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MOBILBLOG

DIE ROLLERSZENE IN DEN 1980er-JAHREN


Text: Guido Schwarz
Fotos: Archiv Guido Schwarz

WHEN WE WERE YOUNG

Aus einer Zeit, in der es noch keine Digitalfotografie gab, sind uns meist kleinformatige Bilder erhalten, leicht verblichen und von mäßiger Qualität. Die Motive darauf zeigen jedoch eine bunte Welt und lösen starke Gefühle aus …


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Autorbox_Schwarz_klFahrtwind ohne Helm,
mit Espandrillos und in Jeansjacken – die Zeit wirkt freier als die scheinbar enge Gegenwart. Ersatzteile sind billig und die Polizei kennt sich aus mit frisierten Mopeds. Die Automatikroller sind noch nicht erfunden – beziehungsweise sind sie klobige Monster. Also fährt man die alten Vespas. Die im 21. Jahrhundert als Oldtimer geltende Vespa PX ist brandneu, und noch neuer die PK.

Wer in der Mod-Szene etwas auf sich hält, fährt eine 50 S oder eine Spezial. Stufenbänke – heute ein nur mehr selten gepfiffenes Foul – sind an der Tagesordnung und man fährt auch auf einer Smallframe zu zweit, manchmal sogar mit Gepäck. Das ist mörderisch unbequem – aber erstens waren wir Teenager und hatten andere Prioritäten als Bequemlichkeit – und zweitens gab es meist keine Alternative.

Die Schattenseiten der Zeit dürfen nicht unerwähnt bleiben. Es gibt noch keine strengen Alkoholkontrollen und die Schutzausrüstung ist mehr oder weniger den Fahrern schwerer Motorräder vorbehalten. Entsprechend schlimm fallen die Unfälle aus, viele aus der Szene haben unverschämtes Glück und kommen mit leichten Blessuren oder dem Schrecken davon.

Die Zeit wirkt aus heutiger Sicht naiv, fast kindlich, bunt und relativ unbeschwert. Die heutigen Mittvierziger kämpften mit Schularbeiten und groben Lehrherren. Heute kämpfen sie mit Scheidungsanwälten (soferne sie nicht selbst welche sind) und der Eurokrise. Damals wurde eine defekte Vespa einfach in den Kofferraum eines alten Peugeots geladen, heute ruft man per Smartphone einen Freund mit einem VW Multivan.

Rollertreffen finden auf einem Fußballplatz statt und es gibt ein paar Fahnen, die man auf den Roller schnallt. Heute wird mit Aufwand ein Event organisiert und man braucht ein eigenes Management, Security und einen Haufen Genehmigungen. Damals stellten wir drei Zapfhähne auf, die wir uns von einer Brauerei ausborgten und kühlten mit Trockeneis aus den Wiener Eisfabriken. Heute glauben wir eine Cateringfirma zu brauchen und haben den dumpfen Verdacht, dass das Bier auch nicht besser schmeckt als damals.

Heute brauchen wir ein Rahmenprogramm und eine Choreografie. In den 80ern gab es eine Musikanlage und zwei Bananenkisten mit Schallplatten. Ich frage mich manchmal, was uns damals fehlte von dem, was wir heute haben. Eine sinnvolle Antwort, die über das „gar nichts“ hinausreicht, habe ich noch nicht gefunden. Ist es übertrieben zu sagen, dass wir einfach „uns“ hatten? Und vielleicht nicht mehr brauchten, weil wir nicht wussten, dass es mehr überhaupt geben könnte?

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Eine Zeit ohne Mobiltelefon
und ohne Internet. Es fehlte nicht, weil wir es nicht kannten. Wie zum Teufel konnten wir uns damals verabreden und treffen? Es funktionierte, soviel ist klar. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es teilweise sogar besser klappte, etwa weil Gäste, die bei einer Party zugesagt hatten, meist auch wirklich kamen. Jeder der Nichterschienenen brauchte am nächsten Tag eine wirklich gute Erklärung. Die Jugendlichen von damals entscheiden sich heute spontan am Abend, welches der fünf Events sie tatsächlich besuchen wollen. Absagen gibt es gar nicht mehr und auch Zusagen geraten zusehends aus der Mode.
Der Mensch neigt dazu die Vergangenheit zu verklären und die Gegenwart nicht zu reflektieren. Und doch ist es in einer Welt, die weniger komplex ist – oder zumindest so erscheint –, wesentlich leichter, sich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren. Es gibt einfach nicht so viel Ablenkung. Eine Vespa in zuckerlrosa störte niemanden, denn die eigene war himmelblau. Heute? Perfekt restaurierte Oldtimer, die aussehen wie Neufahrzeuge und eine Lawine kosten. Sie sind zu schade und zu wertvoll, um sie im Straßenverkehr zu bewegen.

Wie wird man in dreißig Jahren die Rollerszene anno 2013 beurteilen? Damals, als es noch viel Benzin gab und wir Abgase in die Luft jagten? Als Elektromobile noch eine lächerliche Reichweite von 100 Kilometern hatten und wir überall Parkplätze bauten, entweder um den Individualverkehr zu fördern oder um Geld zu kassieren? Manchmal tut ein Blick in die Vergangenheit gut und lässt uns ein wenig bescheidener durch die Gegenwart rollern.


WAS FÜR EIN LEBEN!

Was für ein Leben!
Keine Reparaturanleitung und keine Modellchronik.
Guido Schwarz beschreibt die Menschen mit ihrer Liebe und ihrer Leidenschaft zur Vespa. Die Analyse geht bis in psychoanalytische Aspekte, aufgelockert durch Geschichten aus dem Leben eines passionierten Vespa-Fahrers.

„Was für ein Leben!“ (Format A5, ca. 200 Seiten, ISBN 9783200022676) ist um 15 Euro bei Scooter-Shops erhältlich, im sortierten Buchhandel, bei Amazon, in den Bestseller-Shops (im SCS Multiplex, im Ekazent Hietzing und in der Millennium City, online über www.motorbox.at) sowie im Direktvertrieb des Autors über die Webseite www.guidoschwarz.at




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FINDE ICH GUT
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