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MOBILITÄTSKONTROLLE

FRANZ FARKAS FÄHRT DURCH CHINA UND WUNDERT SICH NICHT EINMAL

Text und Fotos:
Franz Farkas

VIEL UND NOCH VIEL MEHR

Wie bewegen sich 1,3 Milliarden Chinesen? Ein mikroskopisch kleiner Lokalaugenschein im Land, in dem alle gewohnten Maßstäbe versagen

Viel und noch viel mehr
Die große Preisfrage: Wieviele Personen befinden sich auf diesem Bild – vier oder fünf? Zur Slideshow

zum Autor

FRANZ FARKAS ist Urgestein der österreichischen Zwei-
radszene. Als Fachjournalist mit jahrzehntelanger Erfahrung ist er im Automobil- als auch im Zweiradgeschehen gleicher-
maßen sattelfest und hat in allen wichtigen deutsch-sprachigen Medien publiziert. Als gelernter Elektrotechniker beobachtet er die neue E-Mobilität mit besonderem Interesse
Der Transrapid ist eine Magnetschwebebahn, in der man die 30 Kilometer vom Flughafen nach Shanghai in knapp acht Minuten zurücklegt. Bis zu 430 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit sind ein Wort. Noch 2010 soll auch die Verbindung in die 1200 Kilometer entfernte Hauptstadt Peking stehen. Die Stelzen dafür sind schon fast fertig: Die Trasse durchschneidet zielstrebig die Landschaft, egal ob durch Dörfer, über Felder oder gar durch Häuser. Gegen Fortschritt zuwiderzuhandeln ist für die Anrainer nicht vorgesehen. Immerhin wird man dann in fünf Stunden in Peking sein, mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 260 Stundenkilometern.
Ich fahre erst einmal nur bis Shanghai und fühle mich – wie fast jeder Besucher – erdrückt. 20 Millionen Leute leben in diesem Moloch. Eine Smogwolke wabert über den Wolkenkratzern. Am Huangpu River, der ziemlich mittig das Konglomerat durchfließt, herrscht Schiffsverkehr, der den Stau auf der Wiener Südosttangente am Freitagnachmittag bei weitem übertrifft.
Dabei ist Shanghai eine vergleichsweise junge Stadt. Der Name bedeutet „Über dem Meer“ und bezeichnete einst ein Fischerdorf. Noch 1991 waren nur sechs Gebäude höher als 100 Meter, heute sind es mehr als viertausend. Dazwischen tobt der Verkehr.
Hauptträger sind Zweiräder, wobei das einst so dominierende Fahrrad fast gänzlich aus der Großstadt verschwunden ist. Es wurde durch das motorisierte Zweirad ersetzt, wobei eindeutig die Roller dominieren. In allen – meistens jedoch erbärmlichen – Zuständen sind sie im Weichbild der Stadt präsent. Auf Gehsteigen genauso wie in Hauseinfahrten und Garagen. Verkehrsüberprüfungen scheint es nicht zu geben, nur die Einschränkung, daß auf den Stadtautobahnen mit Rollern nicht gefahren werden darf. Große Motorräder gibt es kaum und wenn, dann sind sie gut vor Dieben, Neidern und Behörden versteckt. Nur eine kleine, wohlhabende Minderheit kann (und will) sich das leisten, wie die doch vorhandenen Bike Stores etwa von Ducati und Honda belegen.
Die große Preisfrage: Wieviele Personen befinden sich auf diesem Bild – vier oder fünf?
Die große Preisfrage: Wieviele Personen befinden sich auf
diesem Bild – vier oder fünf?

