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MOBILBLOG

WARUM UND WIESO – DIE RESTAURATION EINER ALTEN VESPA


Fotos: Archiv Guido Schwarz
 
 

AUS ALT MACH NEU

Was treibt vernünftige Menschen dazu, sich vielen Sorgen, Leid und Kummer auszusetzen, um das verwirkte Leben eines alten Motorrollers zu verlängern?


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Autorbox Schwarz klEine verbeulte Schürze,
Dellen in den Seitenbacken, Rost am Trittbrett, ein kaputtes Rücklicht und verwitterter Lack, der schon als er aufgetragen wurde nicht besonders schön war. Dazu ein verölter Motor und Blinker ohne Funktion. Eine Vespa P 200 aus dem Baujahr 1980, also 33 Jahre alt. Man kann sie in der gleichen Form 2013 als Neufahrzeug kaufen, blitzblank und ohne Rost, mit Garantie und einer guten Scheibenbremse vorne. Weshalb also sollte man eine alte rostige restaurieren, mit viel finanziellem und zeitlichem Aufwand?

Nur Liebhaber tun sich so etwas an. Und hier finden wir auch schon einen ersten Hinweis: Rational ist es verrückt, emotional dafür umso reizvoller. Wir leben in einer Zeit, in der die meisten Gegenstände für die Müllhalde produziert werden, mit möglichst kurzer Gebrauchsexistenz dazwischen, entweder schnell verbraucht oder noch vor dem eigentlichen Verbrauch kaputt. Diese Dinge werden wir in dreißig Jahren nicht restaurieren, weil es sie nicht mehr geben wird. Es würde sich auch nicht auszahlen, denn sie sind vollgestopft mit billig erzeugter Elektronik, für die es schon relativ kurze Zeit später keine Ersatzteile mehr gibt, wenn es überhaupt je welche gibt.

Da gibt es Menschen, die wünschen sich einen Gegentrend. Sie entwickeln eine Liebe zu alten Gegenständen – vielleicht, weil diese eben alt sind und man sich selbst wünscht, auch alt zu werden und jemand zu haben, dem man als alter Mensch noch etwas wert ist. Das Thema Einsamkeit im Alter und Alterspflege ist nicht umsonst ein wichtiges Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Vielleicht ist auch ein wenig Angst vor dem eigenen Alterungsprozess dabei.

Eine Vespa der „Linea Nuova“, also der P-Serie, ist noch nicht wirklich alt. Wenngleich wir uns die Frage stellen dürfen, ob man in drei Jahrzehnten eine GTS 300 auch restaurieren wird. Ich persönlich glaube es nicht. Wo können wir die Grenze ziehen? Wann ungefähr trat der „Sündenfall“ ein, ab dem die Gegenstände von Grund auf anders konstruiert wurden? Die Antwort darauf ist schwer, sogar wenn wir nur als Beispiel die Vespa P-Serie heranziehen. Ihre Blechkarosserie wird auch heute noch in der gleichen Form wie zu ihrem Baubeginn 1977 erzeugt. Die Bleche selbst sind jedoch rostanfälliger und halten somit nicht mehr so lange wie früher. Ein Kotflügel aus dem Jahr 2002 hatte 2005 bereits faustgroße Rostlöcher. Selbst wenn er im Winter Salz und hoher Feuchtigkeit ausgesetzt war, hätte das nicht passieren dürfen.

Ich schätze, die schleichende Veränderung ist in den 1990er-Jahren anzusetzen. Selbstverständlich hat man schon seit Jahrzehnten in den meisten Industriezweigen kapiert, dass man nicht für die Ewigkeit baut, aber eine Vespa der 1950er-Jahre hatte dickeres Blech, und es gibt Exemplare, die noch 50 Jahre nach ihrer Entstehung keinen nennenswerten Rost haben.

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Welche Motive gibt es noch für eine Restauration? Sicherlich spielt auch die eigene Lust an der Arbeit eine Rolle, denn sonst würde man nicht hunderte Arbeitsstunden investieren, die man im Falle eines Verkaufs nie und nimmer verrechnen kann. Es ist die Lust, etwas Kaputtes wieder instand zu setzen, sodass es wieder funktioniert. Solche Fahrzeuge werden dann selten im Alltag gefahren, aber die meisten Liebhaber achten sehr wohl darauf, dass sie jederzeit einsatzbereit sind und führen sie auch stolz zu Treffen mit Gleichgesinnten aus oder zu Oldtimerrennen wie dem Seiberer Bergpreis, der jedes Jahr Ende April in Weißenkirchen in der Wachau stattfindet.

Die intensive Beschäftigung mit einem wertvollen Gegenstand, der von seinen Vorbesitzern nicht gut gepflegt wurde, ist ein Anreiz, sich so ein Projekt anzutun, bei dem man stets einige Enttäuschungen und Rückschläge verkraften muss. Ein bisschen ist es wie die Aufzucht von Kindern – manchmal mühsam, aber irgendwie immer lohnend. Die Wiederauferstehung in neuem Glanz setzt einen Kontrapunkt zur Lieblosigkeit der Vorbesitzer. Für die das Fahrzeug eben nur ein Fahrzeug war, ein Ge- und Verbrauchsgegenstand. Einen Oldtimerliebhaber erkennt man am schmerzverzerrten Gesichtsausdruck, wenn er beobachten muss, wie eine VNB Baujahr 1961 einen ganzen Winter lang auf der Straße steht.

Und dann die Freude am Ergebnis. Geschafft! Sie sieht toll aus und fährt gut. Seht her, was ich geleistet habe! Der Stolz auf ein gelungenes Projekt, die wohlverdiente Erschöpfung in Kombination mit dem Gedanken, dass man sich so eine Sache sicher nicht wieder antun wird, all das wirkt wie eine Droge, die sogar abhängig machen kann. Der laute Schrei der Ehefrau oder Freundin, wenn schon wieder ein Rosthaufen vor der Türe steht und sie genau weiß, dass der Mann ihr wieder für einen langen Winter immer wieder untreu sein wird, auf leisen Sohlen in den Keller schleichend, um dort seiner wahren Liebe, seiner Leidenschaft, zu frönen.

Liebe Oldtimerfans, werte Restauratoren, bitte übertreibt es nicht und dehnt die Projekte so aus, dass ihr dazwischen für die letztlich wichtigeren Dinge im Leben auch noch genügend Zeit findet! Dann finden euch die Mitmenschen genauso liebenswert wie ihr die alten Roller …



VESPA – GESCHICHTEN VON WIEN BIS ROM

Buch
Das zweite Vespa-Buch von „motomobil“-Autor Guido Schwarz ist das Nachfolgewerk von „Vespa – was für ein Leben!“ Es enthält neue Geschichten und philosophische Analysen zum Mythos Vespa, genauso humorvoll, provokant und vielleicht noch tiefer gehend. Der Autor machte sich im Sommer 2012 mit seiner 39 Jahre alten Vespa Sprint auf die Fahrt von Wien nach Rom. Es wurde eine Abenteuerreise, die ihresgleichen sucht.

„Vespa – Geschichten von Wien bis Rom“ (Format A5, ca. 200 Seiten, ISBN 9783200028746) ist um 15 Euro bei Scooter-Shops erhältlich, im sortierten Buchhandel, bei Amazon, in den Bestseller-Shops (im Ekazent Hietzing und in der Millennium City, online über www.motorbox.at) sowie im Direktvertrieb des Autors über die Webseite www.guidoschwarz.at/vespabuch-2



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