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LESEGESCHICHTE FOLGE 5

EINE AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTER

Text: Andreas Amoser
Illustrationen: Oskar Kubinecz

DER ZORNIGE BURGMAN

Die Verkaufszahlen und der hohe Bekanntheitsgrad des Elektroroller-Vertriebs „Half-A-Hybrid“ im sonnigen Südkalifornien sorgen für beträchtlichen Unmut bei der fossilen Konkurrenz



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amoser_klDer Zweiradladen in Van Nuys, einem eher bleihältigen Gebiet im Norden der Engelsstadt und nicht allzuweit von der Half-A-Hybrid Niederlassung im geldschweren Calabasas entfernt, spezialisierte sich früher auf großvolumige Sportmotorräder japanischer Marken. Es mag ein Vierteljahrhundert her sein, als der Pakistani Suleiman Geschäft, Haus und Grundstück von einem alkoholsüchtigen Altmechaniker kaufte und den Laden „Suleiman Sportbikes“ nannte. Ein Händlervertrag von Suzuki bewog ihn, den Firmennamen genau am Tag der Vertragsunterzeichnung in großem Stolz auf „Suzuki Suleiman“ umzuändern.

Damit stürzte er das Suzuki-Management in größte Kalamität, wusste man einerseits um die feurige Markenhingabe Suleimans, andererseits um die problematischen Kundenreaktionen hinsichtlich des mit islamischem Glauben assoziierten Namens. Ein frisch aus Japan eingetroffener Management-Aspirant namens Honda-san wurde auserkoren, dem sehr temperamentvollen Suleiman die delikate Situation nahezubringen und ihn zu einer Änderung des Firmennamens zu bewegen. Über den Verlauf dieses Gespräches werden bei Suzuki USA zwei – recht unterschiedliche – Geschichten kolportiert: Von der Firmenleitung wird die sensible, erfolgsorientierte Diplomatie von Honda-san gelobt; im überwiegend amerikanisch besetzten Verkauf lacht man sich krumm, weil der nur 65 Kilo schwere Honda-san von Suleiman angeblich wie ein Tanzbär abgewatscht wurde und dabei sowohl seiner Designerbrille als auch des sündteuren Sennheiser-Bluetooth-Headsets verlustig ging. Ungeachtet des Hergangs hieß der Motorradladen am nächsten Tag „Suzuki Van Nuys“ und ein händeringender Suleiman empörte sich noch Wochen danach über die vermeintlichen Unverschämtheiten von Honda-san: „Beim Schwert des Propheten, diese halbe Portion sagt mir ins Gesicht, unter dem Namen Suleiman könne man sehr gut Boden-Luft-, aber keine Boden-Boden-Raketen verkaufen!“

Nach etlichen guten Jahren bringen Wirtschaftkrise und Zusammenbruch des Sportmotorradmarktes Suzuki Van Nuys in Bedrängnis. Suleiman konzentriert sich mehr und mehr auf Roller und auf – wie er es nennt – das Kleinvieh. Statt des Pick-ups bemüht er als Dienstfahrzeug vermehrt einen Burgman-400-Vorführer und weil die Kunden rar sind, bleibt ihm mehr Zeit, bei der Konkurrenz herumzuschnüffeln. So findet man ihn bei den Händlern der Umgebung auf Kundenfang, was unvermeidlicherweise den Watschenbaum heraufbeschwört. Auf seiner Visitenkarte mit Raman Burman Suleiman ausgewiesen, erwirbt er sich nach einigen handfesten Eklats und aufgrund seines Untersatzes den Spitznamen „Zorniger Burgman“.

Davon noch unbeschadet, fühlt sich Bakshish Khatter, der Schwager von Firmenchef Bulwinder und Verantwortlicher für das Tagesgeschäft, beim Kontrollieren der Kassa im Caféhaus von Half-A-Hybrid sehr unwohl. Nicht, dass nennenswerte Summen fehlen würden – das ließe sich mit dem Kirpan, dem geschwungenen Dolch der Sikh, ohne viel Aufhebens abklären –, es ist vielmehr diese Frau im Gastraum, die ihn ohne Unterlass beobachtet. Gwendolyn heißt die Dame und himmelt ihn an wie ein Groupie einen Hollywood-Narren. Beim Gedanken, wieviele Liebeszettelchen sie ihm schon zugesteckt hat, verliert Bakshish den Faden beim Abrechnen. Ergrimmt feuert er den Zettel in den Mistkübel und fängt neu an.

