Banner
Banner
Banner
Banner
Banner
Banner

ROLLER-FEATURE

BRIGHTON BURN UP 2011 & 2012

Text: Uli Brée
Fotos: Klaus Pieber, Katja Ruge (1)

FISH & CHIPS & PEACE

Wie das wohl ist, wenn die wilden Zeiten vorbei sind? Wenn Randalierer eines Tages gute Weine sammeln, wenn der Parka durch Karohemd und Tweedsakko ersetzt wird …


004_Brighton_Burn-up_2011_kl

Uli_BreeWenn Anarchie dem Anachronismus weicht. Wenn die Provokation vom Alltag erschlagen wurde. Wenn die aufge„mod“ste Vespa oder Lambretta von der Familienkutsche verdrängt wurde. Wenn man seine Wut der Stille geopfert hat.

Der geneigte Leser gestatte mir, dass ich ein wenig aushole: Im Frühjahr war ich in der Toskana Motorrad fahren. Mit einem klassischen Cafe Racer. Ein Gerät, wie es Mitte der 1960er-Jahre die Rockers in Großbritannien gefahren sind. Vor dem Hotel kommt ein freundlicher Herr aus England mit mir ins Gespräch. Cordhose, Tweedsakko, kleiner Bauch und Glatze. Er fragt höflich, ob er sich zu mir setzen darf. Und so sitzen wir beide draußen am Parkplatz auf einem kleinen Mauervorsprung, mit Blick auf meine Triumph Bonneville.

Der alte Herr wirkt neugierig, hochinteressiert und möchte unbedingt erfahren, warum ich denn genau solche Maschinen bevorzuge. Irgendwann, nachdem ich ihm von meiner Liebe zu englischen Motorrädern erzählt habe, rückt er mit seiner Geschichte heraus. So, als hätte er sich zuvor vergewissern müssen, ob sein Gesprächspartner auch auf der richtigen Seite steht …

Der nette Herr war in Brighton am 18. Mai 1964 an der unrühmlichen Massenschlägerei zwischen Rockers und Mods beteiligt. Gemeinsam mit tausend anderen Jugendlichen. John war Mod und hat sich dort mit den Rockers angelegt. Viele von ihnen mussten ins Krankenhaus – und der Tag läutete für beide Jugendbewegungen das Ende ein. Wir alle kennen von „The Who“ die Schallplatte und den Film „Quadrophenia“ über diese Zeit. Mods, das sind die Typen in den Parkas mit den komischen Frisuren und den kostümierten Vespas und Lambrettas mit den tausend Spiegeln und Hupen. Und überall die Aufnäher der Royal Airforce – dem sogenannten Mod Target.

Kultstätte mit viel Flair: Allein ein typisches südenglisches Pier ist die Reise wert
Kultstätte mit viel Flair: Allein ein typisches
südenglisches Pier ist die Reise wert
Die Uferpromenade und die Landebrücke im südenglischen Seebad
Die Uferpromenade und die Landebrücke
im südenglischen Seebad

Der Show-off am Madeira Drive wird zelebriert. Tausende Akteure präsentieren sich und die fahrbaren Untersätze
Der Show-off am Madeira Drive wird zelebriert. Tausende
Akteure präsentieren sich und die fahrbaren Untersätze
Einmal im Jahr fährt man nach Brighton in die Vergangenheit
Einmal im Jahr fährt man nach
Brighton in die Vergangenheit
 

Keine Berührungsängste: In dieser Reihe kann man sogar eine moderne Automatik-Vespa entdecken
Keine Berührungsängste:
In dieser Reihe kann man
sogar eine moderne
Automatik-Vespa entdecken
John erzählt mir vom Ursprung seiner Bewegung. „Damals in den 1950ern hat alles begonnen. Jugendliche aus der working class und der lower middle class versuchten die eigene Herkunft durch ihre aufwändige und teure Kleidung zu vertuschen.“ John war ebenfalls Arbeiterkind. Genau aus diesem Grund trug er maßgeschneidete Anzüge und Markenkleidung, die er sich vom Mund absparte. Weil das Geld begrenzt und der Schein nur äußerlich war, musste man natürlich die wenigen guten Kleidungsstücke schützen.

