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E-BIKE-FEATURE

DER SELBSTVERSUCH: PEDELEC VS. MUSKELFAHRRAD

Text: Uli Brée
Fotos: Toni Zangerl

FLYER POWER

„Oh Lord, won’t you buy me an e-lectric bihike …“                                (frei nach Janis Joplin)


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zum Autor

ULI BRÉE ist als Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur für unzählige erfolgreiche TV- und Kino- filme, für Theater- und Kabarettaufführungen verantwortlich. Seit den 1980ern ist er passionierter Motorradfahrer, gleichzeitig ist er einer der österreichischen „Elektro-Vorreiter" – vor sieben Jahren erwarb er das erste E-Bike, die Blei-Akkus hielten damals gerade 20 Minuten durch
Wir wissen ja alle, wie das ist mit den Vorurteilen, oder?
Frauen können nicht einparken, Männer können keine Gefühle zeigen, Italiener sind die besseren Liebhaber, Polen klauen Autos, Deutsche tragen weiße Socken, Österreich besteht nur aus Lobbyisten, Ausländer sind Ausländer – besonders im Inland – und Vorurteile sind dazu da, damit man sich nicht so alleine fühlt mit seinen Ängsten. Die Liste könnte man bis ins Unendliche ausweiten.

Was hat das alles mit Elektrofahrzeugen zu tun? Gute Frage. Seit ich mit diesen Geräten durch die Gegend fahre, höre ich immer wieder die gleichen Phrasen: „Na, da brauchst du jetzt wohl gar nicht mehr treten, was?“ oder „Also, mit Radfahren hat das jetzt aber nix mehr zu tun!“ oder  „Da kann ich ja gleich Motorrad fahren!“

Tja, in dieser Angelegenheit verhält es sich in Wahrheit auch nicht anders wie bei den oben genannten Vorurteilen: Meine Frau kann super einparken, mein Nachbar ist Pole und mein Auto steht immer noch vor der Türe, ich bin Deutscher und hasse weiße Socken, Ausländer sind auch nur Menschen, korrupte Politiker sind zwar eine Schande, aber der Rest von Österreich ist trotzdem anders – und Elektrofahrrad fahren kann immer noch anstrengend sein. Nur anders eben!

Und genau aus diesem Grunde habe
ich quasi den Versuch am lebenden Objekt gewagt. Eine Art Vergleichstest zwischen Urteil und Vorurteil, zwischen Vorher und Nachher, zwischen Wade und Volt, zwischen Schweiß und Angesicht. Also habe ich mich auf den Weg gemacht zu den hochgeschätzten Fahrradprofis Toni und Peter – kurz PETO genannt –, die im Tiroler Oberland nicht nur berühmt für ihre Kompetenz und Leidenschaft in Sachen Rad sind, sondern auch für das schönste Radgeschäft jenseits der Tour de France. Da die beiden Herren nicht nur Räder verkaufen, sondern auch so manches Rennen bestritten und gewonnen haben, war das für meinen Plan die ideale Voraussetzung.

Mein Plan? Ich will einfach wissen, was denn nun besser ist? Was denn nun sinnvoller ist? Was denn nun mehr Spaß macht? Strom oder nicht Strom? Das ist hier die Frage. Kann ein stromfreier Radprofi gegen einen wohlstandsgesättigten Smokingträger am Berg siegen? Oder besser gesagt, kann ein absoluter Durchschnittsradfahrer und verwöhnter Motorradfreak wie ich mit diesen zwei Cracks mithalten? Fragen über Fragen, für die es in dieser Reportage knallharte und fundierte Antworten geben wird. Keine Steigung war uns zu steil, kein Smoking zu schade und keine Pause zu kurz, um dem Berg die Wahrheit abzuringen.

Wir starten an einem unglaublich schönen Frühlingssonntag direkt vor dem Geschäft der Firma PETO in Zams. Die Kampfgeräte sind bestimmt: Toni und Peter sitzen auf Top-Geräten der Firma Specialized, ich logiere auf einem 300 Watt heißen Stuhl der Schweizer Nobelmarke Flyer. Der Rolls Royce unter den Elektrofahrrädern, sagt man. Die Jungs haben ihre Trinkflaschen isotonisch aufgetankt, ich begnüge mich mit Champagner. Bescheidenheit ist (m)eine Zier. Das Ziel unserer Reise: Über die sogenannte Trams wieder zurück ins Geschäft. Die Begleiterscheinungen: Straße, Schotter, Bergfahrt, Gelände. Der Haken an der Geschichte: Wir fahren solange, bis irgendeinem von uns der Saft ausgeht.

