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LESEGESCHICHTE: FOLGE 4

EINE AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTER

Text: Andreas Amoser
Illustration: Oskar Kubinecz

ELEKTROSCHOCK

In der vibrierenden Caféhaus-Atmosphäre des E-Scooter-Händlers „Half-A-Hybrid“ geht es in diesen Tagen nur um ein Thema: die Reichweitenangst



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zum Autor

ANDREAS AMOSER ist als „motomobil“-Korrespondent in Kalifornien – dem Pionierland bei alternativen, umweltfreund-lichen Antrieben – stets am Puls der neuesten Technologie. Umso mehr, als er von dunkler Vergangenheit geplagt wird: In seiner schwierigen Jugend fuhr Kollege Amoser die größten V8-Ungeheuer und die brüllendsten Zweiräder. Seine regelmäßigen Briefe aus Amerika dürfen wir als Zeichen tätiger Reue gelten lassen
Die Medien überschlagen sich in Drama und Hysterie,
das emotional fragile Kalifornien scheint der nächsten Massenpsychose zum Opfer zu fallen. Angezündet wird die Geschichte in einer Reality-TV-Show: Ein abgeschleckter Show-Psychologe ergründet die Persönlichkeitsstörungen seiner scheinbar zufällig aus dem Publikum gerufenen Gäste. Messerscharf diagnostiziert er im Gespräch mit einem vorbildlich zerrüttet aussehenden Mann „unbewältigbare Stresssymptome auf dem Weg in die Depression“.

Nach dieser Glanzleistung wird gemeinsam nach der Ursache dieser Schieflage gesucht. In größter Kompetenz konstatiert der Abgeschleckte, dass es der Wechsel zu einem weiter entfernten Arbeitsplatz war, der aus dem vormals Lebensfrohen einen Zerrütteten machte. Es ist aber nicht der Arbeitsplatz – Publikum erschauere! –, es ist vielmehr die Distanz zum Arbeitsplatz, die gefährlich nahe an der maximalen Reichweite des Elektroautos des Zerrütteten liegt. „An sehr kalten Tagen“, jammert der Zerrüttete, „zittere ich im Auto nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst, dass es die Batterie nicht bis zur Firma macht.“ Der Abgeschleckte weiß: „Doppeltes Zittern ist ein traumatisches Schlüsselerlebnis.“ Aus dem Studiopublikum kommt stöhnende Anteilnahme.

Ein der Show folgendes Interview mit dem Lieblingspsychiater des Hollywood-Narrenturms bringt die Schmierenkomödie zum Überkochen. Reichweitenangst sei ein um sich greifendes Phänomen in der überwiegend sehr umweltbewussten Unterhaltungsindustrie, stellt der Herr Doktor fest. Seine prominenten Patienten nehmen aber den erheblichen Stress auf sich, um ihren Fans und der Welt ein Vorbild zu sein!

Der triefende Edelmut wird von einer Schlagzeile im Lokalteil einer Tageszeitung noch unterstrichen: „Batterie tot, Motorradfahrer von Kampfhunden zerfleischt!“ Die erschütterten Leser erfahren vom Schicksal des braven Studenten und E-Bike-Fahrers Stanley in der High Desert, dem am Weg vom College die Spannung ausgeht. Auf seinem Fußmarsch nach Hause nimmt Stanley eine Abkürzung, klettert über den Zaun einer Pferdezucht und wird in der Folge von den gelangweilten Wachhunden des Anwesens mit großer Aufmerksamkeit bedacht.

Die sensationslüsterne Journaille springt begeistert auf den „Tote-Batterie“-Zug auf. Unfälle mit E-Fahrzeugen werden analysiert. Die Gefahr, bei nachlassender Batteriespannung von
einem ungeduldigen 18-Wheeler überrollt zu werden, wird als „sehr ernstzunehmend“ eingestuft.
Noch bunter wird es, als ein in einem Schneesturm liegengebliebener Zero-Emission-Vehicle-Lenker fast erfriert. Einberufene Expertenrunden diskutieren mit todernstem Gesicht, ob und inwieweit man tote Batterien mit leeren Tanks vergleichen kann. Politik, Öffentlichkeit und die E-Fahrzeug-Branche ringen um gangbare Perspektiven.

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Derweilen legt Familienoberhaupt Bulwinder Khatter
eine Zeitung mit einem E-Drama-Artikel kopfschüttelnd auf seinen Schreibtisch. Diese Amerikaner sind schon ein seltsames Völkchen. Aber solange es dem Geschäft nützt, soll man das nicht kritisieren. Es mag angesichts der Ereignisse überraschen, die Familie Khatter vollkommen unbeeindruckt hinsichtlich des Fahrzeugverkaufes vorzufinden.
 
