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LESEGESCHICHTE, FOLGE 8

AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTER

Text: Andreas Amoser
Illustrationen: Oskar Kubinecz

NETZWERKE

Raman Burman Suleiman, Verkaufsgenie und Hansdampf in allen Gassen, sorgt in und um den E-Rollerhandel Half-A-Hybrid für Hochspannung



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AmoserBakshish Khatter, der harte Mann fürs Tagesgeschäft und unermüdliche Wächter der Tageskasse, hängt wie ein nasses Handtuch über dem Schreibtisch von Firmenchef Bulwinder Khatter. „Gestern hat er einer Kette chinesischer Billigläden einen Container nicht verkehrszugelassener Mumbai-Halbschalen angedreht – als Kopfschutz bei Regen und starkem Wind!” Bulwinder blickt sinnierend aus dem Fenster: „Die Idee mit dem aufgeklebten Klettverschluss und den mitgelieferten Schulterplanen ist bemerkenswert. Damit werden die Chinesen aussehen wie die Kreuzritter vor Jerusalem.“

Vor wenigen Monaten erschien der mit seinem eigenen Laden gescheiterte Zweiradhändler Raman Burman Suleiman (wegen seines unberechenbaren Temperaments und seines Suzuki-Burgman-Rollers in der in der Branche besser als „Zorniger Burgman“ bekannt) bei Half-A-Hybrid zu einem submissen Vorstellungsgespräch. Obwohl es in der Vergangenheit harte Bandagen zwischen den Konkurrenten gab, zögerten Bulwinder und Bakshish keine Sekunde, den geborenen Verkäufer Suleiman anzustellen. Anfangs noch etwas unsicher im Schatten von Bakshish, entwickelt sich Suleiman alsbald zum energetischen Epizentrum des Geschäftes.

In stürmischer Belagerung des Ladot, des Los Angeles Department of Transportation, schafft es Suleiman, eine Bewilligung für den Testeinsatz einiger der auf dem MP3
lg_7 basierenden Sol-Hybridroller für die Parkraum-kontrolle entlang von Wilshire- und Crenshaw-Boulevard zu ergattern. Wegen der hohen Verkehrsdichte werden diese Straßen von eigens zugeteiltem Personal überwacht, wobei die Hauptaufgabe weniger im Austeilen von Anzeigen als im möglichst schnellen Beseitigen von Verkehrshindernissen liegt. Die von der Stadtverwaltung recht ehrgeizig als „Tiger-Teams“ vorgestellten Streifen sollen sich also möglichst flüssig im Stau bewegen, um den Einsatz von bereitstehenden Abschleppwagen organisieren und koordinieren zu können.

Mit den bisher eingesetzten Dreiradlern namens „Interceptor III“ in Smart-Breite war es mit der Flüssigkeit in der Hauptverkehrszeit nicht weit her. Der Einsatz von Rollern bietet sich als logische Alternative an, wobei die Gilera-Version des MP3 in mattschwarz-weißer Lackierung mit Einsatzleuchten und dem Stehmechanismus auch die geforderte Autorität vermittelt. Im Sitzbank-Stauraum und dem mit einem gelben Drehlicht geschmückten Topcase lassen sich zudem genügend Strafmandate für mehrere Schichten und natürlich die übliche Einsatzausrüstung problemlos mitführen. Die Tiger-Teams brauchen die schweren Reifenklammern für sündige Parker nicht – entlang von Wilshire und Crenshaw wird sofort abgeschleppt.

lg_5Im Grunde ein klarer Fall, wären da nicht gewisse Interessenslagen, die den von Westward Industries gelieferten Interceptor entscheidend bevorzugen. Wie Suleiman sehr schnell von den dem Propheten nahestehenden Kreisen in der Stadtverwaltung erfährt, schmiert Westward die Entscheidungsträger und verrechnet für die 61-PS-Klapperkisten astronomische Preise. Und weil es einfacher und billiger ist, die gesamte Interceptor-Serie ident auszurüsten, werden die Dreiradler mit Alaska-Standheizung angeliefert und der stets unterkühlten Stadt Los Angeles eigens in Rechnung gestellt. Suleiman erfährt auch, dass er mit einer Anlieferung von Freifahrzeugen sehr vorsichtig sein muss: Toyota hatte der Stadt in gutem Glauben und Hoffnung auf einen Vertrag mehrere Prius zur Verfügung gestellt. Die Fahrzeuge wurden dankend angenommen, der Vertrag kam bis jetzt leider nicht zustande.