Der Chinese fährt Zweirad, weil er muß. Die Situation ist durchaus mit der des europäischen Wirtschaftswunders Anfang der 1950er-Jahre vergleichbar, als das Automobil finanziell kaum erschwinglich war. Dennoch gibt es in Shanghai genug Autos: Die neue Mittelschicht macht sich bemerkbar. Interessanterweise sieht man zumindest in den Städten wenige chinesische Autos, japanische oder koreanische Fahrzeuge dominieren das Bild. Auch deutsche Marken sind erkennbar vorhanden, Audi, BMW und Mercedes scheinen in China gute Geschäfte zu machen. VW stellt Taxis und Behördenfahrzeuge, ein Lizenzbau des bei uns seinerzeit nicht rasend beliebten Santana (können Sie sich noch an den kantigen Passat-Ableger erinnern?) ist in China offensichtlich sehr willkommen.
Detail am Rande: Wenn es nur irgendwie geht, will der Chinese ein fabriksneues Auto haben. Muß er sich jedoch einen Gebrauchten kaufen, dann wird zumindest das Lenkrad und der Schalthebelknauf schnellstens ersetzt! Die rege Nachbauindustrie Chinas bietet beides für alle erdenklichen Autotypen an, wenn auch im Lenkrad manchmal der Airbag nicht eingebaut wird. Das scheint niemand zu stören. Oft werden sogar komplette Autos nachgebaut, wie etwa der Smart und diverse koreanische Modelle.

Ein Rikscha-Konstrukteur produziert mitten im Verkehrsgetümmel
Ein Rikscha-Konstrukteur produziert mitten im Verkehrs-
getümmel
Morgen fährt er wieder … Ob ein paar Schraubenschlüssel dafür reichen?
Morgen fährt er wieder … Ob ein paar Schraubenschlüssel
dafür reichen?

Im Gegensatz zu fast allen Autos kommen die kleinen Zweiräder aus heimischer Produktion. Auch wenn sie japanischen oder europäischen Vorbildern bis ins Detail gleichen … 200 Motorradfabriken gibt es in der Volksrepublik. Die meisten besitzen gar nicht einmal eine eigene Designabteilung. In China ist der Nachbau keine Tat, mit der man sich schlechten Leumund einhandelt. Denn: Wer den Meister kopiert, der verehrt ihn! Zudem, so sagt man, sollten sich gerade die Japaner nicht darüber erregen. Sie hätten ja ebenfalls mit dem Nachbau von europäischen und amerikanischen Produkten ihre Industrie aufgebaut. Mittlerweile gibt es jedoch auch etliche eigenständige und recht praktische Kreationen, wie zum Beispiel Dreiräder in verschiedensten Ausführungen, von denen die traditionelle Rikscha immer mehr aus dem Straßenbild verdrängt wird.
Freilich hat Shanghai neben himmelhohen Häusern und dichtem Verkehr einiges mehr zu bieten. In der französischen und der englischen Konzession kann man die koloniale Vergangenheit der Stadt atmen, sich etwas über den Opiumkrieg erzählen lassen oder auch nur die reich geschmückten Fassaden bewundern. Am Bund der alten Kaimauer läßt es sich prächtig flanieren. Daneben liegen gleich die Slums, sie sind ohne Wasser und Strom, es gibt unübersehbare Armut in der Stadt.
Im Morgengrauen üben sich in den vielen Parks betagte Frauen und Männer im Tanz mit Fächer und Schwert. Absolutes Muß für den Shanghai-Besucher ist aber eine Hafenrundfahrt, vor allem bei Nacht – die Lichtspiele an den Hochhäusern sind einfach phänomenal.

Man beachte die interessante Verkabelung zwischen den Häuserzeilen
Man beachte die interessante Verkabelung zwischen den
Häuserzeilen