John muss lachen. „Aus der Not heraus entstand eigentlich erst das typische Merkmal der Mods: Die weiten Parkas dienten in erster Linie dazu, unsere teure Kleidung vor Wind und Wetter zu schützen. Und das war auch dringend notwendig. Nicht nur weil das englische Wetter sehr wechselhaft sein kann, sondern weil wir hauptsächlich mit unseren Rollern unterwegs waren.“

Die Roller waren mit ihren speziellen Umbauten für viele Mods ein essenzieller Bestandteil der Identifikation und der Abgrenzung zu anderen Jugendbewegungen. Die Scooter wurden gehütet und customized. An jedem Wochenende gab es große Ausfahrten mit der ganzen Clique, die teilweise aus bis zu zweihundert Personen bestand. Bevorzugtes Ziel war das südenglische Seebad Brighton mit seinem Electric Ballroom, einem zentralen Treffpunkt. Dort trafen die Mods auf ihre Erzfeinde, die Rockers. Die fuhren Cafe Racer, Motorräder mit Höckersitzbank und Stummellenker. Die Rockers mit ihren Lederjacken waren genau das Gegenteil der Mods.

Die beiden Gruppierungen lieferten sich Straßenschlachten, bei denen die Innenstadt von Brighton teilweise verwüstet wurde. Ziel der „stilvollen Randalierer“ war es, am Montag wieder gepflegt am Arbeitsplatz zu erscheinen – was ihnen nicht immer gelang. Genausowenig wie den Rockers. Trinken, exzessives Tanzen zu R & B, Soul, Ska oder Beatmusic, häufig in Verbindung mit Medikamenten und allerhand Substanzen, Randale und groß angelegte Prügeleien vor allem mit den Rockers waren die Freizeitbeschäftigungen der Mods, die tagsüber ihrer normalen Arbeit in der konservativen englischen Gesellschaft nachgingen. So wie John, der als Kellner arbeitete.

Die im Stil der Zeit aufge„mod“sten Vespas und Lambrettas versammeln sich beim Brighton Burn Up
Die im Stil der Zeit
aufge„mod“sten Vespas
und Lambrettas versammeln
sich beim Brighton Burn Up
Und heute? Jedes Jahr im September findet seit 1996 das legendäre Brighton Burn Up statt. Eine Art friedliche Reunion zwischen Mods und Rockers, initiiert von Marc Wilsmore, dem Besitzer des Londoner Ace Cafe. Ich war bereits einmal vor zwei oder drei Jahren am Madeira Drive, der Uferpromenade in Brighton, hatte den Rollern aber nicht wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt. 2011 wollte ich wieder hin – und nach meiner zufälligen Begegnung mit John war ich neugierig geworden. Bisher hatten mich vor allem die vielen alten Cafe Racer interessiert, mit denen man vom Ace Cafe in London am Sonntagvormittag nach Brighton aufbricht. Bis zu 80.000 Motorräder und Roller treffen dort für ein paar Stunden aufeinander. Diesmal allerdings völlig friedlich. In den frühen 1960ern wäre das undenkbar gewesen. Die Underdogs, die keine sein wollten, und die Underdogs, die unbedingt welche sein wollten, lieferten sich am Madeira Drive regelmäßig Straßenkämpfe – bis eben zu jenem 18. Mai 1964.