In der Folge glühen die Beziehungsdrähte innerhalb der Stadtverwaltung. Suleimans Belagerung verlegt sich von der Stadtverwaltung auf die lokalen Medien, um die grüne Keule ins Spiel zu bringen – gegen den Sol-Roller ist der Benzinantrieb des Interceptor ein steinzeitliches, umweltbelastendes Relikt. Mit Geld und guten Worten trommelt Suleiman eine Hundertschaft Demonstranten zusammen und nimmt vor dem Lokalderby der Los Angeles Lakers gegen die Clippers vor dem Staples Stadium in Downtown Los Angeles Aufstellung. Die seltsame Mischung aus bezahlten Muslim-Brüdern und freiwilligen Ökos mit Tafeln, Spruchbändern und dem sinnigen Spruch „Turn green, LA machine!“ erregt die Aufmerksamkeit einer Radiostation und der Stein kommt ins Rollen: In Radio und Zeitungen wird die Frage diskutiert, ob es Sinn machen würde, im städtischen Verkehrschaos viel mehr einspurige Dienstfahrzeuge einzusetzen.

Dies gefällt wiederum der Gewerkschaft SEIU Southern California Public Service Workers, die um ihren Einfluss und das Taschengeld bei Auftragsvergaben fürchtet, ganz und gar nicht. Brian Hollenbaugh, Gewerkschafts-Leitwolf und Gerüchten zufolge korruptionsaffin, grantelt in einem Interview, dass einspurige Fahrzeuge für die im öffentlichen Dienst zahlreich vertretenen Minoritäten zu unsicher und zu schwer zu manövrieren wären. Ein schlimmer Ausrutscher des weißen Gewerkschafters, der sofort von einem landesweiten Entrüstungssturm der NAACP, der National Association for Advancement of Colored People, und von La Raza, einer Latino-Interessensvertretung, die unter anderem Kalifornien mit Mexiko wiedervereinigen will, geahndet wird. Al Sharpton, farbiger Prediger, Politiker und vor allem Geschäftsmann in eigener Sache, spricht von „zersetzendem Rassismus in den eigenen Reihen“ und tobt in einer Rede: „150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei, nach den Opfern des Bürgerkrieges, nach all den Protesten und Kämpfen um Gleichstellung erfahren wir, dass nur weiße Menschen über die Fähigkeit verfügen, einen Roller zu lenken!“

lg_2Suleiman reibt sich die Hände. Dem Doppelschlag mit der grünen und der noch viel effektiveren Rassismuskeule wird die Stadtverwaltung nicht standhalten. Und wie erwartet: Das Ladot bewilligt den Kauf eines Testkontingents von 24 Sol-Rollern. Die Fahrzeuge werden bei den Tiger-Teams begeistert aufgenommen und im Einsatz höchst positiv bewertet. Dessen ungeachtet verweisen Ladot und Stadtverwaltung auf Budgetprobleme, um eine Großbestellung immer wieder zu verschieben. Suleimans Kontaktperson in der Parkraumabteilung bestätigt die Geldnot der Stadt und meint, man müsse ganz oben beim Stadtrat „anschieben“, um die erforderlichen Mittel loszueisen.

lg_4Wie ein hungriger Löwe schleicht der entweder angestrengt nachdenkende oder gestenreich telefonierende Suleiman zwischen Cafehaus und Werkstatt im Half-A-Hybrid Gebäude hin und her. Sein nicht ganz selbstloses, aber dafür umso deutlicher zur Schau getragenes Engagement für Grüntechnologie und Minoritätenrechte haben ihn sowohl in weltverbessernden Kreisen als auch unter Minoritätenvertretungen zum gefragten Mann gemacht. Fast täglich tauchen Journalisten und Interessensvertreter bei Half-A-Hybrid auf, um Suleiman zu interviewen oder ihn als Aushängeschild diverser Interessen zu verpflichten. So findet man sein Konterfei in den Pamphleten der „Nation of Islam“, einer aus den Black Panthers hervorgegangenen recht militanten Bewegung von Afroamerikanern, ebenso wie in esoterischen Freienergie- und systemkritischen Webseiten.