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Der „motomobil“- Elektroreporter ist in Champagnerlaune: „Solche Fahrradln rauch’ ich doch in der Pfeife!”
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„Der Sieg ist mein,
mein, mein!”

Bergab herrscht Gleichstand – aber man beachte den konzentrierten Gesichtsausdruck …
Bergab herrscht Gleichstand – aber man beachte
den konzentrierten Gesichtsausdruck …


Der Startschuss fällt und es geht los.
Auf der asphaltierten Straße bin ich mit meinem Rad definitiv im Vorteil. Bei der 300-Watt-Version wird – unterschiedlich zur 250-Watt-Version – die elektrische Unterstützung bei 25 Stundenkilometer nicht eingestellt, sondern schiebt weiter mit an. Der Antritt des Pedelecs ist unglaublich fein. Ich bin viele Elektrofahrräder gefahren, aber keines hat so sauber und so direkt „Gas angenommen“ wie dieses hier. Und die mühselige Gangsuche hat auch endlich ein Ende. Vorne gibt es nix und hinten hat es acht Gänge. Das reicht vollkommen. Wenn man die elektronische Schaltung am Display dazurechnet sowieso. Hier kann man von „No Assist“ über „Eco“ und „Standard“ bis „High“ schalten. Und „High“ macht auch high. Ich persönliche fahre jedenfalls total high an den Petos vorbei. Yeah – Sieg auf ganzer Linie.

Also von meiner Seite aus können wir den Vergleich hier gerne abbrechen. Ich kenne mich aus. Dummerweise biegen wir jetzt auf die Schotterstrecke ab und ich merke, dass es gar nicht so leicht ist, die Kraft auf den steinigen Boden zu bringen. Da tut sich der Peter schon leichter und zieht tatsächlich an mir vorbei. Aber so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Ich muss mich nur erst an das Gerät gewöhnen. Das muss Valentino Rossi schließlich auch nach seinem Umstieg von Yamaha auf Ducati. Ein treffender Vergleich …

Und schon ziehe ich an Peter vorbei – zumindest in meinem Kopf. Denn leider ist dem nicht so. Die Strecke wird steiler und steiler und ich erahne bereits ein Schweißtröpfchen unter meinem Designerhelm. Gut, ich überhole zwar nicht, aber ich halte mit. Ich halte tatsächlich mit. Ich fahre neben dem Profi her. Das ist doch was, oder!? Man muss die Dinge immer relativ sehen. Oder realistisch, je nachdem. Alles eine Frage der Sichtweise. Mal ganz ehrlich: Ohne Elektrounterstützung hätte ich überhaupt keine Chance gegen die zwei. Ich könnte meinen Smoking – in dem ich immerhin schon einige Fernsehpreise entgegengenommen habe – maximal noch als Feuchttuch verwenden. Jetzt fahre ich mit. Vielleicht nicht ganz so gelassen, wie ich es vor den anderen beiden vorgebe – aber ich fahre mit. Das ist doch was.

Oben angekommen hält sich meine Erschöpfung in Grenzen, während die zwei Radprofis scheinbar die gleiche Taktik gewählt haben wie ich:  Nur nichts anmerken lassen. Immer so tun als wäre das nur ein Radausflug durch Holland. Bergab herrscht Gleichstand, in der Ebene bin ich wieder der Meister.  Wieder zurück bei PETO entschließen wir uns alle – aus Rücksicht auf die Gesundheit unserer Mitbewerber –, das Rennen abzubrechen. Was wir wissen wollten, wissen wir. Der Rest wäre nur noch Makulatur.

