die Modeerscheinung von den eingefleischten Motorradfahrern
scheel beäugt. Die neue Community der Rolleristen ist das natürliche Feindbild der Biker. Technische Nackerpatzeln, die eigentlich gar nicht Zweirad fahren wollen, sondern nur zu „neger“ sind, sich ein Auto zu kaufen … Das ist die Zweiradszene in jenen Jahren, als das „Fernsehen für alle“ noch Zukunftstraum ist, das Leben noch live ist und nicht virtuell ausgelebt wird: Man fährt jedes Wochenende ins Grüne, zu einem Fußballmatch oder zu einem Motorradrennen. Das Publikum fährt auch mit dem Roller hin und manche ganz Verwegene fahren damit selbst bei den Rennen mit.

Die Motorradrennszene nach dem Krieg besteht aus Rundstreckenrennen, Wertungsfahrten sowie Sandbahn- und Speedwayrennen, wobei die letzten aufgrund des großen Fahrwiderstands der Bahnoberfläche für Roller mit ihrer geringen Motorleistung und ihren kleinen Rädern nicht in Frage kommen. Auch die richtigen Motorradrennen, die sich zumeist in Provinzstädten „rund um den Kirchturm“ abspielen, sind nicht das Metier der Rolleristen.

Günther Schier und sein Lohner 125 sind eine fixe Größe im österreichischen Rollersport
Günther Schier und sein
Lohner 125 sind eine fixe Größe
im österreichischen Rollersport
Günther Schier ist hier auf dem Weg zu einer Silbermedaille
  Günther Schier ist hier
  auf dem Weg zu einer
  Silbermedaille
Man glaubt fast nicht, dass es hier ein Durchkommen gibt!
   Man glaubt fast nicht,
   dass es hier ein
   Durchkommen gibt!



























Hingegen geigen die Roller bei den Wertungsfahrten in den kleinen Klassen
richtig auf. In den Klassen bis 125 und bis 250 Kubik zeigen die Akrobaten auf ihren Puch- und Lohner-Rollern, was sie drauf haben. Bereits die beiden ersten Lohner-Rollermodelle L 98 und L 98 T werden sportlich eingesetzt, wenn auch vor allem bei Geschicklichkeitsbewerben („Gymkhanas“) und Zuverlässigkeitsfahrten. Mit den Modellen L 125 und L 200 betreten dann die echten Siegertypen die Szene der Wertungsfahrten (heute würde man „Rallyes“ dazu sagen).

Dr. Norbert Mylius, Gründer der RRR Sammlung („Roller, Rollermobile und Raritäten“), erinnert sich: „Einer der bekanntesten Wertungsfahrer war Diplomingenieur Günther Schier, der als Techniker mit den Mitteln der Technischen Hochschule Wien (heute TU Wien) die Motoren seiner Lohner-Wettbewerbsroller richtig schnell machte. Starke Hilfe hatte er in Dr. Heinz Lippitsch, der zu Beginn der Fünfzigerjahre die schnellsten Zweitakter in Österreich baute. Der zweite Lohner-Mann, Erich Bley, hatte Unterstützung von Diplomingenieur Heinz Kriwanek. Lippitsch und Kriwanek starteten in den Sechzigerjahren das Projekt „Gonda“, die schnellste Zweitakt-Rennmaschine in Österreich. Leider endete das Projekt mit einem schweren Sturz Kriwaneks. Erich Bley wurde jedenfalls auf dem Lohner-Roller österreichischer Staatsmeister. Mein Freund und RRR-Mitgründer Erich Schenkel fuhr sehr erfolgreich auf seinem Lohner 200, den er „Bonzo“ nannte. Ich selbst war nur einmal auf Lohner 98 unterwegs, alle anderen Bewerbe fuhr ich auf dem Puch 125 RL. Weitere schnelle Leute waren Gernot Schönleitner (Korneuburg), Gerhard Much (Wien) oder Helmut Maierhofer aus Sigmundsherberg.“

Günther Schier übernimmt bei der Stroheimer Bergwertungsfahrt die Führung
Günther Schier übernimmt bei der Stroheimer
Bergwertungsfahrt die Führung
Sportskameraden: Der benzinlose Lohner-Pilot wird ins Ziel geschleppt
Sportskameraden: Der benzinlose Lohner-Pilot
wird ins Ziel geschleppt

Obwohl nicht für ausgesprochene Geländefahrten gebaut, steckt ein Roller so einiges weg
Obwohl nicht für ausgesprocheneGeländefahrten
gebaut, steckt ein Roller so einiges weg
Hier sehen wir Herrn Steinberger bei der zweiten Bergprüfung der Badner Herbstwertungsfahrt
Hier sehen wir Herrn Steinberger bei der zweiten
Bergprüfung der Badner Herbstwertungsfahrt

Die klassischen Wertungsfahrten enden im Jahr 1973
mit der Nichtgenehmigung der Internationalen Österreichischen Alpenfahrt, kleinere Wertungsfahrten wurden schon vorher von den Behörden abgedreht. Eine Ära geht zu Ende. Die meisten der in diesem Bericht erwähnten Motorroller sind übrigens im Österreichischen Motorradmuseum in Sigmundsherberg ausgestellt!



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