Suleimann_tafel_klDabei entgeht ihm, dass Gwendolyn inzwischen auf einem Barhocker neben ihm Platz genommen hat. Beim ersten Ton ihrer süßlich-näselnden Stimme weiß Bakshish, dass es mit der Abrechnung heute nichts wird. Wie gerne würde er die alte Fregatte loswerden, allein, mit ihren einflussreichen Kontakten ist sie einer der besten Kunden bei Half-A-Hybrid. Also muss er sich mit zusammengebissenen Zähnen und dem Lächeln eines hungrigen Krokodils dem flötenden Small Talk stellen. Neben ihrem erheblichen Bedarf an jüngeren Männern (bevorzugt mit etwas stärker pigmentierter Haut) besitzt Gwendolyn Mehrheitsanteile an einer nationalen Versicherung mit Hauptsitz unten im Wilshire-District. Ein Techtelmechtel mit Jasminder, dem Studienkollegen und Geschäftspartner von Ramjeet, dem ältesten Sohn Bulwinders, bringt Gwendolyn auf die Spur von Half-A-Hybrid. Die grüne Sache gefällt ihr, nicht zuletzt weil solche Dinge in den wohlbetuchten Kreisen, in denen sie verkehrt, gerade hip sind.

Mit Subventionen der öffentlichen Hand und ebenfalls lokalen Firmensponsoren hatte Gwendolyn die lokale E-Roller-Initiative „ELOC“ ins Leben gerufen, um das Verkehrsaufkommen in diesem Sektor der Stadt und gleichzeitig auch verkehrsstaubedingte Arbeitsausfälle zu reduzieren: Mitarbeiter der partizipierenden Firmen können einen Plug-in-E-Roller mit einer Reichweite von etwa 40 Meilen gegen einen Abzug vom Nettogehalt in der Höhe zwischen 15 und 32 Dollar pro Monat von ihrem Arbeitgeber leasen. Zusätzlich stellen die teilnehmenden Firmen Parkplätze und Lade-Infrastruktur zur Verfügung. Jetzt brummen im Wilshire District und dem angeschlossenen UCLA-Gelände (Studenten der kalifornischen Uni sind ebenfalls teilnahmeberechtigt an ELOC) mehr als 2000 Elektroroller, was zu chaotischen Zuständen beim Kampf um die Steckdosen führt: Im Topcase mitgeführte Verlängerungskabel werden quer über Straßen verlegt; Haustechnik-Türen werden aufgebrochen; Caféhaus-Steckdosen werden in solcher Vielfalt angezapft, dass unbedarfte Kunden über die Kabel stolpern. Mit Vorliebe werden Verteilerstecker gestohlen, was dann wieder zwangsläufig zu heftigen Auseinandersetzungen um die Steckdosen führt. Private Liegenschaftsbesitzer drohen bei Stromdiebstahl mit Gerichtsklagen; die Stadt will Plug-ins mit Verlängerungskabel reglementieren; Verbrennungen wegen durchgebrannter Kabel oder unsachgemäßer Handhabung sind an der Tagesordung.

In einem UCLA-Institutsgebäude fällt in schöner Regelmäßigkeit am Vormittag die Klimaanlage aus, was dem Haustechniker neben lauten Worten beinahe die Kündigung einbringt. Es dauert eine Weile, bis man den im Untergeschoß eingerichteten E-Fahrzeug-Ladeparkplatz als Ursache identifiziert. Mit solchen Unmengen E-Rollern, die alle gleichzeitig in der Vorlesungszeit aufladen, hatte man bei der Montage nicht gerechnet. Ein chinesischer Student, der mit einem Verlängerungskabel Selbstmord begeht, setzt das Tüpferl am i der der E-Stampede. Die LA Times titelt: „Kabelsalat im UCLA-Campus.“
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„Ein gutes Geschäft war's trotzdem“,
denkt sich Clanchef Bulwinder beim Lesen des Artikels, „wenn nur der alte Raghubir wieder auf die Beine kommt!“ Half-A-Hybrid lieferte technisch vereinfachte Z-Com-Roller mit schwächeren E-Motoren, Großserien-Batterien und Plug-in-Elektronik, um den Preis an die Vorgaben anpassen zu können. Bulwinders alter Militärkumpel Raghubir im indischen Punjab, der die Produktion für einen der größten Fahrzeughersteller leitet, musste sich nach der Aktion einen weiteren Bypass einsetzen lassen. Materialbeschaffung und kurzfristige Änderungen an der Produktionslinie erzeugten mehr Blutdruck als der alte Raghubir verkraften konnte.

