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LESEGESCHICHTE, FOLGE 9

EINE AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTER


Text: Andreas Amoser
Illustrationen: Oskar Kubinecz

ENTLADESPANNUNG

In seinen Bemühungen, der Stadtverwaltung von Los Angeles umweltfreundliche Roller zu verkaufen, wird Raman Burman Suleiman bis zum Äußersten gefordert



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amoser_blau„Auch der beste Verkäufer darf den Weg des Propheten
– Friede sei mit ihm! – niemals verlassen”, murmelt Suleiman mit verkniffenem Gesicht und recht belegter Stimme im feudalen Empfangsraum eines namhaften Versicherungsunternehmens am teuersten Stück des Wilshire Boulevards. Unter normalen Umständen kennt Suleiman keine Scheu vor einflussreichen und exzentrischen Kunden. Im Gegenteil. Je elitärer, umso hypnotischer wird der Pakistani mit den glühenden Augen. Hier, im Empfangsraum der Versicherung, liegen die Dinge allerdings etwas anders.

Fast könnte man von einem Trauma sprechen, das der „Zornige Burgman“ in seiner ersten Begegnung mit der Chefin des Unternehmens erlitten hatte. Immerhin hatte sie ihn im Cafehaus von Half-A-Hybrid mit ihrer überschweren Handtasche hergewatscht wie einen Tanzbären. Eine Schmach, die man als überzeugter Patriarch nicht so leicht vergessen kann. Dank ihrer Beziehungen in der Engelsstadt verkaufte Half-A-Hybrid tausende subventionierte E-Roller. Wie Suleiman aber in seinen vergangenen Monaten als Chefverkäufer bei Half-A-Hybrid Schritt um Schritt herausfand, ließ sich die Dame ihre Bemühungen mit ebensolchen einer ganzen Reihe von Herren im Umfeld von Half-A-Hybrid abgelten. In loser Reihenfolge mussten Geschäftsführer Bakshish, Jasminder, der Wissenschaftskollege von Ramjeet und Ramjeet selbst bei Gwendolyn vorsprechen. Zudem verdichten sich die Gerüchte, dass den häufigen Krankenständen von Scott, dem Chefmechaniker, turbulente Nächte mit Gwendolyn vorausgingen.

bild_3Während Suleiman immer tiefer im opulenten Sofa des Empfangsraumes versinkt, gewinnen seine inneren Gebete an Intensität: „Oh Mikaal, du Fürst über alle Naturereignisse, gib mir die Kraft, dieses von allen sieben Fürsten der Dschinn besessene Flintenweib zu überwinden!”

Er erstarrt, als er eine Hand spürt, die von hinten durch seine Haare fährt. Die offenbar an Schlimmeres gewöhnte Rezeptionistin blickt nicht einmal auf, als Gwendolyn in nur leicht verminderter Lautstärke in Suleimans Ohr flötet: „Burrrrmy, wie kann ich dich heute zähmen, mein feuriger Araberhengst?“ Suleiman wird schlagartig bewusst, dass die Situation noch viel beängstigender ist als in seinen dunkelsten Erwartungen. Er versucht, eine leutselige Unterhaltung in Gang zu bringen: „Ich bin gar kein feuriger Araber, eher ein abgebrannter Pakistani aus Lahore!“ Gwendolyns Hände haben sich mittlerweile ihrer Beute bemächtigt und sie murmelt etwas abgelenkt: „Aber Burrrrmy, das spielt doch überhaupt keine Rolle.“

Bei der am selben Nachmittag stattfindenden Besprechung im Büro von Firmenchef Bulwinder Khatter will kein rechter Ernst aufkommen. Der üblicherweise recht grantige Bakshish schüttelt immer wieder den Kopf und versucht vergeblich, ganze Sätze ohne Heiterkeitsausbrüche zu formulieren. Die Besprechung bricht in sich zusammen, als sich Bulwinder nach dem Verbleib von Suleiman erkundigt. Ramjeet stützt sein Gesicht lachend in die Hände, Bakshish schafft es noch, eine Weisheit von Guru Grant Sahib zu stammeln: „Von der Frau erfahren wir Freundschaft, durch die Frau setzt sich der Gang der Welt fort!“

bild_5Umgeben von Blitzen und dunklen Gewitterwolken erscheint Suleiman am nächsten Tag im Geschäft. Bakshish brennt vor Neugierde, wagt es aber nicht, nach dem Fortgang der Dinge zu fragen. Nach etlichen tiefsinnigen Runden zwischen Verkaufsraum, Cafehaus und Werkstatt schüttet ihm Suleiman sein Herz aus: „Auch der Prophet – Friede sei mit ihm! – hat mit den Schatten des Umur-al-Dunja gerungen und er sprach, dass jedem Mitglied seiner Ummah vergeben würde, außer jenen, die ihre Sünden öffentlich machen.“ Was ungefähr so viel heißen soll, dass Suleiman gar Furchtbares widerfahren ist, er aber unter keinen Umständen darüber reden will …