Mich zieht es jedoch hinaus ins Yangze Delta. Suzho ist mit nur 1,8 Millionen Einwohnern eine für chinesische Verhältnisse „kleine“ Stadt. Auf der Autobahn herrscht der übliche Krieg: Der Stärkere hat recht, und das sind vor allem die zahllosen Sattelschlepper. Im Stau wird ohne viel Aufhebens eine zusätzliche Spur am Pannenstreifen aufgemacht. Pannenhilfe ist ohnehin ein Fremdwort. Die Polizei akzeptiert das, die uniformierten Herren üben sich im gelegentlichen Winken.
Suzho ist das „Venedig des Ostens“. Eine Stadt im Wasser, die allerdings schon lange vor der Italienischen Lagunensiedlung existierte. Hier gibt es die berühmten Gärten: Sie wurden von ehemaligen Regierungsbeamten angelegt, die nach ihrer Pensionierung von Peking hierher kamen, um fern vom Kaiserhof zu sein. Der berühmteste ist der „Garten des bescheidenen Beamten“: Immerhin fünf Hektar ist er groß – wenn so die Zurückhaltung im alten China ausgesehen hat, dann war sie ein beträchtlicher Lebensstil.
In der „kleinen“ Stadt gibt es sehr wenige Autos, dafür umso mehr Zweiräder. Sofort fällt mir auf, daß sie überwiegend elektrisch betrieben werden. Auch diese Fahrzeuge sind offensichtlich schon länger in Betrieb. Oder sie altern schnell. Die überschaubare Reichweite von etwa 70 Kilometern wird durch allgegenwärtige „Ladestationen“ ausgeglichen: In jedem Hausflur, unter jedem Vordach stehen geschäftstüchtige, zumeist junge Leute, die die Batterien der E-Scooter wieder fit machen. Die Ladestationen, ihre Unterbringung und die Verkabelungen wirken abenteuerlich, erfüllen aber offensichtlich den Zweck.
Auch die Zubringerbusse zur weitläufigen Einkaufsmeile und die Feuerwehrwagen werden elektrisch angetrieben. Die Entwicklung der alternativen Antriebe wird nicht nur mit astronomischen Summen gefördert, diverse Verbote für benzinbetriebene Fahrzeuge – etwa in den Innenstädten – bewirken ein übriges. Die Regierung der Volksrepublik hat von der schlechten Sicht und der miserablen Luft in den städtischen Gebieten offenbar die Nase voll.

Ruhepause oder Businesstelefonat?
Ruhepause oder Businesstelefonat?

Als Tourist soll man sich in Städten wie Suzho hüten, etwa mit einem Roller individuell unterwegs zu sein. Nicht nur deswegen, weil man eigentlich eine „temporäre Fahrerlaubnis“ benötigt. Man kann kaum jemand nach dem Weg fragen, Englisch gehört nicht zu den verbreiteten Sprachen. Auch die Visitkarte des gesuchten Hotels hilft nur dann, wenn man jemand findet, der sie auch lesen kann. Selbst das Hotel mit chinesischen Worten zu erfragen ist ohne größere Sprachkenntnis unmöglich. Oft hat eine einzige Silbe, je nach Betonung, bis zu sieben Bedeutungen! Wer weiß, was man radebrechend von sich gibt, wenn man eigentlich nur ins Hotel will …
Der Schilderwald hat oft englische Beschriftung, ist aber nicht immer zielführend. So verbringe ich eine gute Stunde damit, die bestens beschilderte Autobahnauffahrt nach Hangzhou zu suchen. Bis sich mein Verdacht erhärtet, daß die Auffahrt umgebaut wurde und dass man darauf vergessen hat, die Schilder umzustellen. Ein freundlicher Motorradfahrer löst gegen Entgegennahme einiger kleiner Münzen das Problem, indem er mich schließlich auf den richtigen Weg führt.
Hangzhou hat etwa sechs Millionen Einwohner, besitzt in der Mitte einen See und ist die Hochzeitsstadt der Chinesen. Um den See gruppieren sich die Hochzeitspaare, die hier ein halbes Jahr vor der Feierlichkeit abgebildet werden – so lange benötigen die Fotografen für die auftragsgemäß zu vollziehenden Fotoretusche, die aus dem Paar zwei Hollywoodstars macht, die dann nicht einmal mehr von den eigenen Eltern erkannt werden. Verkehrsmäßig ist die Stadt eine Katastrophe, die angeblich zur Zeit der Kirschblüte endgültig eskaliert.
Nach ausgiebiger Teezeremonie will ich über Landstraßen zurück nach Shanghai. In den Dörfern ist das Zweirad oft das einzige Transportmittel. Ganze Familien, meist noch mit Gepäck, zwängen sich auf eine kleine Maschine. 200 Kubik Hubraum sind das höchste der Gefühle, mehr wird in China nur für die Behörden produziert. Der Zustand der Fahrzeuge wirkt eher bescheiden, doch das macht nichts – der Mechaniker sitzt ohnehin im nächsten Hauseingang.
Shanghai empfängt mich wieder mit Smog und schierer Größe. Das Abenteuer einer authentisch-chinesischen U-Bahnfahrt habe ich mir bis zum Schluß aufgehoben. Das Wort „Gedränge“ zu benutzen ist pure Untertreibung. Mir erscheint jetzt der Flughafen Schwechat, wo am Ende der Reise der nächste Mensch einen Meter neben mir steht, so einsam wie die Wüste Gobi

