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lesegeschichte: folge 1

EINE AMERIKANISCHE ROLLER-DYNASTIE – DIE FAMILIE KHATTER

Text: Andreas Amoser
Illustrationen: Oskar Kubinecz

AM ANFANG WAR DIE UNSCHULD

Sowohl der Fahrer des Honda-Hybridfahrzeugs als auch der Lenker des Mopeds wurden vorübergehend festgenommen; das Moped wurde beschlagnahmt. Frisierte Alternativantriebe sind der letzte Schrei zwischen San Francisco und San Diego



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zum Autor

ANDREAS AMOSER ist als „motomobil“-Korrespondent in Kalifornien – dem Pionierland bei alternativen, umweltfreund-lichen Antrieben – stets am Puls der neuesten Technologie. Umso mehr, als er von dunkler Vergangenheit geplagt wird: In seiner schwierigen Jugend fuhr Kollege Amoser die größten V8-Ungeheuer und die brüllendsten Zweiräder. Seine regelmäßigen Briefe aus Amerika dürfen wir als Zeichen tätiger Reue gelten lassen
Von den Medien weitgehend unbeachtet birgt der Tagesreport der Polizeistation
Lost Hills im unbescheidenen Malibu wahre Hochspannung. Tatort Las Virgenes Road, Fahrtrichtung Malibu Canyon. Eine Zivilstreife wird im dichten Verkehr von zwei geräuschlosen Fahrzeugen überholt. Die Cops schließen messerscharf, dass es sich um diese modernen Elektrofahrzeuge handeln muss. In der Funkzentrale sorgt die Meldung von Detective Morrow für hochgezogene Augenbrauen: „Blauer Honda, gelbes Moped, Hybrid, Mopedfahrer mit Handtuch am Kopf, hängen mit 90 Meilen pro Stunde auf der Sperrlinie herum, wir verfolgen, sehr starker Verkehr!"

Die Dame in der Zentrale bestätigt und meldet sich nach einigen Sekunden
mit der Rückfrage: „Bitte wiederholen Sie Angaben zu Mopedfahrer!" Morrow: „Mopedfahrer trägt Turban!" Zentrale: „Mopedfahrer ist Hybrid mit Turban?" Morrow: „Fahrzeuge Hybrids, Mopedfahrer vermuteter Muslim!" Zentrale: „Bestätige Muslim – besteht Gefahr terroristischer Aktivität?" Morrow: „Bis jetzt nur terroristische Fahrweise." Wenige Minuten später ist die Zentrale wieder am Mikrophon: „Straßensperre Piuma Road. Verfolgen Sie mit Abstand!"

Die Straßensperre führt zu gewaltigem Verkehrsstau
und entsprechendem Unmut unter den nicht sehr uniformbegeisterten Einheimischen. Nicht aber zur Ergreifung der terroristischen Hybriden. Die werden später durch Zufall am Mulholland Highway bei Hamburger und Cola gestellt. Mit gezogener Waffe und Gesicht am Boden. Officer Torres pirscht sich an den alten Honda Insight heran und wittert den Fall seines Lebens: „Da ist ja kein Beifahrersitz drin! Wo ist der Beifahrersitz?" bellt er in Richtung des Festgenommenen ohne Turban. Der – ob der rohen Behandlung recht verstimmt – kläfft zurück: „Da ist ja auch kein Beifahrer drin. Oder sehen Sie einen, Sir?" Torres benötigt einige Sekunden, um die Zusammenhänge zu verarbeiten, dann nickt er zustimmend mit dem Kopf.

Es folgt der Transport aufs Revier und die Feststellung der Indentitäten
samt Erinnerungsfotos: Ramjeet Singh Khatter und Jasminder Dahliwal, 25 und 26 Jahre alt, beide Studenten von Caltech, beide wohnhaft in Calabasas. Die gesammelten Werke der begangenen Verkehrsverstöße werden mit der Belehrung über einen Termin mit dem Richter ausgehändigt und die Beschuldigten entlassen. Das laut Verkehrsordnung auf 30 Meilen pro Stunde Höchstgeschwindigkeit beschränkte Moped bleibt in Polizeigewahrsam und wird noch für rauchende Köpfe unter den Polizeitechnikern sorgen.



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Die blecherne Abdeckung des kleinen Verbrennungsmotors am Beifahrerplatz
des Hondas ist als Sitzplatz tatsächlich nicht sehr bequem. Die Laune ist gedrückt, doch dem technischen Diskurs der beiden Studenten am California Institute of Technology tut dies keinen Abbruch. Es geht um Wechselrichter, Sinusausgänge, Phasenwandler, Semikonduktor-Doping, Nanoelektronik und um die Erzeugung und den Verkauf von hocheffizienten Elektroantrieben für Mopeds, Motorräder und Autos.