Bakshish verfügt über recht detaillierte Erfahrungen bezüglich der privaten Umgangsformen Gwendolyns. Ihre Vorliebe für dominante Rollenspiele ebenso wie ihre sehr gehaltvolle Ausdrucksweise und ihr schier unerschöpflicher Vorrat an kreativen Designlösungen mit Elektroantrieb gewähren gottverbundenen Menschen recht ambivalente Einblicke in die Abgründe des ewigen Feuers. Jasminder meinte irgendwann nach einer recht durchwachsenen Nacht, dass es wohl an der Zeit wäre, den Antrieb der summenden Mitspieler mit erneuerbarer Energie anzudenken, kosten doch die kleinen Batteriezellen ein Vermögen. Ob Suleiman ähnliche Betrachtungen anstellte, ist zu bezweifeln. Er torkelt allem Anschein nach irgendwo auf der Skala zwischen Schock und Trauma.

bild_1Bakshish stellt die entscheidende Frage: „Wie steht's mit der Stadtverwaltung?“ Suleiman starrt ihn mit riesigen Fischaugen wortlos an. Dann berichtet er im Flüsterton: „Der Präsident des City Councils sowie zwei der 15 Stadträte stehen unseren Anliegen grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Weil die Stadt Los Angeles aber bankrott bis in die Knochen ist und keine Reservefunds zur Verfügung stehen, wird die Sache in drei Monaten in den Budgetvorschlag des Bürgermeisters einfließen.“ Bakshish wundert sich, warum Suleiman gegen Ende immer schneller und lauter spricht. Dieses Ergebnis liegt über allen Erwartungen, ein Grund zum Feiern. Unvermittelt packt ihn der jetzt sehr wirr dreinschauende Suleiman am Hemd und brüllt aus nächster Nähe auf Bakshish ein: „Drei Monate, noch drei Monate, wie soll ich das bewältigen?“ Etwas später sieht man Suleiman in inbrünstiger Rezitation von Koranversen auf- und abgehen: „Oh meine Diener, die ihr euch gegen eure eigenen Seelen vergangen habt, verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit; denn Allah vergibt alle Sünden; er ist der Allverzeihende, der Barmherzige.“

Wenige Tage vor der – bisher recht verlustreichen – Attacke Suleimans auf die Stadtverwaltung in LA studiert der Präsident von Suzuki America, Herr Maruyama, sorgfältig die Tageszeitungen. Der Artikel über den Feststoffgenerator-Antrieb des „Bundeslade-Rollers“ von Half-A-Hybrid (Anm.: siehe „motomobil“-Folge 007 oder www.motomobil.at) lässt ihn die Augenbrauen hochziehen. Maruyama bedauert zutiefst, dass die Chefitäten im fernen Hamamatsu den Suzuki Burgman mit Hydrogenzelle in den USA wegen möglicher Produkthaftungsklagen nicht anbieten wollen. Gerade jetzt, wo die europaweite Zulassung dieses Fahrzeuges durch die Medien geht. Nach kurzem Nachdenken ruft er seinen Motorrad-Händlerbetreuer, Herrn Honda, zu sich ins Büro. Wie gewohnt fasst sich Maruyama militärisch kurz – was er denn von Half-A-Hybrid und deren Produkten halte und warum dort keine Suzuki-Produkte verkauft werden und wie lange es dauern kann, bis ein entsprechender Bericht auf seinem Schreibtisch läge.

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Zehn Minuten später stürzt ein atemloser Honda-San
zu seinem Suzuki Kizashi und nimmt Kurs auf Calabasas, wo ein verstörter Suleiman mit dem Koran in der Hand im Kreise läuft. Nach recht handfesten Erfahrungen mit so manchem Suzuki-Motorradhändler in Kalifornien überlegt sich Herr Honda, wie er am besten vorgehen könnte. Er wird nicht gleich zur Geschäftsführung laufen, er wird vielmehr zuerst die Produkte und das Umfeld studieren und mit Verkäufern und – wenn möglich – mit Technikern reden. In der traditionellen Motorrad- und Rollerszene nimmt man Half-A-Hybrid wie das Schloss im Disneyland wahr. Eingeschworene Benzinschnüffler halten den ganzen elektrischen Umweltzauber für nur eingeschränkt funktionsfähig und jedenfalls überteuert.

