Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner

MOBILBLOG

IN MEMORIAM ALBERT KUDLICKA (13. 7. 1931 – 10. 12. 2012)


Text: Guido Schwarz
Fotos: Archiv Guido Schwarz

WER WAR A. K.?

Der Herr Kudlicka ist nicht mehr. Für die Fans von Klassik-Vespas beginnt eine neue Zeitrechnung



002_Nachruf_Kudlicka_P_kl

Autorbox_Schwarz_klAlbert Kudlicka war ein Mann der Widersprüche. Das zeigt sich schon allein in seiner Herkunft, er war quasi halber Österreicher und halber Kroate. Und auch das stimmt nicht, denn er war ganzer Österreicher und ganzer Kroate, und wer darin einen Widerspruch sieht, hat schon was über den Herrn Kudlicka gelernt.

Er war grantig und fröhlich zugleich, hantig und freundlich, oft ganz kurz hintereinander. Er war sehr genau und dann wieder ein wenig schlampig. Er verkaufte fantastische Teile und auch welche, die man besser nicht in seinen Roller einbaute. Er war eher klein von Statur und doch auch ein großer Mann, denn er konnte Größe zeigen, etwa in Form von Großzügigkeit, aber auch in bestimmten Momenten das Gegenteil. So war er nun einmal und wer mit ihm zurecht kommen wollte, musste das akzeptieren. Dann war es plötzlich ganz leicht, und ich lernte, ihn so zu schätzen.

Ein Widerspruch sticht noch heraus und darf hier nicht unerwähnt bleiben: Albert Kudlicka war ein Mensch zwischen Vergangenheit und Zukunft. Da befindet sich zwar bekanntlich die Gegenwart, aber so einfach ist die Sache nicht. Er baute aus dem Widerspruch eine Brücke, denn er konnte uns zeigen, wie man das Gute aus der Vergangenheit für die Zukunft verwenden kann. Er zeigte uns eine Welt, in der Qualität noch eine Rolle spielte, in der man Dinge noch reparierte, wenn sie kaputt gingen, und nicht einfach wegwarf, so wie man es heute zunehmend mehr mit den Dingen tut. Fast alles ist heute irreparabel, wenn es nicht mehr funktioniert, und der Handel freut sich stets darauf, einem etwas Neues verkaufen zu können.

Der Kudlicka in der Österleingasse in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus war ein Fels in der Brandung. Von ihm konnten wir lernen, dass alte Dinge einen Wert haben können und dass es sich lohnen kann, sie zu reparieren. Das schlägt auch eine Brücke zu unserem eigenen Mensch-sein, denn was ist ein Mensch, der sich rundherum nur mit Wegwerfdingen umgibt, also mit Müll? Irgendwann vielleicht selbst Müll, auch wenn wir das nicht so wollten. Wer sich dagegen mit Dingen umgibt, bei denen es sich lohnt, sorgsam damit umzugehen, bekommt als Mensch im Mittelpunkt dieser Dinge selbst einen neuen Wert, der eigentlich ein alter Wert ist. Und das ist gut so.

Veraltet oder modern? Immer wieder bekam man zu hören, dass das Geschäft in der Österleingasse aussieht wie schon seit dreißig Jahren. Und das stimmt auch, es wurde nichts oder fast nichts renoviert oder umgestaltet. Wozu auch? Es erfüllt bis heute seinen Zweck und leistet genau das, wofür es gestaltet wurde, irgendwann vor 35 Jahren oder noch mehr.

„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mir der Zeit“ – solche oder ähnliche Sprüche hört man heute an jeder Ecke. Innovation ist gefragt, ständige Weiterentwicklung, nur ja nicht stehen bleiben: „Wer stehen bleibt, verliert“ – noch so ein dummer Spruch.