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Immerhin wird der durchschnittlich trainierte
Elektroreporter am Berg nicht brutal abgehängt

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Fürs Foto lassen ihn die höflichen
MTB-Profis sogar kurz vor
Das Resümée? Erstens: Man kommt sehr wohl ins Schwitzen auf einem Elektrofahrrad. Es kommt nur auf die Geschwindigkeit an. Und auf die Gegner. Zweitens: Man kommt – als Laie – endlich überall hin, ohne ein Giro-d-’Italia-Profi sein zu müssen. Gerade hier in den Tiroler Bergen erweitert es das Spektrum an Strecken um ein vielfaches. Man kann, wenn man nicht gerade die zwei Cracks im Nacken hat, ganz entspannt und fein Radltouren auf die Berge unternehmen, ohne sich permanent zu verausgaben. Der Berg ist nicht mehr so steil. Früher hätte ich – ehrlich gesagt – einfach keine Lust gehabt, mich da irgendwo raufzuquälen. Nicht jeder ist ein gedopter Megasport-Super-Bike-Crack! Ein anderes Argument? Ich habe kürzlich bei mir in der Nähe zwei ältere Herrschaften mit E-Rädern getroffen. Die beiden sind in Innsbruck losgefahren und haben 40 Kilometer zurückgelegt. Das hätten die zwei nie getan – ohne E-Rad.

Außerdem ist das Flyer auch was für die Einsamen. Man hat immer das Gefühl, dass einen einer anschiebt. Man fährt irgendwie nicht alleine durchs Leben. Und das ist ein schönes Gefühl. Wie geht dieser blöde Spruch? „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin.“ So ist es auch mit braven Fahrrädern und bösen Elektrorädern. Und ich komm nun mal gern überall hin.


FLYER & FAKTEN

Es gibt größere und es gibt handlichere Ladestationen als das Flyer-Teil
Es gibt größere und
es gibt handlichere
Ladestationen als
das Flyer-Teil
Wie bereits erwähnt, war ich bei unserem Geschmackstest mit einem Flyer der S-Serie unterwegs. In der Österreich-Edition bieten die Schweizer das Gefährt um 2890 Euro an. Farbe Schwarz, 250 Watt Leistung, Akku 312 Wattstunden. Sonderfarben kosten extra, 300 statt 250 Watt auch! Jeweils 200 Euro. Die Farbe ist Geschmackssache, die 50 Mehr-Watt eine Frage des Egos (und in manchen Ländern eine Frage der Zulassungspflicht).

Die Reichweite hängt ganz von der Strecke und vom Fahrergewicht ab. Im Schnitt würde ich einmal von zirka 40 Kilometern Reichweite ausgehen, jedenfalls ist das meine Er„fahr“ung aus mehreren Wochen. Das hängt natürlich davon ab, ob man im Standard- oder im High-Mode unterwegs ist. Es gibt die einfache Formel: In den Bergen kommst du nicht so weit, im Flachen kommst du weiter – und zurück kommst du immer, du hast ja schließlich Pedale. Die Handhabung des Akkus ist kinderleicht. Das Teil lässt sich jederzeit laden (Teilladungen sind möglich), einfach Schlüssel in die Verriegelung, Akku entnehmen und in die Dockingstation geben. Die Ladestation ist leider ein wenig groß geraten. Wer zum Beispiel mit dem Flyer auf den Berg will und oben den Hüttenwirt um Strom bitten möchte, muss ein recht unhandliches Ding im Rucksack verstauen. Ersatz-Akkus kosten zwischen 400 und 700 Euro.

Und noch was muss man klar sagen: Ich bin jetzt doch schon einige Elektroräder gefahren, aber keines war so durchdacht und perfekt aufgebaut wie das Flyer. Der Schwerpunkt sitzt tief, der Panasonic-Motor oder der Akku schwächeln nie – wie ich es bei einigen anderen Rädern schon öfter erlebt habe – und die Verarbeitung des Flyer ist Oberliga. Wenn man was am Rad kritisieren will, dann das Design. Aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache. In meinen Augen könnte das Flyer ruhig eine Spur lässiger ausschauen. Mich verunsichert das gleich, wenn meinem Schwiegerpapa mein Fahrrad gefällt. Tja, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Elektrofahrräder erweitern den Horizont. Uli Brée wünscht eine gute Fahrt! Modell-Infos unter www.biketec.ch; www.petobike.com


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FINDE ICH GUT
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