Mit beiden Händen in den Hosentaschen schlendert Honda-San durch den Verkaufsraum von Half-A-Hybrid. Die schiere Größe der Halle und die große Zahl der Besucher erinnert ihn mehr an einen Bahnhof als einen Rollerhandel. Als Fachmann bemerkt er jedoch sehr schnell die Preisdifferenz zwischen den sehr teuren Alternativenergiefahrzeugen und den im Konkurrenzvergleich billig angebotenen Benzinmodellen. „Keine schlechte Idee“, denkt sich Honda-San, „dieser Umwelt-Hi-tech-Rummel scheint den Absatz der Normalware zu beleben!“ Genau in diesem Moment erreicht er den einsitzigen Bundeslade-Rollers mit Feststoffgenerator. Honda-San vertieft sich staunend in die technische Beschreibung. Die Möglichkeit der Stromeinspeisung in den Haushalt verursacht wiederholtes, ungläubiges Kopfschütteln ebenso wie die Designänderungen am Heck zur Aufnahme des Generators. Fasziniert beugt sich Honda-San weit nach unten, um die Hinterradaufhängung des ursprünglichen Burgman zu inspizieren. In diesem Moment ertönt hinter ihm eine schnarrende Stimme: „Was tut er hier, dieser aus rauchlosem Feuer erschaffene Schaitan. Will er herumspionieren?“ Bevor sich Honda-San über den Sinn des wirren Wortschwalls im klaren ist, wird er von starker Hand gepackt, hochgezogen und herumgedreht. Sein spitzer Aufschrei hallt durch den Verkaufsraum: „Burman Suleiman!“

bild_7Schon einmal waren sich die beiden in recht spannungsgeladener Atmosphäre begegnet: Als Suleiman vor Jahren seinen damaligen Suzuki-Motorradhandel „Suzuki Suleiman“ nennen wollte, wurde Honda-San geschickt, um ihm diesen Namen auszureden, weil man befürchtete, dass sich islamische Namen eher negativ auf den Geschäftsverlauf auswirken könnten. Dieses häretische Ansinnen brachte Suleiman so in Rage, dass er den armen Honda-San im Zuge des folgenden Watschenbaums von Designerbrille und Bluetooth befreite. Obwohl die Aktion durch Herrn Maruyama hausintern als großer diplomatischer Erfolg gefeiert wurde, pfiffen die Spatzen den tatsächlichen Hergang von den Dächern. Der Respekt der Suzuki-America-Belegschaft vor Suleiman stieg noch weiter an, als dieser den Konferenzraum in Kleinholz verwandelte und von zwei Wachorganen aus dem Haus befördert werden musste.

Während ihn der Zornige schüttelt, nimmt der geschockte Honda-San in weiser Voraussicht Brille und Bluetooth ab. Er kann sich nicht erklären, wieso jetzt der wahnsinnige Suleiman plötzlich bei Half-A-Hybrid auftaucht. Aber das ist jetzt sowieso belanglos. Es geht eigentlich nur ums nackte Überleben. Unter den erstaunten Augen der Umstehenden bezichtigt Suleiman Honda-San der Spionage, Sabotage und Gotteslästerung, während dieser in seiner Not das Wort „Kaufinteresse“ herauswürgt. Suleiman gerät dadurch vollkommen außer Rand und Band: „Kaufen willst du, gelber Djinn, schau dich um – für dich kostet es nur 20 Prozent mehr, weil du ein Freund des Hauses bist!“ Honda-San hat den Wortschwall Suleimans wieder nicht verstanden und ruft in seiner Angst nur verzweifelt: „Ja, ja, ja!“ Einige Minuten danach unterzeichnet er unter den glühenden Augen Suleimans einen Kaufvertrag für einen Bundeslade-Burgman. Anzahlung mit persönlicher Kreditkarte.

bild_4Wieder zurück im Hauptquartier in Brea ringt Honda-San im Büro des Chefs um Worte: „Herr Maruyama, ich dachte, es wäre vorteilhaft aus technischer und auch aus geschäftspolitischer Sicht, einen der Technologieträger von Half-A-Hybrid zu erstehen. In meinem Namen für Suzuki America.“ Herr Maruyama sieht ihn durchdringend an: „In Ihrem Namen? War das ein Bestechungsversuch?“ Wieder bemüht sich Honda-San wortreich, die Sache einigermaßen einleuchtend darzulegen: „Nein, nein, nein, Herr Maruyama, aber ich dachte, es wäre unverbindlicher, nicht offiziell für Suzuki America zu kaufen.“ „Welche Konditionen haben Sie denn bekommen?“ Honda-San steht der Schweiß auf der Stirne: „Nur 20 Prozent Aufpreis – wegen der überwältigenden Nachfrage.“

Wenige Tage später sitzt Herr Maruyama im Büro von Bulwinder und man wird sich sehr schnell handelseinig: Half-A-Hybrid wird das Suzuki-Rollerprogramm samt Brennstoffzellen-Burgman als Half-A-Hybrid-Import vertreiben. Zu Bulwinders höflicher Frage bezüglich der Annullierung des Kaufvertrages mit Honda-San winkt Herr Maruyama lachend ab: „Etwas mehr Rollererfahrung kann für Herrn Honda durchaus nützlich sein.“ Im Wirtschaftsteil der LA-Times erscheint ein Foto von Suleiman vor Bundeslade-Roller, 650 Executive Burgman und dem Brennstoffzellen-Burgman mit der Überschrift: „Zorniger Burgman belebt Absatz von Burgmännern!“



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