Praktische Dreiräder mit kleinen Benzinmotoren sind als Lastesel weit verbreitet
Praktische Dreiräder mit kleinen Benzinmotoren sind als
Lastesel weit verbreitet
Dieser Elektroroller hängt gerade an der Stromtankstelle. Außerdem führt er am Trittbrett einen üppigen Zusatz-Akku mit
Dieser Elektroroller hängt gerade an der Stromtankstelle. Außerdem führt er am Trittbrett einen üppigen Zusatz-Akku mit
Mehr als 4000 Gebäude in Shanghai sind über 100 Meter hoch
Mehr als 4000 Gebäude in Shanghai sind über 100 Meter hoch

MOTOMOBIL-TRIPTIPP 

Text
Täglich werden von Bewohnern und Angestellten gigantische Höhenunterschiede überwunden
Täglich werden von Bewohnern
und Angestellten gigantische
Höhenunterschiede überwunden

CHINESISCHE DIMENSIONEN
Die Voksrepublik China (früher „Rotchina“) ist mit einer Fläche von 9,5 Millionen Quadratkilometern ungefähr so groß wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 4500, die Ost-West-Ausdehnung 4200 Kilometer; die Landesgrenze ist mit 22.000 Kilometern die längste aller Staaten. 18 verschiedene Klimazonen und vielfältige Geographie sorgen für stark unterschiedliche Lebensbedingungen in den 22 Provinzen. In den 1950er-Jahren hatte die VR zirka eine halbe Milliarde Einwohner, die derzeitige Bevölkerungszahl wird auf 1,3 bis 1,4 Milliarden geschätzt.


STRASSENVERKEHR IN CHINA

Weil sich das Land im rasanten Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft befindet, nimmt die Bedeutung der Verkehrsentwicklung enorm zu. Vor der Jahrtausendwende gab es 7000 Autobahnkilometer, derzeit sind es zirka 60.000, pro Jahr kommen 5000 Kilometer neu dazu. Bis zum Jahr 2020 sollen alle Städte über 200.000 Einwohner ans Autobahnnetz. Weil in den nächsten 10 bis 15 Jahren durch verbesserte Infrastruktur etwa 400 Millionen Menschen den Aufstieg von niederen zu mittleren Einkommen schaffen können, werden für den Absatz von Automobilen gigantische Zuwächse erwartet. Doch bereits jetzt ersticken auch die modernsten innerstädtischen Schnellstraßen im Stau – der Rollerboom und die Verbreitung von kleinvolumigen Motorrädern werden weiter zunehmen. Die starke Verbreitung von Elektroscootern erklärt sich durch zahlreiche smogbedingte Fahrverbote für Verbrennungskraftfahrzeuge in städtischen Gebieten.

WER FÄHRT NACH CHINA?

WER FÄHRT NACH CHINA?

WER FÄHRT NACH CHINA?
Der österreichische Veranstalter/Reisebüro Optimundus ist Spezialist für Reiseerlebnisse, die über herkömmliches Pauschalangebot hinausgehen. Für das Reiseziel China gibt es private Rundreisen, die mit deutschsprechender örtlicher Reiseleitung täglich antretbar sind, zum Beispiel „Klassisches China mit Yanktze“ um € 1889,– (bei zwei teilnehmenden Personen, exklusive Fluganreise). Gruppenreisen mit einer Mindestteilnehmerzahl von acht  Personen findet man im aktuellen Katalog „Ni Hau“, zum Beispiel am 6. Oktober 2010 die „Klassische Chinarundreise“ inklusive aller Flüge und Halbpension ab € 1889,–. Weiters gibt’s im Bausteinsystem China mit Stadt, Strand, Transfers und Flugmöglichkeiten. Infos bei Optimundus, Wienerbergstraße 5, 1100 Wien, Tel.: 01/607 10 70; www.optimundus.at. Das Fremdenverkehrsamt der VR China für den deutschsprachigen Raum versorgt Reisende mit Infos und Broschüren, die Adresse ist Ilkenhansstraße 6, D 60433 Frankfurt, Tel.: 0049/69/520 135; www.china-tourism.de


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