Davon kann man in Ramjeets Geburtsjahr 1984 nicht einmal träumen. Es war das Jahr, als die Unruhen nach dem Anschlag auf Indira Gandhi seinen Vater Bulwinder Singh Khatter – den Anzeigenleiter des renommierten „Indian Express" – dazu bewegten, mit seiner Frau Mumtaz nach Los Angeles zu übersiedeln,

1994. Als Zehnjähriger verfolgt Ramjeet bereits am selbstgebauten TV-Apparat die Verlegung amerikanischer Truppen in die Golfregion, während Bulwinders kleinformatige Gratisinseratzeitungen die ersten Dollarmillionen einspielen. Als strenggläubiger Sikh mit Turban, Dolch und festen Grundsätzen fällt es Bulwinder manchmal schwer, die liberale Luft der Engelstadt zu atmen. Am schlimmsten ist es mit der eigenen Familie: Seine Frau Mumtaz findet immer mehr Gefallen an westlicher Kleidung und Shopping Malls, die Kinder sind überhaupt außer Rand und Band. Was Bulwinder schier zur Verzweiflung treibt, sind die fruchtlosen Auseinandersetzungen mit Mumtaz über Erziehungsfragen. Wie eine Löwin verteidigt sie diese dekadente amerikanische Geisteshaltung ohne Disziplin und Ideale eines Sikh-Kriegers. Bulwinder rollt mit den Augen und zwirbelt seinen Schnurrbart, wenn er an die alten Zeiten denkt. „Das Weib ist mit dem Mann verheiratet und der Mann mit seinem Geschäft," sagt ein indisches Sprichwort. Letzte Woche meinte der Klassenvorstand seiner Tochter Gulwant, er möge doch gefälligst seinen Kindern mehr Zeit widmen und nicht 20 Stunden pro Tag in der Firma sitzen. Unerträglich, solche Dinge außerhalb der Familie zu diskutieren. Überhaupt wäre es Mumtaz Aufgabe gewesen, mit diesem Lehrerkerl zu sprechen. Aber sie musste ja zu ihrer Yoga-Tanzklasse. Und sicher nachher auf den Rodeo Drive.


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„Den zehn Gurus sei Dank für Hanspal, meinen ältesten Sohn," denkt der frustrierte Bulwinder. Der war gerade erst zwei Jahre alt, als sie Indien verließen. Trotzdem ist Hanspal in der Tradition eines gläubigen Sikh erzogen. Sein Naam Japo – Meditation mit Gesang – würde vor Guru Granth Sahib Anerkennung finden.

2004, wieder zehn Jahre später.
Kurz bevor Georg Bush die Präsidentschaftswahlen gegen John Kerry gewinnt, verkauft Bulwinder sein Netz von Lokalzeitungen um 65 Millionen Dollar. Inzwischen ist die Familie Kuattqr zu einem richtigen Clan angewachsen: Brüder, Schwieger, Neffen und sonstige Verwandschaftsgrade haben sich im feinen Calabasas in unmittelbarer Nachbarschaft von Bulwinders Anwesen niedergelassen. Man handelt in großem Rahmen mit Blumen, Fleisch und Alteisen. Bulwinder wacht als oberste Instanz über die Rechtmäßigkeit der Transaktionen. Sein unerschütterlicher Glaube in Karma und Hilfe für die Bedürftigen sorgen im Clan für regelmäßige heiße Diskussionen. Vor allem mit seinem Schwager Bakshish Singh Rattu, der als Verantwortlicher für das Tagesgeschäft in der Wahl seiner Mittel wenig zimperlich ist.  Im Zuge des Altmetallhandels bilden sich Kontakte zu indischen Fahrzeugherstellern und eines schönen Tages steht ein gelber Roller in der Einfahrt zu Bulwinders Haus. Elektrisch. Verständnislose Blicke rundherum, nur Gulwat quietscht vor Begeisterung.

Bulwinder erzählt von der Herkunft des Rollers:
„Es war an meinem 19. Geburtstag, ich steckte seit acht Monaten in Uniform. Bangladesh erhob sich gegen Pakistan, unsere Einheit wurde mitsamt den unerfahrenen Rekruten in Marsch gesetzt, um die Mukti Bahini, die Befreiungskämpfer, zu unterstützen. Noch vor Kontaktnahme gerieten wir in eine massive Säuberungsaktion der Pakistani und wir mussten uns unsichtbar machen. Dabei wurde ich von einer giftigen Wasserschlange in den Handrücken gebissen. Raghubir, damals unser Teamleader im Rang eines Master Daffadar, schleppte und zog mich zwei Kilometer durch den Mangrovensumpf bis zu einem Weg, von dem ich evakuiert werden konnte. Jahre danach verhalf ich ihm zu einem goldenem Job bei HML, (Anm.: Hindustan Motors Limited) und wir besiegelten unsere Freundschaft durch den Pag Vatauni, den Tausch der Turbans. Der alte Raghubir, Zeit seines Lebens wollte er Punjab nicht verlassen... Heute ist er Teilhaber an Inder Tool Industries und meint, mit so einem Gefährt lässt sich in den Vereinigten Staaten eine flotte Rupie verdienen! Vorausgesetzt, wir wollen uns damit herumschlagen ..."

Bakshish beäugt den Roller misstrauisch:
„Also ich weiß nicht, ich würde lieber Range Rovers verkaufen ..." Bei Hanspal ist ebenfalls keine große Begeisterung bemerkbar: „Warum etwas verkaufen, das Reparatur und Teile benötigt?" Bulwinders jüngerer Sohn Ramjeet, Energy-Science-and-Technology-Student an der Caltech, schleicht nachdenklich um den Roller herum und stellt fest: „Die Sache hat Potenzial!" Gulwat stimmt ihm überschwenglich zu und nervt die Umstehenden mit ihrem Geplauder.

Bulwinder beeilt sich, Planung und Verantwortlichkeiten für einen Import in größerem Rahmen
an Gulwat und Ramjeet zu delegieren. Er weiß, dass Gulwat nicht das hellste Licht in der Besenkammer ist und hofft, dass sie unter dem Genie von Ramjeet ein halbwegs erfüllendes Betätigungsfeld findet.  Allerdings weiß er noch nichts von den furchtbaren Prüfungen, die das Rollergeschäft für ihn und seine Familie bereithalten wird


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