007_Nachruf_Kudlicka-pola_kl006_Nachruf_Kudlicka-pola_kl





























Der „Kura“ hat eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen.
Er hat sein Warenangebot nur leicht verändert und damit genau ins Schwarze getroffen. Seine Kunden wollen Qualität wo irgend möglich. Sie wollen im Idealfall Originalteile und keine Nachbauten. Sie haben Freudentränen in den Augen, wenn sie ein NOS-Teil bekommen (für alle Nicht-Eingeweihten: NOS steht für „New Old Stock“, also für Ersatzteile, die irgendwann einmal irgendwo in ein Lager gelegt und dann vergessen wurden. Sie sind neu, weil unbenützt, und doch alt, weil aus einem alten Lagerbestand. Meistens sind sie von erheblich besserer Qualität als neue Teile, Gummi ist da natürlich im Normalfall ausgenommen).

In vielen meiner Texte habe ich gehofft, dass der Kudlicka noch lange leben wird. Immerhin, es sind 81 Jahre geworden und er ist bis zum Frühjahr 2012 im Geschäft gestanden und hat gearbeitet. Und er hat gekämpft, gegen den Krebs etwa, der ihn schon seit langer Zeit holen wollte. Ich habe ihn ein paar Tage vor seinem Tod noch besucht, in einem neuen Pavillon, auf dessen Vorderseite groß „Palliativ“ geschrieben steht. Er war hellwach und gab mir eine Videokamera, damit ich mir sein Haus in Kroatien ansehen konnte. Ein Rundgang durch ein mit Liebe und Leidenschaft gebautes Anwesen, an einem der schönsten Plätze in der Kvarner Bucht, mit direktem Blick aufs Meer. Das war die eigentliche Heimat unseres Herrn Kudlicka.
Dann erzählte er mir ein paar wundersame Geschichten über seine Jugend, seine vielfältigen und spannenden Berufe, Jobs, Tätigkeiten – wie auch immer man sie beschreiben will. Hin und wieder machte er eine Pause und überlegte danach, wo er stehen geblieben war.

Er war freundlich und sanft und wusste, dass er diesen Ort bald für immer verlassen wird. Natürlich war er auch kämpferisch und ließ sich aus Protest von seinem Mechaniker einen Topf Gulaschsuppe vorbeibringen („eine echte nach kroatischem Rezept“). Es war ihm vollkommen egal, dass die Ärztin meinte, er solle langsam essen. Er wäre nicht der alte Kudlicka gewesen, hätte er nicht seinen Sturschädel durchgesetzt. Und doch spürte er wahrscheinlich schon den Hauch des Todes, der ihn zu sich rief, wahrscheinlich auf Kroatisch, vielleicht ein wenig auf Italienisch. Sein Blick war mild und das Leben kämpfte gegen die Gewissheit, wie immer mit dem stumpfen Schwert der Hoffnung.

Es wird eine Weile dauern, aber dann werden wir spüren, wie er uns fehlt. Er war bis zu seinem Tod sehr lebendig, und die Vespa-Szene in Wien ist ab jetzt eine andere.


WAS FÜR EIN LEBEN!
Was für ein Leben!
Keine Reparaturanleitung und keine Modellchronik.
Guido Schwarz beschreibt die Menschen mit ihrer Liebe und ihrer Leidenschaft zur Vespa. Die Analyse geht bis in psychoanalytische Aspekte, aufgelockert durch Geschichten aus dem Leben eines passionierten Vespa-Fahrers.

„Was für ein Leben!“ (Format A5, ca. 200 Seiten, ISBN 9783200022676) ist um 15 Euro bei Scooter-Shops erhältlich, im sortierten Buchhandel, bei Amazon, in den Bestseller-Shops (im Ekazent Hietzing und in der Millennium City, online über www.motorbox.at) sowie im Direktvertrieb des Autors über die Webseite www.guidoschwarz.at




Diesen Bericht als E-Paper downloaden pdf



FINDE ICH GUT
Facebook! Mister-Wong! Twitter! Del.icio.us! StumbleUpon! Netscape! Google! Furl! Yahoo! Diigo! Technorati! Smarking! Netvouz! MySpace! Live! Joomla Free PHP