Heute sieht man Johns ehemalige Kumpel auf ihren tollen Rollern am Madeira Drive friedlich promenieren. Im Partnerlook mit der Ehefrau oder mit dem Sohn und den Enkeln auf den liebevoll restaurierten Scootern. Ein anderer präsentiert stolz den echten Roller, der wirklich und tatsächlich in „Quadrophenia“ mitgefahren ist. Die Szene lebt und erfreut sich an den Schmuckstücken. Die Zeit heilt und heiligt wohl tatsächlich Wunden. Die Mods von damals wirken gesetzt. Als hätten sie den inneren Kampf durchaus gewonnen und sich von der Arbeiterklasse befreit. Die Rockers in ihren von Patches übersäten Lewis-Lederjacken hingegen wirken zum Teil noch immer so wie damals. Nur, dass die Tattoos in Falten hängen, die Haarlocken grau und das Fleisch um die Hüften mehr geworden ist.

Und ich stehe da und denke mir:  Wie sehen all diese Leute wohl am Montag aus? Wenn all das hier wieder vorbei ist? Hängen sie dann ihre grünen Parkas und ihre schwarzen Lederjacken für ein Jahr in den Schrank? Sind sie dann wieder Versicherungsvertreter oder Pensionisten, so wie John? Keine Ahnung. Für einige von ihnen ist es sicher eine Lebenseinstellung, für andere ist dieses zweite Wochenende im September nur eine Reminiszenz an die Vergangenheit. Was besser ist, wage ich nicht zu beurteilen. Der Brighton Burn Up ist auf jeden Fall eine Reise wert. Nicht nur wegen der tollen Motorräder und Roller. Sondern wegen der Gesichter, den Menschen und den Geschichten, die sich dahinter verbergen.

018_Brighton_Burn-up_2011_kl
Customizing in Bestform. Kaum ein
Roller ist im Originalzustand
Einen Tag im Jahr sind sie wieder jung. Das gilt auch für die Roller
Einen Tag im Jahr sind sie wieder jung.
Das gilt auch für die Roller
Prächtige Reminiszenz an die Vergangenheit
Prächtige Reminiszenz
an die Vergangenheit
Die wilden Jahre sind erst dann vorbei, wenn du es willst!
Die wilden Jahre sind erst dann
vorbei, wenn du es willst!

Die Inside-Geschichte von „motomobil“-Autor Guido Schwarz über die Wiener Mods lesen Sie in der "motomobil"-Folge 006 auf den Seiten 96 bis 97!


DER PASSENDE FILM: „BRIGHTON ROCK"
Brighton RockDie mehr oder weniger detailreiche Kenntnis von „Quadrophenia“ setzen wir voraus – daher ein anderer Tipp: „Brighton Rock“ ist eine Literaturverfilmung eines Graham-Greene-Romans und wurde für die Neuversion 2010 ins Brighton des Jahres 1964 transponiert. Die Feindseligkeiten zwischen Mods und Rockers und die legendäre Massenschlägerei rund um die Landebrücke am Madeira Drive sind der Hintergrund für eine bisweilen ins Depressive gleitende Geschichte über Underdog-Gauner und missbrauchte Liebe, samt unangenehmem Ende.

Die DVD ist bei Amazon um 12,60 Euro erhältlich.


DER BRIGHTON BURN UP 2012

UK_flagDie Reunion Party findet 2012 am 7., 8. und 9. September statt. Ausgangspunkt ist wie immer das Ace Cafe in London, beim „Ride with the Rockers“ geht’s abschließend zur großen Versöhnung nach Brighton, wo sich bis zu 80.000 Zweiräder einfinden. Wer mit dem eigenen Fahrzeug hin will und sich die Reise nicht selber zusammenstellen will, kann über die (auch deutschsprachige) Ace-Café-Webseite sowohl Tipps einholen als auch direkt Fähren und Hotels buchen; www.ace-cafe-london.com


Diesen Bericht als E-Paper downloaden pdf




FINDE ICH GUT
Facebook! Mister-Wong! Twitter! Del.icio.us! StumbleUpon! Netscape! Google! Furl! Yahoo! Diigo! Technorati! Smarking! Netvouz! MySpace! Live! Joomla Free PHP