„Gepriesen sei die Schönheit von Hemkunt Sahib“, beginnt Schwager Bakshish seinen Bericht über die Situation bei Half-A-Hybrid. „Die Kunden haben uns von Anfang an wegen dem Namen Hybrid gepiesackt. Technisch gesehen ist unser Z-Com-Batterie-Antrieb mit Bio-Brennstoffzelle ein Hybrid, ohne das Geräusch eines Verbrennungsmotors geht das aber nicht in die Köpfe der Leute. Das neue Modell Sol-2 auf Karosseriebasis des Piaggio MP3 ist ein Hybrid mit Batterie und Zweitaktmotor, das erste Kontingent sollte in drei Wochen im Hafen Long Beach eintreffen.“

Sohn Ramjeet, inzwischen mit Studienabschluss und Jobangebot von Caltech, erläutert die grundsätzliche Technik des neuen Antriebs: „Bisher haben wir das Potenzial der Brennstoffzelle nur in geringem Rahmen ausgeschöpft. Im Sol-2 verwenden wir die Biozelle nicht nur zur Aufladung, sondern auch zur Produktion von Wasserstoff, mit dem der Verbrennungsmotor angetrieben wird. Zelle und Motor erfordern die Zugabe von Ethanol. Der Verbrauch wird sich zwischen 0,5 und 0,8 Liter pro 100 Kilometer bewegen. Im Sol-2 wird der Motor wie beim Chevrolet Volt ausschließlich zum Laden der Batterie eingesetzt, aber der Sol-2V kann Batterie- und Motorleistung zu über 50 kW (68 PS) kombinieren, wird jedoch im Verkaufspreis deutlich über dem MP3 400 liegen.“

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„Und wieviel ist das?“ unterbricht die unendlich neugierige Tochter Gulwat den Vortrag. „Unter Elftausend für den Anfang, für dich gegen Thali und Besan Laddu – also geh lieber gleich zum Markt,“ kommt die Antwort. Überglücklich hüpft Gulwat aus dem Zimmer. Noch vor wenigen Monaten war der Familie Khatter die ausgelassene Stimmung vollkommen abhanden gekommen: Zuerst hatte Gulwats in Ungnade gefallener Freund Sammy die letzte Entwicklungsstufe des Z-Com-Antriebs gestohlen und etwas später wird ein Motorroller mit Brennstoffzelle-Batterie-Antrieb von einem Händler in San Francisco vorgestellt … Wie Ramjeet sehr schnell herausfindet, waren die Hersteller dieses Antriebs mit der Raubkopie der reversiblen Bio-Brennstoffzelle überfordert und fabrizierten stattdessen eine riesige Methanol-Brennstoffzelle im kombinierten Heck-Topcase-Teil des Fahrzeugs. Trotz kräftiger Unterstützung durch Sammys Vater, eines einflussreichen Grün-Politikers in Sacramento, verweigert die Verkehrsbehörde aus sicherheitstechnischen Gründen die Zulassung dieses Rollermonsters.

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Gerüchte sprechen von einer Explosion und Feuer
in der Werkstatt des Händlers. Nicht nur in der Branche lacht man sich krumm – was den sehr von seiner Wichtigkeit überzeugten Vater Sammys zur Weißglut bringt. Das Gelächter bei Half-A-Hybrid verstummt sehr schnell, als plötzlich die Baupolizei vorstellig wird, um nach eventuellen Verstößen in Werkstatt, Lager und Caféhaus zu suchen. Die Baupolizei übergibt die Türklinke dem Arbeitsinspektor, der Arbeitsinspektor dem Finanzprüfer. Bakshish als auch Bulwinder wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die anderen Unternehmungen der Familie ins Visier des größenwahnsinnigen Senators geraten. Man beschließt, die Flucht nach vorne anzutreten.

Obwohl der alte Raghubir bei Inder Tools im fernen Punjab von einer ganzen Serie von Herzinfarkten geschüttelt wird, bringt er ein Vorserienmodell des Sol-2 innerhalb kürzester Zeit zur technischen Abnahme und zur Vorstellung nach Los Angeles. Vor versammelter Menge und Kameras – von politischer Prominenz über Hollywood bis zu den Schreiberlingen und Bloggern – greift sich der recht energische Bürgermeister von Calabasas geplant außerplanmäßig das Mikrophon und verlautbart, dass sich der angeblich so umweltfreundliche Senator Peralta – Sammys Vater – auf einem scheinbar persönlich motivierten Feldzug gegen diesen Paradebetrieb der Umwelttechnik befindet. Wie erwartet reagieren die Medien wie der Hund auf die Blutwurst. Senator Peralta hat alle Hände voll zu tun, entsprechende Anfragen zu dementieren. Bei Half-A-Hybrid kehrt wieder Ruhe ein. Vorläufig.



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In der nächsten „motomobil“-Folge: der K(r)ampf um den Strom – öffentlich zugängliche Steckdosen werden rar; volle Leistung mit Wodka – die „Tanke-im-Wirtshaus!“-Bio-Brennstoffzelle; das erste Rennen … Ab 20. Juli 2011 in der Trafik und vier Wochen später auf www.motomobil.at

FOLGE 1

FOLGE 2

FOLGE 3






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