Bakshish hält sich an seiner halbleeren Kayani-Bierflasche an, als er Bulwinder vom Besuch der mit Stirnbändern und langen, schwarzen Ledermänteln bekleideten Abteilung der Nation of Islam berichtet: „Die Sonnenbrillen waren schwärzer als für Blinde und die Ausbuchtungen unter den Mänteln mindestens Kaliber 45. Beim heiligen Buch des zehnten Kaisers, ich hatte schon befürchtet, die werden den ganzen Laden in Schutt und Asche legen. Der Zornige hat sie belehrt wie ein Guru – gepriesen die Symbole des Akal Ustat – und am Ende hat er ihnen noch ein halbes Dutzend Roller angedreht. Gegen Barzahlung!“

Ramjeet, Bulwinders Sohn und Entwicklungschef bei Half-A-Hybrid, sieht die Verbindungen von Suleiman mit wachsender Besorgnis. Es sind nicht die Black Panthers, die ihn beunruhigen. Vielmehr Suleimans zunehmende Popularität in systemkritischen Kreisen. Als Forschungsbeauftragter für Feststoffgeneratoren am renommierten CalTech-Institut kennt er das Minenfeld von Freienergie und Systemkritik aus nächster Nähe: Beim Thema Freienergie räumen die „Men in Black“ der lg_3Staatssicherheit sehr schnell und gründlich auf. Erfinder und Wissenschaftler, die entsprechende Apparate in Eigenregie an die Offentlichkeit bringen wollten, werden von sehr humorlosen Herren sehr eindringlich eines Besseren belehrt. Die Anlagen werden konfisziert und die Erfinder mit Betätigungsverbot unter Androhung kapitaler Bestrafung belegt.

Ein Erfinder, der mit einem Kollegen von Ramjeet persönlich bekannt ist, versorgte einige Wochen lang seine Nachbarschaft mit Freienergie. Als sich die Sache weiter herumsprach, hielten plötzlich mehrere schwarze Chevrolet Suburban vor dem Haus, die Anlage wurde demontiert und Erfinder wie Nutznießer eindringlich belehrt, in Zukunft die Finger von solchen „die Allgemeinheit gefährdenden“ Sachen zu lassen. Auch am Caltech-Institut muss die Umsetzung neuer Forschungsergebnisse von ganz oben abgesegnet werden und man kann ohne große Kombinationsgabe die Strategie des gesteuerten Fortschritts erkennen: Grün ist nur dort gut, wo es erstens kontrollierbare Ressourcen benötigt und zweitens das Rohölgeschäft nicht beeinträchtigt.

Vor diesem Hintergrund befürchtet Ramjeet, dass Suleiman sich zu sehr in diese Kreise verwickeln und sich das Auge der Herrschenden auf Half-A-Hybrid richten könnte. Seine Bedenken bestätigen sich bereits kurze Zeit später, als ein Filmteam ins Cafehaus von Half-A-Hybrid drängt und Suleiman ein Interview für thrive.com, eine Webseite, die den globalen Verbindungen von Politik, Bankwesen und Corporations nachgeht, geben muss.

Unmittelbar nach dem Interview zieht Ramjeet den noch immer mit Händen und Füßen gestikulierenden Suleiman zur Seite und eröffnet ihm seine Befürchtungen. Suleiman sackt zusammen wie ein halbgefüllter Polster, seine ganze Gestik beschränkt sich jetzt auf gottergebenes Kopfnicken, bis er Ramjeet schließlich unterbricht: „Azrail, der Sammler unserer Seelen, möge mir vergeben, aber diese Schafe werden mich in den Wahnsinn treiben, bevor ich den richtigen Draht zum Stadtrat gefunden habe.“ Ramjeet weiß, dass Suleiman jede Gelegenheit zum Rollerverkauf wahrnimmt und deswegen den grünen Zampano spielt. Was er nicht wusste ist, wie verzweifelt Suleiman nach einer zugkräftigen Verbindung zum Stadtrat von LA sucht, um endlich den dicken Fisch an Land zu ziehen.

Ramjeet ruft Bakshish zum Tisch und frägt beiläufig: „Haben wir nicht einen direkten Weg zum Bürgermeister?“ Bakshish braucht ein paar Sekunden, bevor es ihm die Mundwinkel hochzieht: „Einen sehr direkten Weg, in der Tat!“ Suleiman blickt misstrauisch von einem zum anderen: „Was kann das jetzt sein?“ Bakshish beugt sich vor und raunt einen Namen in Suleimans Ohr, worauf sich dieser aufjaulend die Hände vors Gesicht hält: „Gnädiger Prophet, nicht dieses entsetzliche Weib!“

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In der nächsten „motomobil“-Folge: Der zornige Burgmann trifft seinen Meister; eine Erdbebenmaschine zum Selbstbau; Einbruch in Half-A-Hybrid …






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