Natürlich weiß auch Suleiman vom ELOC-Programm. Die Stadtverwaltung hatte schließlich alle Zweiradhändler um Offerte ersucht – es gab aber jedoch außer Half-A-Hybrid niemand, der Plug-in-Roller mit den erforderlichen Spezifikationen liefern konnte. Als alter Bazarhändler riecht Suleiman sofort, dass die Ausschreibung genau auf Half-A-Hybrid zugeschnitten war. Und da er nichts von der leitenden Rolle Gwendolyns weiß, nimmt er an, dass Half-A-Hybrid mit der Stadtverwaltung packelt. Und wenn man im Monat nicht mehr als 15 Roller verkauft, nimmt einen ein plus-2000-Roller-Deal mit Schiebungsgeruch ganz schön mit. „Ich werde die korrupten Inder aufscheuchen wie belutschistanische Stachelmäuse“, denkt sich Suleiman und schwingt sich auf seinen Burgman-Roller.

Zur selben Zeit befindet sich die mühsam aufrechterhaltene verbale Verteidigungslinie von Bakshish vor ihrem Zusammenbruch. Gwendolyns Avancen sind von einer Direktheit, die selbst den mit allen Wassern gewaschenen Bakshish im Bemühen um eine passende Antwort wie einen Fisch nach Luft schnappen lassen. Die alte Fregatte will ihn hier und jetzt abschleppen, da helfen auch die unschuldigsten Ausreden nicht – und eine offene Absage kommt aus Gründen des Profits nicht in Frage. Plötzlich hört man laute Stimmen aus dem Verkaufsraum. Ein Mechaniker mit süßsaurem Gesicht steckt den Kopf durch die Verbindungstüre, um Bakshish vorzuwarnen: „Der Zornige Burgman ist im Haus!“

In Bakshishs Gesicht wetterleuchtet es. „Dieser verrückte Burgman könnte in keinem besseren Moment hier auftauchen, mögen ihn die Zeichen der Gurmukhi-Schrift aus seiner Umnachtung befreien!“ Im selben Moment walzt Suleiman mit belehrend vorgestrecktem Zeigefinger und einem lauten „Aha, der Kassa-Inder!“ ins Caféhaus und auf Bakshish zu. Unter normalen Umständen hätte Bakshish den Wortschwall Suleimans nicht schweigend über sich ergehen lassen. Ganz im Gegenteil. In vergangenen Begegnungen war es stets Bakshish, der energischer gestikulieren und lauter und länger schreien konnte. Aber heute geht es nicht darum, den Zornigen Burgman zu übertrumpfen – vielmehr will Bakshish sein Gegenüber in eine weniger explosive, dafür länger andauernde Streiterei verwickeln, um sich in geeignetem Moment von Gwendolyn loszueisen.

Leider macht ihm die resolute Dame einen dicken Strich durch die Rechnung. Als Suleiman zum wiederholten Mal im Zusammenhang mit ELOC das Wort „Korruption!“ brüllt, holt die hinter Suleiman aufstehende Gwendolyn mit ihrer Handtasche weit aus und trifft mit dem satten Ton weichen Leders das linke Ohr des Zornigen. Suleiman dreht sich aufjaulend in Richtung der Entfesselten und kassiert übergangslos den zweiten Handtaschenschwinger auf die rechte Wange. Jetzt schnellt der fassungslose Bakshish hoch wie eine Feder, um Gwendolyn in den Arm zu fallen. Diese versucht heftig pfauchend und mit vor Zorn rot angeschwollenem Gesicht, weitere Treffer zu landen, während sich der hinter Bakshish in Deckung gegangene Suleiman beide Hände auf die getroffenen Stellen hält und in weinerlicher Stimme Allah um Hilfe anruft: „Zerschmettere dieses tollwütige Weib unter den Steinen des Berges Uhud!“

Geschlagen verlässt der Zornige Burgman das Haus und scheint dabei noch am besseren Ende des Gemetzels als der von der erhitzten Walküre weggeschleppte Bakshish Khatter.



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In der nächsten „motomobil“-Folge: Half-A-Hybrid bringt das Batterierahmen-Elektrofahrrad; E-Roller-Cup am Sunset Boulevard; E-Infrastruktur verzögert – Krawalle in LA; Suzuki Brennstoffzelle – der Zornige Burgman bläst zum Djihad …  Ab 12. Oktober in der Trafik und vier Wochen später auf www.motomobil.at




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